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Ausgabe:

1898

Spalte:

9-12

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Karl, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Beiträge zum Verständnis der soteriologischen Erfahrungen und Spekulationen des Apostels Paulus 1898

Rezensent:

Deissmann, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 1.

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berichtet. Referent kann fich hier kurz faffen, da das Verkehrs zwifchen zwei füddeutfchen Pfarrern ift fie
dort gefällte Urtheil auch für den zweiten Theil voll- dankenswerth, aber auch durch ihre Frageftellung und
kommen zutrifft. St. hat fich auf feine Weife mit grofser '< Methode. Sie ,fucht die paulinifche Soteriologie von ei-
Hingebung und Liebe in die Schrift hineingelefen, und nem neuen Angriffspunkt aus zu bewältigen' (S. VII).
die Schrift weifs ihm dafür mancherlei zu erzählen, was I Dieler Punkt ift der pneumatifche Chriftus. Karl hält
kein anderer Menfch in ihr findet. In dem Werden der 1 die .Erfahrung' der .Einwohnung des Pneuma-Chriftus'
Dino-e fieht er überall Typen und Weissagungen und in für das Centrum des Paulus-Chriftenthums, und von hier
dem5 hebr. Ausdruck von Ex. 3826 findet er fogar einen aus fucht er den Apoftel zu verliehen. Wie er dies an-
Klang, der auf Golgatha hinweift. Er verfteht fich aufs Hellt, ergiebt fich fchon aus dem originellen Titel. ,Er-
Spüren und Combiniren wie feiten einer und kommt da- fahrungen' will er reproduciren, allerdings auch ,Specu-
rin den fubjectivften Kritikern mindeftens gleich. So weifs ( lationen'; aber die .Erfahrungen' find ihm die Hauptfache:
er uns mit wachfender Gewifsheit plaufibel zu machen, Paulus wird auf fein innerliches religiöfes Leben hin an-
dafs Mofes bei Reghuel in der Geifteseinfalt eines priefter- ; gefehen. Seine Haupterfahrungen find nach Karl die
liehen Haufes, das er fich wie ein evangelifches Pfarrhaus folgenden.

auf dem Lande vorzuftellen fcheint, den erften Entwurf i In dem Chriften wohnen zwei Geiftwefen, das Pneu-
zum Buche Hiob gefchrieben habe. Dafs der Exodus von j ma Gottes und der auferftandene Chriftus (S. 6). Aber
Mofes flammt, ift ihm bis auf das Stück Ex. 3821—31, in : beide find nicht von einander zu trennen; der Herr ift
dem er eine von Ithamar aufgeftellte und von Mofes , der Geift. Ev Xqiotcö wie lv Jtvtvftari heifst,in der Kraftin
feine Acten aufgenommene Kirchrechnung fieht, ganz fphäre des innewohnenden Pneuma-Chriftus' (S. 10). Eine
felbftverftändlich. Denn wenn Mofes nicht der Verfaffer .äufsere' Folge diefer Einwohnung ift die für das Heil
wäre, fo verdienten die darin enthaltenen Berichte keinen werthlofe Ekftafe (S. 13). Werthvoll find die .innerlichen"
Glauben; nun machen aber die Berichte den Eindruck Folgen. Zunächft die ethifchen. Die ethifchen Eigen-

gröfster Glaubwürdigkeit und des Selbfterlebten, darum
mufs Mofes der Verfaffer fein. Jeder concrete Zug der
Erzählung ift ihm Beweis dafür. So fagt er S.26: .Hinter

fchaften des innewohnenden Pneuma-Chriftus wohnen in
dem Chriften (S. 13 f.), aber nicht etwa vereinzelt; eine
vollkommene ethifche Erneuerung ift mit dem Chriften

die Wüste trieb Mofes die Schafe. Das ift einer jener ; vorgegangen, — ein Satz, der ja nicht abgefchwächt
Ausdrücke, die die Abfaffung des Berichtes durch Mofe j werden darf (S. 17): ein Chrift kann nicht mehr fündigen
auf das beftimmtefte beweifen. Wer könnte fo erzählen, | (S. 14). Die offenbaren Thatfachen des Lebens, die diefer
ohne die Landfchaft füdlich vom Sinai betreten zu haben?' Gewifsheit widerfprechen, find dem Apoftel das Räthfel
Diefe Beweisführung ift typifch für das ganze Buch. ! aller Räthfel; rathlos fleht er vor ihnen mit dem ver-
Widerfprüche der Darftellung exiftiren für den Verfaffer j zweifelten t] tr/votlre oder ovx oUate; (S. 16). Die ethi-
nicht. Lücken und Unebenheiten find ihm grade ein Be- fchen Gaben haben im Gegenfatz zur Ekftafe allen Heils-
weis für die Autorfchaft des Mofes, der in der .Schule werth. Sie allein beliehen vor Gottes Urtheil, fie find
der Erzväter und ihrer Documente eine weife Zurück- vollftändig gegeben, weil unentbehrlich; fie ftellen die
Haltung und das Verfchweigen folcher Umftände gelernt
hat, die für das Reich Gottes keine Bedeutung hatten'
(S. 46). Ref. will gern glauben, dafs manche einfältige
Chriftenfeele an den zwar phantaftifchen aber zuweilen
auch recht finnigen Betrachtungen des Verf. ihre Erbauung
finden kann, und er würde kein Wort gegen den
Verf. fagen, hätte er fein Buch lediglich zu diefem Zwecke
ausgehen laffen. Aber als .Studien', die in die wiffen-
fchaftliche Discuffion über den Pent. eingreifen wollen,
find fie nicht ernft zu nehmen. Sehr zu bedauern in des

eigenfte Wirkung Chrifti dar (S. 22—29). Die religiöfe
Folge der Einwohnung des Pneuma-Chriftus ift die Recht-
befchaffenheit vor Gott, die dixcuoovvr], d. h. ,die ethifche
Erneuerung nach ihrem religiöfen Werth, nachdem Werth,
den fie vor Gott hat' (S. 30). Dafs die öixaioavi>/j auch
als Folge der nioxiq erfahren wird, widerfpricht dem
nicht; denn jtiaxiq ift ,nur eine andere Bezeichnung' ,für
Pneumaempfang und deffen ethifche Folgen, die Erneuerung
' (S. 33 ff). Die utioxiq ift ein Theil der Wirkungen
des Einwohnens Chrifti (S. 36). Nur diefe richtig ver-
Verfaffers eigenem Intereffe find die blinden Ausfälle auf I ftandene pneumatifch gewirkte jtiöxiq ftellt einen reinen
die wiffenfehaftliche Theologie. Wenn der Verf. gefleht, 1 Gegenfatz zu jeglichem menfehlichen Thun dar (S. 42).
dafs weder die fprachlichen noch hiftorifchen noch S Die Gedanken über den Glauben Abrahams können diefe
archäologifchen Gründe der theologifchen Wiffenfchaft auf Auffaffung nicht alteriren (S. 46ff.). Welche Bedeutung
ihn einen Eindruck machen, fo ift das ganz feine Sache, nun bei Paulus der Tod Chrifti für die Sündenvergebung
um derentwillen Niemand mit ihm rechten wird; wenn hat, wird erft verftanden, wenn man einige feiner
er aber (S. 31.) zu verftehen giebt, dafs diefe Gründe .anthropologifchen' Vorftellungen begriffen hat. Die fün-
auch für die wiffenfehaftlichen Theologen am letzten Ende dige Anlage hat im Menfchen ein Uebergewicht über
nicht ausfchlaggebend feien, dafs diefe vielmehr den Pent. j den vovq, die Anlage zum Guten (S. 54—60). Paulus hat
dem Mofes nur zu dem Ende abfprechen, um dem einen j die fündige Anlage begründet durch Betonung des Ge-
grofsen Manne nicht in's Angefleht fehen zu müffen, j genfatzes zwifchen Fleifch und Geift. Diefe .metaphy-
und wenn er fie (S. 6) der öffentlichen Täufchung be- fifche' Lehre (S. 6off.) ift die des volksthümlichen
zichtigt, fo ift das eine fo unerhörte Infinuation, dafs j Bewufstfeins aller Zeiten (S. 63). Doch liegt die odo£-

Lehre nicht innerhalb der Heilserfahrungen des Apo-
ftels; nicht dafs die Sündigkeit als Anlage vorhanden
ift, fondern dafs fie als alles beftimmende Macht vorhanden
ift, ift für ihn von religiöfer Wichtigkeit. Die
Wirkung des Todes Chrifti ift unfere ethifche Erneuerung
Karl, Pfr. Wilhelm, Beiträge zum Verständnis der soteriologi- (S. 70). Das nothwendige Mittelglied ift die Auferftehung.
sehen Erfahrungen und Spekulationen des Apostels Paulus. lod u^d Auferftehung Chrifti find gleichberechtigte
Eine theologifche Studie. Strassburg, J. H. E. Heitz, F5#?& des Heilslebens, durch beide wird der Chrift

,8nfi (VII 116 S er 81 M 3 - uhlfch- *Fneuert- Aber die neue ethifche Befchaffenheit

1896. (VII, HO ö. gr. ö.) m. 3. | brmgt Jhn auch in ejn neues Verhältnifs zu Gott ■ jn

Der Verfaffer ift evangelifcher Pfarrer zu Sand und i der Erneuerung des ganzen Menfchen vollzieht fich die
hat die Arbeit feinem Freunde Friedrich Iffel, Pfarrer zu | Vergebung der Sünden (S. 71). Das Heilsleben bildet
Betberg, gewidmet. Beide, der Dedicant und der Be- j eine Einheit. Es befteht nicht zuerft in der Vergebung
fchenkte, können fich der Gabe freuen. Aber auch wer j dann in der nachfolgenden Erneuerung, fondern" in der
fonft immer die Studie durchnimmt, wird etwas von ihr Erneuerung wird die Vergebung erlebt (S. 71). Infofern
haben. Schon als Zeugnifs des frifchen wiffenfehaftlichen | als der Tod Chrifti die unerläfsliche Bedingung der Auf-

Ref. nicht weifs, wie St. fie vor Gott und feinem Ge
wiffen verantworten will.

B. Baentfch.

J ena.