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Ausgabe:

1897 Nr. 3

Spalte:

78-80

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rodocanachi, E.

Titel/Untertitel:

Renée de France, douchesse de Ferrare 1897

Rezensent:

Schott, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 3.

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angezeigt worden ift, folgt hier der erfte Band des I
zweiten Theils. Es erfchien mir zweckmäfsig, die Chronologie
und die mit ihr zufammenhängenden Fragen be-
fonders zufammenzufaffen und in einheitlicher ununterbrochener
Unterfuchung vorzulegen. Das Gerüfte der
Litteraturgefchichte ift damit gegeben, und ein Jeder
kann fich nun leicht davon überzeugen, was hier ficher
oder wahrfcheinlich und was zweifelhaft oder dunkel ift.

Dem Einwurf, dafs man die Schriften nicht chrono-
logifch beftimmen kann, ohne auf die innere Entwicklung
einzugehen, vermag ich nur durch den Hinweis auf das
Buch felbft zu begegnen. Dafs gewiffe Momente der
innern Entwicklung nicht aufser Betracht bleiben konnten,
verfteht fich von felbft; ich hoffe aber nur folche in den
Anfatz aufgenommen zu haben, über die ein wefentliches
Einverftändnifs herrfcht, und die als ficher erprobt find.

In eine altchriftliche Litteraturgefchichte gehören die
NTlichen Schriften; aber der gefonderte Betrieb der
NTlichen Wiffenfchaft macht es nicht rathfam, alles das
zu wiederholen, was in anderen Werken bereits zutreffend
gefagt ift. Ich habe hier nach einem Mittelweg fuchen
müffen, der natürlich arbiträr ift, hoffe aber, dafs ich
nichts Ueberflüffiges gethan habe, indem ich auf einige
NTliche Probleme — vornehmlich die Zeit der Evangelien
und der katholifchen Briefe — verhältnifsmäfsig
ausführlich eingegangen bin. Speciell die johanneifche
Frage meine ich vereinfacht zu haben: mehr wage ich
nicht zu fagen.

Was die Anlage des Werkes betrifft, fo wird die
Reihenfolge, in der die Schriften behandelt find, zunächft
den Eindruck des Zufälligen machen; allein fie beruht
auf eingehenden Erwägungen, bei denen ich mich von
dem Grundfatz leiten liefs, überall das Sichere voranzu-
ftellen und die Behandlung der fchwierigften Probleme
nicht früher zu unternehmen, als bis Alles im Voraus
unterfucht war, was ihre Unterfuchung erleichtern konnte.
Sehr dankbar werde ich für den Nachweis fein, dafs ich
eine Urkunde, die in den Rahmen des Bandes gehört,
überfehen habe. An den Schlufs ift eine ausführliche
chronologifche Tabelle geftellt, in der die Ergebniffe der
Arbeit zufammengefafst find. Bei Schriften, für die fich
ein genaues Datum nicht ermitteln liefs, find die Grenzen,
in denen fie entftanden oder wahrfcheinlich entftanden
find, angegeben.

Eingeleitet habe ich den Band durch zwei umfangreiche
Unterfuchungen: 1) über die Chronologie in
der Kirchengefchichte des Eufebius und über die die
Litteratur betreffenden Daten in diefem Werk und in
der Chronik (S. 3—69), 2) über die Bifchofsliften bis z.
Z. des Eufebius (S. 70—230). Während für die erfte
Unterfuchung kaum Vorarbeiten vorhanden waren, galt es
in der zweiten das Ergebnifs aus fehr zahlreichen und ver-
dienftvollen Arbeiten zu ziehen, die Forfchung zu Ende zu
führen und zu zeigen, dafs die Dinge hier einfacher
liegen, als man nach dem verwickelten Material glauben
follte und geglaubt hat. Lightfoot und Hort verdankt
man die Grundlagen für diefe Einficht. Lipfius
bleibt das Verdienft des bahnbrechenden Arbeiters. —

Während ich diefe Zeilen fchreibe, geht mir durch
die Güte Deffau's und Hirfchfeld's die Nachricht
zu, dafs Felix, der Präfect von Aegypten, den Juftin
erwähnt (Apol. I, 29), ungezwungen mit C. Munatius Felix
identificirt werden kann, deffen Amtszeit nach einem
Papyrus, über den Kenyon in der Academy 1896 p. 98
berichtet, zwifchen die JJ. 148—154 gefetzt werden mufs.
Dadurch ift die Annahme, Juftin's Apologie fei um 139
gefchrieben, ausgefchloffen und der von mir nach dem
Vorgang Anderer empfohlene Anfatz ,,bald nach 150,
vielleicht 1523" beftätigt. — Die Frage, ob L. Verus den
Titel y^vrny.ocacoQ geführt hat, hätte S. 362 n. 3 nicht
offen gelaffen werden dürfen. — Die eingehenden Unterfuchungen
vonCorffen über die monarchianifchen Prologe
zu den Evangelien habe ich nicht mehr benutzen

können; übrigens gehören fie dem Anfang des 3. Jahrh.
an; nur ihre Quellen führen z. Th. ins zweite Jahrhundert.
Das wichtigfte Problem, das fie bieten, hängt mit den
Johannes-Acten zufammen. Diefe aber mufste ich aus
diefem Bande ausfchliefsen, weil wir eine zuverläffige
Ausgabe derfelben noch nicht befitzen. Von Bonnet
fleht eine folche zu erwarten.

Berlin. A. Harnack.

Rodocanachi, E., Renee de France, duchesse de Ferrare.

Une protectrice de la Reforme en Italie et en France.
Paris, Paul Ollendorf, 1896. (573 S. 8.) Fr. 7.50.

Als ich im Winter 1861 in Paris meinen Hugenotten-
ftudien oblag, traf ich vielfach mit Jules Bonnet zufammen,
dem hochverdienten damaligen Herausgeber des Bulletin
de la societe de Vhistoire du protesta>iiismc francais.
Seine fonftige literarifche Thätigkeit war damals einer
Biographie von Renata von Ferrara - Frankreich gewidmet
, zu welcher er eifrigft die Quellen fammelte.
Das mit Spannung erwartete Werk ift leider nicht er-
fchienen, nur einzelne Bruchftücke da von, anmuthig und
feffelnd gefchrieben, hat die genannte Zeitfchrift veröffentlicht
; die gefammelten Briefe und fonftigen Quellen
find zum Glück nicht begraben geblieben, Bonnets Witwe
hat fie mit grofser Bereitwilligkeit dem Verfaffer diefes
Buches zur Verfügung geftellt und damit find fie in die
rechten Hände gekommen. Denn nun haben wir endlich
einmal eine vollftändige, ausführliche, wohlabgerundete
und zuverläffige Biographie diefer vielgeprüften Fürftin,
deren Leben und Thun aufs engfte verbunden ift mit
der reformatorifchen Bewegung in Italien und Frankreich,
deren Namen eine Weltberühmtheit erhalten hat durch
ihre fchöne Tochter Leonore, welche Taffo und Goethe
befungen haben und deren fchweres Gefchick ein echter
Typus ift von der ganzen herzerfchütternden Tragik,
welche die Gefchichte des italienifchen und franzöfifchen
Proteftantismus beherrfcht. Was bisher über das Leben
Renatas erfchienen war von Münch, Blümner, Pommer-
enicke, Gerdes, Young, Maccrie u. f. w. war wiffenfehaft-
lichen Anfprüchen in keiner Weife genügend, über fehr
wichtige Daten herrfchte grofse Verfchiedenheit; z. B.
wird Renatas Geburtstag von Bonnet auf den 29. Sept.
1510 angegeben, der Todestag auf den 12. Juni 1575,
Litta gibt fogar den 2. Juli an; unfer Buch ftellt das
erfte Datum auf den 25. Okt. das zweite auf den 15. Juni
für immer feft. Aehnliche Fälle wiederholten fich manig-
fach und es ift in hohem Grade dankenswerth, dafs hier
fichere Klarheit gefchaffen ift. Eine Hauptquelle gerade
auch für die Chronologie find die Rechnungs- und Haushaltungsbücher
Renatas, die mit mufterhafter Sorgfalt
geführt, beinahe vollftändig erhalten find und die zuver-
läffigften und einzelnften Auffchlüffe über Renatas gewöhnliches
Leben, ihre Reifen, ihre Umgebung und
Dienerfchaft, ihre wohlthätigen Spenden u. f. w. gewähren.
Beinahe Tag für Tag kann man ihren Aufenthalt verfolgen
und überhaupt weit mehr, als diefe trockenen
Zahlen zu verheifsen fcheinen, Theil nehmen an ihrem
ganzen äufseren und inneren Leben. Mit vollen Zügen
hat der Verfaffer nach dem Vorgange Bonnets und
Fontanas (f. fpäter) aus diefem reichen Brunnquell ge-
fchöpft, aber auch eine ebenfo reiche Ausbeute aus den
Archiven von Paris, Turin, Florenz und andern Orten
hinzugefügt; zahlreiche Briefe von und an Renata find
auf uns gekommen und wurden forgfam benutzt, andere
wie z. B. die Correfpondenz mit Calvin und andern
Häuptern der Reformation find nur in wenigen Nummern
vorhanden und harren vielleicht noch einer glücklichen
Finderhand oder find für immer verloren. Abgerundet
und gut gefchrieben ift das Buch eine feffelnde Lektüre
für jeden, der fich für diefe Zeit und Perfonen intereffirt;
mit ruhigem Urtheil fteht der Verf. in dem aufregenden