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Ausgabe:

1898 Nr. 12

Spalte:

331-333

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sabatier, Paul

Titel/Untertitel:

Leben des Heiligen Franz von Assisi 1898

Rezensent:

Mueller, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 12.

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Kuppeleij mit: onkuische neigingen. Noch fchlimmer ift Honorius wirklich den Ablafs bewilligt habe, fucht dann
S. 102 in der Admonitio post indulgeutiam die Ueberfetzung die zweite Abhandlung zu führen.

von: ,Sogetaniu bihte hilfit einigeuote die ir bihte toug- Wer hätte gedacht, dafs ein ernfthafter Forfcher

liehe habent getaut unde die oucli tougelichc suntint'. P. 1 noch einmal für die Echtheit des Portiuncula-Ablaffes
überfetzt tougliclie beidemal mit ernstig. Er verwechfelt j einträte! Und doch gefchieht es nun. Sabatier erkennt
es alfo wohl mit tugentlich, während doch tauglich heim- die bisherigen Gründe der Kritik nicht mehr an und
lieh heifst. So kommt der Unfinn heraus, dafs diefe I fucht aus der Traditon der Spiritualen und des Ordens
Beichte nur für fchwere Sünden helfe: eben deshalb j überhaupt den Beweis zu führen, dafs Honorius III. in
hat wohl P. das einigenste (einzig und allein) ausge- | den erften Tagen feiner Regierung Franz wirklich jenen
laffen! So kommt es aber auch, dafs, während das For- I Ablafs gewährt und ihn erft nachträglich auf Verlangen
mular ausdrücklich nur für heimliche Beichte gelten | der Cardinäle wenigftens auf einen Tag im Jahr einge-

will und die öffentlichen Sünder ausdrücklich an die
öffentliche Bufse weift (,die aver offenlich habent ge-
suntit, die schuht oucli offenlich buzseii), P. das Formular
für die öffentliche Bufse verwerthet! Uebrigens ift die

fchränkt habe.

Die Zeugnifse, auf die fich S. beruft, find theils neu,
theils neu collationirt. Ein Theil von ihnen fteht im
Zufammenhang mit Verhältnifsen d. J. 1277; ein zweiter

Hf. erft aus dem 12. Jahrh.; ihr Inhalt kann alfo nicht flammt vom Anfang des 14 Jhs., eine dritte Gruppe aus der
wohl ohne weiteres fchon zum Ii.Jahrh. gezogen werden. Zeit um 1335 und kommt nicht mehr als Quelle für den
Ich habe mir noch weitere Dinge der Art gemerkt, j Ablafs in Betracht, fondern nur für die Gefchichte der Fixirlaffe
es aber hier genug fein. Die Arbeitsweife des Verf. i ung der Legende. Alle drei aber dienen dazu, die Angriffe

ift durch das bisherige genügend gekennzeichnet. Ich
finde an diefem erften Teil des Buches, um aufrichtig zu
fein, auch nicht das geringfte zu loben.

Der zweite Theil S. 153—245 giebt die Gefchichte

gegen die Authentie des Ablaffes durch fichere Zeugnifse
zu entkräften. Die beiden älteren Gruppen berufen fich
auf Traditionen, die auf die nächften Genoffen des h.
Franz zurückgehen. Eine Hauptautorität ift der Bruder

der Bufsbücher. P. tritt der Conftruction von Schmitz j Masseo von Marignano ("in I, 1. 3. II, 1), dann Br. Leo

entgegen und verfucht eine genaue Genealogie der Bufsbücher
aufzuftellen: auf einem grofsen Plan ift fie graphifch
veranfehaulicht. Ich getraue mir aber dermalen nicht, ein
Urtheil über die Einzelheiten abzugeben.

Breslau. K. Müller.

Sabatier, Paul, Leben des Heiligen Franz von Assisi. Deutfch
von Marg. Lico. Neue Ausg., vermehrt durch Ein

neues Kapitel aus dem Leben des hl. Franziscus J Kortona zum Mittelpunkt machen wollte. (Vgl. Sabatier 368.

(I, 2. II, 3), Zalfano (I, 4) und Aegidius (I, 5). Von ihnen
wird dasZeugnifs des Aegidius, von dem Ölivi mehrfach
andere hat erzählen hören, fchon darum auszufcheiden fein,
weil es nur über die Gnaden der Portiunculakirche im
Allgemeinen fpricht und die Vita II des Thomas von
Celano I, 12 und 13 deutlich beweift, wie die älteren
Schichten, die Genoffen des Heiligen, die ärmliche
Portiuncula als das Hauptheiligthum des Ordens der prunkvollen
Kirche von Affifi entgegenhielten, die Elias von

und eine kritifche Studie: Die Bewilligung des Portiuncula
Ablaffes. Mit 1 Bildnis. Berlin, G. Reimer, 1897.
(VI. LXVIII, 411 S.) M. 7.—

Diefe neue Ausgabe ift der alten gegenüber vermehrt
durch eine zinkographifche Wiedergabe des Bildes
Franzens nach Cimabue, eine Vorrede des Verf. zur
Ueberfetzung, fowie durch zwei Nachträge, Abhandlungen
über den Regierungsantritt Honorius III. und
die Bewilligung des Portiuncula-Ablaffes. Für die Be-
fitzer der erften Ausgabe ift der Nachtrag mit Bildnifs
apart zum Preis von M. 1.— zu beziehen.

Die Vorrede Sabatier's dankt vor allem der Ueber-
fetzerin, die fich jetzt auf dem Titel nennt. Er
charakterifirt vortrefflich ihre Leiftung: JJoeuvre de
Madame Lisco n'a gas seulement V exaetitude exterieure
cPune bonne traduetion, eile a ce que fapellerais faute de
mieux la fidelite interieure, tellement qil a bien des reprises
il me semblait qu' eile avait sous les yeux non pas le texte
francais, mais le texte que j'aurai voulu faire, que je ferai
peut-etre un jour, parce qu'il rendrait bien mieux les nuances
de pensees et de sentiment du troubadour S. Francois, un
texte provencal.

Von den beiden Nachträgen ift der erfte 1896 im
Fifchbacherifchen Verlag in Paris erfchienen, der zweite

Was S. dort weiter lagt, um die Bedeutung von P.
herabzufetzen, kann ich nicht unterfchreiben. P. ift eben
die Wiege der Stiftung, wo Franz fein Evangelium fand.
Ich kann deshalb auch in I. Thom. Cel. I, 13 gar keine
Anfpielung auf den Ablafs finden. Die gefchichtliche
Bedeutung der Kirche als folcher genügt vollkommen,
um die Vifion zu erklären).

Was aber die Zeugnifse betrifft, die auf Masseo, Leo
und Zalfano zurückgehen, fo finde ich hier fo grofse
Widerfprüche, dafs S. wohl hätte ausführen können, wie
er darüber weg komme. Nach I, 1 hat M. erzählt, Franz
habe den Ablafs für 2 Tage im Jahr erbeten und bewilligt
erhalten. Die beiden andern Zeugnifse, die auf
Masseo zurückgehen, geben nichts näheres. Dagegen hat
Br. Leo — der fich übrigens bezeichnender Weife von
den Brüdern erft fragen laffen mufs, ob der Ablafs
authentifch fei! — bezeugt, dafs der Papft den Ablafs
erft für alle Tage verliehen und ihn nur auf Andringen
der Cardinäle auf einen Tag im Jahr eingefchränkt habe.
Aber viel wichtiger ift, dafs Leo weiter erzählt haben
foll: Franz habe ihm das tieffte Stillfchweigen über diefen
Ablafs bis zu feinem (Leo's!) Tod auferlegt: ,quia non
haberet locum adhuc, quia hec indulgentia occulta-
bitur ad tempus, sed dominus trahet eam extra et
vi anifestabitur'. Alfo ein Ablafs, der als eine ganz

im felben Jahre in der Revue historique. Beide beziehen ! befondere und unerhörte Gnade für die Chriftenheit er-
fich auf den Portiuncula-Ablafs. Der erfte fchildert die beten und bewilligt wird und dann trotzdem Jahrzehnte lang
Lage, in der Franz an den neuen Papft Honorius III. verborgen bleiben foll! Dagegen will Zalfano felbft dabei
mit der Bitte um jenen Ablafs herantritt: er ift, wie wir gewefen fein, wie Franz vor 7 Bifchöfen und dem ganzen
von Thomas von Ecclefton wiffen, in Perugia am Sterbetag Volk bei der Einweihung der Portiunculakirche den
Innocenzens III. gegenwärtig gewefen und in eben den- Ablafs verkündigt habe! Franz habe noch hinzugefügt,
felben Tagen hat Jakob von Vitry feine Brüder be- er habe den Ablafs für 8 Tage gewollt, aber der Papft
obachtet und von ihrem wie der Damianiftinen (Clariffinen) habe ihn nur für einen bewilligt.

Leben und Treiben ebenfo wie von dem der Mai- Ich meine, diefe Erzählung Leo's und ihr Widerländer
Humiliaten eine höchft bedeutfame Schilderung j fpruch mit anderen läfst es mit Händen greifen, da(s
gegeben in einem Brief, den zuerft der Marquis St. [ die Legende eben erft viel fpäter aufgekommen ift. Nur
Genois in den Nouveaux Memoires de l'academie de das ift ficher, dafs fie 1277 vom Orden, zunächft von
Bruxelles, Bd 23, 29 ff., dann Röhricht 1894 in ZKG 14 den alten Schichten mit befonderer fctnergie betrieben
101 ff. herausgegeben hat. Den Nachweis, dafs damals worden ift und offenbar mit deren Bemühen im Zufam-