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Ausgabe:

1898 Nr. 15

Spalte:

420-421

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nürnberger, Aug. Jos.

Titel/Untertitel:

Zur Kirchengeschichte des XIX. Jahrhunderts 1898

Rezensent:

Tschackert, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 15.

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Verfaffers felbft. Wenn er jetzt 17 Jahre nach dem Er-
fcheinen feiner fchönen Monographie über Laski, einen
fo ftattlichen Band von grofsentheils unbekannten Quellen
zur Gefchichte defselben ediren kann, fo ift ja offenbar,
dafs dieForfchung zur polnifchen Reformationsgefchichte
erft in ihren Anfängen fleht. Seine Monographie hatte
D. Dalton 1881 wefentlich auf der Grundlage der Kuyper'-
fchen Edition der Werke Laski's (Jo. a L. Opera ed K.
Amftelod. 1866, 2 t.) angefertigt. Nunmehr hat er mit
einer bewunderungswürdigen Findigkeit aus den ver-
fchiedenflen Archiven und Bibliotheken Europas einen
fo reichen Schatz von Denkfchriften und Briefen Laski's
zufammengebracht, dafs man nur wünfchen kann, er
möchte in die Lage kommen, diefes lehrreiche Material
für eine neue Auflage feiner Laski-Monographie zu ver-
werthen, eine Hoffnung, die trotz der befcheidenen
Aeufserung des Herausgebers S. 2 doch begründet fein
dürfte. Denn die jetzt gebotene Aushülfe, dafs der Ver-
faffer hier S. 1—39 den Extract feiner Quellenfammlung
neben feine frühere Monographie ftellt, ift doch nur ein
Nothbehelf.

Während die gröfsere erfte Hälfte diefer Sammlung
(im Druck bis S. 366) wefentlich der Laski-Biographie
zu Gute kommt, wird die kleinere zweite Hälfte die
ficherfte Grundlage der Gefchichte der ehemaligen evan-
gelifchen Kirche Polens: er enthält die lateinifchen
Protokolle der kleinpolnifchen evangelifchen
Synoden von 1555—1561. Sie haben als zuverläffige
Spiegelbilder des Synodallebens in den Anfängen des
Proteftantismus allgemeine Wichtigkeit. Hier fehen wir
die Vertreter der evangelifchen Gemeinden Kleinpolens,
die Prediger und den Adel, in voller kirchlicher Thätig-
keit, und diefe ift um fo wichtiger, weil wir ähnliche
Synoden im evangelifchen Deutfchland zu gleicher Zeit
überhaupt nicht haben. Ob es aber die ,erften' refor-
matorifchen Synodalprotokolle überhaupt find? ,Consti-
tutiones synodales1 kommen 1530 in der preufsifchen
Kirche vor (f. mein Urkdbch. III, Regifter), und in der
Braunfchweig-Kalenbergifchen Kirche liefs Antonius
Corvinus Constitutiones aliquot synodales1 aus den Verhandlungen
von zwei Synoden zu Pattenfen (1544) und
Münden (1545) im Druck ausgehen (Hannover, Henning
Rüde 1545). Es war aber Laski's Verdienft, dafs das
Inftitut der Synoden in Polen fich mächtig hob und
vortrefflich functionirte, bis durch feinen unerwartet
frühen Tod (1560) diefe junge evangelifche Kirche ihres
Führers beraubt wurde und — alsbald dem Jefuitismus
zur Beute fiel. Dalton felbft giebt hier S. 371—395 eine
lehrreiche Schilderung des polnifchen Synodallebens.
Zum Glück ift der Text der Protokolle in lateinifcher
Sprache abgefafst, fo dafs auch die Forfcher, welche des
Polnifchen nicht mächtig find, von dem hier gebotenen
Quellenfchatze ergiebig Gebrauch machen können. Für
die Reformationsgefchichte Polens aber hat D. Dalton
durch diefe Publication ein neues feftes Fundament gelegt.
Die ganze Sammlung ift ein Werk von bleibendem
Werthe.

Die Brieffammlung, welche hier geboten wird, bringt
108 Briefe Laski's. Die meiften derfelben flammen aus
dem handfchriftlichen Foliant ,Fol. XVII. 57' der Petersburger
K. öffentlichen Bibliothek, auf welchen Brückner
1890 aufmerkfam gemacht hatte. Der Inhalt diefer Briefe
ift für die Laski-Forfchung ein grofser Fortfehritt; leider
berichtet aber D. Dalton, dafs er Jungen ungeübten
Augen' die Herftellung der Abfchriften hat ,theilweife'
überlaffen müffen. Andere Briefe flammen aus dem
Gnefener Domarchiv, dem Wiener Staatsarchiv, der Uni-
verfitätsbibliothek zu Bafel, der Czartoryskifchen Bibliothek
in Krakau, dem K. Staatsarchiv zu Königsberg, der
Zamojskifchen Bibliothek in Warfchau, dem Archiv der
Brüdergemeinde in Herrenhut u. a. m. In polnifchen
Privatbibliotheken dürfte, wie D. Dalton felbft urtheilt,
noch mancher ungehobene Schatz zur Gefchichte Laski's

und der polnifchen Reformation ruhen. Durch die hier
mitgetheilten Briefe fällt vielfeitig neues Licht auf die
Thätigkeit Laski's; man fleht ihn wirken als den refor-
matorifchen Geift in den höchften Schichten der Bevölkerung
; mit Königen, Fürften und Prälaten verhandelt er
wie einer ihres Gleichen und doch hat er nur ,eine
Pafflon', durch das Wort Gottes eine Gemeinde Gottes
herzuftellen. Was die Länder feiner Wirkfamkeit betrifft,
fo wird naturgemäfs die polnifche Reformationsgefchichte
am meiften aufgehellt, aber auch die englifche
wird bereichert, und die friefifche geht ebenfalls nicht
leer aus: S. 43—60 bringt eine Rede aus Laski's oft-
frieflfeher Thätigkeit. — Die Handfchrift der Protokolle
der klein-polnifchen evangelifchen Synoden ift wie durch
ein Wunder vor dem Fanatismus des jefuitifchen Ultramontanismus
Polens gerettet worden und befindet fich
jetzt in der Kirchenbibliothek zu Wilna. D. Dalton hatte
eine Abfchrift derfelben fchon bei feiner Laski-Monographie
benutzt; jetzt erfcheint der Text vollftändig, nach
einer, wie es fcheint, guten Abfchrift. — Durch reichliche
Anmerkungen hat der Herausgeber über die im Texte
der Denkfchriften, Briefe und Protokolle vorkommenden
Perfonen und Vorgänge aus dem Schatze feines Wiffens
orientirende Mittheilungen gemacht, für welche jeder
Lefer ihm dankbar fein wird. — Angenehm wäre es ge-
wefen, wenn D. Dalton auch noch Inhaltsangaben vor
jeder Denkfchrift und befonders vor jedem Briefe geboten
hätte; die Gründe, welche für folche Inhaltsangaben
fprechen, dürften doch ftärker fein als die, um deren
Willen man fie neuerdings wegläfst. Doch ich möchte
weder auf diefen Punkt noch auf andere Einzelheiten
näher eingehen, fondern nur mit dem Wunfche fchliefsen,
dafs diefe gehaltvolle Publication fleifsige Benutzer finde.

Göttingen. Paul Tfchackert.

Nürnberger, Prof. Dr. Aug. Jof., Zur Kirchengeschichte des
XIX. Jahrhunderts. I. Papfttum und Kirchenftaat.
1. Vom Tode Pius VI. bis zum Regierungsantritt
Pius IX. (1800—1846). Mainz, F. Kirchheim, 1897.
(X, 259 S. gr. 8.) M. 3.-

Der Verfaffer, a. o. Profeffor der katholifchen Theologie
an der Univerfität Breslau, bekannt durch feine
Ausgabe von Willibald's Vita S. Bonifatii (Bresl. 95)
bietet in diefer Schrift einen erftenBand Vorträge ,Zur
Kirchengefchichte des XIX. Jahrhunderts'; er will nicht
neue Quellen erfchliefsen, fondern ,Refultate' der bisherigen
hiftorifchen Forfchung zufammenfaffen und ausführlicher
darfteilen, als dies bei dem Vortrage der
allgemeinen Kirchengefchichte vor feinen Zuhörern möglich
war. ,In homogenen Kreifen' will er durch diefe
Veröffentlichung weiterlehren und zwar zunächft ,ein Bild
der äufseren Gefchichte des Kirchenftaates' vom Ponti-
ficate Pius des VI. bis zum erften Halbjahr des Ponti-
ficates Pius des IX., 1846. Da die römifch-katholifche
Theologie der Neuzeit an kirchengefchichtlichen Darftellungen
über das 19. Jahrhunderts merkwürdig arm ift,
fo wird diefe Publication ,in den homogenen Kreifen'
gewifs eine Lücke ausfüllen. Seit Döllinger's viel-
gelefener Schrift ,Kirche und Kirchen. Papftthum und
Kirchenftaat' (München 1861) ift keine nennenswerthe
katholifche Schrift über die Gefchichte des Kirchenftaates
im 19. Jahrhundert da. Vom objectiv-gefchichtlichen
Standpunkte dagegen fchrieb Brofch (in der Gefch. d.
europ. Staaten) neuerdings eine ,Gefchichte des Kirchenftaates
' (Gotha 1880—82); vom proteftantifch-theologifchen
Standpunkte lieferte der dänifche Kirchenhiftoriker
Nieifen eine die äufseren und inneren Verhältnifse der
römifchen Kirche im 19. Jahrhundert ins Auge faffende
Darftellung, deren zweite Bearbeitung (Gotha 1880—82)
dem Verfaffer nicht bekannt geworden zu fein fcheint, und
doch liefert Nieifen an wichtigen Stellen mehr charak-