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Ausgabe:

1897 Nr. 26

Spalte:

691-693

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bassermann, Heinrich

Titel/Untertitel:

Der Katechismus für die evangelisch-protestantische Kirche im Grossherzogtum Baden zum Gebrauch der Lehrer und Eltern erklärt 1897

Rezensent:

Bornemann, Joh.

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 26.

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Bassermann, Heinr., Der Katechismus für die evangelischprotestantische
Kirche im Grossherzogtum Baden zum Ge- '

brauch der Lehrer und Eltern erklärt. 3 Hefte. Freiburg
i. Ii, J. C. B. Mohr, 1896. (gr. 8.) "
1. (91 S.) M. —.90. — 2. (95 S.) M. —.90. — 3. (135 S.) M. 1.20.

Die Katechismus - Erklärung D. Baffermann's Hegt
jetzt vollendet vor: Heft I: Eingang und 1. Theil, von
des Menfchen Sünde und Elend (1. Hauptftück, das Gefetz
; 2. Hauptftück, die Sünde); Heft II: 2. Theil, von
des Menfchen Erlöfung; (3. der Glaube; 4. die Gnadenmittel
); Heft III: 3. Theil, von dem neuen Leben des
Erlöften; (5. die Nachfolge Jefu Chrifti; 6. das Gebet).

Die Erklärung fchliefst fich eng an den badifchen j
unirten Katechismus an, indem fie denfelben, Frage, Antwort
und Sprüche, vor jeder Erklärung abdruckt, auch
mit der Hinweifung, in welchem Schuljahre die betr. Ab-
fchnitte zu behandeln find, auf die vorgedruckten Sprüche
auch im Zufammenhang der Erklärung durch befonde-
ren Druck zurückweift. Doch find nach Bedarf auch
mehrere Fragen zufammengefafst. Die Erklärung erfolgt
durchweg in zufammenhängenden Abfchnitten, ohne die
Formulirung der katechetifchen Fragen dem Unterrichtenden
vorweg zu nehmen oder eine beftimmte Gruppirung
ihm vorzufchreiben. Die Verweifung auf biblifche Ge-
fchichte, Gefangbuch und Lefeftücke richtet fich auf die
im Badifchen gebrauchten Bücher, ohne doch darum für
andere undeutlich zu fein. Der Verfaffer hat durch diefe
Anordnung des Ganzen beides erreicht, feiner Landeskirche
ein gründliches Handbuch ihres Katechismus zu
geben und zugleich mit feiner Erklärung einem weiteren
Kreife zu dienen. Der Dank für feine hingebende und
gründliche Arbeit wird ihm von beiden Seiten nicht
fehlen.

In fchlichter, feffelnder Form, klar und verftändlich,
behandelt die Erklärung die Abfchnitte des Katechismus;
überall die Schrift in reichem Maafse heranziehend, die
Entwickelung der Kirche betonend, den Gegenfatz zu
Rom nicht in einen Nachtrag verweifend, fondern in allen
Punkten hervorhebend, fucht fie überall in die Tiefe zu
fuhren und geht keiner noch fo fchweren Frage aus dem
Wege, fondern giebt offen, warm und begründet des
Verfaffers Antwort, es mag fich um die fchwierigen
theologifchen Fragen des 2. Artikels oder um den prac-
tifchen Zweifel an Gottes Vorfehung handeln, an dem
die Erklärung des 1. nicht vorübergehen darf. Dafs des 1
Verfaffers theologifcher Standpunkt mit voller Deutlichkeit
zum Ausdruck kommt, ift dabei felbftverftändlich.
Ueber denfelben Weiteres auseinanderzufetzen, ift hier
nicht der Ort. Jedenfalls haben auch theologifche Gegner
reiche Gelegenheit, aus dem Buche zu lernen, nicht
allein, wo gemeinfamer Boden ift, fondern auch gerade
bei ftrittigen Punkten. Nur ein verblendetes Auge könnte
in diefer Erklärung den tiefen Ernft, die rückhaltlofe
Wahrheitsliebe verkennen und den Wunfeh, nicht nieder-
zureifsen, fondern aufzubauen.

Den Lehrern und den Eltern ift das Buch zugedacht. ,
Ohne Frage wird den Lehrern und Predigern gerade die
meifterhafte Form der Erklärung lieb fein, die den Kern, !
die Sache, behandelt, ohne über die weitere Entwickelung '
Vorfchriften zu machen. Ob auch die Eltern in gröfserer !
Zahl für fich und ihr Haus das Buch benutzen werden,
wage ich nicht zu fagen. Ich weifs nicht, ift es die Gebundenheit
an eine beftimmte Vorlage, ift es die immer
wiederkehrende Nothwendigkeit wiffenfehaftlicher Begründung
, oder ift es dies, dafs es überhaupt nicht gelingen
kann, ein Buch gleichzeitig zur Vorbereitung der
Lehrer und zur Erbauung des Haufes zu fchreiben: was
der Grund fein mag, bei aller Klarheit und Einfachheit [
der Darfteilung kann ich leider den beftimmten Eindruck
nicht gewinnen, dafs ein volksthümlicher Ton getroffen ift.

Die Ausftellungen, die die katechetifche Behandlung
angehen, treffen eigentlich mehr die Unterlage als die !

Auslegung. Ich glaube, gerade die Vorzüge diefer Auslegung
laffen die Mängel der Vorlage und zugleich der
ganzen Reihe folcher unirter Katechismen nur deutlicher
empfinden, die Heidelberger Katechismus und Luther
verbinden. So bei der Behandlung vom Gefetz. Ganz ab-
gefehen von dem Hin — und — Her bei der Zahlung und
Anordnung der 10 Gebote, ift die doppelte und ausführliche
Behandlung deffelben Stoffes im 1. und 5. Hauptftück
ein Grundfehaden, den der gefchicktefte Ausleger
trotz aller Sorgfalt nicht aufheben kann. Sehr fcharf
und deutlich tritt I S. 9 die Auslegung beim I. Hauptftück
dafür ein, dafs das Gefetz von vorn herein nicht
allein unter den Gefichtspunkt der Sünden-Erkenntnifs
trete. Aber eben damit ift das Unzweckmäfsige der
zweimaligen Behandlung fchon klargeftellt. Die Folge
ift gerade in diefem Punkte eine gewiffe Undeutlichkeit,
die noch verftärkt wird durch die Antwort I S. 18 auf
die Frage, ob nach Paulus nicht das Gefetz aufgehoben
fei. Ich halte es auch für nothwendig, diefe Frage gründlich
zu behandeln. Aber die hier gegebene Löfung zumal
in ihrem zweiten Theile ift doch entfehieden zu be-
anftanden: ,einmal wollte Paulus damit nur die jüdifche
Meinung bekämpfen, als ob man durch die Erfüllung der
Gefetzesgebote gerecht und feiig werden könne, und
dann gilt die von ihm erftrebte und erkämpfte Freiheit
vom Gefetz nur dem vollkommenen, von dem Geifte
Chrifti wirklich und ganz regirten Chriften. So wie etwa
ein durchaus braver und wohlerzogener Schüler fich
um die Schulordnung nicht mehr zu kümmern braucht,
weil er ihre Vorfchriften ohnehin erfüllt. Zu diefen vollkommenen
Chriften werden wir uns aber nicht rechnen
wollen'. Ich weifs diefe Erklärung mit dem Neuen Tefta-
mente nicht zu vereinen; und bedauere das um fo mehr,
als gerade in diefem Punkte eine Schwäche der meiften
Katechismus - Erklärungen fleckt, fei es, dafs fie meift
eine doch nothwendige Erklärung vermeiden, oder dafs
fie eine irrige Erklärung bieten.

Auch der badifche Katechismus behandelt wie der
naffauifche (s. Nr. 1 diefes Jahrgangs dsr. Zeitfchrift) die
Frage nach dem wahren Glauben und nach der Rechtfertigung
am Schlufs der drei Artikel. Ebenfo braucht er,
ohne das Heiligen als Oberbegriff zu bezeichnen, Luther's
Ausdrücke .beruft, erleuchtet, heiligt' beim dritten Artikel
. Hier giebt nun der Ausleger bei der einen
heiligen chriftlichen Kirche II S. 68 die Erklärung für
Heiligen, die m. E. Luther's Sinn völlig trifft: mit Gott
in Verbindung bringen und erhalten. Andererfeits wird
vorher S. 65 das Heiligen in dem engen Sinne des dog-
matifchen Terminus gebraucht, gewifs im Sinne der Vorlage
, aber nicht im Sinne der lutherifchen Worte. So
kommt zuletzt, durch die Schuld der Vorlage, eine In-
congruenz heraus. — Zwifchen der einen heiligen chriftlichen
Kirche und der Gemeinde der Heiligen macht der
Katechismus anfeheinend einen Unterfchied, indem er die
Gemeinde der Heiligen als die unfichtbare Kirche bezeichnet
. Dafür fetzt der Ausleger den biblifchen Begriff
des Reiches Gottes ein und ftellt die eine heilige chrift-
liche Kirche als fichtbare dem gegenüber. Die Vorlage
zwingt m. E. nicht zu der Gegenüberftellung; und an
ihrer practifchen Brauchbarkeit in der Katechefe möchte
ich zweifeln. So ift noch eine Reihe von Punkten, wo
fchon die Vorlage grofse Schwierigkeiten in fich birgt,
in der Anordnung nach den einzelnen Stücken beim
zweiten Artikel, in der eingehenden Behandlung des Gebets
vor der Auslegung des Herrngebets, bei der alle
Vorfragen auch behandelt werden könnten; hier find die
Ausleger des lutherifchen Katechismus in mancher Weife
glücklicher geftellt.

Soll ich noch Einzelheiten nennen, fo fcheint es mir
bei der Anrede im Vaterunfer glücklicher, nicht auf die
Mangelhaftigkeit irdifcher Väter zu weifen, fondern allein
auf das, was in irdifchen Vätern dem Bilde Gottes ent-
fpricht. Beim erften Gebot ift die gefonderte Befprechung