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Ausgabe:

1898 Nr. 17

Spalte:

462-463

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goussen, Heinrich

Titel/Untertitel:

Martyrius-Sahdona‘s Leben und Werke 1898

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 17.

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amten (ich der jüdifchen Anklage gegenüber für incompetent
erklären, weil es fich dabei nur um innerjüdifche Religions-
ftreitigkeiten handle. Damitzu verbindeniftaber die bekannte
Grundtendenz aller paulinifchen Vertheidigungsreden, feiern
fie in dem Nachweife gipfelt, ,dafs hier das wahre
Judenthum vorliegt' (S. 52), daher Paulus zum gefetzestreuen
Juden geftempelt wird (S.58). Gleichwohl will der Apoftel-
gefchichtfehreiber nicht fowohl die perfönliche Gefchichte
des Paulus, die er ja thatfächlich nicht zu Ende führt
(S. 54), als vielmehr den Siegesgang des Evangeliums
von Jerufalem über Samaria bis Rom (S. 56) darfteilen,
welchen die Juden felbft, als die Todfeinde, trotz aller aufgebotenen
Mittel der Gewalt und Verleumdung nicht aufhalten
können, vielmehr eben dadurch herbeiführen helfen,
dafs fie felbft das dargebotene Heil auf jeder Station
feiner Darbietung confequent ablehnen. Nun gehört es
aber zu dem Begriff des auserwählten Volkes, dafs fich
an ihm die Wahrheit der göttlichen Verheifsung erweift.
Folglich find die Juden mit ihrer Meffiasfeindfchaft gleich-
fam aus der Rolle gefallen, und die meffiasgläubigen
Heiden nehmen eine leere Stelle, treten aber eben damit
auch in die Rechte derjenigen ein, welche fich des ihnen zugedacht
gewefenen Vortheils felbft beraubt haben (S. 26.57).
.Wenigftens follte kein römifcher Beamter den jüdifchen
Denunciationen feinen Arm leihen, fondern der Staat
follte der neuen Religion den Schutz der alten angedeihen
laffen, an deren Stelle fie getreten UV (S. 59). Mit diefer
Tendenz rückt aber die Apoftelgefchichte fachlich den
Schriften und Gefichtspunkten der Apologeten näher als
der paulinifchen Literatur (S. 60). Sie ift ,eine Apologie
der chriftlichen Religion vor Heiden gegen die Anklage
der Juden, welche zeigt, wie es gekommen ift, dafs das
Judenthum durch das Chriftenthum in feiner Weltmiffion
abcrelöft ift' (S. 56). Aber die Art, wie diefes Thema
durchgeführt wird, zeigt doch, dafs der Verf. meiftens
durch einen ihm vorliegenden Stoff gebunden ift, daher
feine Abfichten oft nicht rein heraustreten (S. 9 f. 14. 16 f.
19 f. 23 f.). Von da aus fleht fich vorliegende Unter-
fuchung genöthigr, auch der Quellenfrage näher zu treten;
zumal der Bearbeitung, welche der Wir-Quelle zu Theil
geworden ift, wird von S. 30 an eine tief dringende Unter-
fuchung gewidmet, deren Refultate freilich auch derjenige
vielfach anders wird beurtheilen können, der, wie Unterzeichneter
der Methode und dem Hauptergebnifs diefer
erfreulichen Abhandlung völlig beizupflichten in der
Lage ift.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Bevan, Anthony Ashley, M. A., The Hymn of the Soul,

contained in the Syriac acts of St. Thomas. Re-edited
with an english translation by B. (Texts and Studies.
Edited by J. A. Robinfon. Vol. V. No. 3.) Cambridge
, University Press, 1898. (VII, 40 S. gr. 8.)

sh. 2.—

Das vorliegende kleine Heft der Cambridger Texte
und Unterfuchungen gewinnt einen Deutfchen und
Schwaben fchon dadurch, dafs ihm der erfte Vers von
Uhland's Verlorner Kirche als Motto vorangeftellt ift. Volle
Zuftimmung verdient weiter dieAbficht, einem .Meifterwerk
religiöfer Poefie', das feit einem Vierteljahrhundert allgemein
bekannt fein könnte, thatfächlich aber fehr wenig
bekannt ift, das Intereffe weiterer Kreife zu gewinnen.
In der That ift diefer Hymnus von der Seele ein reli-
giöfes und dichterifches Meifterwerk; für Blätter wie die
Chriftliche Welt, Beyfchlag's Deutfch-Evangelifche Blätter
oder die Preufsifchen Jahrbücher gäbe es keinen dankbareren
Stoff, als dies Stück, wenn es von fachkundiger
Hand in die richtige Beleuchtung geftellt würde. Freilich
bietet es immer noch fo viel Dunkelheiten, dafs ein
wiffenfchaftlicherCommentar erftes Erfordernifs ift. Bevan
befchränkt fich auf die nöthigften fprachlichen Bemerkungen
, mufste noch viele Einzelheiten im Dunkeln laffen,
, und ehe weitere Quellen gefunden werden, wird kaum
[ Jemand in der Lage fein, viel mehr als Andeutungen zu
bieten: Bevan hält den Gefang, den Nöldeke dem Bar-
defanes zuzufchreiben geneigt war, für ein Product des
bardefanifchen Gnofticismus, während Hilgenfeld in
einer fehr beachtenswerthen Anzeige für manichäifchen
Urfprung eingetreten ift (Berk Phil. Wochenfchrift 98, 13).
Auf Chriftliches nimmt der Hymnus nirgends direct Bezug
, darum ift er aber in feinen Parallelen zum N.T. um
fo lehrreicher, fo dafs ihn auch die Exegeten nicht über-
fehen dürfen. Gleich in der zweiten Strophe —- Bevan
[ hat erkannt, dafs der Hymnus in der Hauptfache aus
fechsfilbigen Zweizeilern beruht — haben wir eine fchöne
Parallele zu tv xolg xov JtaxQoq fiov. Das ganze Gedicht
handelt von der .einen Perle', die aus Aegypten zu holen
ein Königsfohn vom fernen Offen auszieht; über dem
j Treiben in Aegypten (= Welt und Fleifch) vergifst er
feine Aufgabe, bis er durch einen Brief vom Vaterhaus
! (die himmlifche Offenbarung) daran wieder erinnert wird.
Auf Einzelnes kann hier nicht weiter eingegangen werden;
nur zum Eingang der Vorrede ift zu erwähnen, dafs von
! Karl Macke nicht blofs in derTheol. Quartalfchrift von
1874, fondern auch* in den .Hymnen aus dem Zweiftröme-
land' (Mainz, Kirchheim 1882, S. 246—259) unter der
Ueberfchrift ,Verbannung und Heimkehr' eine deutfehe
Ueberfetzung veröffentlicht wurde.

Ulm. Eb. Neftle.

Goussen, Dr. Heinrich, Martyrius-Sahdona's Leben und
Werke nach einer fyrifchen Handfchrift in Strafsburg
i. E. Ein Beitrag zur Gefchichte des Katholizismus
unter den Neftorianern. Leipzig, Otto Harraffowitz,
1897. (34 u. XX autogr. S., fyr. Text in gr. 8.) M. 4.—

Der Verfaffer, katholifcher Militärpfarrer in Strafs-
[ bürg, der 1895 die fahidifche Ueberfetzung der Apoka-
lypfe mit einigen echten Fragmenten des Diateffarons
veröffentlichte, löft mit diefem Schriftchen ein literatur-
gefchichtliches Räthfel. Nicht unbekannt war bisher in
der fyrifchen Literaturgefchichte der Neftorianer Sahdona,
der nach feinem Abfall vom Neftorianismus durch den
Kaifer Heraclius 614 für kurze Zeit zum Bifchof von
Edeffa gemacht wurde. Nur das hat beifpielsweife noch
VV. Wright bezweifelt, ob er, wie Affemani es auffafste,
,ab erroribus Nestorianis ad Catholicam veritatair fich
gewandt habe (Wright, Syriac Lit. p. 170k). Jetzt kann
daran kein Zweifel mehr fein, feitdem in einer der vom
1 Sinai geftohle nen, nach Strafsburg gekommenen Hand-
: fchriften (ZDMG 51,714) eines feiner Werke aufgefunden
| und hier theilweife veröffentlicht und überfetzt ift. Aber in
der genannten Handfchrift heifst der Verf. nicht mit feinem
fyrifchen Namen (Sahdona), unter dem er bisher bekannt
war, fondern mit dem entsprechenden griechifchen Mar-
tyrius, und nun erklärt fich plötzlich, wer der ,Mar Ty-
rius' oder ,der heilige Tyrius' ift, von dem der Bifchof
von Bafra, Jefudenach in einer 1896 von Chabot veröffentlichten
Schrift fpricht. Drei Proben aus der Hand-
J fchrift bekommen wir hier im Urtext und Ueberfetzung:
ein Capitel über Jungfräulichkeit und Heiligkeit1, einen
Brief an einen, der des Verfaffers Aufenthaltsort erfahren
wollte, um zu ihm zu kommen, einige theologifche Einzel-
fentenzen. Befonders erfreulich ift die S. 15 mitgetheilte
Nachricht, dafs es dem - Herausgeber gelungen ift, bei
den perfifchen Neftorianern das Hauptwerk des Nefto-
rius, das .Buch', beffer gefagt, den »Handel des Hera-
clides' (BO III, 1 p. 36) zu entdecken und in Abfchrift
j der Strafsburger Bibliothek zu gewinnen.' Die Ueber-
j fetzung, foweit Ref. fie verglichen hat, ift zutreffend
S. 21 letzte Zeile (= III, 22) gehört ti'-KbSipb-; doch wohl
zum Verbum; nicht ,ihre natürliche, aber feindliche
! Ordnung umwandeln', fondern ,ins Gegentheil wandeln'

*