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Ausgabe:

1898 Nr. 1

Spalte:

17-19

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lietzmann, Hans

Titel/Untertitel:

Catenen 1898

Rezensent:

Achelis, Hans

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 1.

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ftändnifs zu lefen. Dagegen wird man zu der Gefchichte
des Exorciflats, wie fie W. giebt, manches Fragezeichen
fetzen muffen. Eine folche Scheidung zwifchen öffentlichen
und privaten Exorcismen hat es anfangs nicht
gegeben, auch berichten untere Quellen nichts darüber,
dafs die Kirche die Collegien der Exorciften wegen vorkommender
Mifsbräuche unter ihre Aufficht ftellte.
Ebenfo halte ich die Annahme W.'s über den Pylorat,
den er erlt um 300 in den Klerus aufgenommen werden
läfst, mit Bezug auf den Brief des römifchen Bifchofs
Cornelius vom Jahre 250 für unrichtig. Aus den Worten
afia JivXoftolg fchliefsen zu wollen, dafs damals in Rom
der Oftianat noch ein laikales Dieneramt war, ift nach
dem Zufammenhang unmöglich. —

Heidelberg. Grützmacher.

Lietzmann, Lic. Hans, Catenen. Mitteilungen über ihre
Gefchichte und handfchriftliche Ueberlieferung. Mit
einem Beitrag von Prof. Dr. Hermann Ufener. Freiburg
i. B., J. C. B. Mohr. 1897. (VI, 85 S. gr. 8). M. 4. —

Catenen nennt man jene grofsen Commentare, die auf
jede eigene Erklärung des heiligen Textes verzichten
und statt deffen an einander gereihte Excerpte aus älteren
kirchlichen Schriftftellern bringen. Für die geiftlofe Art
des wiffenfchaftlichen Betriebes in der byzantinifchen
Reichskirche charakteriftifch, find fie doch für uns von
grofser Bedeutung, da fie von manchem Werk des zweiten
bis fünften Jahrhunderts Kunde bringen, das uns
fonft ohne Reff verloren wäre. Die Patriftiker haben
lieh daher viel damit befchäftigt; aber fie haben nur den
Fxcerpten, nicht den Commentaren felbft Intereffe entgegengebracht
, und fo ift die Ausnutzung bis jetzt ziemlich
oberflächlich und wenig methodifch gewefen, was
die Catenen in den nicht völlig verdienten Ruf grofser
Unzuverläfligkeit gebracht hat. Hier will Lietzmann
beffern. Die Catenen, welche wichtige Excerpte enthalten
, müffen ganz herausgegeben werden. Das belegt er
durch eine Skizze der Ueberlieferungsgefchichte der Catenen
. Und die Vorarbeit für diefe Ausgabe mufs ein
Catenenkatalog fein, in dem die Handfchriften aufgeführt
und nach Stichproben claffificirt find; die Excerpte aus
bekannten Schriften müffen dort identificirt und ein
Regiffer der in den Catenen benutzten Autoren mufs beigefügt
fein. Eine Probe diefer Vorarbeit legt er auf
S. 35—85 vor: Stichproben aus Parifer Catenen, die feine
Mutter ihm herftellen half; einige Bemerkungen darüber
lind S. 17—26 vorausgefchickt. Bald hofft er Vollkommeneres
bieten zu können. Er befitzt noch manches
Material aus andern Bibliotheken; von einem Freund j
unterffützt, denkt er in abfehbarer Zeit imftande zu fein,
einen Catenenkatalog für Italien, Frankreich, England und
Deutfchland anfertigen zu können. Dann fehlt wenig
mehr an der Vollkommenheit der Vorarbeit, und man
kann zur Ausgabe der Catenen fchreiten. — Zu einem
gewaltigen Unternehmen wird hier mit gelaffenen Worten
aufgefordert. Von der Gröfse desfelben wird man fich
eine Vorftellung machen können, wenn man erwägt, dafs
zu faft allen Büciicrn des A. und N. T. Catenen exiffiren,
zu den meiftgelefenen fogar mehrere; und dafs die Ausgabe
der Genefiscatene 551 Foliofpalten umfafst. Aber
auch Lietzmann felbft hat fich mit feinem Katalog eine
grofse Aufgabe geftellt; konnte ich doch für die Genefiscatene
allein dreifsig Handfchriften nachweifen.

Was zur Einführung von der Bedeutung der altchrift-
lichen Exegefe gefagt wird, kommt etwas kleinlaut heraus.
Der Verfaffer hätte viel mehr fagen müffen, gerade wenn
er meint, dafs wir Theologen eine Aufklärung über den
Nutzen der alten Exegefe fo dringend bedürften, was bei
Hiftorikern oder Philologen überflüffig fei (!). Es mag ja
richtig fein, dafs ein directer Firtrag für die Exegefe
unferer Tage den Catenen nur in feltenen Fällen zu entnehmen
ift, und, wie ich meine, nur den N. T.lichen, nicht

den zahlreicheren zum A. T. Aber der indirecte Nutzen
kann bei rationeller und einfichtiger Benutzung ein fehr
j bedeutender werden. Für die Textkritik des A. und
N. T. bieten die Commentare der Väter eine Handhabe,
um zu conftatiren, welche Recenfionen der Texte in den
verfchiedenen Zeiten und an den verfchiedenen Orten gebraucht
wurden; und es giebt kaum ein Capitel der
Kirchen- und Dogmengefchichte, das nicht von der Exegefe
der Alten befruchtet werden könnte. Da die Kirche
zu allen Zeiten das Intereffe hatte, fich mit dem Buch-
ftaben der Bibel in Einklang zu fetzen, fieht man den
Glauben und die Sitte, die Formulirungen der Theologen
und die Vorftellungen in den Köpfen der Menge, den
Cultus und die Askese durch die Commentare durchfehim-
mern. Auf ihrem ganzen Lebensgebiete hat die Kirche
kaum irgendetwas erlebt, was fich nicht in dem füllen
Strome der heiligen Schriften wiederfpiegelt, die ihren
Lauf durch die Gefchichte begleiten. An der Auslegung
einzelner markanter Bibelftellen läfst fich der Wandel
der Anfchauung in den fich folgenden Perioden nachweifen
. Für den Kenner der Gefchichte ift es ungemein
reizvoll, zu beobachten, wie fich die Kirche der verfchiedenen
Zeiten etwa zu Genefis I, zum Hohenliede oder
zur Apokalypfe geftellt hat; und die Gefchichte der Exegefe
im Ganzen ift ein wichtiges Capitel der Gefchichte
der chriftlichen Wiffenfchaft überhaupt. Freilich reden
diefe Quellen nur für den, der ihre Sprache verlieht.
Die Herrfchaft der exegetifchen Methoden ift ebenfo zu
berückfichtigen wie die Macht der Tradition, die hier fall
noch gewaltiger ift als auf andern Gebieten. Aber wer
die Augen hat zu fehen und fich die Mühe nicht ver-
driefsen läfst, wird fich nicht vergebens um die Gefchichte
der Exegefe bemühen. Ohne die Catenen ift aber nichts
zu machen; ohne fie ift ein grofser Theil der gricchifchen
Exegeten verloren. Nachdem diefe ungeheuren Com-
pendien gefchaffen waren, hat man nur die modernften
der Fixegeten noch gefondert weiterübcrliefert; und wir
haben doch fo oft an den unmodernen, die im Grabe
der Catenen ruhen, weit mehr Intereffe, als an den berühmten
, deren Werken wir in den Bibliotheken begegnen. —
Ich weifs nicht, ob Lietzmann's Vorfchläge practifch
find. Ich bedaure es fchon, dafs er gerade spccimina
aus Parifer Catenen vorlegen mufste. Sie find aus grofsen
Katalogen mehr oder weniger bekannt, und zählen nicht
immer zu den beften Vertretern ihrer Gattung. Die Römifchen
Catenen wären der gegebene Ausgangspunkt
gewefen. Sie find zahlreicher und werthvoller, meift noch
nicht befchrieben, aber aus ihnen find die maffenhaften
Editionen der Mai und Pitra hervorgegangen. An ihre
Befchreibung würde fich eine Beurtheilung diefer gedruckten
Auszüge unfehwer anfchliefsen laffen, und damit
wäre für die Unterfuchung oder Ausgabe ein breiteres
Fundament gegeben, als es ein Specimen gewährt. Aber
man wird dem Verfaffer gern zugeben, dafs eine Kata-
logifirung aller Catenen, wie er fie vorhat, ein dankens-
werthes Unternehmen ift. Nur würde ich ihm rathen, ehe
er feine Reifen nach den Bibliotheken unternimmt, das
gedruckte Material in feinem ganzen Umfang auszunutzen,
nicht nur die Befchreibungen in den Katalogen, fondern
auch die gedruckten Auszüge. Schon dadurch wird fich
ihm manche Claflificirung ergeben, und er wird viel Zeit,
vielleicht auch manche Reife fparen können. — üb aber
fein Unternehmen fo unumgänglich nothwendig ift, wie er
meint, möchte ich bezweifeln. Die vorhandenen Catenen
find im Verlauf von 500 Jahren zwifchen dem fechsten
und elften Jahrhundert entftanden, einige fogar noch fpäter.
Wo mehrere Catenen zu einem biblifchen Buch exiffiren,
find diefe zufammen zu unterfuchen, da von vornherein
zu vermuthen ift, dafs fie von Anfang an oder durch die
Ueberlieferung in Beziehung zu einander gefetzt find.
Andrerfeits ift es vielleicht gerathen, dafs die Catenen eines
und desfelben Autors, wo derfelbe bekannt ift, gemeinfam
■ geprüft werden. Aber darüber hinaus gehen m. W. die