Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1898 Nr. 17

Spalte:

465-467

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pufendorf, Samuel

Titel/Untertitel:

Pufendorfs Briefe an Christian Thomasius (1687-1693) 1898

Rezensent:

Eck, Samuel

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

465

Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 17.

466

die für die zweiten Auflage ganz neu gefchaffen ift,behandelt Papftthum fich tiet in das Bewuftfein der nostrates sacer-

die Ueberlieferung der Briefe, die Perfönlichkeit und ! dotes eingeniftet hat. Darum eröffnet das Naturrecht den

Aufgabe Aleander's, den Kaifer und feine Räthe und ihre Kampf gegen die Orthodoxie auf ihrer ganzen Linie.

Stellung zur lutherifchen Frage. Wichtig find nament- Wieder wie einft in Humaniftenkreifen — der gute

lieh die Ausführungen über den Geheimen Rath und den , Ortuinus Gratus foll den Reigen führen S. 23 — giefst

Deutfchen Hofrath, über die der Verfaffer noch ausführ- fich der Spott über die Dunkelmänner aus. Und wieder

licher zu handeln beabfichtigt. In der Einleitung zu der , wie in guten alten Wittenberger Tagen, ausdrücklich mit

zweiten Schrift charakterifirt der Verfaffer die in Worms Citaten aus ,den neuen Altenburgifchen Teutfchen Tomis

anwefenden fremden Gefandten und legt ihre Stellung zur wird der Kampf gegen Ariftoteles und feine Favoriten

Reformation dar. Mit dem harten Urtheil, das der Ver- geführt. (S. 5. 74.) Denn ,ohne Zweifel ift des Epicur

faffer über Karl V. fällt, kann ich mich nicht einverftanden Etkica beffer als des Ariftoteles feine'. Aber man mufs

erklären; ich glaube nicht, dafs man ihn 1521 einen fürchten ,Bileams Pferd werde auf alle Cantzelen fteigen

.apathifc'hen Knaben' nennen darf. j und predigen, wenn man was gutes von Epicuro fagte' (23).

Adolf WroHe Aber in einer glänzenden Ausführung (Hift. Zt. 70, 31 f.)
Güttingen. _Adoll Wrede. bewejft Pufendorf- dafs b ihm da| Naturrecnt d(Dch

nicht durchaus Herr über den Hiftoriker geworden ift.
Pufendorf's, Samuel, Briefe an Christian Thomasius (1687 Er weifs, dafs Ariftoteles bez. auch Plato's Ethik von
—1693). Hrsg. u. erklärt v. Emil Gigas. [Hiftorifche , ihrer Politik abhängig ift, dafs fie nur auf ,gewiffe art

Bibliothek. 2. Bd.] München 1897, R. Oldenbourg. ^J'gfj?1"* Pafst ,So ift auCJ fdas ?u""num Bottum
.j r v, ivr Artstot che 11 »1 nichts anderes, als dafs ein burger der in

(87 S. gr. 8.). Geb. M. 2.- vita perfect(t} das ift

in einer Graeca bene conftituirten

Im Jahre 1875 führte Treitfchke im Eingang seiner demoeratia lebet, allen obbefagten offieiis ein genüge
fchönen Auffätze über Pufendorf (Preufs. Jbb. 35. 36) 1 thut, und von keinem höhern fine weis er'. Mit einer
darüber Klage, dafs von der Correfpondenz des be- j näheren Ausführung diefer Gedanken in einem practat
rühmten Mannes kaum nennenswerthe Refte erhalten de Politica Graecanica' hat er fich lange getragen und
feien. Seitdem haben fich diefe bedeutend vermehrt, j zwar ausdrücklich, ,weil man gleichfehr Ariftotelem für
1893' gab K. Varrentrapp im B. 70 der Hift. Zeitfchr. ein grofs ingenium mufs paffiren laffen.'
27 Briefe Puf.'s heraus, die fich zerftreut in Berlin, Caffel, Der Hiftoriker auch ift es, der Thomafius treffende

Gotha, Hannover, Leipzig, Stockholm, Wien fanden. Rathfchläge für den Betrieb der Kirchengefchichte zu
Durch'die Perfon des Adreffaten wie durch ihren Inhalt geben weifs (S. 36—37). Einmal warnt der Bahnbre-
von befonderem kirchengefchichtlichen Intereffe find , eher der archivalifchen Gefchichtsforfchung (Treitfchke
darunter diejenigen an Thomafius (4 nebft einem nur 36,81) davor, fich bei den vetcres auetores historiae Ecclc-
fragmentarifch mitgetheilten), Rechenberg (5 und Bruch- | siasticae zu beruhigen, treibt vielmehr an, acta Concilioruni
ftücke weiterer), Pregitzer (2) Landgraf Ernft v. Heffen- et scripta Patruin zu durchlaufen. Sodann, und das
Rheinfels (4), Leibniz (2). Nur die Briefe an Pregitzer j klingt wie eine Anweifung für Gottfried Arnold, will
und Leibniz (und Joh. Friedr. v. Seilern) find lateinifch, j er fich nicht damit zufrieden geben, ,wie in jeden secutis
alle übrigen deutfeh gefchrieben (vgl. dazu Treitfchke j die geiftliche lehre fich verhalten und wie man immer
36, 75. 92). Auch Hammen fie, mit Ausnahme der vier mehr und mehr hinzugeflicket und mit Pfaffendant die wahr-
erften, aus Puf.'s letzten Lebensjahren 1686—93 (fOct. 94). heit verdunkelt,' fondern will weiter auf ,propagationcvi
Eben für diefe Jahre bietet nun Gigas weiteres Material: 1 religionis, administrationein Ecclesiae originem progressvm
34 Briefe an Thomafius, die fich in Kopenhagen in einem et interitum heresium, concilioruin originem et proo-ressuin
Packet der Thott'fchen Ms.-Sammlung der Königlichen hierarcläae und dergl.' fehen. Die gehäuften Schwierig-
Bibliothek fanden, zufammen mit fonftigen Briefen an keiten gerade der kirchengefchichtlichen Forfchung find
Thomafius von Breithaupt, Francke, Rechenberg, Stryck ihm dabei freilich gegenwärtig. Denn es ift ,faft keinem
u. a. Wie Varrentrapp hat auch Gigas in zahlreichen Neuen zu trauen, denn ein jeder will alles nach dem
Anmerkungen alles Wiffenswerthe zum Verftändnifs der ! intereffe und meinung- feiner fecte thun' .Sonderlich die
Briefe beigefügt. Vielfach konnte er fich einfach auf Papillen' kommen dabei übel weg .und were ein neuer

feinen Vorgänger beziehen, wie fich denn die Briefe felbft
wiederholt gegenfeitig ergänzen.

Pufendorf's Name ift für uns in erfter Linie mit den
Urfprüngen des Naturrechts, fpeciell den kirchenrecht

Hercules von nöthen, der diefes Augiae stabulum aus-
fegete.' Vgl. über Maimburg, Varillas, Pallavicini, Boffuet,
Hift. Zt. 70, 48, 194 t. Auch fonft wiederholt begegnet
man dem befonnen abwägenden Urtheil des Hiftorikers.

liehen Confequenzen defselben verknüpft. ,Ecclesia inest , Es ift darum fehr begreiflich, dafs er bei aller Freude an
civitati per ntodum collegii, welches eine haupt-tliesis ift. ! jedem kräftigen Nafenftieber, den die Orthodoxen erhalten,
Aufserdem was in corpore iuris de collcgiis flehet, fo ! wiederholt befänftigend auf Thomafius einwirkt. Denn
hat Hobbes in feinem Leviathan eine gute observationein abgefehen von dem Unterfchied der Jahre und dem
davon. Man kan es auch wohl illuftriren mit dem Mangel an eigentlich fchöpferifcher Productivität fehlte
gleichnifs von der Oftindifchen Compagnie in Holland, diefem der Fond an gefchichtlicher Bildung der bei
die im ftaat ift und kan doch der ftaat darüber per Pufendorf Doctrin und Stimmung immer wieder zügelte.
lubitum nicht disponiren ... die freiheit aber der Kirche , Ueberrafchend wenig oder doch fpät erft ift in diefen
hat ein höher princtßiltm1 (S. 66 f.). Das ift ja nun ; Briefen vom Pietismus die Rede. Wiewohl in Leipzig
wohl der Weg, der zum Territorialismus führt. Indem Thomafius (Pufendorf) und Francke diefelben Gegner
wir aber die Doctrin ausfchliefslich nach diefem ihrem hatten: Alberti, den R.E.3 mit ehrenrühriger Kürze&be-
Zielpunkt beurtheilen, überfehen wir leicht die gefchicht- , handelt, Carpzov, Pfeiffer, den Hamburger Mayer; wiewohl
liehen Ausgangspunkte derfelben. Die Briefe zeigen mit die Jahre, aus denen die Briefe flammen, für beide von
aller möglichen Deutlichkeit, wie das römifche Recht und entfeheidender Bedeutung find (Thomafius verliefs Leipzig
das politifche Papftthum die Gegenfätze find gegen die j 1690, Francke 1689), gefchieht weder des collcgium
fich diefelbe wendet. ,Nostratcs bete sacerdotes mussitant. philobiblicum noch des von Thomafius für Francke ab-
apud quos inolita est ista senteutia, ordini sacerdotum gegebenen Gutachtens noch der Vertreibung des letzteren
divinitus aliquid jurisdictionis collatum a potestate summt j aus Leipzig und Erfurt Erwähnung. Spener wird zwar
imperii civilis haut dependens. Quae quomodo admitti fchon 31. 8. 87 genannt (an Rechenberg. Hift. Zt. 70,24),
possit, si quis radiätus domiuatum pontificis convellere lebhafteres Intereffe wendet fich ihm aber, foviel' ich
instituat, ego non video. (Hift. Zt. 79, 21.) Freilich zeigt fehe, erft feit der Ueberfiedelung nach Berlin bez.
diefer Zusammenhang zugleich, dafs dies politifche den Verhandlungen darüber zu (eb. 202 an Rech.