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Ausgabe:

1897 Nr. 2

Spalte:

57

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vogel, August

Titel/Untertitel:

Die höchsten Fragen 1897

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Seite 1

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57

Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 2.

5.8

allem andern gebührt auch hierfür dem Verfaffer der
herzlichfte Dank.

Heidelberg. Troeltfch.

Vogel, Dr. Aug., Die höchsten Fragen, beleuchtet von den
gröfsten Denkern der Neuzeit. Gesammelt und hrsg.
von V. Berlin, Ebering, 1896. (VIII, 285 S. gr. 8.)

M. 3.-

Vogel, der bereits eine fehr verdienftliche Zufammen-
ftellung.der Aeufserungen Goethe's über religiöfe Dinge
geliefert hat, vvünfcht mit der vorliegenden Zufammen-
ftellung klaffifcher Stellen aus der modernen Philofophie
die in der Gegenwart hinter materiellen und politifchen
Intereffen fo fehr zurückgetretene, aber für eine gefunde
Entwickelung unentbehrliche Theilnahme an den höchften
und letzten Fragen zu beleben. Die Philofophen leuchten
in ein Gebiet, das ,felbft die Electricität nicht zu erleuchten
vermag'. Die Chreftomathie, die er zu diefem
Zwecke zufammengeftellt hat, zerfällt in vier Abfchnitte:
einen erkenntnifstheoretifchen, wo Berkley, Hume und
Kant das Wort führen, einen pfychologifchen d. h. vor
allem mit dem metaphyfifchen Wefen der Seele fich be-
fchäftigenden, in dem von Descartes und Spinoza zu
Herbart und Beneke fortgefchritten wird, einen metaphyfifchen
, wo der Gegenfatz von Leibniz und Spinoza
und Kant's fchliefsliche Auflöfung der Antinomien den
Hauptftoff bilden, und einen theologifchen d. h. dem
Gottesbegriff gewidmeten, der faft ganz von Kant's ethifchen
Poftulaten beherrfcht ift. Die Auswahl der Probleme
bezieht fich, wie man fieht, wefentlich auf die pfychologifchen
und metaphyfifchen; das eigentliche Problem
der Geifteswiffenfchaften, das Gefchichtsproblem, fehlt.
Die Auswahl der Philofophen befchränkt fich, von wenigen
Ausnahmen abgefehen, auf die grofsen vorkantifchen
Philofophen und Kant; die Speculation der Fichte, Schel-
ling, Schleiermacher, Hegel, Lotze fehlt. So entfteht
natürlich ein fehr befchränktes Bild der Philofophie. Die
Behandlung der ausgewählten Stücke fetzt fehr gefchickt
in jedem Abfchnitt die einzelnen Momente der Probleme
aus hierfür ausgewählten Stellen, zum Theil antithetifch,
zufammen. Freilich mag durch diefes Verfahren die
Auswahl fehr erfchwert worden fein, da fich nicht gerade
immer leicht ein paffendes Stück gefunden haben wird.
Die einzelnen Stellen find ohne Angabe der Ausgabe,
ev. Ueberfetzung, und ohne folche der Seitenzahlen
abgedruckt, vermuthlich um einen Mifsbrauch durch
Citatenräuber auszufchliefsen.

Heidelberg. Troeltfch.

Dörries, Pafi Bernh., Das Evangelium der Armen. Ein

Jahrgang Predigten. Göttingen, Vandenhoeck &
Ruprecht, 1896. (IV, 475 S. gr. 8.) M. 5.—; geb.

M. 5.80

Der biblifche Doppelfinn des Titels diefer Predigten
findet zunächft nur nach einer Seite nähere Erklärung:
einmal durch die Angabe, daf« der Verfasser ,Pfarrer
in einer Vorftadt Hannovers' fei und fodann dadurch,
dafs in den Predigten fortwährend auf die Verhältniffe
einer grofsftädtifchen Arbeiterbevölkerung Bezug genommen
wird. Infofern auch das Buch für diese Kreife
beftimmt ift, hätte vor den Predigten der Text jedesmal
mit abgedruckt werden follen, zumal häufig ftatt der
bekannten Perikopen freie Texte gewählt find, und auch
bei jenen die ganze Art der Behandlung mehr darauf
ausgeht, eine neue oder weniger beachtete Seite hervorzuheben
, als die Gemeinde mit der hergebrachten Auslegung
des Textes bekannt zu machen. Erfreulich ift
es, dafs der Prediger auch bei den Zuhörern, die er
vorzugsweife im Auge hat, nicht Geiftesarmuth vorausfetzt
, fondern ihnen einen Reichthum von Gedanken bietet,
eine Fülle von Beziehungen auf unfere moderne Bildung,
auf die Literatur der Gegenwart verwendet, wie dies
auch vor einer Gemeinde gebildeter Reicher nur möglich
wäre. Die Sprache ift einfach und verftändlich, bei aller
Tiefe der Gedanken und hoher Schönheit des Ausdrucks
zeigt fich überall das forgfältigfte Bemühen in kurzen,
klaren Sätzen zu reden.

Die hergebrachten Regeln der Homiletik treten in
diesen Predigten völlig zurück. Das Thema ift zwar aus
dem Texte genommen oder fleht wenigftens daYnit in
Zufammenhang, wenn auch oft in einem fehr lofen;
fo z. B. fleht das Evangelium vom Sonntag Reminiscere
als Text vor zwei Predigten. Die erfte diefer Predigten
handelt vom rechten Glauben, die andere vom Chriften-
thum und der Frauenfrage, und noch eine dritte nur über
V. 24 desfelben Abfchnittes beginnt: ,Das Thema meiner
heutigen Predigt lautet: An's Vaterland, an's theure, fchliefs
dich an!' Veranlaffung hierzu hat die bevorftehende Reichstagswahl
gegeben, und in durchaus erbaulicher Weise,
ohne zu Gunften diefer oder jener Partei ein Wort zu
fagen, entwickelt der Prediger die evangelifche An-
fchauung über das Vaterland, führt aber nur ein einziges
Mal das Textwort als Aeufserung der Vaterlandsliebe
Jefu an. Während man bei der erften Predigt von einer
Textbehandlung reden kann, indem der Glaube Jefu und
derjenige des kananäifchen Weibes als Beifpiele des
rechten Glaubens vorgeführt werden, fo ift in der Predigt
über die Frauenfrage auch nicht im Geringften auf den
Text Bezug genommen, es müfste denn das dafür an-
gefehen werden, dafs bei dem Hinweis auf die Frauen,
die im Leben des Herrn vorkommen, nachdem vieler
von ihnen gedacht ift, es heifst: ,und nun auch deiner,
du kananäifches Weiblein, uns unbekannt felbft dem Namen
nach und doch für alle Zeiten ein Vorbild des Glaubens
und Vertrauens.' Wir meinen, dafs fich wohl andere
Texte hätten finden laffen, bei denen die Hörer das
Zeugnis der heil. Schrift über folche Fragen leichter
verftehen konnten. Ueberhaupt ift uns eine folche Textverwendung
darum bedenklich, weil fie es der Gemeinde
erfchwert, die Bibel fchätzen und gebrauchen zu lernen
als ,das Buch aller Bücher', ,das ihn uns zeigt, den
Fürften und König unfers Gefchlechts und in ihm das
Wefen und die Wahrheit Gottes, unfers Vaters im
Himmel'. (Konfirmationsrede S. 176.) Andererfeits weifs
der Verfaffer, wenn er auch feltener von dem Text ausgeht
, mit bewundernswerthem Gefchick zu diefem hin
und in ihn hineinzuführen. Nachdem die Aufgabe klar-
geftellt, die Bedenken überwunden, die Wege gezeigt
find, wird oft nur mit wenigen Worten auf den Inhalt
des Schriftwortes eingegangen, aber der Hörer wie der
Lefer mufs es fpüren, dafs für deffen Verftänd'nifs und
Aneignung viel geleiftet worden ift. Freilich wird den
Hörern nicht wenig zugemuthet. Der Prediger entwickelt
feine Gedanken in dialektifcher Gefchloffenheit, und wenn
auch nicht feiten Beifpiele angeführt und kürzere Erzählungen
eingeflochten werden, fo fordert es doch eine
anhaltende Arbeit der Gedanken, ihm zu folgen. Die
Bedenken und Zweifel, die Angriffe auf die evangelifche
Lehre und die Leugnung der chriftlichen Wahrheiten
werden oft in grofser Ausführlichkeit angeführt z. B. S. 9,
14, 236, 242, fo dafs man fürchten mufs, der Hörer könnte
in die Gefahr kommen, diefe zufammenhängenden Aus-
fagen für das von dem Prediger verkündigte Wort zu
halten, weil er nicht wie der Lefer die Anführungszeichen
vor Augen hat.

In ähnlicher Weife wie mit dem Text verfährt der
Verfaffer auch oftmals mit feinem Thema. Die Behandlung
läfst zwar an Sorgfalt nichts vermiffen, wenn auch
die Ausführung in ungezwungener Weife aufgebaut ift und
weder eine gleichmäfsige Berückfichtigung der einzelnen
Theile erftrebt noch überhaupt den Hörer mit dem
Schema der Eintheilung bekannt macht. Es ift ihm äugen-