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Ausgabe:

1897 Nr. 6

Spalte:

168-169

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nagel, E.

Titel/Untertitel:

Zwingli´´s Stellung zur Schrift 1897

Rezensent:

Lobstein, Paul

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167 Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 6. 168

fondern begnügt fich mit dem allgemeinen Nachweis | gie de Justin Martyr (p. 169—187), Albert Reville, La
zweier Strömungen: einer urkundlichen Darfteilung, welche ; christologie de Paul de Samosäte (p. 189—208), Picav et,

dem Verf. vorgelegen hat, und der von ihm damit ver-
fchmolzenen lokalen Traditionen und Legenden.

Von befonderem Intereffe war dem Ref. die Arbeit
von A. Sabatier, Note sur un vers de Virgile (p. 139—
168). Es handelt fich um die 4. Ekloge Vergil's, die
fchon von manchen Kirchenvätern als Weisfagung auf
Chriftus gedeutet worden ift und dem heidnifchen Dichter
in der Schätzung des Mittelalters denRuhm einesPropheten

Abelard et Alexandre de Haies, createurs de la Methode
scolastique (p. 209—230).

Aufserdem fallen in den Bereich des theologifchen In-
tereffes noch folgende Studien, von denen ich ebenfalls
nur die Titel angebe: Esmein, Le serment des inculpes
en droit canonique (p. 231—248), Jean Reville, Uin-
strüction religieuse dans les premieres communautes chre-
tiennes (p 249—275), Deramey, Etüde deschatologie:

der chriftlichen Wahrheit erworben hat. Sabatier denkt i Vision de Gorgorios, un texte ethiopien inedit (p. 315—
felbftverftändlich nicht an Erneuerung diefer Auffaffung; 337), Quentin, La religion dAssurbanipal 667—647
er fucht aber (wie z. B. auch Ewald) wahrfcheinlich zu ; avant J.— C. (p. 339—370- Bei der Mannigfaltigkeit der
machen, dafs Vergil ein jüdifches Sibyllen-Gedicht gekannt | Themata entziehen fich die meiften Arbeiten dem Urtheil
hat und dafs durch diefes Mittelglied hindurch in der des Referenten. Der Name der gelehrten Gefellfchaft,
That das Alte Teftament eine Quelle feiner Schilderung ! unter deren Aegide fie ausgehen, empfiehlt fie aber von
des goldenen Zeitalters gewefen fei. Sabatier beruft fich felbft der Beachtung der Fachgenoffen. Die Vifion des
befonders auf die Thatfache, dafs nach dem Brande des j Gorgorios (d. h. Gregorios) hält der Herausgeber für
Capitols im J. 83 vor Chr., bei welchem die dort aufbe- ! des Werk eines abeffynifchen Juden aus dem Mittelalter
wahrten fibyllinifchen Bücher untergegangen waren, im i (etwa dem 13. oder 14. Jahrh. oder ein wenig fpäter, p.
J. 76 vor Chr. eine Commiffion des Senates nach Klein- j 317—318). Sie fchildert das Loos der abgefchiedenen
afien ging, um aufs Neue eine Sammlung von Sibyllen- ; Seelen, der guten wie der böfen, in einer Weife, welche
Orakeln zufammen zu bringen. Bei diefer Gelegenheit vielfach an die älteren jüdifchen und chriftlichen Apo-

fei es den Juden gelungen, den römichee Comiffaren auch
jüdifche Stücke in die Hände zu fpielen (p. 150: Iis pro-
fiterent de l'occasion, den doutons point, et ils reussirent
certainement a glisser entre les mains des commissaires
de Rome et en tout cas a repandre dans cette ville des
pieces sibyllines, qui deja jouissaient ailleurs of une grande
autorite. ... p. 151: Quoi qu' il en soit, sous le nom de
la Sibylle d' Erythree et de Cwncs, les poemes judeo-si-
byllins penetrerent ä Rome vers I an 80 avant nolre ere
et y frapperent beauconp l' opinion publique). Auf diefem
Wege feien die Gedanken und Hoffnungen der jüdifchen
Sibylle auch zu dem römifchen Dichter gedrungen, der
fie in freier Weife fich angeeignet habe. Zu Gunften
diefer Auffaffung kann namentlich geltend gemacht werden,

kalypsen erinnert.

Göttingen. E. Schür er.

Nagel, Lic. E., Zwingli's Stellung zur Schrift. Freiburg i.B.
J. C. B. Mohr, 1896. (XI, 113 S. gr. 8.) M. 1.80.

Eine durch fleifsige und forgfältige Verwerthung des
Materials, fowie durch befonnenes und reifes Urtheil fich
auszeichnende Schrift, die zum Verftändnifs der Theologie
Zw.'s einen willkommenen, durch die früheren Darflellungen
des Gegenftandes nicht überflüffig gemachten Beitrag
liefert. Der Verf. fchlägt den hiftorifch-genetifchen Weg
ein. Zunächft legt er die Genefis des Zwingli'fchen Standpunktes
im Zufammenhang mit feinem Bildungsgang
dafs Vergil fich ausdrücklich auf ein „kumäifches" d. h. j und feiner Lebensftellung dar. Hierauf entwickelt er die

fibyllifches Lied beruft (V. 4: ultima Cumaei venit jam allgemeinen Grundzüge der Anfchauung Zwingli's, wie
carminis aetas). Und wenn man es auch nicht wahr- ; diefelbe fich im Verlaufe feines Kampfes gegen Rom
fcheinlich finden mag, dafs die Commiffare des Senates , und die offizielle Kirche herausftellte; hierbei bringt er
fich jüdifche Stücke in die Hände haben fpielen laffen, J zugleich die Gefammtauffaffung Zwingli's von der Schrift,
fo beweift doch das Beifpiel des Alexander Polyhiftor, ! wie fie auch für die fpätere Zeit grundlegend und im
dafs gelehrte Leute in Rom fchon einige Zeit vor Vergil Prinzip unverändert geblieben ift, zur Darfteilung. End-
die jüdifche Sibyllen-Weisfagung gekannt haben (f. meine ; lieh fucht er die Modifikationen der Stellung Zwingli's
Gefch. des jüd. Volkes II, 799. 804). Trotzdem fcheint j klar zu legen, wie fich diefelben durch die Kämpfe
mir die Abhängigkeit Vergil's von der jüdifchen Sibylle mit dem Täuferthum und durch die Controverfe mit
nicht wahrfcheinlich, namentlich aus zwei Gründen, j Luther und feinem Anhang ergaben. Diefe Gliederung

1) Wenn Vergil Sib. III, 787—794 (= Jefaja 11) gekannt mufs als eine demGegenftand felbft entnommene,gefchicht-
hätte (denn um diefes Stück würde es lieh hauptfächlich lieh durchaus correcte bezeichnet worden. Dafs N. zur
handeln), fo müfste man beftimmtere Anklänge daran er- ; Zeichnung der allgemeinen Grundfätze Zwingli's vor den
warten. Gerade weil der Grundgedanke ein verwandter i Kämpfen mit den Wiedertäufern und mit Luther auch Be-
ift, fällt die ftarke Verfchiedenheit des Detailes auf. j legltellen aus fpäteren Jahren heranzieht, wird man ihm

2) Vergil erwartet nicht von einem künftigen Fürften, nicht zum Vorwurf machen dürfen, fofern es fich um die
fondern von feinem Gönner Afinius Pollio die völlige Feftftellung der auch in der weiteren Entwickelung beHerbeiführung
der Friedensära, die er zur Zeit der Ab- | haupteten Pofitionen handelt; doch die Grenze ift hier
faffung des Gedichtes unter Pollio's Confulat im J. 40 v. zuweilen fliefsend, und die Bewegung des Gedankens
Chr., augenfeheinlich im Hinblick auf den Frieden zwifchen | nicht immer mit überzeugender Klarheit nachgewiefen.
Antonius und Octavianus, bereits herankommen fleht Etwas dürftig ift die Schilderung der täuferifchen Be-
(V. 11—12: „Noch unter deinem Confulat, o Pollio, wird ftrebungen ausgefallen; die neueren Unterfuchungen über
diefer Glanz der Zeit beginnen"; V. 13—14: „Unter diefen Gegenftand hätte N. wohl in umfaffenderer und
deiner Führung werden die etwa noch vor- gründlicherer Weife verwerthen dürfen. Im letzten Capitel
handenen Spuren unferes Frevels fchwinden"). i weifen feine Ausführungen über das Detail der Schrift-
Dem Kinde Pollio's, deffen Geburt bevorfteht, fällt nur ! auslegung auf manche Schwächen und Willkürlichkeiten
die Rolle zu, das Erworbene zu geniefsen und „den be- | der Zwingli'fchen Hermeneutik. In der Zufammenfaffung
fänftigten Erdkreis mit väterlichen Tugenden zu regiren" feiner Ergebniffe bringt der Verf. die bei dem Refor-
V. 17. Bei Abhängigkeit von der jüdifchen Weisfagung i mator vorliegenden Gedanken und Velleitäten auf einen
würde Vergil doch vermuthlich einem künftigen Fürften I Ausdruck, der in diefer Schärfe und Klarheit weder in
die Herbeiführung des goldenen Zeitalters zugefchrieben i Zwingli's Theorie noch in feiner Praxis zu finden ift.
haben. | Wenn er Zwingli's Grundanfchauung als eine von ratioin
das Gebiet der Dogmengefchichte und der Ge- ; naliftifcher Verflüchtigung, von bibliziftifcher Engherzig-

fchichte der Theologie gehören folgende Abhandlungen:- keit und von dogmatifch - doctrinärer Verkümmerung
Faye, De Vinfluence du Timee de Piaton sur la theolo- gleich weit entfernte rühmt, wenn er in feinen Schriften