Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1898 Nr. 20

Spalte:

535-539

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Blass, Fridericus

Titel/Untertitel:

Evangelium secundum Lucam sive Lucae ad Theophilum liber prior 1898

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

535

Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 20.

536

each Psalm' p. V. Leider kann Ref. dem Verf. hier meift
nicht beiftimmen. K. läfst fich bei feiner Würdigung der
Pf. oft von einer ganz unerhörten rabbinifchen Zahlen-
myftik leiten (man vergl. z. B. feine Bemerkungen zu
Pf. 8, 14, 19, 25, 119), ein Verfahren, das einft in der
Hengftenberg-Delitzfch'fchen Schule beliebt war, die aber
in Deutfchland — Gott fei Dank — längft abgewirth-
fchaftet hat. Seinen fachlichen Eintheilungen der einzelnen
Pfalmen kann der Vorwurf des Spintifirens und
Tüfteins nicht erfpart bleiben. Man vergl. z. B. feine
fpitzfindigen Dispofitionen der Pf 15- u. 26, beffer ift
z. B. Pf 13 od. 22 disponirt. Gröfsere Befonnenheit wäre
hier für die Fortfetzung des Werkes dringend anzurathen.
K. nimmt mit Recht Strophen in den Pfalmen an, fo
find z. B. feine Strophen bei Pf 2 u. 13 nicht zu bean-
ftanden. Ebenfo erfcheint Ref. die Annahme von dreigliedrigen
Verfen in Pf 15, von Vers 2—5, richtig —
Wellhau Ten fetzt in feiner Ausgabe der Pfalmen bei
Haupt pi2 bi>E1 falfch neben, ftatt unter D^n pbin Pf. 15,
2 und hat daher hier nur einen zweigliedrigen Vers. Wie
aber K. zu feinen Strophen gelangt, erfahren wir, wie
freilich bei den meiften Strophenanhängern im A. T.,
nicht. Es dünkt Ref., als ob K. kleinere logifch zufammen-
hängende Versgruppen mit Strophen identificirt; äufsere
Merkmale fcheinen nicht mafsgebend zu fein. Ob wir
in den Pfalmen ein Metrum haben, wird von K. nicht
erörtert, das ift doch aber für die Frage nach der poeti-
fchen Structur der Pfalmen mit von Belang. K. hat fich
eben für das Wesen der poetifchen Anlage der Pfalmen
noch keine Klarheit verfchafft!

Dem überlieferten Pfalmentexte fteht K. oft zu ver-
trauensfelig gegenüber. So empfindet er keine gramma-
tifchen Gewiffensbiffe, den corrumpirten texlus receptus
von Pf. 22, 29—31 zu überfetzen! K. verfpricht fpäter
eine richtige Ausfprache des Tetragramms Hilf zu geben,
da ihn die jetzt übliche Jahwe' nicht befriedigt p. VIII.
Da er Seite 155 fertig bringt, einen inneren Zufammen-
hang zwifchen dem Pfalmengefangsmeifter tytpx und der
Obfternte SpCJ* herzuftellen, ift Ref. etwas skepVifch gegen
die zu erwartenden neuen Offenbarungen K's — vielleicht
zügelt Verf. inzwifchen feine Phantafie etwas, Nüchternheit
' fagt man in Deutfchland, fei das Kennzeichen des
Engländers! Das Werk ift mit dem Pathos des gefalb-
ten Kanzelredners gefchrieben, ohne dafs die fromme
Phrafe die fachliche Darfteilung übertönt. Ref. sieht
mit Intereffe dem Erfcheinen der weiteren Theile des
Buches entgegen und wünfcht nur, dafs auch in Deutfchland
fich gefchickte Federn fänden, Geiftlichen und Laien
die Ergebnifse der modernen altteftamentlichen Exegese
und Religionsgefchichte in populärer Form darzuftellen.

Halle a/S. Georg Beer.

Blass, Fridericus, Euangelium secundum Lucam sive Lucae
ad Theophilum liber prior. Secundum formam quae
videtur romanam edidit B. Lipsiae, in aedibus B. G.
Tcubneri, 1897. (LXXXIV, 120 S. 8.) M. 4.—

Was vorliegt ift das Seitenftück zu der kleineren
Ausgabe der Apoftelgefchichte (vgl. Theol. Litztg. 1897,
Nr. 13, S. 3Sof), zu welcher Praefatio (S. XXI—XXXV)
und Addenda (S. 116—119) eine nicht geringe Menge
von Nachträgen und Berichtigungen bringen. Jene betreffen
zumeift die Inftanzen, welche" Corffen, v. Dobfchutz,
Feine, Schindler gegen das ganze Unternehmen einer
Scheidung des a und ß Textes geltend gemacht haben.
Aber auch fachlich Neues erfahren wir, von vielen kleinen
Zufätzen und Correcturen abgefehen, über die Apoftelgefchichte
; zumal dies, dafs ein Archetypus anzunehmen
und fowohl von a als von ß zu unterfcheiden fei (S. Vf.
XXVI, XXXIV f.). Die Unterfcheidung von Kladde und
Reinfchrift ift dagegen hier ganz verfchwunden. In feiner
1898 erfchienenen Schrift ,P/ulology of tlic gospels', darin

j Bl. feine fämmtlichen Entdeckungen dem englifchen
Publicum vorträgt, und zwar nicht ohne mifsachtende
Seitenblicke auf die deutfche Theologie, ift nur noch
von verfchiedenen, vom Autor felbft gefertigten, Copien
die Rede (S. 100 f. I26f.). Auf das Merkwürdigfte freilich

find wir fchon früher (,Neue kirchliche Zeitfchrift' 1895,
S. 720t.) vorbereitet worden, dafs es fich nämlich mit
den beiden Textformen im Evangelium gerade umgekehrt
verhält, als in der Apoftelgefchichte. Während hier die
ausführlichere römifche Form der kürzeren antiochenifchen
vorherging, geht dort die antiochenifche der römifchen

i voran und ftellt diefe den gekürzten, jene den erweiterten
Text dar. Die Abfaffungsverhältnifse beider Werke
geftalten fich jetzt fo, dafs Lucas fein Evangelium zuerft
54—56 in Jerufalem, wo er fich als Begleiter des Paulus
aufhielt, dann 57—59 auch in Rom, wohin er mit Paulus
gekommen war, herausgegeben, dafelbft dann, nachdem
ihm die aramäifche Quelle für Apg. 1 —12 (Neftle's Fund)
zur Hand gekommen war, fofort auch die Apoftelgefchichte
(am Schluffe des Bienniums 18,30), und zwar
gleichfalls in der Form ß, verfafst hat, welcher er dann

; die Form « noch folgen Hess. In ihrer römifchen Ge-
ftalt ftellen beide Bücher geradezu ein opus bipertitum
dar, in welchem daher Luc. 24,51 die Worte xal dvecptgsro

j dg xov ovgavbv im Vorblick auf Act. 1,9. 10 wegfielen.
Da fich Bl. {Plalology 143) auf die Zuftimmung von Gräfe
beruft, mag hier bemerkt werden, dafs letzterer bei
allerdings ähnlicher Unterfcheidung der Textformen doch
umgekehrt wahrfcheinlich findet, es feien, wie die andern

j Erweiterungen, fo auch die angeführten Worte erft in

j die zweite Ausgabe des Evangeliums aufgenommen
worden (Theol. Studien und Kritiken 1898, S. 136 f.) Was
aber die abfolut unmögliche Datirung des dritten Evangeliums
anlangt, fo glaubtBl.die faft allfeitig zugeftandene Un-

J denkbarkeit einer Abfaffung von Luc. 19, 43, 44. 21, 20, 24

! vor der Zerftörung Jerufalems (fo doch auch der von Bl.

I S. IX. gegen die Pofition der Kritik angerufene Harnack,
Chronologie I, S. 248) mit der Verweifung auf Savonarola

i entkräftet zu haben, welcher den Sacco di Roma 1527
fchon 1496 vorausgefagt habe, was doch viel fchwerer
gewefen fein müffe, da Chrillus zwar das römifche Heer,
nicht aber Savonarola die lutherifchen Soldaten in Sicht

gehabt habe (S. VIII). Der Fund ift fo bedeutend, dafs
ihn Bl. wiederholt, fowohl vorher (Neue kirchliche Zeitfchrift
1896, S. 964t.) wie nachher {Pliilology S. 39h), zur
Ausftellung gebracht hat. Freilich find die Savonarola-
Parallelen einigermafsen gefährlich (vgl. Troeltfch im
,Theologifchen Jahresbericht' 1896, S. 536 mit Bezug auf
das auch von Bl. angerufene Werk Villari's). Warum aber
haben denn Marcus und Matthäus die Ereignifse des

Jahres 70 nicht ebenfo unmifsverftändlich wie Lucas vorher
gefagt? Die Antwort ift charakterifiifch. ,ATonpoterant
hi Iudaei, etsi tarn Christi'am facti crant, quasi apertis

oculis intueri quae vaticiniis Iiis funestissimis monstra-
bantur; non poterant eonim sive auctoris eorum communis
auditores sive lectores et ipsi ludaei, quoruni dolori utique

parcendum fuit' (S. IX.). Dasfelbe Motiv liegt fogar den
Differenzen der beiden Ausgaben des Lucas überhaupt
zu Grunde, da diefer Schriftlteller wohl in Rom feinem

' Evangelium faliapotissimum, quae in Palaestina Syriaque

propter offensionem Judaeorum melius visum esset reticere1
hinzugefügt haben foll (S. LXXIX). So den bekannten
Zufatz in 6,5 und die Erzählung von der Ehebrecherin,
die aber zugleich als Paradigma dafür gelten kann, wie
etwas eingehendere Bekanntfchaft mit der theologifchen
Arbeit dem Unternehmen nur zu Gute hätte kommen
können. Die Vorgefchichte zu den S. XLVI—L mitge-
theilten Entdeckungen fteht nämlich bei Hitzig, Johannes
Marcus, S. 219k, bei dem Unterzeichneten, Synoptifche
Evangelien, S. 92 f. und bei Wittichen, Jahrbücher für
proteftantifche Theologie 1881, S. 367 h Daraus wäre
nicht blos zu erfehen gewefen, dafs die ganz unleugbaren
Berührungen mit lucanifchem Stil, welche Bl. S. XLVII