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Ausgabe:

1897

Spalte:

97-100

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schanz, Martin

Titel/Untertitel:

Geschichte der römischen Litteratur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian. 3. Thl.: Die Zeit von Hadrian 117 bis auf Constantin 324 1897

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Göttingen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark

NE; 4. 20. Februar 1897. 22. Jahrgang.

Schanz, Gefchichte der römifchen Litteratur,

3. Thl. (Krüger).
Lehmann, Die Katechetenfchule zu Alexandria

(Koetfchau).

Beiträge zurReformationsgefchichte, Herrn OCR. |
Prof D. Köftlin gewidmet (Cohrs).

Difputationen Dr. Martin Luthers, in d. J. 1535
—1545 gehalten, hrsg. von Drews, 2 Hälften
(Kawerau).

Briefe und Akten zur Gefchichte des 16. Jahrhunderts
, 4. Bd. Beiträge zur Reichsgefchichte
1553 —1555, von Druffel, ergänzt und bearb.
von Brandi (Trefftz).

Beiträge zur bayerifchen Kirchengefchichte, hrsg.
von Kolde, II. Bd. (Boflert).

B u r b a c h, Rudolph Zacharias Becker (Kawerau).

Kähler, Der fogenannte hiftorifche Jefus und
der gefchichtliche biblifche Chriftus, 2. erw.
u. erl. Aufl. (Lobftein).

Dorn er, Das menfchliche Handeln. Philofo-
phifche Ethik (Gottfchick).

Schneider, Die Sittlichkeit im Lichte der Darwinschen
Entwickelungslehre (Gottfchick).

Kreyenbühl, Die Nothwendigkeit und Geilalt
einer kirchlichen Reform (Tröltfch).

Krasnopolsky, Das Ehehindernis der höheren
Weihen nach öfterreichifchem Recht
(Rieker).

Schanz, Prof. Mart., Geschichte der römischen Litteratur
bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian. 3. Th.

Die Zeit von Hadrian 117 bis auf Conftantin 324.
(Handbuch der klaffifchen Alterthums-Wiffenfchaft.
8. Bd. 3. Thl.) München, C. H. Beck 1896. (XIX,
410 S. gr. 8.) M. 7.50

Diefer dritte Theil der Literaturgefchichte von
Schanz nimmt auch das Intereffe der Theologen, insbe-
fondere der Patriftiker, in Anfpruch. Sind doch von
den 410 Seiten des die Zeit von Hadrian bis Conftantin
behandelnden Bandes 206, alfo die Hälfte, der chrift-
Literatur diefes Zeitraums gewidmet. „Der Schwerpunkt
des vorliegenden Bandes liegt in der patriftifchen Literatur,
da in unterer Periode kein nationaler Schriftfteller erften
Ranges auftritt" fagt der Verfaffer in der Vorrede.
Gewifs mit Recht. Wir find ihm fehr dankbar, dafs er
in einer „profanen" Literaturgefchichte diefen Gefichts-
punkt einmal ftark hervorgehoben hat. Bei Teuffel-
Schwabe kommen die chriftlichen Autoren fehr zu kurz,
und wie ftiefmütterlich in der griechifchen Literaturgefchichte
von Chrift, dem Seitenftück zu Schanz im „Handbuch
", die griechifch fchreibenden Kirchenmänner behandelt
find, ift oft genug hervorgehoben worden.

Dafs ich's nun aber gleich voranfchicke: Schanz
fcheint mir des Guten doch etwas zu viel gethan zu haben.
Ich rede zunächft im Intereffe der Oekonomie feines
Buches. Verglichen mit den erften beiden Bänden ift
diefer dritte unverhältnifsmäfsig ausführlich, und bei der
Behandlung der chriftlichen Schriftfteller ift die Ausführlichkeit
entfchieden über das Ziel hinausgefchoffen,
das fich der Verfaffer felbft früher geftellt hat. Oder
unter welchem Gefichtspunkt will er es denn rechfertigen,
dafs er Tertullian auf 62, Cyprian auf 40 Seiten behandelt
, während Vergil nur 50, Ovid und Seneka je 40,
Horaz und Tacitus je 25, Plautus 20, Livius 12 und Caefar
gar nur 5 Seiten zugebilligt hat, fo dafs allein Cicero
mit 80 Seiten den beiden kirchlichen Heroen den Rang
abläuft? Cyprian ift mit den Gröfsen des augufteifchcn
Zeitalters verglichen doch nur ein fehr dürftiger Autor,
und wenn ich auch der Letzte bin, zu beftreiten, dafs
„Tertullian unter allen Schriftftellern, die in lateinifcher
Sprache über das Chriftenthum gefchrieben haben, einen
der erften Plätze einnimmt" (S. 300), wenn ich auch fehr
wohl zu würdigen weifs, dafs er „was uns den Schriftfteller
, ja den Menfchen überhaupt, anziehend macht, in
reichftem Maafse befitzt; nämlich die Originalität," fo
kann ich mich doch mit der Ausnahmeftellung, die ihm
der Verfaffer äufserlich betrachtet einräumt, nicht ganz
befreunden. Vielleicht wird Schanz meinen Kanon als

zu formal ablehnen. Auch will ich ihn nicht zu fcharf
betonen; aber auffallend ift es doch, dafs z. B. die Inhaltsangabe
von Quod idola dii non sint ebenfo viel Raum
wegnimmt wie die der Germania des Tacitus oder dafs
über Lactanzens de mortibus persecutorutn ebenfo viel,
über Tertullians Antimarcion mehr gefagt ift als über
Cäfars fämmtliche Werke! Ich finde eine gewiffe Erklärung
für folche Ungleichheit darin, dafs Schanz
offenbar erft bei Ausarbeitung feines Buches mit der
Gedankenwelt der chriftlichen Schriftfteller fich näher
vertraut gemacht hat. Und wie er im Vorwort fagt,
dafs ihm das Studium der Hauptwerke der neueften
theologifch-gefchichtlichen Literatur, der Werke alfo von
Pfleiderer, Ritfehl, (übrigens Entftehung, nicht Ge-
1 fchichte der altkatholifchen Kirche), Harnack, Weiz-
fäcker, Hausrath, Zahn, Döllinger, Hagemann und Hatch,
fo zeitraubend es war, doch das gröfste Intereffe gewährt
habe, fo wird ihn auch die Befchäftigung mit der
altchriftlichen Literatur faft über Gebühr feftgehalten
haben.

Mit diefen Ausführungen wollte ich mich in die
Seele des Philologen, befonders des philologifchen
Studenten verfetzen, an den doch das „Handbuch" in
erfter Linie fich richtet. Der Theologe nimmt das Gebotene
um fo dankbarer auf, als er fich mit Schanzens
Darfteilung im Grofsen und Ganzen nur einverftanden
erklären kann. In der That befitzen wir keine neuere
altchriftliche Literaturgefchichte, in der fo forgfältige
Analyfen der Werke der lateinifchen Autoren fich fänden.
Aber die Analyfen, obwohl das Befte in dem Schanzifchen
Buche, find doch keineswegs das einzig Lobenswerthe.
Vielmehr ift der Verfaffer den kritifchen Erörterungen
über die Autoren, über Ueberlieferung und Abfaffungs-
zeit ihrer Schriften eingehend und überall mit felbft-
ftändigem Urtheil gefolgt und hat aus der neueren Literatur
nichts Wefentliches unberückfichtigt gelaffen, für
einen Nichttheologen an und für fich fchon eine nicht
geringe Leiftung, die um fo höher zu werten ift, als
man weifs, wie fehr Schanz durch feine kritifche Befchäftigung
mit Plato, alfo in ganz anderer Richtung, in
Anfpruch genommen war und ift. Bei der Behandlung
gewiffer kritifcher Fragen, wie der nach der Zeit des
Minucius oder der Autorfchaft von de mortibus perse-
cutorum, hat Verf. offenbar der Verfuchung zu unterfuchen
ftatt Refultate zu geben nicht widerftanden, auch dies
im Unterfchied von den früheren Bänden.

Mit vollem Rechte betont Schanz, dafs manin der Behandlung
der chriftlichen Schriftwerke lateinifcher Zunge die-
felbe Methodeverfolgen müffewiein der nationalenLiteratur,
dafs alfo auch bei der Beurtheilung der Autoren felbft-

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