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Ausgabe:

1898 Nr. 10

Spalte:

281-284

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kühn, E.

Titel/Untertitel:

Das christliche Gemeinschaftswesen innerhalb der evangelischen Kirchengemeinde. Innerkirchliche Evangelisation 1898

Rezensent:

Köstlin, Heinrich Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 10.

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heit die Wärme der Begeiferung, die alles, was er fagte,
durchglühte. Und diefe Begeiferung war nichts Gemachtes,
nichts für die Predigtfunde Angenommenes. Sie war
der natürliche Ausdruck feines reichen und immer in
farker Bewegung begriffenen inneren Lebens. Auch
verleitete ihn fein feuriges Temperament nicht dazu,
nur Gefühle auszuf römen oder grofse Worte zu machen.
Mit Recht fagt fein Biograph: ,üie fchwungvollen Worte
bilden den klaren Ausdruck tiefer Gedanken'. Sehr
liebt er es, in gefchichtliche Zufammenhänge blicken
zu laffen und die Entwickelung des Reiches Gottes und
der Welt in grofsen Zügen zu zeigen, aber immer fafst
er auch den Einzelnen perfönlich an, und was er bietet,
find nicht kirchengefchichtliche Excurfe, fondern auf
wirkliche Erbauung abzielende Predigtgedanken. Dafs
er den Predigtzweck fets im Auge behält, geht auch
daraus hervor, dafs das Theologifche vor dem Religiö-
fen wefentlich zurücktritt. Man fieht feine Theologie
durch feine Ausführungen durchfchimmern, aber man
hat das Gefühl, dafs er nicht feine Dogmatik an den
Mann bringen, fondern lebendigen Glauben in den
Herzen wecken und fördern will. Er hebt das religiös
Werthvolle hervor und wirkt deshalb auch auf den,
deffen dogmatifcherStandpunkt von dem feinigen abweicht.

Für alle, die Stählin gekannt, ifl die Schrift feines
Neffen um ihrer felbf wie um ihres Anhangs willen
eine dankenswerthe Gabe, die ihnen das Bild des trefflichen
Mannes in lebendiger Erinnerung fefhalten hilft,
zumal auch ein fehr gutes Portrait von ihm nach photo-
graphifcher Aufnahme aus dem Jahre 1885 beigefügt if.
Wer ihn aber nicht gekannt, dem if hier die Möglichkeit
geboten, ihn kennen zu lernen, in feinen Entwicke-
lungsgang und das Wefen feiner Perfönlichkeit einen
intereffanten und lohnenden Einblick zu thun.

Augsburg. J. Hans.

Kühn, Pfr. E., Das christliche Gemeinschaftswesen innerhalb
der evangelischen Kirchengemeinde. Innerkirchliche Evangelisation
. Nebff einem Litteratur-Anhang. Zwei Vorträge
. Hagen i. W., Buchhandlung .Immanuel' 1897.
(47 S. gr. 8.) M. -.50

Der erf e der hier vorliegenden Vorträge wurde auf
dem 28. Kongrefs für innere Miffion in Polen (25. Sept.
1895), der zweite auf der kirchlichen Konferenz der Graf-
fchaft Mark und der angrenzenden Kreife in Hagen gehalten
. Sie berühren fich beide mannigfach und bilden
eine ideale Einheit. Beide wollen zur Beantwortung der
Frage beitragen: ,Wie bekommen wir lebendige Gemeinden
?', welche durch Sulze's Anregungen überall auf die
Tagesordnung gefeilt worden if. Die Antwort geht
dahin: ,Nicht durch die Organifation als folche, nicht
durch die Organifation allein. Denn fo wichtig diefelbe
ohne Frage für den Aufbau des Gemeindeorganismus,
für den gefunden Umlauf des chriflichen Lebens in der
Gemeinde, für die ungehinderte Entfaltung und erfolgreiche
Auswirkung der feelforgerlichen Kräfte in ihr fein
mag, fo ifl fie doch nur die notwendige Vorausfetzung,
die conditio sine qua non des chriflichen Lebens in der
Gemeinde. Die Kraft, welche dafselbe erzeugt, if das
Wort Gottes, die Wirkfamkeit der Verkündigung des
Evangeliums; die Trägei des in der Gemeinde vorhandenen
chriflichen Lebens find (nicht die Einrichtungen,
fondern) diejenigen Per fönen, in welchen das Evangelium
Kraft geworden if und zu lebendiger, überzeugender
Anfchauung kommt. Lebendig if die chrifliche Gemeinde
in dem Maafse, als fie in allen ihren Einrichtungen
und Organen das Evangelium, den ganzen Heilswillen
des Herrn zur Geltung bringt, und fich als eine in allen
Stücken das Evangelium auswirkende Gemeinfchaft
von Gläubigen darfeilt und bewährt. Die Frage: ,wie
bekommen wir lebendige Gemeinden?' führt daher folge-

| richtig zu der weiteren: ,wie bringen wir es dahin, dafs
die kirchliche Rechtsgemeinde, die organifirte Pfarrgemeinde
mehr und mehr zur Seelforgergemeinde wird, fich
als wirkliche Heilsgemeinfchaft darfeilt und erweif? Die
Antwort müfste lauten: dadurch, dafs wir uns bemühen,
in den einzelnen Gliedern ein perfönliches Chrifen-
thum zu begründen und zu pflegen. Denn die Gemeinde
if lebendig in dem Maafse, als fie folche Perfönlichkeiten
in fich trägt, ,die mit Ernfl Chriflen fein wollen', und als
diefe dem Gemeindeleben das Gepräge geben (S. 1). Es
fragt fich alfo: ,Wie bringen wirs dahin, dafs wir in unfrer
Gemeinde eine möglichf grofse Anzahl chrifllieh lebendiger
Perfönlichkeiten, „Kernchrifen" (S. 18), „Chriflen
im evangelifchen Sinn", wie Rofegger fie nennt (vergl.
die Bemerkung S. 33), bekommen?' und wie machen wir
es, dafs diefe in der Gemeinde als Salz und Licht wirk-
fam werden, die geif ige Führung gewinnen, das Gemeindeleben
in befimmender Weife beeinfluffen? In diefer Folge
Rheinen uns die Fragen gefeilt werden zu müffen. Denn
erf, wenn wir über Kernchrifen, über folche .Triarier
des Glaubens' verfügen, ,welche wie Mauern flehen, wenn
fonf alles wankt'1), handelt es fich um die Frage, wie
wir denfelben den nötigen Einflufs fichern* follen, ob es
gut und zweckmäfsig fei, diefelben zu engeren Gemein-
fchaften innerhalb der Gemeinde, zu ecclesiolae in ecclesia
förmlich zu organifiren, oder ob es beffer fei, die freie
fpontane Bildung folcher engerer Gemeinfchaftskreife dem

I chriflichen Gemeinfchaftstrieb felbf zu überladen; im
letzteren Falle, welche Stellung der Geiflliche als der
Seelforger der ganzen Gemeinde zu folchen engeren
Kreifen einzunehmen habe, damit fie auf die Gemeinde
belebend und fegensreich einwirken.

Wir beginnen daher mit dem zweiten Vortrag.
Um in die Gemeinde Leben zu bringen, oder, was
dem Verf. daffelbe if, um erweckte Perfönlichkeiten
zu gewinnen, erfcheint demfelben als zweckdienliches
Mittel die Einrichtung einer ,innerkirchlichen Evangelifa-
tion'. Da das Wort in verfchiedenem, bald weiterem,
bald engerem Sinne gebraucht wird, fchickt er eine genaue
Definition voraus. .Unter Evangelifation verflehen
wir eine auf geiflliche Erweckung unferer heimifchen
evangelifchen Gemeinden abzielende, nicht vom ordentlichen
Pfarramt, fondern von aufserordentlichen,für diefen
Auftrag befonders erfehenen Sendboten auszuführende
Verkündigung des Evangeliums'. Darnach würde fich
die Evangelifation in diefem engeren, — dürfen wir fagen
.empirifch geprägten'? — Sinne von der Wortverkündigung
des ordentlichen Seelforgers der Gemeinde, die ja
nach Zweck und Inhalt auch evangelisatio if, dadurch
unterfcheiden, dafs fie

1. eine aufserordentliche, alfo (wie wir wohl aus dem
übrigen Inhalt des Vortrags unterfeilen dürfen) an den
Ort und an die Form der ordentlichen Evangeliumsver-

I kündigung (Kirche und Gottesdienf Ordnung) nicht gebundene
Verkündigung if.

2. dafs fie Einen der Zwecke, welche die ordentliche
Predigt verfolgt, die Erweckung, zum Hauptzweck
macht;

alfo durch den miffionarifchen und durch den erweck-
lichen Charakter der Verkündigung.

Was dem Verf. nothwendig erfcheint, um in die
Kirchengemeinden Leben zu bringen, das if fomit ,eine
I umfaffende Organifirung folcher Erweckungsarbeit für
die ganze evangelifche Kirche', (zunächf für die preu-
fsifche), wie fie der Prediger Elias Schrenk vertritt (S. 28).

Nothwendig erfcheint ihm diefelbe, damit wir über
das blofs traditionelle Chriflentum hinaus zu einem felbfl-
| bewufsten, felbfgewollten, innerlich lebendigen Chriflen-
thum in unferen Gemeinden kommen.

Nothwendig erfcheint fie ihm nicht blofs für den

1) F. Naumann, Die Mithilfe der Kirchengemeinde zur Löfung der
fozialen Frage. Karlsruhe, Ev. Schriftenverein. S. 9.