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Ausgabe:

1898 Nr. 12

Spalte:

339-342

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frommel, Gaston

Titel/Untertitel:

Le danger moral de l’évolutionnisme religieux 1898

Rezensent:

Lobstein, Paul

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339 Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 12. 340

der Diöcefe Würzburg und weiterhin des katholifchen
Erziehungswefens in Deutfchland.

Tübingen. A. Hegler.

Reise hie, Prof. D. Max, Christenthum und Entwickelungs-
gedanke. (Hefte zur .Chrifti. Welt' Nr. 31.) Leipzig,
J. C. B. Mohr, 1898. (39 S. gr. 8.) M. —.60

Frommel, G., Le danger moral de l'evolutionnisme religieux.

Lausanne, Payot, 1898. (123 S. 12). Fr. 2.—

1.) Das ,Heft N0.31 zur chriftlichen Welt' enthält einen
in erweiterter Geftalt wiedergegebenen von M. Reifchle
auf der letzten Verfammlung von Freunden der ,Chriftlichen
Welt' gehaltenen Vortrag," der unmittelbar in die
zur Discuffion ftehenden Probleme der Gegenwart eingreift
. Der aus der fpeculativen deutfehen Philofophie
und aus der empirifchen Wiffenfchaft der Neuzeit geborene
Entwickelungsgedanke übt auf die Geifter einen
zuweilen faft unwiderftehlichen Zauber aus, und feine
Macht ift um fo gröfser als fich an ihn intellectuelle,
ästhetifche, religiöfe und praktifche Intereffen heften.
So unklar diefe Intereffen und Strömungen häufig durcheinander
wogen, arbeiten fich in ihnen doch gewiffe Momente
heraus, die wir als conftituirend für den modernen
Entwickelungsbegriff anfehen dürfen. .Confequent durchdacht
bezeichnet der moderne Begriff der Entwickelung
eine ftetige Umbildung von Erfcheinungsformen, die durch
gefetzmäfsige Urfachen fich vollzieht (Frage nach Entwicklungsfactoren
und -Gefetzen) und einem irgendwie
als werthvoll beurtheilten Ergebnifs ftufenweife fich
entgegenbewegt (Frage nach Entwickelungsziel und
-Stufen).' Wie verhält fich nun das Chriftenthum zu
dem fo geftalteten Entwickelungsbegriff? Diefe Frage
Hellt der Verf. für drei Hauptgebiete, auf denen eine
Berührung der beiden Gröfsen ftattfindet, für das Gebiet
der Natur, der Gefchichte, des einzelnen Seelenlebens
. Mit grofser Klarheit und Schärfe behandelt R.
diefe drei Gebiete, und aus feinen ebenfo umfichtigen
als lichtvollen Ausführungen erhellt, aus welchen Gründen
das Chriftenthum den Entwickelungsbegriff heutzutage
nicht ignoriren darf, und in welchen Grenzen es den-
felben aufnehmen und verwerthen mufs. 1. Gegenüber der
Anwendung des Entwickelungsbegriffs auf das Gebiet
der Natur haben wir uns klar zu machen, dass, felbft
wenn der Entwickelungsbegriff weiter vordränge, der
chriftliche Glaube an Gott als Schöpfer und Herrn der
Welt dadurch nicht getroffen würde, falls nur einerfeits
diefer chriftliche Glaube fich in feinen Grenzen hält,
andererfeits der naturwiffenfehaftliche Entwickelungsbegriff
in naturwiffenfchaftlichen Zufammenhang eingefügt
wird. Selbft die mögliche Beffätigung der Hypo-
thefe von der thierifchen Abftammung des Menfchen wäre
für den chriftlichen Glauben nicht tödtlich, weil auch
in diefem Falle die chriftliche Anfchauung vom Menfchen
fich behaupten könnte, vor allem die den Glauben
an eine ewige göttliche Beftimmung und an eine gottgegebene
Anlage de3 Menfchen enthaltende Ueberzeugung
von der Gottebenbildlichkeit des Menfchen, womit auch
die Thefis von dem Schuldcharakter der" Sunde gefichert
bleibt. 2) Gegenüber der Anwendung des Entwickelungs-
gedankens auf die Gefchichte des religiös-fittlichen
Lebens der Menfchheit ift die Thatfache eines Werdens
und Sich-Wandeins religiöfer und fittlicher Begriffe
unumwunden zugegeben. In Beziehung auf die Erklärung
diefer Entwickelung hat aber die chriftliche Glaubenslehre
im Bund mit verwandten Beftrebungen der Philofophie
den directen Kampf gegen die Methode und gegen
die Refultate aller Erklärungsverfuche aufzunehmen,
die die Geiftesgefchichte zum blofsen Naturgefchehen
herabdrücken. In der Deutung der Entwickelung
hat fie theils in Uebereinftimmung, theils in kritifcher
Auseinanderfetzung mit der idealiftifchen Philofophie eine

chriftliche Geschichtsphilofophie unter dem Gefichtspunkt
einer Entwickelung des göttlichen Planes an der Menfchheit
auszubilden. In deren Beleuchtung tritt von felbft
auch die chriftliche Offenbarungsgefchichte. 3.) Auf das
Chriftenleben des Einzelnen, nicht nur in feinem
Verlauf, fondern auch in feinem Werden wird der Be-
j griff der Entwickelung mit Recht in der Theorie wie in
| der Praxis (der Erziehung) angewandt, doch bleibt für
| die theoretifche Unterfuchung und praktifche Handhabung
J der Entwicklungsfactoren das Ergriffenwerden der freien
Perfönlichkeit durch den Geift Jefu Chrifti ein unerklärbares
und unantaftbares Geheimnifs; der chriftliche Glaube
aber fieht (nicht auf Grund diefer Unerklärbarkeit, fondern
auf Grund des hereintretenden überweltlichen
Lebensinhaltes) in dem Werden und Wachfen des
chriftlichen Glaubens die Entwickelung der göttlichen
Gnadenabficht an dem Glaubenden. —

Unftreitig gehört diefes ,Heft zur chriftlichen Welt'
zu den gedankenreichften und anregendften der bisherigen
Sammlung. Der Verf. hat es vortrefflich ver-
1 ftanden, die Vielheit von Problemen, die in dem Entwickelungsbegriff
und in feiner Berührung mit dem
Chriftenthum liegen, zu entwirren und zu prüfen. Dafs
er hierbei, wie ihm in den Verhandlungen zu Eifenach
vorgehalten wurde, ,dem idealiftifchen Entwickelungsbe-
I griff zu viel eingeräumt habe', kann ich nicht finden.
Denn die Pofition, worauf fchliefslich alles ankommt,
die Wahrung der Eigenart des geiftigen und fittlichen
Lebens gegenüber der Natur, hat R. ebenfo energifch
als erfolgreich behauptet; auf dem Gebiete der Natur
aber fpricht er einer folidarifchen Verbindung der Ent-
wickelungsanfchauung mit dem chriftlichen Glauben nur
nach der Seite hin das Wort, dafs in einer chriftlichen
Naturphilofophie die Natur als ftufenweise Entfaltung
j göttlicher Zweckgedanken aufgefafst werde, nicht nach
der Seite, dafs die derzeitige naturwiffenfehaftliche Theorie
von dem Entwickelungsverlauf und den Entwickelungs-
factoren und -Gefetzen direct aufgenommen werde, viel-
| mehr fei diefe nur der weiteren wiffenfehaftlichen Dis-
1 cuffion rückhaltlos freizugeben. Eine noch refervirtere
j Stellung nimmt R. gegenüber der Anwendung des Entwicklungsbegriffs
auf das Gebiet der Offenbarungsgefchichte
ein: fo giebt er z. B. eine Entwickelung des
Bewufstfeins Jefu zu, aber er verzichtet auf deren reftlofe
1 pfychologifche Erklärung; doch beruht die Gewifs-
I heit der Offenbarung in ihm nicht auf dem Scheitern
pfychologifch-hiftorifcher Erklärungsverfuche, fondern
auf einem Glaubensurtheil über Geiftesinhalt und Geiftes-
wirken feiner Perfon. Auch zwifchen feinem Kommen
in die Welt und der vorangegangenen Gefchichte läfst
fich nicht ein kaufaler, fondern nur ein teleologifcher
Entwickelungszufammenhang erkennbar machen. In Beziehung
auf die das Erfcheinen des Chriftenthums vorbereitende
Offenbarung und aut die Gefchichte des
Chriftenthums felbft übt der Verf. diefelbe Vorficht: von
der altteftamentlichen Wiffenfchaft, welcher das Forfchen
nach einem verftändlichen Entwickelungszufammenhang
unentbehrlich ift, fordert R., dafs fie die empirifche Unerklärbarkeit
der Erleuchtung der prophetifchen Perfön-
lichkeiten anerkenne. Ebenfo foll der neuteftamentlichen
Theologie, der Kirchen- und Dogmengefchichte das
Forfchen nach dem Entwickelungszufammenhang unver-
wehrt bleiben, doch ift unter den Entwickelungsfactoren
vor allen die durch die Gefchichte hindurchwirkende
Macht des Geiftes Chrifti anzuerkennen: dem chriftlichen
| Glauben wefentlich ift die Ueberzeugung von einer fort-
fchreitenden Entwickelung des Geifteswirkens Chrifti in
1 der Chriftenheit, und zwar unter Ablehnung des Gedankens
einer Perfectibilität des Chriltenthums und einer
irdifchen Vollendung des Reiches Gottes. — Sehr kurz
und allzu dürftig find die Erörterungen über die Anwendung
des Entwickelungsgedankens auf das Chriftenleben
! des Einzelnen ausgefallen. Hier verfährt der Verf. nur