Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1898 Nr. 13

Spalte:

380-381

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dryander, Ernst

Titel/Untertitel:

Der erste Brief Johannis in Predigten ausgelegt 1898

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

379

Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 13.

380

hinein. Eine klare Definition deffen, was unter fpecieller
Seelforge zu verliehen ift, wird unentbehrlich fein; nur
dadurch wird der Maafsftab über Abgrenzung und auch
Dispofition des Stoffes gewonnen werden können. Wo
ift die Definition? S. 3 heifst es: ,Danach befteht das Cha-
rakterifticum der fpeciellen Seelforge (im Unterfchied von
der generellen) in der ... Einwirkung auf Einzelne';
eine Ergänzung wird in den Worten S. 63 zu finden
fein: ,Die Vermehrung der Amtspflichten, wie wir
fie unter dem Namen fpecielle Seelforge begreifen'. Die
Schärfe der Definition ift offenbar fraglich; fie ift unbe-
ftimmt und rein formell. Aber auch in dem Rahmen
diefer Unbeftimmtheit ift Capitel 3 der erften Abtheilung,
worin über Cyprian und fein Verhalten zu den Confesso-
res und den Lapsi ganz im Allgemeinen gehandelt wird,
als Fremdkörper anzufehen; auch kann man zweifelhaft
fein, ob die Darfteilung der Anfchauungen und der Vor-
fchriften über das Klofter- und Eremitenleben, die einen
grofsen Raum innerhalb der ganzen erften Abtheilung
füllt, in der Gefchichte der fpeciellen Seelforge den richtigen
Platz gefunden hat. Stärker erhebt fich der Zweifel
inbetreff des 10. Capitels der zweiten Abtheilung, das
über ,Laienfeelforge', d. h. über die fpecielle Seelforge,
die der Chrift an dem Chriften, die Eltern an den Kindern
, die Freunde an den Freunden in guten und böfen
Tagen zu üben haben, fich verbreitet. Unfers Erachtens
würde die Laienfeelforge (mit Ausnahme der von
den Paten geübten, denen vom 9. Jahrhundert an im
Gegenfatz zu der Educatio carnalis der Eltern die Edu-
catio spiritualis anbefohlen war) als eine der Grund-
vorausfetzungen aller kirchenamtlichen Seelforge in
die Einleitung gehören; die andere Grundvorausfetzung,
nämlich die Selbftverantwortlichkeit jedes Chriften für
das Heil feiner Seele (die der Herr Verfaffer S. 131 ja
durchaus anerkennt), ebenfo das Ziel aller Seelforge
nach Theorie und Praxis des Neuen Teftamentes, würden
fich anzufchliefsen haben. Auf anderem Wege wird doch
kaum ein ficherer Maafsftab für das kirchengefchichtliche
Urtheil zu gewinnen fein. Was H. A. Köftlin in feinem
werthvollen Buch: ,Die Lehre von der Seelforge' (1895)
S. 1—53 darbietet, halten wir aller Beachtung würdig.

Ueber Einzelheiten rechten wir nicht. Nur der
Widerfpruch gegen die Urtheile über die Seelforge Bernhards
von Clairvaux (S. iOO: ,erft als Seelforger ift er
der geworden, als den niemand umhin kann, ihn zu
lieben'), über den Tractat Gerfon's: De parvulis trahen-
dis ad Christum (fof), der S. 165 .unvergleichlich fchön'
genannt wird, und S. 233 über die Laienfeelforge in der
reformirten Kirche möge eine kurze Begründung finden.
Sein Urtheil über Bernhard hat der Herr Verfaffer felbft
in der Darfteilung, die er S. 99—106 giebt, widerlegt;
dem Urtheil über Gerfon's Tractat ftellen wir den Un-
muth darüber entgegen, dafs ein fo edler hoher Geift
folche Anweifung zu raffinirtefter Exploration junger
Kinder hinfichtlich fexueller Sünden zu geben vermag;
das Urtheil über die reformirte Kirche überfieht es, dafs
der Gemeinde in allen ihren Gliedern die Correptio fra-
terna zur Pflicht gemacht war, bezw. noch wird (vgl.
mein Lehrbuch der Praktifchen Theologie2 (1898) 2544h).

Als Druckfehler find wohl anzufehen: ApopJüegmata
S. 40h 69; Laodicaea S. 114; fubfummirt S. 134; Boni-
facius S. 156; ösioiöaipcovia S. 183.

Das lebhafte Intereffe an der Sache und der
Wunfeh, zur Erfüllung der grofsen Aufgabe, welche
die Gefchichte der fpeciellen Seelforge ftellt, einen
ob auch geringen Beitrag zu liefern, mögen die Aus-
ftellungen rechtfertigen. Den Dank aber für die Gabe
des Herrn Verfaffers, für die Anregung und Belehrung,
die das Werk darbietet, möge fchliefslich noch einmal
warmen Ausdruck finden.

Marburg. E. Chr. Achelis.

i Dryander, General-Superint. Pfr. D. Ernft, Der erste
Brief Johannis in Predigten ausgelegt. Bremen, C. Ed.
Müller, 1898. (IX, 323 S. 8.) M. 360; geb. M. 4.80

Der 1. Johannesbrief bereitet der homiletifchen Be-
1 arbeitung nicht unbedeutende Schwierigkeiten einerfeits
durch eine nicht abzuleugnende Monotonie des Gedankenganges
, andrerfeits durch die abftracte Höhe, in der fich
derfelbe bewegt. Dryander, der uns hier eine Sammlung
von 18 Predigten über diefen Brief bietet, hat diefe
Schwierigkeiten gefühlt, aber im Allgemeinen mitgrofsem
Gefchick und durch eine bewunderensvverthe Kunft über-
| wunden. Hervorragend und instruetiv ift vor allem die
J Art, wie er aus jedem der 18 Textabschnitte wieder ein
neues Thema zu gewinnen und dieses zum Sammelpunkt
aller oder doch aller wefentlichen Elemente des Ab-
fchnittes zu machen weifs: da ift kein Gedanke, der
j nicht unter der Herrfchaft des betreffenden Themas
ftünde, und feiten einer, der nicht aus irgend einem Be-
I ftandtheil des Textes erwüchfe. Dafs das nicht auf allen
I Punkten gleich glatt und ungekünftelt von ftatten geht,
verfteht fich von felbft; aber wer lernen will, was eine
fynthetifch-analytifche Predigtanlage fei, der ftudire diefe
Predigten. Bewundern wir hierin D.'s homiletifche Kunft,
fo freuen wir uns auf der andern Seite der grofsen Ein-
I fachheit, in der fie auftritt. Bei den meift ausdrücklich angekündigten
Themen und Dispofitionen ift nichts Aufgetragenes
, Auffallendes, willkürlich Gemachtes zu bemerken
, fondern alles giebt fich wie von felbft; die
Kunft fcheint zur Natur geworden, und dadurch wirkt
fie. Dazu kommt nun weiter die bei Dryander fehr entwickelte
Fähigkeit, die biblifchen Gedanken ins Moderne
umzufetzen, ohne fie deshalb zu verwäffern, biblifche
Maafsftäbe, die zuerft unverftändlich und unbrauchbar
erfcheinen, für die Gemeinde verftändlich und werthvoll
| zu machen (fo Nr. XI: Prüfet die Geifter! über 4, 1—6).
| Freilich geht er mir in Nr. VI ,Die Belehrung über die
1 letzte Stunde' (über 2, is—27) hierin nicht weit genug:
ftatt der doch recht unbefriedigenden Auskunft (S. 96)
,es ift [nämlich jetzt] die letzte Stunde; wie lange fie
j währt, wiffen wir nicht', wäre deutlich zu fagen gewefen,
I was der Prediger doch im Grunde meint, nämlich dafs
für uns an die Stelle einer augenblicklichen Kataftrophe
I ein allmählicher Procefs getreten ift. Vortrefflich ift da-
[ gegen die fchwierige Stelle von den drei Zeugen 5, 6—12
(natürlich ohne das trinitarifche Comma) verwerthet.
Vorausfetzung einer folchen praktifch-modernen Wiederbelebung
des Textes ift realiftifche Welt- und Lebens-
kenntnifs einer- und ein reich und vielfeitig entwickeltes
religiös-fittliches Innenleben andrerfeits. Beides findet
fich bei Dryander in hohem Maafse. Dadurch ftellt fich
in diefen Predigten feine Perfönlichkeit fammt der Spiegelung
, welche die Welt in derfelben erfährt, dar, und
diefes alle Stofftheile durchdringende perfönliche Element
ift es wie mir fcheint vor allem, was fo perfönlich an-
faffend, fo erbauend und ergreifend wirkt. Das giebt
diefen Predigten die Innigkeit und Wärme, den Ernft und
die Kraft (fo befonders bei Nr. V die Verweltlichung
unfres perfönlichen Chriftenthums), die Abgeklärtheit und
Tiefe, die Lebendigkeit und Frifche, wodurch auch fo
abgebrauchte Themata wie die Bruderliebe (IX) und ,Gott
ift die Liebe' (XII) neues Leben empfangen und fo heikle
! Gegenftände wie ,das Gebet nach Gottes Willen' und die
Fürbitte (XVI u. XVII) zu tief erbaulicher Wirkung gelangen
. Wie Alles hier zwar biblifch begründet, aber
1 zugleich aus dem inneren Leben, der Einficht und der
Erfahrung des heutigen Chriften felbft hergeleitet wird,
das erinnert in gewiffem Maafse an Schleiermacher.
Nehmen wir noch dazu, dafs der Stil nahezu tadellos
(nur ganz wenig feltfame Redewendungen oder Satzkon-
ftruetionen find mir aufgefallen), und die Diction äufserft
j lebendig und klar, forgfältig abgetönt und angepafst,
J kurz, ebenfalls künftlerifch und dabei doch wieder durch-