Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1898 Nr. 8

Spalte:

225-228

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fritschel, Georg

Titel/Untertitel:

Geschichte der lutherischen Kirche in Amerika, auf Grund v. H. E. Jacobs ‘History of the Evang. Luth. Church in the United States’ bearb. 2. Teil 1898

Rezensent:

Eck, Samuel

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

225

Theologifche Literaturzeitung. 1898. Nr. 8.

226

der beiden mit einander ringenden Parteien macht (ich
nirgends bemerklich, Licht und Schatten werden gleich-
mäfsig vertheilt. Dagegen kann ein anderer Vorwurf
dem Verfaffer nicht erfpart werden: die Darftellung geht
oft allzu fehr in die Breite; unbedeutende, ja direct über-
flüffige Dinge werden ebenfo eingehend behandelt und
aufgeführt wie die wichtigften Punkte. Strafferes Zu-
fammenfaffen und gröfsere Knappheit würden den Umfang
des Buches wefentlich vermindert haben, die Leetüre
hätte dadurch nur gewinnen können. An einigen Stellen
läfst auch der Ausdruck zu wünfehen übrig. Diefe kleinen
Ausheilungen verfchwinden aber gegenüber dem Werthe
der tüchtigen Leiftung.

Wenige Monate nur ih es Loffen vergönnt gewefen,
den Abfchlufs feines Werkes zu überleben. Am 5. Januar
rifs der unerbittliche Tod ihn aus dem Kreife der Seinen
hinweg. Die Gefchichtswiffenfchaft hat in ihm einen
treuen Jünger verloren, von deffen Eifer und Fleifs fie
wohl noch manche reife Frucht hätte erwarten dürfen.
Leipzig. J. Trefftz.

Fritschel, Pah. Georg J., Geschichte der lutherischen Kirche
in Amerika, auf Grund von Prof. Dr. H. E. Jacobs
,History of the Evang. Luth. Church in the United
States' bearb. 2. Tl.: Gefchichte der Entwicklung der
lutherifchen Kirche von Mühlenbergs Tode bis zur
Gegenwart. Mit 65 Abbildungen und Karten. Gütersloh
, Bertelsmann, 1897. (XVI, 432 S. gr. 8.)

M. 5.50; geb. M. 6.40

Ueber den erhen Theil diefes Werkes habe ich in
Th. L.-Z. 1897 S. 433 berichtet. Der vorliegende Schlufs-
theil ih gegenüber der englifchen Vorlage von Jacobs in
viel umfaffenderer Weife eigene Arbeit des Verfs. Nicht
nur dafs er fich auch hier wie im erhen Bande die gröfste
Freiheit in der Ueberfetzung, in der Theilung und Anordnung
des Stoffes erlaubt, fondern, von kleineren Ab-
fchnitten, z. B. S. 57—63 (Auswüchfe des Methodismus),
347—359 (Indianermiffion der Jowafynode) abgefehen,
sind S. 118—313 (Löhe, Miffouri, Jowa) ganz fein Werk.
Bei der gröfseren Hälfte des Buches kann alfo die eng-
lifche Vorlage ganz aufser Betracht bleiben. Ich erfpare
mir ein Eingehen auf die Einzelheiten der Ueberfetzung
um fo lieber, als fich dabei kein anderes Bild als beim
erhen Theile bieten würde.

Schärfer naturgemäfs als bei der Darftellung Mühlen-
berg's tritt der confeffionelle Standpunkt des Verfs. hervor
. Schon in den Abfchnitten, die er im wefentlichen
Jacobs entnimmt. Diefer theilt den vorliegenden Stoff
in 3 Perioden: 1787—1817: Verfall, —1860 Wiederaufleben
und Ausbreitung, —x Reorganifation der Kirche.
Fritfchel macht daraus 2 Abfchnitte: 1. Niedergang,
2. Neugründung der lutherifchen Kirche. Aber weder
zeitlich noch fachlich fügen fich die Ereignifse in diefe
Eintheilung. Von S. 76—117 ih man in der Gefchichte
der 1820 gegründeten Generalfynode fchon bis in die
Jahre 1855—66 herabgerückt. Innerhalb der theils ratio-
nalihifch theils und überwiegend methodihifch gehimmten
und beeinflufsten Körperfchaft macht fich die confeffionelle
Reaction immer entfehiedener bemerkbar, die 1866
zur Spaltung führt. Aus ihr geht 1867 das Generalconcil
hervor als Gegner der geschwächten Generalfynode.
Allein von feiner Enthehung berichten erh S. 314 fi. Da-
zwifchen ih man wieder in die Jahre 1838 ff. zurückver-
fetzt: mit Wyneken, Löhe, Walther beginnt die Neugründung
. Die Bedeutung diefer Stoff-Vertheilung ih
klar. Die ganze Gefchichte der Generalfynode gehört
der Periode der Niedergangs an. Für den Verf. beheht
kein irgend bedeutfamer Unterfchied zwifchen der ,defi-
nite P/atform' von 1855 und Quitman's rationalihifchem
Katechismus von 1814, die pietihifch oder methodihifch j

gerichteten Vermittlungtheologen des ,Amerikanifchen
Lutherthums', die fich eine befcheidene Kritik an der
Auguhana erlauben, find in gleicher Verdammnifs mit
den Aufklärern am Anfang des Jahrhunderts. Aber das
ih nicht nur an fich verkehrt: es fordert von der Gefchichte
, dafs fie eben fo fprunghaft, ohne Mittelglieder,
verfahre wie das dogmatifche Denken des Verfs. Diefer
heht überdies mit der gewählten Anordnung feiner eigenen
Auffaffung des Gefchichtsverlaufs im Wege. Denn
ohne die hark erhitzte Temperatur, die von den hreng
confeffionellen Neubildungen ausging, find die Streitigkeiten
und Spaltungen in der älteren Körperfchaft kaum
verhändlich. Alfo waren jene vor diefen zu behandeln.

Jenen Neubildungen nun wendet fich das ganze In-
tereffe des Verfs. zu. Und die breitere Ausführlichkeit,
in der fich feine Darftellung hier ergeht, wird man an
fich nicht tadeln wollen. Aber innerhalb des gebotenen
Rahmens wie ungleichmäfsig hat der Verf. den einzelnen
Erfcheinungen feine Aufmerkfamkeit zugewandt! Es
find drei Namen, die die Darheilung beherrschen: Löhe,
Miffouri, Jowa. Nun ih für eine allgemeine Gefchichte
der lutherifchen Kirche in Amerika Miffouri die be-
deutendhe und für das Verhändnifs der ganzen Ent-
wickelung durchfchlagende Erfcheinung. Denn die 1872
gegründete Synodalconferenz d. h. eben Miffouri und fein
lofe angegliederter Anhang ih heute der härkhe luthe-
rifche Kirchenkörper der Vereinigten Staaten. Sein
Wachsthum vollzieht fich in geradezu beifpiellofer Weife.
Die Conferenz zählte 1890: 1282 Geihliche, 1934 Gemeinden
, 357153 Communicanten (Carroll, Relig. Forces of
the Un. St.2 448). Diefe Zahlen find nach Fritfchel 423
(Carroll bietet etwas niedrigere) bis 1896 angewachfen
auf: 1709,2822, 481498. Während 189O: 29%, gehörten
1896: 34% aller lutherifchen Communicanten in den Vereinigten
Staaten der Synodalconferenz an. Bewegt fich
nun das ganze dortige Lutherthum in der gleichen Richtung
auf einen prononcirten Confeffionalismus, fo ih klar,
dafs derjenige 1 heil deffelben, der fowohl numerifch die
anderen überflügelt als in der buchhäblich hrenghen
Bindung an die Bekenntnifse diefelben überbietet, die
Aufmerkfamkeit des Hihorikers in höchhem Mafse feffeln
mufs. Denn im Verhändnifs der Tendenzen und Kräfte,
die in diefem Theile wirkfam find, wird er hoffen dürfen,
ein Verhändnifs der Gefammtentwickelung zu gewinnen.
Allein hier läfst der Verf. feine Lefer im Stich und zwar
aus zwei Gründen. Einmal — darüber kann man mit ihm
nicht rechten — ih für ihn Lutherthum überhaupt identifch
mit hrengem Confeffionalismus. Es ih für ihn darum gar
keine Frage, die eines ernhen Nachdenkens werth wäre, aus
welchen inneren Urfachen fich die harrbekenntnifsmäfsige
Gehaltung lutherifchen Kirchenthums jenfeits des Oceans
erklärt. Das ih eben der normale Zuhand. Und höch-
hens das wird er im Gegenfatz zu unferen kirchlichen
Verhältnifsen klarzulegen verfucht fein, dafs die Ange-
meffenheit diefes Zuhands fich eben daran bewähre, dafs
er fich in der haatsfreien kirchlichan Atmofphäre Nord-
Amerikas wie von felbh herhellt. Sodann aber: der
Verf. ih ein begeiherter Anhänger der Jowafynode. Dafs
er diefen feinen Standpunkt nicht verleugnet, wird ihm
Niemand verübeln. Auch mag es hingehen, dafs er die
Gefchichte feiner Synode (380 [Carroll 328] Geihliche,
680 Gemeinden, 55925 Communicanten) unverhältnifs-
mäfsig ausführlich behandelt. Aber darüber hinaus hat
er fich durch die dogmatifchen Streitigkeiten zwifchen
Miffouri und Jowa dazu verführen laffen, die Gefchichte
Miffouris fah durchweg von polemifchen Gefichtspunkten
aus darzuhellen. Der dogmatifche Standpunkt Miffouris
tritt dabei, wie ich bereitwillig anerkenne, in fcharfer
Präcifion hervor. Aber wiefo diefe bornirte Lutheroma-
nie die fieghaftehe Propaganda zu üben vermag, bleibt
dem Lefer verborgen. Das um fo mehr, als der Verf.
Miffouri dadurch herabzufetzen fucht, dafs er feine Machtentfaltung
als einen Abfall von Löhe, ,dem eigentlichen