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Ausgabe:

1897

Spalte:

153

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Judson, Edward

Titel/Untertitel:

Adoniram Judson. Ein Apostel unter den Birmanen 1897

Rezensent:

Wurm, Paul

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153

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Judson, Edward, D. D., Adoniram Judson. Ein Apoftel
unter den Birmanen. Eine Biographie von feinem
Sohne. Hamburg, Oncken Nachf., 1896. (166 S. m.
Abbildgn. 8.) M. 1.20

Das vielbewegte Leben diefes heldenmüthigen ameri-
kanifchen Miffionars, der mit feiner ihm ebenbürtigen
Gattin fchwere Leidenszeiten in dem damals noch unabhängigen
birmanifchen Reich durchgemacht hat und
der erfte Sprachkenner und Bibelüberfetzer in einer
hinterindifchen Sprache geworden ift, verdient es den
deutfchen Lefern vorgeführt zu werden. Aber leider ift
diefes Büchlein in einem fo fchlechten Deutfch gefchrie-
ben, und auch die Darftellung leidet durch fo mancherlei
Wiederholungen, dafs eine amerikanifch-baptiftifche Unverfrorenheit
dazu gehört, es in diefer Form drucken zu
laffen und einer theologifchen Zeitfchrift zur Recenfion
zu übergeben. Obgleich es fonft für unfer Volk ver-
ftändlich wäre, werden doch manche Lefer den Sinn
einzelner Sätze kaum finden können.

Echterdingen. P. Wurm.

Wohlleben O. C, Leitfaden für den evangelischen Religionsunterricht
in den oberen Klaffen höherer Lehranftalten.
Leipzig, A. Neumann's Verl., 1895. (XVI, 212 S. gr. 8.)

M. 2.50.

Diefer für den evangelifchen Religionsunterricht in
den oberen Klaffen höherer Lehranftalten beftimmte
Leitfaden umfafst drei Theile: Bibelkunde, Kirchenge-
fchichte und Glaubens- und Sittenlehre nebft ebenfo
vielen Anhängen: 1) Ueberficht über die wefentlichen
Unterfcheidungslehren 2) Die 3 ökumenifchen Symbole
3) Die Augsburgifche Confeffion von 1530. Von der
letzteren find leider, wie es gewöhnlich zu gefchehen
pflegt, nur die 21 erlten Artikel mitgetheilt, während
es in unterer katholifirenden Zeit dringend geboten ift,
gerade die Schüler unferer höheren Lehranftalten fchon
rechtzeitig mit den Artikeln bekannt zu machen ,in qui-
bus recensentur abusus mutati.1

Die Bibelkunde (S. 1—61) gliedert fleh felbftver-
fiändlich in diejenige des Alten und Neuen Teftamentes,
welchen beiden eine kurze allgemeineEinleitung zur heiligen
Schrift (S. 1—4) vorausgefchickt ift. Wohlthuend hat
uns bei näherer Durchficht berührt, dafs die geficherten
Ergebniffe der biblifchen Kritik, zunächft des Alten
Teftamentes, meiftens berückfichtigt find. So werden die
verfchiedenen „Quellenfchriften" des Pentateuchs anerkannt
, (S. 4), makkabäifche Pfalmen nicht zurückgewiefen
(S. 20), die Sprüche Salomo's als ,eine Sammlung ver-
fchiedener Aufzeichnungen' bezeichnet (S. 20). Der
Prediger .entflammt der jüngften, nachexilifchen hebräi-
fchen Literaturperiode' (S. 21). Jefaja Kap. 40—66 (lammen
aus der Zeit des babylonifchen Exils, gehören (aber) zu
den erhabenften und herrlichften Abfchnitten des ganzen
A-T.' (S. 23). Von Daniel wird gefagt: ,Das uns unter diefem
Namen überlieferte Buch ift entftanden in der Zeit des
Antiochus Epiphanes, um die unter dem Drucke diefes
Herrfchers leidenden Juden zu ermuntern durch die Bot-
fchaft: „Das Himmelreich ift nahe herbeigekommen"
(S. 24). Vermifst haben wir die Bemerkung zum Buche
Jona, dafs feine Abfaffung fpät zu fetzen und fein Inhalt
bildlich zu faffen ift. Hefs fagt darüber fehr gut: Jona
nimmt, unter den kleinen Propheten eine ähnliche Stellung
ein, wie Daniel unter den grofsen' (Die Bibel S. 49).

Was die neuteftamentliche Kritik anbetrifft, fo fehlt
uns bei dem Johannesevangelium eine Notiz, wie fie
Hollenberg in feinem bewährten Hilfsbuche für den
evangelifchen Religionsunterricht (38. Auflage, S. 153)
gibt: ,Das 4. Evangelium wurde in der neueren Zeit von
einigen Kritikern als ein viel fpäteres Werk angefehen.'
Einen folchen Hinweis auf die noch keineswegs abge-

I fchloffene Frage über Echtheit oder Unechtheit des
! feinem Inhalte nach so köftlichen Evangeliums ift man
um der Wahrheit willen den Schülern der oberen Klaffen
| schuldig. Die Briefe an die Ephefer, Koloffer und Phile-
mon follen inCäsarea(S. 54. 58) geschrieben fein, während
der Philipperbrief in die Zeit der römifchen Gefangen-
fchaft verlegt wird (S. 54.58). Dahin dürften wohl alle
diefe Sendschreiben gehören. Was die Paftoralbriefe
anbetrifft, so wird von ihnen mit Recht gefagt, dafs ihre
,Echtheit fraglich' fei. Ueber ,die Offenbarung des
Johannes' heifst es fehr verftändig: ,Wiewohl viele Zeug-
niffe altchriftlicher Zeit den Apoftel Johannes als Ver-
faffer der Apokalypfe zu bezeichnen, wird doch die Einheit
des Verfaffers mit dem des Evangeliums angezweifelt
(S. 60).

Was die Behandlung der einzelnen Bücher anbetrifft
, so heben wir das eine und andere hervor, was uns
aufgefallen ift. Das Thema des Buches Hiob ift S. 19 richtig
angegeben, doch mangelt uns Luthers fchöner Ausfpruch,
j der fleh dem Gedächtnifs der Schüler fo leichteinprägt:
,Das Buch Hiob handelt diefe Frage, ob auch den Frommen
Unglück widerfahre von Gott'. Desgleichen fehlt ein
Hinweis darauf, dafs die Reden Elihu's (Kap. 32—37) m. E.
mit Recht für unecht gehalten werden. ,Der Prediger
(Salomonis)' ift hübfeh disponirt (S. 21), doch hätte be-
ftimmter betont werden müffen, dafs er trotz des 25 mal
wiederholten Satzes: , Alles ift eitel' nicht finftere Weltverachtung
lehrt, fondern vielmehr ermahnt, das Leben
fröhlich zu geniefsen, jedoch die Rechenfchaft vor Gott
nicht zu vergefsen (n, 9), da die Hauptfumme aller Lehre
ift: ,Fürchte Gott und halte feine Gebote' (12, 13).
! Geradezu nicht befriedigt hat uns die wenig gründliche
Befprechung der prophetifchen Bücher des A. T.', die
nur 41;2 Seiten einimmt. Während in den auf Grund der
neueften, in diefer Beziehung vortrefflichen wiffenschaft-
lichen Forschungen über die grofsen Gottesmänner Israels
Hefs und Friedrich Köftlin, Evers und Fauthfie als
lebensvolle Geftalten auf gefchichtlichem Hintergrundege-
zeichnet haben, ift von allem dem bei Wohlleben keine Spur
vorhanden. So wird Jeremia, diefer fchickfalsreiche Prophet
des Schmerzes und der Klage, mit 16 Zeilen — man verzeihe
den ftarken Ausdruck — abgethan (S. 23 24)! Hier
ift bei einer neuen Auflage Umarbeitung nöthig. Raum
dafür könnte gewonnen werden, wenn in der neuteftament-
lichenBibelkunde die 21 Seiten umfaffende .Vergleichende
tabellarifche Ueberficht über die fynoptifchen Evangelien
und das Evangelium Johannis' (S. 30—51) einfach weg-
gelaffen würde. Sie ift an und für lieh fehr fleifsig und
gefchickt gearbeitet, aber für den Unterricht wenig geeignet
. Woher follte man die Zeit nehmen, um fie mit
den Schülern durchzuarbeiten? Und gefetzt auch, man
fände fie, was würde dabei herauskommen? Eine kurzgehaltene
Dispofition jedes einzelnen Evangeliums genügt;
alles übrige bleibt am beftem dem Lehrer überlaffen! Bei
den paulinifchen Briefen hältfich der Verf. an die Reihenfolge
derfelben im N. T. Wir ziehen die andere Methode,
wie fie z. B. Hollenberg (a. a. O. S. 139—148) anwendet,'
vor, die Sendfehreiben des Apoftels mit der Darftellung
feines Lebens zu verflechten; doch wollen wir darüber
nicht rechten. Die für den Römerbrief (§ 36), die beiden
Korintherbriefe (§ 37) und den Galaterbrief (§ 38) angegebenen
Dispolitionen find rühmlich hervorzuheben.

Soviel über die Bibelkunde! Wir kommen zur Kirchen-
gefchichte (S. 62—145). Das umfangreicheMaterial iftmög-
hchft knapp zufammengearbeitet. Dennoch hätte es noch
mehr eingefchränkt werden können, wenn die Abfchnitte
über die viel berufenen Gnoftiker (§ 9), die nicht minder
fchwierigen trinitarifchen und arianifchen Streitigkeiten
(,S 16 und 19) die pelagianifchen Zwiftigkeiten (§ 31), der
monotheletifche Streit (§ 36), die Scholaftik (§ 52—58),
dje unfeligen Lehrftreitigkeiten in der lutherifchen Kirche
(S 91), .die fynkretiftifchen Streitigkeiten (§ 104) theils
j wefentlich gekürzt, theils ganz weggelaffen worden wären.