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Ausgabe:

1897 Nr. 4

Spalte:

120-121

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schneider, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Sittlichkeit im Lichte der Darwinschen Entwickelungslehre 1897

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 4.

120

Gott die Welt für die fittlichen Zwecke ordnet und leitet,
für die Belebung des fittlichen Muthes bedeutet, hat er
gegenüber modernen Angriffen gerade auf den praktifch
fittlichen Werth der Religion treffend gezeigt. Aber in
dem apologetifchen Intereffe, die Verträglichkeit des Ideals
der Religion mit der für die höchfte Stufe des Sittlichen,
wenn fie recht verftanden wird, allerdings unveräusserlichen
Autonomie zu erweifen, ift er in Wendungen
gerathen, bei denen die praktifche Frömmigkeit, die doch
ficher und nicht blos bei den Gemeindegliedern, fondern
auch beim Stifter unmittelbar fich von dem als objective
Gröfse ihr gegenübertretenden heiligen Willen Gottes gebunden
fühlt, als fchwächliche, nachträgliche Beleuchtung
unterer felbftftändigen fittlichen Einficht erfcheint.
So S. 275 „eine Frömmigkeit, welche in dem, was unferer
vernünftigen Natur entfpricht, den göttlichen Willen,
welche in der Gefetzmäfsigkeit der Welt die Offenbarung
der göttlichen Weisheit fieht . . . welche weifs, dafs wir
Organe der Gottheit find, wenn wir unferer ethifchen Vernunft
gemäfs aktiv find" S. 311/312: „Die religiöfe Moti-
virung kann höchflens hinzufügen, dafs es Gottes Wille
fei, dafs wir uns von unfrer Einficht leiten laffen."

Mit befonderem Nachdruck tritt D. für die Noth-
wendigkeit metaphyfifcher Vorausfetzungen für die Ethik
ein, nicht nur in dem Sinn, wie es in dem Streit um das
Recht der Metaphyfik in der Theologie natürlich von
Niemand je verkannt ift, dafs die Ueberzeugung von der
Realität Gottes, des Geiftes u. f. w. „Seinsurtheil" ift —
erft Luthardt hat bekanntlich Ritfchl's Werthurtheile in
einen Gegenfatz zu Seinsurtheilen gebracht — fondern
in dem Sinn, dafs eigentlich die Wiffenfchaft der
Metaphyfik allein beim Stand der heutigen Bildung die
Fähigkeit zu fittlichem Handeln garantirt. Erftens mufs fie
gegenüber dem Phänomenalismus nicht nur die Realität
des handelnden Geiftes im Sinn des felbftftändigen, einheitlichen
, vernünftigen, aktiven Ich, fondern auch die der
andern Geifter und der Natur, auf die gehandelt werden
foll, garantiren; denn auf Phänomone ohne Realität zu 1
wirken kann keine ethifche Aufgabe fein. Zweitens mufs fie,
um die Zuverficht zur Durchführbarkeit der fittlichen Aufgabe
zu fichern, das Aufeinanderangelegt fein des ethifchen
Geiftes und der Natur durch die Begründung beider in j
einem abfoluten allmächtigen fittlichen Willen garantiren.
Denn hierzu reicht der religiöfe Gottesglaube fo wenig
aus, dafs er dem Zweifel gegenüber fich vor fich felbft
nur durch die Metaphyfik gegen den Verdacht der
Illufion zu fchützen vermag. Dies kann freilich nur eine
Metaphyfik leiften, die als Refultat der Ethik zu Stande
kommt. Eine folche hat aber auch Gültigkeit und zwar
als Wiffen, weil das Sittliche nicht blos als Ideal, fondern
auch als guter Grundwille und darum als reale Macht
und Wirklichkeit exiftirt, und weil deshalb ein Erkennen,
das von diefer Realität ausgehend Refultate gewinnt, die
in nothv/endigem Zufammenhang mit ihr flehen, als ge-
fichert anzuerkennen ift, wenn man nicht der Skepfis oder
dem Dualismus verfallen will. So Dorner.

Die Erfchütterung durch den Phänomenalismus kann
ich nicht recht ernft nehmen. Die Ueberzeugung von
der Realität des Geiftes ift ja freilich Vorausfetzung des
fittlichen Handelns. Aber wie neulich ein Vorkämpfer
für die Erneuerung des Bundes von Metaphyfik und
Theologie anerkannt hat: „die Thatfächlichkeit des Geiftes
hängt aufs engfte mit feiner Inhaltlichkeit zufammen"
d. h. fie wird durch das felbftftändige fittliche Bewufst-
fein verbürgt. Was aber die Natur anlangt, fo ift der
transcendentale Idealismus bekanntlich empirifcher Realismus
, und ich fehe wirklich nicht, warum unter unfrer
Würde fein follte, die immanenten Zufammenhänge unfrer
Phänomenalwelt zu erforfchen und umzugeftalten, wenn
beides dazu dient die fittlichen Beziehungen der Geifter
zu vermitteln. Was endlich die allerdings erforderliche
Sicherheit des Gottesglaubens gegen Zweifel anlangt, fo
mufs ich beftreiten, dafs die postulirte Metaphyfik D's

trotz der fchweren Rüftung von Abftraktionen, die fie
hat anlegen muffen, um Wefen und Wirken der per-
fönlichen Gröfsen analog wie Wefen und Wirken der
Naturgröfsen auszudrücken, Wiffen in dem Sinne ift, in
welchem man von Naturerkennen oder gefchichtlichem
Wiffen fpricht; denn ihr Ausgangspunkt, die Realität und
der unbedingte Werth des guten Grundwillens ift nicht
etwas fo Erzwingbares wie die einer Sonenfinfternis oder
einer urkundlich bezeugten Thatfache der Vergangenheit
; und der nothwendige Zufammenhang, in dem fie von
ihm aus zu ihren Refultaten kommt, ift nicht der, in
welchem der Verftand aus einer Erfahrungsthatfache ihre
Urfachen und Wirkungen folgert, fondern der, welchen
der gute Wille conftruirt, um mit Muth für feine Zwecke
eintreten zu können. Diefe Metaphyfik begründet alfo
ihre Gewifsheit auf Motive der ethifch gebundenen Per-
fönlichkeit — ganz wie die praktifche chriftliche Frömmigkeit
felbft. Diefe aber kann in den Zufammenhängen
einer Poftulatenmetaphyfik keine Verdeutlichung der Motive
ihrer Selbftgewifsheit anerkennen. Denn in jenen wird
die Gewifsheit des Gottesglaubens, die ihr Gott durch
feine objektive Selbftoffenbarung fchenkt und die die
Quelle ihrer fittlichen Kraft bedeutet, zu einem felbftge-
fchaffenen Erzeugnis eines durch keinen Widerfpruch der
Wirklichkeit beirrten fittlichen Kraftgefühls. Und das
Attribut Gottes, von dem fie eigentlich lebt, feine freie
zuvorkommende Gnade, erreicht kein Postulat.

Auf das von D. gezeichnete Syftem des menfchlichen
Handelns näher einzugeben, mufs ich mir hier verfagen.
D. gliedert es in Pflichten-Tugend-Güterlehre. Die Wiederholungen
, die diefe Eintheilung unvermeidlich macht,
werden durch diefe Reihenfolge noch vermehrt, da die
Pflichten und Tugendlehre die Güterlehre vielfach
anticipiren müffen. Wenn auch D. das nicht zu Gebote
fleht, was den Detailausführungen der neueften philofo-
phifchen Sittenlehren ihre Anziehungskraft giebt, eine
geiftreiche Darftellungsweife, wie fie Paulfen befitzt, oder
eine in neue Bahnen drängende Energie, wie fie
Höffding's Ethik befeelt, fo wird doch der Ernft, die
Nüchternheit und das Bemühen um Sachlichkeit und
Gründlichkeit, von der feine Ausführungen zeugen, dem
Lefer auch da, wo er nicht zuftimmen kann, einen wohl-
thuenden Eindruck machen.

Tübingen. J. Gottfchick.

Schneider, Präl. Dompropft Prof. Dr. Wilh., Die Sittlichkeit
im Lichte der Darwin sehen Entwickelungslehre.

Paderborn, F. Schöningh, 1895. (V, 200 S. gr. 8.)

M. 3.60

Der Verf. hat fein Thema umfaffend und mit Be-
lefenheit angegriffen. Er zeigt zuerft, dafs die von Darwin
dem Pofitivismus entlehnte oberfte Sittenrichtfchnur
des allgemeinen Bellen zu unbeftimmt ift, um das fittliche
Handeln zu leiten, und durch ihre Relativität die objective
und unbedingte Gültigkeit des Sittlichen authebt,
ftellt dann die Bodenlofigkeit der Beftrebungen, eine fitt-
lichkeitslofe Vorzeit des Menfchen glaublich zu machen,
ins Licht, erweift ferner die Unzulänglichkeit des Dar-
win'fchen ohnehin nicht mit feinem Princip der Zuchtwahl
, fondern mit den Mitteln des Pofitivismus arbeitenden
Verfuches, die Entftehung der Sittlichkeit, insbesondere
des Pflichtbewufstfeins zu erklären, um dann dar-
zuthun, wie die Erfetzung des Glaubens an Gott als den
wirklichen Begründer aller Ordnung in der Welt und als
den Vergelter durch den Entwickelungsgedanken den fittlichen
Ideen, die noch feftgehalten werden, fowohl die
Begründung wie den Nachdruck entzieht und feiner Con-
fequenz nach die Berechtigung zum Leben in thieri-
fcher Begierde und rückfichtslofer Geltendmachung der
| eigenen Stärke einfchliefst.