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Ausgabe:

1898 Nr. 10

Spalte:

278-279

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nessler, Carl

Titel/Untertitel:

Festschrift zur 300jährigen Jubelfeier der wallonischen Gemeinde zu Hanau 1898

Rezensent:

Simons, Eduard

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 10.

ifctie oder abendländifche Einflüffe die Vorftellung zurückzuführen
. Hesseling weift nach, dafs diefe Erklärungs-
verfuche zu einfeitig find, um zu genügen. Er will die
Darftellung von dem furclitbaren Todesgott auf eine
dreifache Wurzel zurückführen, zuerft auf ein uraltes
heidnifches Element. Hier ift es namentlich die Erinnerung
an den Hades als Todesgott, die eingewirkt und
fich mancherlei Ausdruck gegeben hat. Sodann ift die
Bibel mit ihrer Sprache und ihren Bildern, z. B. den
apokalyptifchen Reitern zu Hülfe gekommen. Endlich
ift nicht zu verkennen, dafs der Gedankenkreis der
abendländifchen Todtentänze durch die Vermittelung j
italienifcher ähnlicher Bildungen bei den Griechen Eingang
gefunden hat. So weit ich das reiche von dem Ver-
faffer beigebrachte Material beurtheilen kann, ift mirdiefer
Erklärungsverfuch fehr einleuchtend. Ich möchte als Begründung
einen allgemeinen Gedanken hinzufügen. Auf
dem gefammten Gebiet der religiüs-fittlichen Vorftellungen
der Neugriechen, wo nicht die überlieferte kirchliche Dog-
matik ein für alle Male unüberfchreitbare Normen ge-
fchaffen hat, ift zur Erklärung auf die drei von dem
Verfaffer genannten Erklärungsgründe zurückzugreifen, i
Die Einflüffe des claffifchen Heidenthums, der Bibel und
des Abendlandes find die drei Reihen, die theils verbunden
, theils unverbunden nebeneinander hergehen,
wobei nicht in Abrede genommen werden foll, dafs in
einzelnen Fällen, fo viel ich fehe, aber feiten, auch die
nahen Vorftellungen des Islam eingewirkt haben.

Am Ende der Schrift giebt der Verfaffer aus felte-
nem Druck oder Handfchrift 3 kleine volksgiiechifche
Stücke heraus, die fich auf den Charon beziehen.
Hannover. Ph. Meyer.

Kaemmel, Otto, Christian Weise, ein fächfifcher Gymnafial-
rektor aus der Reformzeit des 17. Jahrhunderts. (Der
XLIV. Verfammlung deutfeher Philologen und Schulmänner
zu Dresden gewidmet von den höheren Schulen
Sachfens.) Leipzig, B. G. Teubner, 1897. (IV,
85 S. gr. 8.) M. 2.80

Bis vor wenigen Jahren wurde der Name Chriftian
Weife's vorwiegend nur als der eines überaus fruchtbaren
Dichters des 17. Jahrhunderts genannt. Wie wenig er
von den fuhrenden Geiftern unter den Litteraturhifto- l
rikern gefchätzt wurde, ergiebt fich daraus, dafs er in
diefen Kreifen die Cenfur .Wafferdichtei' erhalten hat.
Neuerdings ift aber mit Recht darauf hingewiefen worden,
dafs feine dichterifche Bedeutung von feiner pädagogi-
fchen überragt wird. Schon Hermann Palm hatte auf
die letztere in feiner Biographie Weife's 1854 aufmerk-
fam gemacht; Heinrich Julius Kämmel hatte in der
gleichen Richtung weiteres Beweismaterial in feiner Feft-
fchrift für das Zittauer Gymnalium 1871 gebracht. Eingehendere
Unterfuchungen über diefen Gegenftand waren
dann 1895 von Max Wünfchmann in feinen ,Beiträgen j
... für eine Würdigung der Stellung Chrift. VV.'s zu den
pädagog. Theoretikern . . . des 17. Jahrh.' angeftellt. Der |
dort angelegte Faden der P'orfchung wird in der vorliegenden
Feftfchrift von Otto Kämmel, dem Sohne des
oben genannten Heinr. Julius K., fortgefponnen. Eine
genauere Inhaltsangabe diefer fehr verdienftvollen Arbeit
würde aufserhalb des Rahmens diefer Zeitfchrift fallen.
Ich befchränke mich daher auf die Mittheilung, dafs der
Verf. in anfehaulicher Weife darflellt, wie Chr. Weife als
Profeffor am Gyvinasium illustre zu Weifsenfeis und als
Rector der Schule zu Zittau zielbewufst für die Reformen
des Schulwefens eingetreten ift, welche damals von den
Koryphäen der pädagogifchen Theorie und Praxis gefordert
wurden. Beweis dafür find fchon allein die Titel
der folgenden Schriften, welche er in Weifsenfeis ver-
fafste; der kluge Hofmeifter 1675; Curieufe Gedanken
von den Nouvellen oder Zeitungen 1696; der politifche

Redner 1676; der politifche Näfcher 1676. Mehr noch
beweift es der Geilt, in welchem er Unterricht und Erziehung
betrieben wiffen will und in welchem er die ihm
unterftellte Schule zu Zittau organifirt. Er will nicht
Römer und Griechen erziehen, fondern Menfchen, die
den Aufgaben der Gegenwart gewachfen find. Er will
feine Schüler nicht, wie die Humanilten altern Datums,
zur Eloquenz führen, fondern fie planmäfsig zur „deut-
fchen Oratorie" vorbereiten. Wegen diefer feiner Be-
ftrebungen verdient Chr. Weife entfehieden Beachtung
in der Gefchichte der Pädagogik. Es ilt mit Dank anzuerkennen
, dafs der Verf. uns durch feine Schrift ermöglicht
hat, unfere Kenntnifse von den einfehläglichen
Beftrebungen des 17. Jahrhundert zu erweitern und zu
vervollltändigen.

Göttingen. K. Knoke.

Wessel, Pfr. Arthur, Festschrift zur 300jährigen Jubelfeier
der niederländisch-reformierten Gemeinde zu Hanau 1. Juni
1897. Hanau 1897 (51 S. 4.)

Nessler, Pfr. Carl, Festschrift zur 300jährigen Jubelfeier der
wallonischen Gemeinde zu Hanau, im Auftrage des
grofsen Confiltoriums verfafst. Mit 25 Lichtdrucktafeln
, 2 Autotypien und 2 Zinkätzungen. Hanau
1897. (VIII, 123 S. 4. m. 25 Tafeln).

Die beiden Feltfchriften zur Dreihundertjahrfeier der
Hanauer Flüchtlingsgemeinden find nicht nur an Umfang
von einander verfchieden. In derjenigen der nieder-
ländifchen Gemeinde nimmt'die Vorgefchichte, die weiter
als der 1. Abfchnitt reicht, einen im Verhältnifs zum
Ganzen zu breiten Raum ein. Hier follte bei den Auszügen
aus Dalton's Johannes a Lasco, was wörtlich herübergenommen
ilt, auch als folches gekennzeichnet fein.
Vom 3. Abfchnitt an wird erzählt, wie die nach Frankfurt
geflüchteten Niederländer und Wallonen, nachdem
ihnen der Rath zum zweiten Mal die öffentliche Ausübung
des Gottesdienftes unterfagt hatte, vom Grafen
Philipp Ludwig II. von I Ianau-Münzenberg in fein Gebiet
aufgenommen wurden, auf Grund der Kapitulation'
vom 1. Juni 1597 die Stadt Neu-Hanau mit ihrem merk-
würdigften Bauwerk, der Kirche, erbauten und die beiden
Gemeinden gründeten, die noch heute beliehen. Auf
die Schilderung des eigentlichen Gcmeindelebens war
ich befonders gefpannt; grofse Aehnlichkeit mit demjenigen
der Flüchtlingsgemcinden am Niederrhein war zu
erwarten. Aber den Verfaffer eine Anzahl von
Zügen aus meiner Schrift ,Eine altkölnifche Seelforge-
gemeinde als Vorbild für die Gegenwart' zuammcnftellen
zu fehen, wörtlich, doch ohne irgend einen Hinweis auf
ihre Herkunft herübergenommene, ohne einen Nachweis,
dafs, was für Köln das Ergebnifs genauer Detailunter-
fuchung war, fo ohne weiteres auch für Hanau gelten
kann, war überrafchend. Was noch folgt, betrifft die
Reihe der Prediger und die ehemalige Holländifche
Schule. Dafs der Druck in lauter kleinen Abfchnitten,
die oft nur aus Einem Satz beliehen, ein vortheilhaftes
Ausfehen bewirke, läfst fich nicht behaupten.

Von ganz anderem Gepräge ift die Nefsler'fche Feft-
fchrift. Beruhend auf forgfältigen Studien und z. T.
felbflftändigen Forfchungen, hat fie ein reiches Material
zu anziehenden Schilderungen verarbeitet. Dafs da und
dort Kleinigkeiten zu verbeffern find, wie die zu allgemein
gefafste Angabe über das Rechnen nach dem alten
Stil S. 9, Anm. 2, oder die Namen der Gemeinden im
Clevifchen, S. 26 (Hocken in Goch, Gennes in Gennep),
hebt den Eindruck der Zuverläffigkeit, den das Ganze
macht, nicht auf. Einiges, das in einer ftreng wiffen-
fchaftlichen Arbeit fehlen würde, ift in einer in erfter
Linie für die Gemeindeglieder beftimmten Darftellung
wohl am Platz. Vieles aber ift nicht nur für diefe, fon-