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Ausgabe:

1897 Nr. 25

Spalte:

667-669

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Elsenhans, Theodor

Titel/Untertitel:

Selbstbeobachtung und Experiment in der Psychologie. Ihre Tragweite und ihre Grenzen 1897

Rezensent:

Ritschl, Otto

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667

Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 25.

668

Elsenhans, Dr. Theod., Selbstbeobachtung und Experiment
in der Psychologie. Ihre Tragweite und ihre Grenzen.
Freiburg i. B., J. C. B. Mohr, 1897. (VIII, 63 S. gr. 8.)

M. 1.50

Der Verf. bezeichnet mit Recht die Frage nach der |
Anwendbarkeit der Selbftbeobachtung und des Experi- ;
ments ,als eine der Hauptfragen — vielleicht als die
Hauptfrage — der Pfychologie der Gegenwart'. Mit
um fo gröfserem Dank wird man daher feine Arbeit be- !
grüfsen dürfen, in welcher ohne Einfeitigkeit, Vorein- I
genommenheit und perfönliche Leidenfchaft in ruhiger,
fachlicher, umfichtiger, fcharffinniger Erörterung die Bilanz
der introfpectiven und der phyfiologifchen Methode
der Pfychologie zu ziehen verfucht wird. Von der Antwort
auf die Frage, ob die Methode der Selbftbeobachtung
überhaupt möglich in, hängt auch die Entfcheidung darüber
ab, ob die Pfychologie den Charakter einer autonomen
Wiffenfchaft hat oder nicht. Beitritten wird dies I
von dem pfychophyfifchen oder, wie der Verf. ihn lieber |
nennen will, methodologischen Materialismus der Gegenwart
. Deffen extremer Richtung gegenüber ftellt der Verf.
feft, dafs die Selbftanalyfe die unerläffliche Vorausfetzung
jeder pfychologifchen Unterfuchung ift, und dafs nur vom
dogmatifchen Standpunkt eines metaphyfifchen Materialismus
aus die felbftändige Exiftenz der pfychifchen Erscheinungen
in Abrede geftellt, und die Pfychologie in
Phyfiologie aufgelöft werden kann. Aber auch die ge- |
mäfsigten Vertreter derfelben Richtung, die zwar den
Gegenfatz des Materiellen und des Pfychifchen unumwunden
zugeben, fuchen dennoch den Zufammenhang
der pfychifchen Vorgänge auf phyfiologifche Zufammen-
hänge zurückzuführen. Dagegen weift der Verf. treffend
nach, dafs die phyfiologifche Pfychologie immer fchon
vorausfetzt, dafs die Pfychologie als autonome ihre
Arbeit bereits irgendwie gethan hat. ,Denn nur daher
kann fie die Kenntnifs pfychifcher Erscheinungen gewinnen
, um fie zu phyfiologifchen Vorgängen in Beziehung
zu fetzen' (S. 12). Nun leugnet die VVundt'fche Schule
wegen der in der Sache liegenden Schwierigkeiten, dafs
eine reine Selbftbeobachtung, d. h. eine Selbftbeobachtung
ohne Experiment überhaupt möglich fei. Auch der
Verf. erkennt deren Schwierigkeiten an und fixirt diefe
dahin, dafs die Selbftbeobachtung einerfeits ftets mit ge-
wiffen Hemmungserfcheinungen verbunden ift, die den
natürlichen Ablauf der pfychifchen Vorgänge ftören oder
unterbrechen, andererfeits dadurch erfchwert wird, dafs
das geiftige Leben fich überhaupt in einem unaufhaltsamen
Fluffe bewegt. Dennoch ift reine Selbftbeobachtung
mit Hilfe willkürlicher Reproduction der pfychifchen
Vorgänge möglich. Dazu findet fie eine unerläfsliche
Ergänzung in der Erinnerung, fofern diefe ,erft die unendlich
vielfeitige Beziehung der geiftigen Vorgänge auf
einander' ermöglicht, ,welche die Vorausfetzung alles Denkens
, aber auch aller pfychologifchen Analyfe ift' (S. 35).

Zweitens prüft der Verf. das Experiment in der
Pfychologie, welches von den phyfiologifchen Pfycho-
logen als das eigentliche Erkenntnifsmittel ihrer Wiffenfchaft
gerühmt zu werden pflegt, auf feine Leiftungs-
fähigkeit. Den bisherigen Ertrag diefer experimentellen
Bemühungen erkennt er bereitwillig an, er bemerkt
aber fehr richtig: ,Bei dem engen Zufammenhang, in
welchem alle Beftandtheile des pfychifchen Gefchehens
flehen, bei dem. Eifer, mit welchem die experimentelle
Arbeit betrieben wurde', hätten auch auf dem Gebiete
der zufammengefetzten pfychifchen Erfcheinungen ,fchon
reichere Ergebniffe erzielt werden müffen, wenn nicht in
der Sache felbft neue Schwierigkeiten liegen würden'
(S. 45). Damit legt fich die Aufgabe nahe, die Grenzen
der Anwendbarkeit des Experiments überhaupt feftzu-
ftellen. Indem nun der Verf. zunächft die allgemeinen
Schranken der experimentellen Pfychologie ermittelt,
ift von befonderer Erheblichkeit fein Hinweis darauf,

dafs ,im Verlaufe des geiftigen Werdens des Individuums
feine fämmtlichen pfychifchen Vorgänge durch
die vorangehenden benimmt' find. Die geiftige Entwicklung
des Individuums ift aber zum Theil auf eine individuelle
Anlage, andererfeits ,auf vielfach fich verzweigende
Einflüffe' zurückzuführen, ,welche von der Umgebung
auf das Geiftesleben des Individuums ausgegangen
find, und damit auf eine unendliche Reihe, die fich jeder
experimentellen Behandlung entzieht' (S. 47). Endlich
benimmt der Verf. mit triftigen Gründen als Gebiete der
Pfychologie, die der Natur der Sache nach dem Experiment
überhaupt unzugänglich find, das produetive logifche
Denken, die höheren Formen des äfthetifchen Wohlgefallens
, den Willensentfchlufs, das fittliche und das reli-
giöfe Bewufstfein. Diefe Erfcheinungen, fagt er, find
zwar zugleich auch Gegenftände anderer felbftändiger
Wiffenfchaften, als Thatfachen des Bewufftfeins aber
fallen fie mindeftens ebenfo auch in das Gebiet der
Pfychologie hinein.

Nun ift aber gegen die Möglichkeit der Selbftbeobachtung
nicht blofs, worauf der Verf. allein eingeht,
von pfychophyfifcher Seite her, fondern auch von Kant
und F. A. Lange (vgl. Gefch. d. Mat. 2. Aufl. II, S. 382ff.)
Einfpruch erhoben worden, und Lange hat (a. a. O.
S. 445, Anm. 44) Brentano's Kritik feiner Anficht, die der
Verf., indem er fich an Brentano anfchliefst, nebenher auch
erwähnt (S. 23), zurückzuweifen verfucht. Es hätte daher
nahe gelegen, dafs der Verf. auch auf die Erörterungen
Lange's näher eingegangen wäre. In diefem Zufammen-
hange aber wäre ihm vielleicht noch eine dritte mögliche
Methode der Pfychologie als neben den beiden anderen
wohl der Befprechung werth entgegengetreten, nämlich
die eigentlich pfychologifche und nicht nur experimentelle
Beobachtung anderer Menfchen, deren Kant fich
vorzugsweife bedient hat, die der Verf. aber gar nicht
in Rückficht zieht. Und doch fcheint es mir fehr wichtig
zu fein, dafs durch diefes Verfahren das der Selbftbeobachtung
ergänzt und controlirt, nöthigenfalls auch
berichtigt wird. Pfychologie in ihrem ganzen Umfange
mufs doch auch immer irgendwie Theorie der Menfchen-
kenntnifs fein und infofern die Beobachtung und das
Studium anderer Menfchen zur Vorausfetzung haben.
Dies ift bei der experimentellen Methode, die ja in ge-
wiffer Hinficht als Specialfall der Beobachtung anderer
aufgefafft werden kann, nur in fehr einfeitiger Weife der
Fall. Andererfeits ift die Kinderpfychologie, die der
Verf. einmal nebenbei erwähnt, auf deren Wichtigkeit
aber fchon Fr. Engel (vgl. ,Deffoir, Gefch. d. neueren
deutfehen Pfych. I, S. 148) und dann wieder Lange (a.
a. O. S. 390) hingewiefen hat, nicht nur in experimenteller
Form möglich. Ueberhaupt hat die Beobachtung
anderer Menfchen einen fehr weiten Spielraum. Sie be-
fchränkt fich nicht auf den unmittelbaren Umgang mit
anderen Perfonen, fondern fie ergiebt fich auch aus dem
pfychologifchen Studium mittelbarer Quellen. So hat
Brentano (Pfych. v. emp. Standp. I, S. 48) den Werth des
Studiums von Autobiographien für den Pfychologen betont
. Lotze fchlofs 1881 feine letzte zu Ende geführte
Vorlefung über Pfychologie, indem er als materiale Ergänzung
feiner theoretifchen Darlegungen das Studium
des menfehlichen Wefens in den Werken der klaffifchen
Dichter empfahl. Rüdiger forderte zu pfychologifchen
Zwecken eine Sammlung von Gefchichten der Liebenden,
überhaupt Gefchichten einzelner Leidenfchaften (vgl.
Deffoir, a. a. O. S. 141). Immerhin könnten noch manche
andere Arten von litterarifchen Zeugnifsen für den Verlauf
des Seelenlebens anderer Menfchen als brauchbare Quellen
der pfychologifchen Erkenntnifs genannt werden. Für die
unumgängliche Nothwendigkeit der pfychologifchen Beobachtung
anderer Menfchen mache ich nur auf eines auf-
merkfam. Die Gründe, die der Verf. gegen die Möglichkeit,
mit den religiöfen Bewufstfeinsthatfachen zu experimentiren,
geltend gemacht hat, treffen zum Theil gerade auch die