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Ausgabe:

1898 Nr. 12

Spalte:

324-326

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bruston, Pasteur Ed.

Titel/Untertitel:

Ignace d‘Antioche 1898

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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323

Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 12.

324

3. Die Perfon Jefu.

a) Der Herr.

b) Die Herkunft Jefu.

c) Die Präexiftenz Jefu.

Die Gemeinfchaft mit Gott in Chriftus.

1. Die Taufe der Gläubigen.

2. Das Herrnmahl.

3. Das neue Leben.

a) Als diesfeitiges.

b) Als jenfeitiges (Efchatologie).

c) Die Parufie.

d) Das Ende.

Der Verf. geht, wie man fieht, völlig neue Wege.
Die Dinge werden nicht in der Reihenfolge dargeftellt,
in welcher fie verlaufen (Sünde und Tod, Erlöfung durch
Chriftus, Aneigung der Erlöfung); fondern es wird der
Grundbegriff, welcher alles beherrfcht, an die Spitze ge-
ftellt, und von hier aus dann rückwärts und vorwärts
geblickt. Und auch innerhalb des fo gewonnenen Rahmens
ift die Anordnung eine ganz eigenartige, fo dafs
z. B. S. 49ff. vom Tode Jefu die Rede ift, aber erft
S. 66ff. von der Perfon Jefu.

Von der Behandlung im Einzelnen können hier nur
einige Proben gegeben werden. Grofses Gewicht legt
der Verf. darauf, dafs unter dem Tod, welcher die Strafe,
oder wie der Verf. wiffenfchaftlicher fich ausdrückt ,das
Korrelat' der Sünde ift, nicht der leibliche und auch nicht
der ewige Tod, fondern der geiftliche Tod zu verftehen
fei. Das wird S. 36 kurz und bündig fo bewiefen:

,Röm. 6,23: xa 7«p oxpooviu xrjq a/iagriaq d-avaxoq:
Der Sold der Sünde ift Tod. Tod in welchem Sinne?
Im leiblichen? Führt die Sünde immer den leiblichen Tod
nach fich? Dann, müfste ich wenigftens fagen, müfste ich
ihn längs erlitten haben. Und vermuthlich möchten viele
fo denken mit mir von fich. Alfo der Deutung wider-
fteht der Thatbeftand. Hätte die Sünde immer den leiblichen
Tod zur Folge, dann müfste das Menfchengefchlecht
längft ausgeftorben fein. Ewiger Tod kann der Sold der
Sünde ebenfowenig immer fein, denn dann hätte es nie
zu einer Erlöfung kommen können. Der ewige Tod
fchliefst der Natur der Sache nach die Erlöfungsmög-
lichkeit aus. Und er müfste von Alters her das Los aller
Welt gewefen fein. Es bleibt alfo hier auch nur die
Deutung des geiftlichen Todes übrig, d. h. des Zuftandes
der Scheidung von Gott'

Diefe furchtbar fchlagende Argumentation ift für den
gefunden Menfchenverftand gewifs fehr einleuchtend. Von
gleicher Kraft ift die Beweisführung in Bezug auf Gen. 2,17
(S. 56). Auch hier kann unter dem Tod, der dem Adam
angedroht wurde, nicht der phylifche Tod verftanden
werden, denn ,es ift ja Thatfache, dafs der phyfifche Tod
Adams und Evas nicht an dem Tage ihrer Sünde, fondern
erheblich fpäter eintrat'. Der Einwand, fie feien von
jenem Tage an fterblich geworden, ift ein blofser ,Noth-
behelf.

Sehr fchön ift auch die Auslegung von Rom. 5,13:
afiagxla ovx eD.oyüxai [ir] ovxoq vofiov (S. 42). Hier
kann nicht vjco xov &eov ergänzt werden; ,denn die Sint-
fluth und die Verwirrung der Sprachen, desgleichen die
paulinifche Darfteilung Rom. 1,24, lauter Strafakte aus
der gefetzlofen Zeit, beweifen dagegen. Vielmehr der
Sündigende hatte kein beftimmtes Sündenbewufstfein,
wo ihm kein direktes Verbot das Gewiffen fchärfte'. Die
philologifche Akribie diefer Erklärung von ovx eZXoyst-
xai verdient gewifs alle Anerkennung.

Mit fpielender Leichtigkeit widerlegt der Verf. S. 68
die Meinung, aus Rom. 1,3 ergebe fich, dafs Paulus die
Anfchauung von der jungfräulichen Geburt Chrifti nicht
gehabt habe. Es ift nur zu befürchten, dafs übelwollende
Kritiker dem Verf. nachfagen werde, er habe die Beweisführung
, welche er bekämpft, gar nicht verftanden.

Die Kürze, mit welcher dem Verf. die Behandlung
der fchwierigften Themata gelingt, überfteigt alles bisher

Dagewefene. Eine Darftellung der Rechtfertigungslehre
, zu welcher die Meiften viele Seiten brauchen,
weil fie diefen Punkt bei Paulus für fehr wichtig halten,
hat unfer Verf. gar nicht nöthig, da die Streiflichter,
welche in dem Eingangsabfchnitt über die ö*ixaioovvr
&eov auf diefen Punkt ganz gelegentlich fallen, genügen.
Aus dem gleichen Grunde kann auch eine Darftellung
der paulinifchen Lehre vom Gefetz, welche bei Anderen
ebenfalls viel Raum einnimmt, völlig entbehrt
werden. Die paulinifche Lehre über das neue Leben,
das in dem Gläubigen gewirkt wird, ift auf 2J/4 Seiten
behandelt (S. 88— 91), die Lehre über das jenfeitige Leben
ebenfalls auf 2>/4 Seiten (91—93).

Von gleicher Gründlichkeit wie der Haupttheil über
,die Lehre der vier paulinifchen Lehrbriefe' find auch
die folgenden Abfchnitte über die kleineren paulinifchen
Briefgruppen. ,Die Lehre der Miffionspredigt und der
Theffalonicherbriefe' wird auf 6 Seiten dargeftellt (S. 100
bis 106), wobei dem zweiten Theffalonicherbrief mit feiner
eigenartigen Efchatologie volle 1 >/2 Seiten gewidmet find.
,Die Lehre der Gefangenfchaftsbriefe* erfordert 10 Seiten
(S. 107—117), ,die Paftoralbriefe' 7 (S. 118—125). Dabei
wird uns die Unannehmlichkeit erfpart, über vielbehandelte
Stellen abermals eingehende Erörterungen
lefen zu müffen. Phil. 2 wird kaum geftreift, nirgends
erörtert. Auch über die Chriftologie des Kolofferbriefes
hat der Verf. nur wenige Zeilen nöthig, um zu zeigen,
dafs fie mit derjenigen der älteren paulinifchen Briefe
übereinftimme.

Ich breche ab; denn das Mitgetheilte wird genügen,
um zu zeigen, dafs diefe unfäglich oberflächliche Leiftung,
die uns als ein ,Beitrag zur Förderung chriftlicher
Theologie' geboten wird, mehr oder weniger weit hinter
den etwa zwei Dutzend anderen Darftellungen der paulinifchen
Theologie, die wir bereits haben, zurückbleibt.1)

Göttingen. E. Schürer.

Bruston, Pasteur Edouard, Ignace d'Antioche, ses epitres,
sa vie, sa theologie. Etüde critique suivie d'une tra-
duction annotee. Paris, G. Fifchbacher, 1897. (283 S.
gr. 8.)

Vorliegende kritifche Studie über Briefe, Leben und
Theologie des Ignatius von Antiochien bringt uns eine
Erörterung faft aller literar-kritifchen und theologifchen
Fragen, die fich neuerdings an die fieben ignatianifchen
Briefe geknüpft haben; jedoch find die Probleme nicht
alle noch einmal gründlich behandelt, fondern der Ver-
faffer ftellt in wefentlichen Punkten einfach feine Ucber-
einftimmung mit den Refultaten von Lightfoot, Zahn,
Reville u. A. fett. Zumal, was die Gefammtauffaffung der
Perfönlichkeit und der kirchlichen Gedanken des Ignatius,
als des Verfaffers der fechs kleinafiatifchen Briefe betrifft,
zeigt fich, wie fehr die Anerkennung der echten Ur-
fprünglichkeit und urchriftlichen Einfachheit der Briefe,
die fern ift von allen hierarchifch-katholifchen Tendenzen,
Gemeingut der neueren Anslegung geworden ift. Auch
in der Datirung der Briefe fchliefst fich Brufton dem Ur-
theil an, dafs fie unter Trajan gefchrieben feien; er ift
geneigt anzunehmen, dafs Ignatius bei den Thier- und
Gladiatorenkämpfen, die Trajan im Jahre 106 veranftal-
tete, den Märtyrertod in Rom erlitten hat (p. 146).

Was aber der Schrift Brufton's ihren eigenthümlichen
Charakter giebt, ift fein Verfuch nachzuweifen, dafs der
ignatianifche Römerbrief eine künftliche und gtfchmack-

i) Damit Obiges nicht übertrieben erfchcint, nenne ich hier die
Namen Ufteri, Neander, Dähne, liaur, Karl Reinh. KöftTin,
Ritfehl, Lechler, Reufs, Lutterbeck, Schmid, Mefsner, Simar,
Holilen, Weifs, Oofterzee, Sabatier, Hausrath, Pfleiderer,
Immer, Opitz, Weizfiicker, Beyfchlag, Nösgcn, Bovon, Holtz-
mann. Unter den Arbeiten diefer 25 find allerdings einige recht mangelhafte
. Aber fie find doch immer noch beffer als der neuefle .Beitrag zur
Förderung chriftlicher Theologie'.