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1898 Nr. 9

Spalte:

238-243

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Theologische Studien. Bernhard Weiss zu seinem 70. Geburtstage dargebracht 1898

Rezensent:

Clemen, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 9.

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Die Einheit des literarifchen Charakters von Evg.
und Act. wird durch Ermittelung der lexikalifchen, gram-
matifchen und ftiliftifchen Uebereinftimmungen erwiefen,
die, wenn auch in verfchiedener, durch das Wefen der
Stoffe bedingter Abffufung, beiden Schriften die Sprachfarbe
geben (S. 14—36). Die allgemeineren Erörterungen
erhalten in einem Anhang (S. 39—47) weitere Ausführungen
und Belege. Die gleichartige Stoffgruppirung j
beider Schriften wird fodann mit Rückficht auf die Methode
der claffifchen Gefchichtsfchreibung beleuchtet
(S. 29—37). Befonders fcharf tritt die Selbftändigkeit
und Eigenart des Lukas bei dem Vergleich mit Paulus
hervor. Trotz ihrer Congenialität zeigt des Lukas theologifche
Ausdrucksweife etwas Flüffiges, Freibewegliches,
was von der Sicherheit, mit der er weltliche Ausdrücke j
aller Art braucht, abflacht. So fehlen ihm die meiften '
Paulinifchen Stichworte. Ueberhaupt liegt feine Stärke
,in der Plaflik, nicht in der Draftik'. Ob fleh directe Abhängigkeit
von griechifchen Autoren, namentlich von
Jofephus, erweifen läfst, bleibt dahingeftellt. Auch die
von Lagarde mit fo grofser Beftimmtheit behauptete
Abhängigkeit von dem kilikifchen Arzt Dioskorides wird
als offene Frage behandelt. Beides, wie ich glaube, mit
Recht. Wenn fleh auch die Verwandtfchaft mit Jofephus
nicht durchweg aus der gemeinfamen Beziehung auf die
LXX erklären'läfst, fo dürften doch die bisher beigebrachten
Beweisftücke für den Nachweis einer literarifchen
Benutzung diefes Schriftftellers durch Lukas
nicht ausreichen. Die Knappheit aber der Lukasprologe
flicht von dem Wortreichthum des Dioskorides ebenfo
ab, wie von der gefinnungsvollen Umftändlichkeit der
Prologe des Polybius, Diodorus Siculus, Dionyfius von
Halik., mit denen allen Lukas fowohl in gewiffen Stichworten
als auch in den methodifchen Gefichtspunkten fich
verwandt zeigt.

Für feine Unterfuchungen hat Vogel den Text Theile's
zu Grunde gelegt. Dadurch hat er fich manche Bereicherungen
entgehen laffen, welche die als forma
Romana von Blafs bezeichnete Textform darbietet. Die-
felben beftätigen, foviel ich fehe, Vogel's Gefichtspunkte.
So bietet Cod. Paris. 321 z. B. einen weiteren Beleg für
des Lukas Neigung zu Doppelfragen. Fortgeführt aber
verdienen diefe Unterfuchungen namentlich mit Rückficht
auf die Thatfachen zu werden, welche für die
Quellenfcheidungen die Grundlage geben. Ift der hebrai-
firende Sprachcharakter von Act. 1 —10 nicht faft ebenfo
ftark wie der von Ev. 1—2? Hat Luk. felbft wohl einen
Satz wie Evg. 12, 15 geformt? Und wenn diefe Beobachtungen
zutreffen, fo ergeben fie weitere Schlüffe für die
Art, in der Lukas arbeitet. Denn wenn auch rückhaltslos
zuzugeben ift, dafs wir in ihm nicht einen ,Aus-
fchreiber' oder fchemenhaften Redactor haben, der wie
ein deus ex mdchina den hypothetifchen Anfätzen zu
Hülfe eilt, fo erfcheint doch der Grad feiner Bewegungsfreiheit
in Verarbeitung der Stoffe nicht gleich. Werthvoll
ift die Beobachtung, dafs er am meiften mit aufser-
chriftlichen Schriftftellern des erften Jahrhunderts aus
den Jahren 60—80 fich berührt. Hier liegen weitere Ermittelungen
nahe. So läfst fich z. B. övyxaxaxid-eod-ca
(Evg- 23i si) aus dem Prolog des Dioskorides belegen.
Ebenfo bedarf fowohl die Weife, das A. T. zu citiren
(S. 29), auch in literarifcher Hinficht eingehenderer Erörterung
, wie auch die Umorientirung des Sinns von übernommenen
Ausdrücken, für welche das von Paulus wohl
zuerft chrifllich gewandte, von Lukas ein Mal im Evg., acht
Mal in Act. gebrauchte hjtayytlta ein Beifpiel giebt. Von
einer Wirkfamkeit der fiebenzig Jünger in Samaria (S. 35)
darf doch wohl trotz Evg. 11, 52. 17, 11 nicht geredet werden
. Die Behauptung, Lukas habe die Gläubigen nicht
XQiOxiavoi genannt, gilt nur cum grano salis (Act. 11,26.
26, 2s). Zu ayani] (S. 45) f. Deifsmann, Bibelftudien S. 81,
auch ift zu bemerken, dafs ayajtäv in Act. nicht gebraucht
wird. Neben xdi iytvsxo (das bei Job., fehlt) fleht tytvexo

öt (S. 46). Der Artikel xö vor Sätzen und Satztheilen (S. 20)
kommt auch vereinzelt bei Mt. (15,20. 20, 23) und Marc.
(9, 10. 12, 33) vor.

Doch genug der Einzelheiten. Möge es dem Verf.
vergönnt fein, durch weitere Früchte feiner Studien die
biblifche Wiffenfchaft zu fördern. Er darf fich des
Dankes der Theologen verfichert halten, die in ihren
Arbeiten nicht von der Maxime ausgehen: de omnibus
dubitandum est, fondern mit ihm dem Grundfatze folgen:
die Kritik hat von dem Ueberlieferten als dem Gegebenen
auszugehen, um zu prüfen und zu wägen.

Leipzig. G. Heinrici.

Theologische Studien. Herrn Wirkl. Oberkonsistorialrath
Professor D. Bernhard Weifs zu seinem 70. Geburtstage
dargebracht von C. R. Gregory, Ad. Harnack,
M. W. Jacobus, G. Koffmane, E. Kühl, A. Resch,
O. Ritsehl, Fr. Sieffert, A. Titius, J. Weifs, Fr. Zimmer
. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1897.
(III, 357 S. gr. 8.) M. II-

Wie feiner Zeit zu Reuter's, Weizfäcker's und
Köftlin's, fo ift auch zu B. Weifs' 70. Geburtstag von
11 feiner Schüler eine Feftfchrift herausgegeben worden,
die fich naturgemäfs zumeift auf das Neue Teftament bezieht
. Ich befpreche die einzelnen Abhandlungen in der
(anfangs alphabetifchen) Reihenfolge, in der fie abgedruckt
find, mehr oder minder ausführlich, ohne natürlich
fchon dadurch ihren gröfseren oder geringem Werth
bezeichnen zu wollen.

1. A. Harnack, Ein jüngft entdeckter Auf-
erftehungsbericht. — In den Berliner Sitzungsberichten
1895, 705 ff. hatte Carl Schmidt über Gefpräche
des auferftandenen Jefus mit feinen Jüngern referirt, die
in koptifcher Sprache in Achmim gefunden worden waren
; H. zeigt, dafs namentlich der darin enthaltene Auf-
erftehungsbericht zwifchen 150 und 180 in derfelben apo-
logetifchen Tendenz entftanden ift, wie fchon Mt. 28,9 f.
Mc. 16,6 ff. Lc. 24,36«*. Joh. 20,19 fr., Hebräerevangelium
bei Neftle, A'. T. graeci suppl. 79 f. u. Ign., ad Sm. 3,1 f.

Indes die Hauptbedeutung feines Artikels liegt vielmehr in den einleitenden
Bemerkungen über die altern Berichte, in denen H. (ebenfo wie
in feiner Chronologie I, 696 ff.) doch bereits eine Löfung des durch fie
I geftellten Problems andeutet, obwohl er diefelbe am Schlufs als auch durch
| jenen jüngft entdeckten Auferftehungsbericht noch nicht ermöglicht bezeichnet
. Er behauptet nämlich gleich auf den erften beiden Seiten ohne Weiteres:
i die 6 ältem Berichte — eine Quelle des Lucas (24,34), Paulus (I. Cor. 15,51,
| der muthmafsliche urfprüngliche Marcus (14,28. 16,17!, das Petrusevangelium
, die Quelle von Joh. 21 und das Matthäusevangelium ohne den
9. und 10. Vers des 28. Capitels — wiffen weder von einer erften Er-
fcheinung vor den Frauen, noch in Jerufalem, noch am dritten Tage.
Mehrere diefer Aufftellungen find bereits von Beyfchlag (D. Adolf
Harnacks Unterfuchungen zur Evangelienfrage, StKr. 189S, in ff.) und
Loofs (Die Auferftehungsberichte und ihr Werth, Hefte zur chriftlichen
Welt 33, 1898; beftritten worden, und in der That dürfte es ficher nicht
angehen, alle altern Berichte in jener Weife zu deuten.

j 2. M. W. Jacobus (Hartford, Conn., U. S. A),
The Citation Epliesians as Affecting the

Paulinity of the Epistle (p—2p). — Die bisherigen
Verfuche, das Citat Eph. 5,14 im A. T. nachzuweifen,
I find mifsglückt, mufsten mifsglücken, da auch der Zu-
fammenhang der Stelle bisher nicht erkannt worden war.
In Wahrheit will der Verf. dadurch die Verpflichtung
des Chriften illuflriren, das Böfe um ihn her zurückzu-
i weifen; dann aber konnte er beinah nicht anders, als
I Jon. i,6 anführen: Tphbcrb* 8TJJ 0*)p DpU ft-n)2

■twb bfcn siab ü^Tpatr tfljjt*** LXX-. tl Ov pVyyac;

avaoxa xdi ejuxaXov xov &eöv öov, onmq öiaöcöoq 6 freoq
1 tiüq xdi firj äxoXcöue&a. Hier fanden fich ja nicht nur
diefelben Worte, die er braucht, fondern auch diefelben
Gedanken: here is a State of sinful rcbellion against Jeho-
vah, front whiclt the cry (at least in the purpose of Je-
Iiovali) is to bc pari of the means of rousing the sinner.