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Ausgabe:

1898 Nr. 17

Spalte:

460-461

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weiss, Johannes

Titel/Untertitel:

Ueber die Absicht und den literarischen Charakter der Apostelgeschichte 1898

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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459 Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 17. 460

gedacht ift, die heften Forfchungsrefultate der theologischen
Wiffenfchaft vermitteln, hält fich zu diefem Behufe
im Wefentlichen an den Text von Weflcott und Hort
und benutzt die exegetifchen Handbücher von de Wette,
Meyer und Nachfolgern, endlich den Hand-Commentar.
In der That mufs ohne Weiteres anerkannt werden, dafs
der Verf. theologifch wohl ausgerüftet an feine Aufgabe
herangetreten ift und die von Luther völlig emancipirte
,Ueberfetzung in die Sprache der Gegenwart' nichts mit
Unternehmungen gemein hat, die aus dem vorigen Jahrhundert
noch in übelm Andenken flehen.

Was Stage liefern wollte, ift ,eine möglichft treue
Ueberfetzung in ein modernes Deutfch, das nicht felbft
erft wieder der Erklärung bedürftig ift. An nicht wenigen
Stellen mufste jedoch darüber hinausgegangen werden,
theils durch Anmerkungen unter dem Text, theils durch
kurze Zufätze in kleinerer Schrift'. Zu jenen wurde nur
gegriffen, wo diefe nicht in der wünfchbaren knappen
Form gehalten werden konnten. So z. B. in der Perikope,
Matth. 17, 24—27, S. 45, die Auskunft darüber, was die
Tempelfteuer bedeutet und was ein Stater ift, während
hinter ,Alfo find die Söhne frei' in kleinem Druck weiter
gelefen wird: ,alfo brauchte ich dem himmlifchen König
als fein Sohn keine Tempelfteuer zu zahlen', und hinter
,damit wir bei ihnen aber keinen Anftofs erregen' die
Worte: ,als ob wir den Tempel nicht achteten', und endlich
hinten ,nimm und gieb ihn' noch: ,den Einnehmern'.
Diefe Erläuterungen vertreten in der That einen kleinen
Commentar und find gefchickt und glücklich in den Text
hineingefchoben, nämlich fo, dafs, wenn man fie wegläfst,
die wörtliche Ueberfetzung des Textes ftehen bleibt. Nur
hier und da mufste um der Einfchiebungen willen im Text
felbft ein Cafuswechfel oder fonft eine kleine Aenderung
gewagt werden. Nicht feiten endlich ift, wo nämlich die
Verftändlichkeit dadurch eher vermehrt als vermindert
würde, ein ,und' oder ein ,aber' oder ein ,denn' weg-
gelaffen. Ein weiteres Hülfsmittel, um zu einer leicht
überfehbaren, durchaus verftändlichen Darftellung zu gelangen
, befteht darin, dafs befonders in den Briefen längere
Perioden in eine Anzahl kürzerer Satzbildungen zerlegt
werden. Auf Kritik im Detail verzichte ich hier. Im
.Theologifchen Jahresbericht' S. Iii habe ich auf die
Tragweite diefer Methode hingewiefen, die vielleicht von
mancher Seite beanftandet werden könnte. Hier fei nur
bemerkt, dafs mir trotzdem die Ueberfetzung der fchwie-
rigen Paulusbriefe — man lefe z. B. Römer 8 — vortrefflich
gelungen fcheint. Etwas befremdlich wirkt, ehe man
daran gewöhnt ift, nur die Wiedergabe von Chriftus mit
,der Meffias'. Die Einleitungen find fehr kurz gehalten.
Nur ausnahmsweife überfchreiten fie das Maafs einer Seite
und was fie geben ift wohl erwogen und entfpricht überall
der gefchichtlichen Wahrheit. Kritifche Sondergelüfte
liegen dem Verf. ebenfo fern wie eine berechnende Con-
nivenz gegenüber der Sancta simplicitas. Letzteres fei,
weil man dem Verf. fchon einen Vorwurf daraus hat
machen wollen, ausdrücklich zu feinem Lob hervorgehoben
. Die Laien, welche fich des Büchleins bedienen,
werden nirgends mit greller Beleuchtung von Unmöglichkeiten
, Widerfprüchen u. dergl. geplagt, aber auch nirgends
hinter's Licht geführt.

Weizfäcker's claffifche Ueberfetzung hat fich der Verf.,
wie fich es gebührt, genau angefehen. Der Auffaffung des
Textes fchliefst er lieh ihr manchmal fogar in zweifelhaften
Fällen, wie Joh. 1, 9 an, wo gleichwohl die Form
der Wiedergabe durchaus felbftftändig erfcheint. Ein
Concurrenzwerk zu Weizfäcker hätte man überhaupt in
gegenwärtiger Uebertragung nicht finden follen. Die .Ueberfetzung
in die Sprache der Gegenwart' fteht auf einem
ganz anderen, auf einem erkennbar breiteren Niveau.
Weizfäcker's Arbeit, welche den Wortfinn des Originals
getreuer wiedergiebt und zugleich als exegetifche Leiftung
origineller ift, wird von manch Einem geradezu ftatt des
Urtextes, der ihm weniger geläufig ift, gebraucht; fie

dient unter Anderem auch zum Nachfchlagen und Vergleichen
, giebt daher die Verszahlen an. Stage's Buch
unterläfst dies, und zwar aus Gründen. Es will nur einfach
im Zufammenhang gelefen fein, und gerade diefem Zwecke
ftellen fich die Nummern der Verszahlen, die immer an
eine Orakelfammlung erinnern, hinderlich in den Weg.
,Tristc hinten necpost hoc extinquendum' — fo charakteri-
firt Reufs die Versabtheilung. Hier ift es gleichwohl aus-
gelöfcht, und wer, wie der Unterzeichnete, das Neue
Teftament zum erften Mal ganz ohne diefen Fackelfchein
lieft, wird dabei eine eigenthümliche Genugthuung ver-
fpüren. Ein ftörender Druckfehler ift S. 382, Z. 5 von
oben ftehen geblieben: Vorgehen ftatt Vergehen.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Weiss, Johannes, Ueber die Absicht und den literarischen
Charakter der Apostelgeschichte. Göttingen, Vanden-
hoeck & Ruprecht, 1897. (60 S. 4.) M. 2.—

Unter der Suche nach Quellen hat das eigentlich
literarhiftorifche Verftändnifs der Apoftelgefchichte, wie
es befonders durch Overbeck 1870 eröffnet war, gelitten.
Es ift hohe Zeit, fich deffen zu erinnern und auf dem
gelegten Grunde weiter zu bauen. Solches gefchieht denn
auch in vorliegenderSchrift, und zwar in erfreulichfterWeife.
Als erftes Symptom einer bereits kirchlich werdenden
Anfchauung vom apoftolifchen Zeitalter erfcheint in der
thematifchen Stelle 1, 8 die Weltmiffion der Zwölfjünger
(ähnlich wie bei Juftin), von der aus auch der Völker-
congrefs 2, 5 fein Verftändnifs empfängt. Mit dem charak-
teriftifchen jiqcöxov 3, 16, vgl. 13, 46, wird die Prärogative
der Juden gewahrt. Von Jerufalem geht die ganze Miffion
aus, und nur die felbftverfchuldete Ausfchliefsung der
Juden vom Heil bedingt den vollftändigen und dauernden
Uebergang in die Heidenwelt. Gleich die Vorgefchichte
der Heidenmiffion I, 8—12, 30 zeigt, wie die Bekehrung
der Samariter, des Aethiopiers, des Paulus, fchliefslich
auch die Entftehung der erften, aber fofort unter das
Patronat Jerufalems geftellten, heidenchriftlichen Gemeinde
durch jene Verfolgung veranlafst war, welcher Stephanus
zum Opfer gefallen ift. Die Cornelius-Epifode infonder-
heit führt uns die Vorbereitung der Heidenmiffion durch
Gott und ihre Sanctionirung durch die Urgemeinde vor.
Die drei Miffionsreifen des Paulus find durch drei feierliche
Abfagen an die Juden mit darauffolgender Wendung
zu den Heiden 13, 46 f. 18, 6 f. 19, 9 charakterifirt, was
fich am Schlufse 28, 25 f. noch einmal wiederholt. Aber
den Mittelpunkt der ganzen Darfteilung bildet das Apoftel-
concil mit feiner feierlichen Anerkennung und Einrichtung
der Heidenkirche, welcher trotz ihrer Abftammung aus
dem Judenthum die Eigenfchaft einer nothwendigen Weiterentwickelung
der alten Gemeinde und zugleich das Recht
zugeftanden wird, ohne Gefetz zu leben. Indem aber
das Chriftenthum fich folcher Geftalt felbftftändig neben
der Mutterreligion etablirt, tritt es zugleich aus dem
Schutze der religio licita heraus. In diefem Zufammen-
| hang bringt unfer Verf. die ,politifchen' Gefichtspunkte
Overbeck's zu erneuter Geltung. Diefelben machen fich
fchon in der Stellung, welche die lucanifche Darftellung
dem Pilatus zuweift, geltend. Der zweite Theil des Werkes
aber wird ganz zu einer Gefchichte des römifchen Bürgers
Paulus als des Typus für das Chriftenthum der Gegenwart
(S. 54). ,Seine Erfolge find die Grundlagen der gegen-
J wärtigen Kirche, feine Schickfale, namentlich feine Zu-
fammenftöfse mit den Juden, find vorbildlich auch für
I die fpätere Zeit und fein Procefs ift der Procefs des
Chriftenthums zur Zeit des Verf.' (S. 29, vgl. S. 31. 34- 57f-)-
Daher durchweg ein Doppeltes immer wieder hervorgehoben
wird: einmal, dafs bei den Chriften laut eigenfter
Anerkennung von Seiten der römifchen Behörden ein Vergehen
, welches unter die Competenz der römifchen Obrigkeit
fiele, nicht vorliegt; zweitens, dafs die römifchen Be-