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Ausgabe:

1898 Nr. 9

Spalte:

252-259

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harnack, Adolf

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der Dogmengeschichte. 3. Bd.: Die Entwickelung des kirchlichen Dogmas II. III. Register zu den drei Bänden. 3., verb. u. verm. Aufl 1898

Rezensent:

Hegler, A.

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 9.

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So wird z. B. S. 41 aus Pilichdorf, Eberhard und einem
Stück bei Döllinger bewiefen, dafs die Waldenfer die
Zehnten und andere kirchliche Abgaben nicht entrichtet
haben. Es bleibe unverftändlich, wie ich angeüchts diefer
Zeugnifse von diefer Thatfache keine Spur finden wolle.
Verf.hat nur vergeffen zu fagen,dafs feine Quellen durchweg
— aufser Eberhard, der bei folchen Dingen gar nichts
beweifen kann — aut lombardifch deutfches Gebiet und
auf die Katharer weifen. Von den Lombarden aber
habe ich S. 110 gerade das behauptet, was ich von den
Franzofen leugnen mufste und was nun der Verf. entdeckt
hat. Nach demfelben Recept find feine weiteren
Entdeckungen gearbeitet. Der ,Fortfchritt' im Abfall,
der S. 42 ff. in der Sacramentslehre feftgeftellt wird, beruht
darauf, dafs für die ältere Zeit franzöfifche, für die
jüngere lombardifch-deutfche Quellen citirt und diejenigen
von ihnen übergangen werden, die für die ältere
Zeit diefes Gebiets diefelbe Auffaffung erweifen. S. 65
wird meine Behauptung, dafs wir über die Stellung der
Waldenfer — der Satz fleht in dem Abfchnitt, der von
den Franzofen handelt, —■ zu den Heiligen kaum etwas
erfahren, für unrichtig erklärt und aus Pilichdorf und andern
Zeugnifsen, die der Verf. übrigens, wie das Citat zeigt,
zum Theil nicht felbft aufgefchlagen hat, nachgewiefen,
dafs die Waldenfer die Heiligenverehrung fchroffi verworfen
haben. Wiederum hat er nur vergeffen, dafs alle
diefe Quellen (mit einer Ausnahme, die diefen Punkt als
einen Geheimartikel der Waldenfer bezeichnet!) aus
lombardifch-deutfchem Gebiet ftammen, dafs ich S. 113 f.
für diefes Gebiet zum Theil mit denfelben Quellen das-
felbe nachgewiefen habe. Ich möchte alfo dem Verf.
rathen, dafs er ein andermal etwas weniger fummarifch
verfahre und fich die Dinge etwas genauer anfehe. Vielleicht
fiele dann auch der Hieb weg, den er Preger
S. 19 f. ertheilt, der auf Grund einer allerdings leicht I
irrthümlich zu verftehenden Notiz' die falfche üatirung ]
der Pilichdorf'fchen Schrift Gretsern zur Laft legt, ,um J
feinen eigenen Scharffinn auf Koften G's beffer bekunden
zu können'!

Auch die Citate des Verfs. find zum Theil merkwürdig
. Dafs er einigemal das, was er ganz oder faft
wörtlich aus andern Brofchüren entlehnt, auf eigene
Rechnung nimmt (z. B. S. 32 Anm. 2), will ich bei feiner
Arbeitsweife nicht hoch anfchlagen. Aber was foll man
machen mit Citaten wie ,Fabriccius Bib. m. a. XVl oder
,Fabriccius, biblioth. bat. med. aevi (Flor. 1858)', ,Dupin,
,nouvelle bibliotlicque 1697, tont. 9' (immer ohne Seitenzahl),
,Kaiferl. Biblioth. Paris. Collectio occitanica t. VII. fol.
192 sqq.' (flammt aus dem Urkundenbuch Döllinger's S. 1)
,Aktenftücke der hift. Zeitfchr. 1852 S. 253' (gemeint ift
die Zeitfchr. f. hift. Theol.) .Luthers Werke X. Bd. p. 1396'
u. f. w. u. f. w.?

Dafs der Verf. auch katharifche Quellen für die
Waldenfer benutzt, ift fchon gefagt. Aber der Vorbehalt,
den er bei Ermengard wenigstens mehrmals macht (f. o.),
fällt weg, wenn er für die waldenfifche Bufspraxis die
Schilderungen des katharifchen Confolamentum benutzt!!
(S. 58 und 70.)

Die Reformation ift dem Verf. kurz und bündig die
Härefie des 16. Jahrhs., der Proteflantismus ,die chrift-
lichen Secten' der Gegenwart: nicht die attritio, wohl
aber die sola-fides-Doctr'm (ihre Darftellung im Schlufs-
abfehnitt S. 74 ff. ift claffifch) ift mit ,Galgenreue' vereinbar
; daher ift es nicht verwunderlich, fondern dem
Verf. ,bekannt', ,wie gerade die Reformatoren mit grofsem
Eifer ihre dogmatifchen Neuerungen durch den Hinweis
auf die Waldenferlehre zu flützen fuchten, felbft auf
Koften der hiftorifchen Wahrheit'. Diefen Satz ,ftützt'
der Verf. auf ,Dieckhoff, d. W., S. 2P und was fteht dort?
(Wenn Gefchichtsfchreiber [der Waldenfer] wie Perrin,
Leger u. a. die wefentliche Einheit des früheren Lehrbegriffs
der Sekte mit der Lehre der Reformatoren durch
anerkennende Urteile der Reformatoren felbft zu ftützen

fuchten, fo machen fie fich infofern einer Verwirrung
der Sachlage fchuldig, als fie überfehen und überfehen
laffen, dafs jene Anerkennung den Waldenfern gezollt
wird, die fich willig der Belehrung der Reformatoren
hergegeben haben'. Das heifst man feine Quellen benutzen!
Der Verf. ift, um dies noch zu fagen, ,geiftlicher Lehrer
am grofsherzoglichen Gymnafium zu Baden-Baden'. Er
hat fein Werk ,dedie a Mr. Ic baron Pron de Sie Rade-
gonde, docteur en droit, ojficier de l'Instruction publique de
France, dernier pr efet francais de Strasbourg' u.f. w.!

Breslau. K. Müller.

Harnack, Dr. Adolf, Lehrbuch der Dogmengeschichte. 3. Bd.

Die Entwickelung des kirchlichen Dogmas II. III.
Regifter zu den drei Bänden. 3. verb. u. verm. Aufl.
(Sammlung theolog. Lehrbücher.) Freiburg, J. C. B.
Mohr, 1897. (XXII, 840 S. gr. 8.)

M. 18.— ; geb. M. 20.50

Dafs trotz der grofsen Auflage, in welcher der 3. Bd.
von Harnack's Dogmengefchichte in der 1. und 2., 1889
erfchienenen Ausgabe gedruckt war, nach einer fo kurzen
Zeit eine neue Auflage nothwendig geworden ift, die jetzt
als 3. A. erfchienen ift, ift ein erfreuliches Zeichen dafür,
wie rafch fich auch diefer Schlufsband des grofsen Werkes
eingebürgert hat. Der Umfang ift um 50 Seiten ge-
wachfen, eine Vermehrung, die faft durchweg nicht auf
den Text, fondern auf die Anmerkungen entfällt. Durch
das ganze Buch hindurch finden fich einzelne kleine Veränderungen
im Ausdruck, meift genauere Beftimmungen,
Zufätze, z. Th. auch Milderungen. Auch das Regifter
für alle drei Bände ift revidirt und vermehrt und zugleich
fo eingerichtet, dafs es auch für die älteren Ausgaben
zu benützen ift. Im Text ift nur Weniges und meift
Geringfügiges geändert.

Längere werthvolle Auseinanderfetzungen finden fich in den Anm.,
z. T. Verhandlungen über die Ergebnifse der inzwifchen erfchienenen
Monographien, z. T. Abwehr einzelner Ausflellungen. Mit Loofs (H22,
196*, 2791, 6111), mit Seeberg (1663, 1691, 2402j, mit Karl Müller (3011,
502», 5213, 522 1. 2), mit Cremer (3572), Sabatier (380 , 3841, 3871. 2),
Finke (4142, 4173, 528f. A.), Sohm (745A.), mit Dilthey (461 A., 6071.
613 f. A., 6902, 753', 7571, 7861, 809' f. a. den Text 600, 749, 752 f.)
u. A. fetzt fich H. hier auseinander.

Es fei geblattet, wenigftens einem in diefen Controverfen berührten
Punkt einige Worte beizufügen. Nachdem, wie auch H. anerkennt, durch
Burn und jetzt vollends in entfeheidender Weife durch Loofs (RE3 II 186)
die äufseren Argumente für eine Zufammenfetzung des Atha na Hanums
aus zwei verfchiedenen Beftandtheilen, einem trinitarifchen und einem
! chriflologifchen, widerlegt worden find, werden die inneren Gründe für
I die Zweiquellentheorie, auf die fich H. 279 A. 1 nützt, wohl kaum ausreichen
. Die Merkmale, die H. als dem 2. Theil charakteriftifch heraus-
' (teilt, nöthigen insgefammt nicht, die Abfaffung diefes 2. Theiles einem
anderen Zeitraum zuzuweifen, als dem, welchen Loofs für die Ausbildung
des Ganzen offen läfst, c. 450—600. Noch weniger läfst fich aus der
Compofition die Zufammenfetzung aus 2 urfprünglich getrennten Theilen
erfchliefsen. Den minimalen Differenzen im Sprachgebrauch, die H. beobachtet
, fteht die ähnliche pointirte und rythmifirte Art des Ausdrucks gegenüber
, die in beiden Theilen gleichmäfsig ift. Dafs die Erklärung der fides
trinitath mit der der fides incarnationis verbunden wird, liegt feit den chrifto-
logifchen Streitigkeiten, fpeciell durch die Art, wie das Symbol seit Auguftin
in trinitarifcher und chriftologifcher Richtung erläutert wird, durch die Verbindung
von ,fides trinitatis' und ,fides incarnationis' bei den füdgallifchen
Theologen, wie Vincenz, durch die Analogie mancher dem Quicunque verwandter
Glaubensbekenntnifse (z. B. Toledo 633 und die fides Romanorum
) fo nahe, dafs die Ifolirung der Trinitätslehre viel mehr auffallen
würde, als ihre Verbindung mit der Chriftologie. Auch die Thatfache,
dafs fich im pfeudoauguftinifchen sermo 244 nicht blofs zum 1.,
fondern auch zum 2. Theil des Ath. Parallelen finden, ift H.'s Hypothefe
wenig günftig. Dagegen fcheint mir H. in einem andern nur angedeuteten
Controverspunkt gegen Loofs im Recht zu fein, in dem Zweifel an der
Entftehung des Quicunque aus einem sermo de symbolo. Zum minderten
dürfte die Frage noch offen fein, ob das im cod. Paris. 3836 erhaltene
Fragment aus dem cod. Trevirensis, wie Loofs annimmt, ein Stück aus
einer Predigt bildet, die eine frühere Phafe in der Bildungsgefchichte
des Quicunque bedeutet. Denn der entfeheidende Beweis, dafs im Schlufs-
fatz des Fragments unter der fides nicht, wie in Quicunque die Expo fition,
fondern das Symbol felbft zu verftehen fei, ift nicht unanfechtbar, fofern
es doch an nächften liegt, die ,fides' in diefem Schlufsfatz nicht nach
dem eingefügtem ,secundum fidetn nosiram', fondern nach dem den