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Ausgabe:

1898

Spalte:

498-499

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lhotzky, Heinrich

Titel/Untertitel:

Leben und Wahrheit 1898

Rezensent:

Hans, Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. t8.

498

kann. Er denkt immer nur an den erbaulichen Zweck
und will diefem Alles angepafst wiffen. Aber es giebt
auch folche in der Gemeinde, die lieh ein klares Bild von
dem Inhalt der Bibel auf Grund der wiffenfehaftlichen
Forfchungen machen wollen, und es ift nicht recht ab-
zufehen, warum man nicht auch diefem Bedürfnifs entgegenkommen
follte.

Von den beiden übrigen Stücken des I. Heftes ift
das eine ein erbaulicher Vortrag, für den der Titel .Gegenwart
und Zukunft im Licht altteftamentlicher Prophetenworte
' etwas hoch gegriffen ift; das andere, mit dem Titel
.Das Alte Teftament im chriftlichen Religionsunterricht',
zeigt nicht etwa, wie das Alte Teftament im chriftlichen
Religionsunterricht zu behandeln fei, fondern polemifirt
nur gegen die Abficht, es aus demfelben zu verdrängen
und führt diefelbe auf antifemitifche Beweggründe zurück.
Eine eingeflochtene Polemik gegen die Einführung einer
Schulbibel kämpft zum Theil mit fehr fchwachen Gründen.

Der Inhalt des II. Heftes ift faft ausfchliefslich polemi-
fcher Natur. In den 4 Abhandlungen ,Chriftus und der
Glaube', ,Die hl. Schrift und der Glaube', ,Die Erlöfung
im Sinne Jefu und feiner Apoftel', ,Für das Apoftolikum'
wird mit grofsem Eifer die moderne, befonders die
Ritfchl'fche Theologie bekämpft. Der Verf. fcheint ein
Mann mit gutem Herzen zu fein, aber mit einer fehr
trüben theologifchen Brille. Er fagt im Vorwort: ,Gott
gebe, dafs, die als Gegner der kirchlichen Zeit- und Streitfragen
fich gegenüberftehen, immer mehr einander achten
und die Hand reichen lernen, dafs die Einen von den
Andern annehmen und aufnehmen, und die Herzen in
der Liebe Chrifti einander näher kommen!' Er nennt
die neueren Theologen .unfere chriftlichen Brüder im
anderen Lager'; er wirft ihnen nicht gerade Unglauben
vor fondern nur Mifsglauben, er rechnet fie denen zu,
welche mit Glauben, wenn auch mit andersartigem,
mangelhaftem, falfchem Glauben an die Schrift herantreten
. Aber eine gewiffe Verwandtfchaft ihrer Anfchau-
ung mit Renan läfst fich doch nicht leugnen. Er vermag
fo wenig den Sinn der gegnerifchen Auffaffungen zu verliehen
und ihnen gerecht zu werden, dafs er die Erklärung
vom Zuftandekommen des Glaubens, es handle fich dabei
nur um einen fchlichten einfältigen Vorgang im Gemüth,
welchen der Eindruck der Perfönlichkeit Jefu Chrifti hervorruft
', als ,blaffe Sentimentalität' bezeichnet. Dabei
liebt er es, die Meinungen der Gegner in Anführungszeichen
zu fetzen, ohne ein Citat zu geben. Offenbar rührt die
Formulirung meift von ihm felbft her. Natürlich ift es
dann nicht fchwer, den Angegriffenen, dem man felbft
die anzugreifende Pofition angewiefen, fiegreich zu überwinden
.

Wie wenig klar der Verf. in feinen eigenen Auf-
ftellungen ift, dafür will ich nur anführen, was er über
die Infpiration fagt. Er giebt zu, die altorthodoxe In-
fpirationslehre aufgegeben zu haben, aber er will doch
nicht diefelbe Stellung zu der Schrift einnehmen, wie die
neueren Theologen. ,Weil Chriftus im Neuen Teftament
offenbar wird und jegliches Wort des Neuen Teftaments
uns Chriftum mehr oder weniger deutlich vor Augen
Hellt, . . . und weil Chriftus nicht anders uns vorgeftellt
wird, als durch den heiligen Geift, . . . darum ift das unfer
Glaube oder unfre Lehre, wie man will: die hl. Schrift
Alten und Neuen Teftaments ift ein Werk des hl. Geiftes,
ift infpiriert.' Trotz vieler Mängel und Unvollkommen-
heiten enthalte die Schrift ,das volle, klare, ausreichende
Zeugnifs von Jefu Chrifto'. ,In diefem Sinn halten
wir im Glauben d. i. foviele an Chriftum als ihren
Herrn gläubig find, die Infpiration aufrecht und behaupten
fie auch ferner, nachdem wir fie im Sinn und Geift ihrer
Urheber mit unferen heiligen, auch von Gott gefchenkten
Erkenntnifsmitteln fortgebildet haben'. In der That fteht
damit der Verf. den böfen ,Modernen' wefentlich näher
als den alten Dogmatikern der lutherifchen Kirche, feinen
.Vätern und Lehrern', und was er als Infpiration aufrecht

j erhält und lehrt, ift nicht eine Fortbildung, fondern eine
vollftändige Umbildung des von den letzteren gebildeten
Begriffs. Ständen wir in einem anderen Lager, fo würden
wir ihn der ,Palfchmünzerei' befchuldigen, und er würde
nichts Befferes darauf antworten können, als die von ihm
bekämpften Gegner feinen eigenen Anfchuldigungen gegen-

I über.

Augsburg. J. Hans.

Lhotzky, Dr. Heinrich, Leben und Wahrheit. Realiftifche
Gedanken aus der Bibel. Leipzig, J. C. Hinrichs'fche
Buchhdlg., 1897. (III, 280 S. 8.) M. 3.—

Das vorliegende Buch enthält fünf Auffätze über
folgende Themata: ,Biblifche Gedanken über das Effen',
, ,Die Grenzen von Theologie und Wiffenfchaft', .DasWachs-
! tum des Wortes', .Freiheit und Glaube in der evange-
lifchen Kirche und ihre Beziehung zur religiöfen Gleich-
j giltigkeit', ,Was ift Wahrheit?' Bei den vier letztgenannten
I ift der Zeitpunkt ihrer Entftehung angegeben; ob fie aber
bisher in der Mappe des Verfaffers ruhten oder irgendwie
fchon einmal das Licht der Welt erblickten, etwa
als mündlich gehaltene Vorträge, wird nicht gefagt.
.Realiftifche Gedanken aus der Bibel' nennt der Verfaffer
feine Ausführungen. Als ,realiftifch' glaubt er feinen
ganzen Standpunkt wohl um deswillen bezeichnen zu
können, weil ihm das ,Erleben' über das .Begreifen' geht,
weil er im Gegenfatz zu einer blofs intellectualiftifchen
Stellung zum Chriftenthum die Aneignung feiner Lebens-
| kräfte mit der ganzen Perfönlichkeit fordert, und weil
| ihm nicht nur die Ideen der Bibel, fondern auch die wunderbaren
Thatfachen, die fie berichtet, als volle Wahrheit
gelten. Zwar ift er kein Orthodoxer im gewöhnlichen
Sinne des Wortes, es liegt ihm nicht viel an einer correcten
| Dogmatik, er findet es fonderbar, dafs man auf pofitiver
Seite fo erbittert für das Apoftolicum gekämpft habe,
I er fagt: ,Das Apoftolikum hat als folches mit dem Reiche
| Gottes gar nichts zu fchaffen', aber die in der Bibel be-
j richteten Ereignifse nimmt er durchweg als Thatfachen,
j fo ftark fie auch von dem gewöhnlichen Naturverlauf
abweichen mögen, und als thatfächlich gilt ihm auch
was in der Vorftellungswelt der biblifchen Schriftfteller
als Wirklichkeit lebt. Er conftatirt, ,dafs alles ungött-
| liehe Wefen eine Vertretung bis in den Himmel hinein
hat'.und beruft fich dafür nicht blofs auf Hiob 1,6, Sach. 3, 1
und 1. Kön. 22, irjff., fondern auch auf Luc. 10, 18,
Job. 12, 31 und Phil. 2, 10. Er nimmt an, dafs die Erlöfung
der Menfchen aus dem Stande der Gebundenheit,
in dem fie fich von Natur befinden .Vorgänge im Unheilbaren
' vorausfetzt, mit a. W.eine Ueberwindung des Satans.
Er fieht diefen herrfchen in einem Reiche der Fmfternifs,
,einem Gegenreiche gegen das Reich Gottes mit eben-
folcher Gliederung, wie eine monarchifchel lerrfchaft'. Und
er will nur aus der Satanologie kein chriftliches Lehrftück
gemacht haben, weil das Verftändnifs dafür bei dergrofsen
Menge fehle, und weil diefe Dinge nicht durch Erklärungen,
fondern nur durch gleichartiges Flrleben deutlich werden.
Einen gewiffen biblifchen Realismus wird man alfo allerdings
dem Verfaffer nicht abfprechen können. Ob aber feine
Gedanken wirklich lediglich .Gedanken aus der Bibel' find,
möchte ich doch bezweifeln. Ich will nicht fagen, dafs
es ihm darum zu thun ift, geiftreich zu erfcheinen. Seine
Ausführungen zeigen vollen fachlichen Ernft und machen
den Eindruck, dafs es im der That fein Ziel ift, .Leben
und Wahrheit' zu pflanzen und zu fördern. Aber er hat
doch eine grofse Neigung, merkwürdige Beziehungen auf-
I zufinden, und nicht immer legt er aus, er legt auch
j ein. Wenn er z. B. findet, dafs die Gefchichte der Menfch-
heit zugleich die Gefchichte des Effens ift, weshalb ,wir
! an jeder feierlichen Wendung derfelben zugleich vom
j Effen vernehmen', wenn er dies im Einzelnen nachweift
' und es nicht zufällig findet, dafs, als fich die alttefta-