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Ausgabe:

1897 Nr. 4

Spalte:

101

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lehmann, Fritz

Titel/Untertitel:

Die Katechetenschule zu Alexandria 1897

Rezensent:

Koetschau, Paul

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101

Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 4.

102

Lehmann, Fritz, Die Katechetenschule zu Älexandria. Kri-

tifch beleuchtet. Leipzig, Lorentz, 1896. (115 S.
gr. 8.) M. 2. —

Wer in diefer Schrift eine kritifche Gefchichte der
alexandrinifchen Katechetenfchule zu finden hofft, wird
fich bei der Leetüre fehr enttäufcht fühlen. Die .kritifche
Beleuchtung', die der Titel verfpricht, hat nicht
nur den Problemen, die das Thema bot, kein Licht gebracht
, fondern vielmehr Thatfachen, die bereits von berufenen
Forfchern klar geftellt waren, von Neuem in
Dunkelheit gehüllt. Wenn der Verf. gerade diefes Thema
zu behandeln für nöthig fand, fo hätte er fich zunächft
über die vorhandene neuere Litteratur orientiren, die
dort gewonnenen Refultate nachprüfen und durch eingehendes
Quellenftudium und methodifche Behandlung
der ftreitigen Punkte die Nothwendigkeit einer neuen
Darfteilung nachweifen müffen. Doch nichts von alledem
findet fich in dem Buche.

Der Verf. kennt weder Th. Zahn's Forfchungen zur
Gefch. d. nt. Kanons Bd. III noch H. J. Holtzmanns Auf-
fatz über die Katechefe der alten Kirche noch die ein-
fchlägigen Arbeiten von Bigg, Hatch, K. J. Neumann u. A.
Charakteriftifch für den Verf. ift es, dafs er auch A. Har-
nacks'Lehrbuch derDogmengefchichte Bd.I nirgends citirt;
hier (S. 504 Anm. 1 der 1. Aufl.) hätte er erfahren können,
was feine Aufgabe war, hier hätte er neuere Litteratur
und fonft wichtige Fingerzeige für feine Arbeit gefunden.

Die Kenntnifs der Quellenftellen ift dem Verf. durch
die von ihm ausgiebig benutzten älteren Darftellungen
von Redepenning (Origenes, 1846), Guerike {De sc/10/a,
quae Alexandriae floruit, catechetica 1824) und durch die
einfehlägigen Artikel der Realencyklopädie für prot.
Theol. vermittelt worden; dabei ift ihm u. A. die Dankrede
des Gregorius Thaumaturgus, obwohl fie in den
vom Verf. benutzten Arbeiten citirt wird (vgl. z. B. Redepenning
a. a. O. I S. 9), völlig unbekannt geblieben.
Diefe Rede, ,eine der lehrreichften Schriften des 3. Jahrhunderts
', wie A. Harnack (a. a. O. S. 517 Anm. 1)
treffend bemerkt, bildet aber aufser den Werken des
Origenes die Grundlage für jede wiffenfehaftliche Dar-
ftellung der Lehrthätigkeit des Origenes.

Von ernfter, eigener Forfchung des Verf. findet fich
in dem Buche überhaupt kaum eine Spur; chronologifche
Probleme, die doch in erfter Linie zu berückfichtigen
waren, werden bei Seite gelaffen oder unrichtig behandelt
, Unnöthiges wird dagegen breit ausgeführt; der
I. Theil des Buches (Die Katechetenfchule zu Alexandria
nach ihrer hiftorifchen Geftaltung S. 8—66) ift in
methodifcher Hinficht ganz verfehlt, der II. Theil (die-
felbe nach ihrer practifch-theoretifchen Wirkfamkeit
S. 67—114) leidet an unerträglicher Breite bei dürftigem
Inhalt. Für den I. Theil hat der Verfaffer als Hauptquelle
das Buch von Redepenning benutzt, oder vielmehr
grofsentheils ausgefchrieben; vgl. z. B. Lehmann
S. 5 = Redepenning I S. 6b, L. S. 9 Anm. I u. 2 =
R. I 8 Anm. 1 u. 10 Anm. 1, L. S, 14 Z. 5 v. o. u. ff. =
R. I 62, L. S. 19 = R. I 64, L. S. 36 Anm. 1 = R. I 188
Anm. 1 u. 187 f. A. 5, L. S. 41 Anm. 3 = R. I 372 f.
Anm. 3, L. S. 71 Anm. I = R. I 60 f. u. f. w. Vieles
•ft auch aus der fleifsigen Arbeit von Guerike (warum
fchreibt der Verf. confequent Guericke?) entnommen,
aber ebenfowenig, wie die fonftigen Entlehnungen, ver-
fr u'u*' Der Verf- fPricht fich unbewufst fein eigenes
Urtheil, wenn er S. 87 fchreibt: ,Während wir über die
eben befprochene, äufsere Darfteilung der alexandrinifchen
Katechetenfchule, ihre Konftitutionen und päda-
gogifche Wirkfamkeit in gar mancher Beziehung höchft
ungenügend onentirt waren' — Leider gilt dies von
dem ganzen Buch, das aufserdem noch überreich an
Druckfehlern und Verfehen, befonders in den Citaten,
ift und beffer ungefchrieben geblieben wäre.
Jena. Paul Koetfchau.

Beiträge zur Reformationsgeschichte. Herrn Oberconfiftorial-
rath Profeffor D. Köftlin bei der Feier feines 70. Geburtstages
ehrerbietigft gewidmet von P. Albrecht.
Prof.D.Brieger. P.D.Buchwald. Prof.D.Kawerau.
P. Lic. Koffmane. Prof. D. Kolde. Prof. Lic.
Dr. M ü 11 e r. Prof. D. R i e t fc h e 1. Prof. D. von S c h u b e r t.
Gotha, F. A. Perthes, 1896. (VII, 228 S. gr. 8.)

M. 5.—

Die dem bahnbrechenden „Lutherforfcher und Refor-
mationshiftoriker", Herrn D. Köftlin, zur Feier feines
fiebzigften Geburtstages gewidmeten „Beiträge zur Refor-
mationsgefchichte" führen uns in die verfchiedenften
Zeiten der Gefchichte der Reformation. Albrecht
bringt Berichtigungen und Erörterungen zum Briefwechfel
Luthers vom Jahre 1524(8. I—36); Brieger berichtet über
die handfehriftlichen Protokolle der Leipziger Disputation
(S. 37—48); Buchwald druckt aus einem Handfchriften-
band der Nürnberger Stadtbibliothek Wittenberger Katechismuspredigten
ab, die kurz vor dem Erfcheinen des
kleinen Katechismus Luthers gehalten find (S. 49—59);
Beiträge zur Gefchichte des antinomiftifchen Streites
bringt Kawerau (S. 60—80); Koffmane giebt Nachricht
von einigen Pfalmenerklärungen Luthers (S. 81—93);
„der Tag von Schleiz und die Entftehung der Schwa-
bacher Artikel" ift Kol des Beitrag (S. 94—115); Nile.
Müller befchäftigt fich mit Melanchthons Reden aus
den Jahren 1545—1560 (S. 116—157); Rietfchel ftellt
Luthers Lehre von der Kindertaufe feft und würdigt im
Hinblick auf fie das lutherifche Taufformular (S. 158—191);
Schubert endlich teilt zwei Predigten Bucers mit
(S. 192—228).

Albrechts Artikel ift eine Frucht feiner Vorarbeiten
zur Herausgabe einer Reihe von Lutherfchriften des
Jahres 1524 in der Weimarer Ausgabe. Der erfte Ab-
fchnitt „Jakob Straufs Betreffendes" erörtert hauptfächlich
die Datirung einiger in Frage flehender Briefe: das
Bruchftück bei Enders, Dr. Martin Luthers Briefwechfel,
Bd. IV, Nr. 722 (= Erl. Ausg. 53, Nr. 88) wird nach-
gewiefen als Ueberfetzung der erften Hälfte des latei-
nifchen Briefes an Straufs v. 25. April 1524 (Enders
Nr. 785); Enders IV, Nr. 782 ift nach Albrechts Vermutung
gleichzeitig mit dem Brief an Brück v. 18. Okt.
1523 (Enders Nr. 721 = Erl. Ausg. 53, Nr. 87) anzufetzen
(Falfch ift es, wenn Albrecht S. 3 behauptet: „Haupt-
ftück vnd artickel . . .; es find das 51 auf 3 Blättern gedruckte
Thefen, die Strobel Mise. III vollfländig (nicht
blofs „die Hauptfätze davon", wie Enders fagt) abgedruckt
hat." Albrecht hat überfehen, dafs es neben
„Hauptftück vnd artickel .. ." noch eine ausführlichere
Schrift von Straufs über den Wucher giebt: „Das wucher
zu nemen vnd geben . . ."; von diefer hat Strobel, was
freilich bei Enders IV, S. 249 nicht deutlich wird, die
Hauptfätze abgedruckt; von jener kürzeren Schrift giebt
Strobel a. a. O. S. 38 nur den Titel an); der undatirte
Brief Enders V, Nr. 863 wird zu datiren gefucht und
in den Anfang des Juli 1524 — etwa auf den 4. Juli
— gelegt. Der zweite Abfchnitt betrifft den Brief Luthers
an die Fürften zu Sachfen vom aufrührerifchen
Geift (Enders IV, Nr. 813) und fucht namentlich die
Frage zu beantworten, auf welche Schriften Thomas
Münzers Luther in diefem Briefe fich bezieht. Die
„Proteftation oder Entbietung" Münzers vom Jahre 1524
wird als Luther damals bekannt nachgewiefen; hinficht-
lich der übrigen Schriftftücke, die Luther bei feinem
Briefe könnten vorgelegen haben, ftellt Albrecht mehrere
Vermutungen auf; er denkt an Briefe an die Sangerhäufer
oder Mansfelder oder auch an das von Münzer verfafste
Schreiben der Allftedter an den Herzog (in den Neuen
j Mittheil. XII, 191 ff.), fällt aber keine Entfcheidung.
1 Wichtige Beiträge zum Leben und zu den Schriften
I A. Carlftadts enthalten die Unterfuchungen des dritten