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Ausgabe:

1897

Spalte:

642-643

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmid, K. A.

Titel/Untertitel:

Geschichte der Erziehung vom Anfang an bis auf unsere Zeit, bearbeitet in Gemeinschaft mit einer Anzahl von Gelehrten und Schulmännern. 4. Bd., 1. Abtlg 1897

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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641 Theologifche Literaturzeitung. 1S97. Nr. 24. 642

dafs es Ritfchl's hervorragende wiffenfchaftliche Leiftung
war, die in einer an religiöfen Impulsen armen Zeit
klärend auf feine jüngeren theologifchen Zeitgenoffen
wirkte. Die Entwicklung der Schule gliedert der Verf.
in 3 Perioden: 1874—8o; 1880—89; 1889-X. Während
er die erfte als die Zeit der Begründung bezeichnet, ver-
fchärft fich in der Folge einerfeits der Gegenfatz gegen
Ritfehl, andrerfeits treten verfchiedene Strömungen unter
feinen Anhängern hervor, die vollends nach feinem Tode
und nach Harnack's Ueberfiedelung nach Berlin deutliche
Geftalt annehmen. Eine durchgreifende Umgeftal-
tung hat Ritfchls Theologie namentlich bei Häring erfahren
, dem der Verf. feine Gunft in befonders reichem
Maafse zuwendet. In welcher Richtung fich diefe Um-
geftaltung bewegen foll, ift durch die angeführten Defi-
derien näher bezeichnet. Es wird aber vollends klar,
wenn innerhalb der zweiten Periode als das wichtigfte
Ereignifs, das freilich nicht in den Rahmen der Schule
fällt, das Erfcheinen vonKähler's .Wiffenfchaft der chrift-
lichen Lehre' (1883—87) genannt wird. In diefer Richtung
auf Vertiefung der Lehre durch reichere Verwerthung
der biblifchen Stoffe, zugleich durch eine Annäherung
an das, was Ritfehl als pietiftifch mied, bewegen fich
nach der Darftellung des Verf.'s auch Bornemann,
Kaftan, Loofs, Kattenbufch, Reifchle, Lobftein,
Rade und Drews, während er Herrmann in diefer
Reihe nicht recht unterzubringen weifs, da er ihm einerfeits
pietiftifche Neigungen anmerkt, andrerfeits doch feine
Stellung zur Schrift die gröfsten Bedenken in ihm erweckt
. Aber auch bei Gottfchick, dem ,genuinften
Schüler Ritfchl's' und fogar bei Hamack, den er im
Ganzen nicht hierher zählt, findet er gelegentliche Bemerkungen
, die ihn eine fortgehende Entwickelung diefer
Theologie in dem von ihm gewünfehten Sinne erhoffen
laffen.

3. Hingegen ift es unverkennbar, dafs die irenifche
Art des Verf.'s da aufhört, wo er auf Zugeftändnifse an
die moderne Kritik ftöfst. Nirgends finde ich, dafs er
die Noth nachfühlt, in welche gerade auch Ritfchl's Methode
eine Reihe von jüngeren Theologen verwickelt hat,
über deren Arbeiten er fehr flüchtig hinweggleitet. Eine
Theologie, die unter Ablehnung fpeculativer Begründung,
fich auf die Offenbarung in der Gefchicte ftützt, ftöfst
mit Nothwendigkeit auf die fchweren Probleme, welche
das Verhältnifs 'zwifchen Glaube und Gefchichte uns (teilen.
Ich will nicht behaupten, dafs die kritifchen Operationen,
welche fich an die Namen Baldensperger, Weifs,
Bousset u. s. w. knüpfen, von Ritfehl veranlafft find, und
ich will ebenfowenig Tröltfch's Gefchichtsphilofophie
als eine Confequenz Ritfchl'fcher Gedanken aufgefafft
fehen. Aber dafs für Beides fich Anknüpfungspunkte in
feinem Denken finden, wird man nicht leugnen können.
Ritfehl hat den Vorzug der N.T.liehen Schriften ausdrücklich
kritifch begründet in dem authentifchen Ver-
ftändnifs der Religion des A.T. bei Jefu und den Apofteln.
Wie immer es mit diefem Satz flehen mag, er zieht eine
Verbindungslinie zwifchen Ritfehl und derproteftantifchen
kritifchen Schriftforfchung, über deren weiteren Verlauf
kein Seher im Voraus Auskunft zu geben vermag. Ritfehl
hat unter Ablehnung einer fpeculativen Begründung die
Gottheit Chrifti und das heifst feine abfolute Würde in
ganz beftimmten Charakterzügen feiner gefchichtlichen
Erfcheinung aufzuweiten unternommen. Nicht zu einem
Leben Jefu, wohl aber zu einem Charakterbild deffelben
leitet er damit an, und wenn das Charakterbild gefchicht-
lich gewonnen werden foll, fo werden da all die Fragen
drückend empfunden werden, welche etwa Harnack's
Vortrag über Chriftenthum und Gefchichte kurz erörtert.
Ritfehl hat zu einem intenfiven Betrieb der Dogmen-
gefchichte angeleitet, er hat damit zugleich ein Verltänd-
nifs gefchichtlich - bedingter Erfcheinungsformen des
Chnftenthums geweckt, das, einmal gewonnen, unwillkürlich
.über den engeren Rahmen hinaus und der Weite

j der Religionsgefchichte zuftrebt. In alle dem, weifs ich
wohl, hat Ritfehl nur mitgearbeitet in der allgemeinen
Werkftatt unfrer Wiffenfchaft. Aber wenn der Verf. in
! befter Abheilt ihn als Syftematiker von der kritifchen
Gefchichtsforfchung abzulöfen fucht, fo will es mir nur als
eine Pflicht der Ehrlichkeit erfcheinen, die feften Bande
um fo entfehiedener zu betonen, die beide dennoch an
einander knüpfen.

Rumpenheim. S. Eck.

Schmid, weil. Prälat und Gymn.-Rekt. Dr. K. A., Geschichte
der Erziehung vom Anfang an bis auf unfere
Zeit, bearbeitet in Gemeinfchaft mit einer Anzahl von
Gelehrten und Schulmännern. Fortgeführt von Dr.
Geo. Schmid. 4. Bd. 1. Abtlg. Stuttgart, J. G.
Cotta'fche Buchh. Nachf., 1896. (VIII, 612 S. gr. 8.)

M. 18.—

Der zweite und dritte Band diefes ausgezeichneten
Werkes ift in der Th. Lit. Ztg. 1895 Sp. 56 f. vom Unterzeichneten
zur Anzeige gebracht. Wir haben nicht darüber
zu klagen, dafs durch vier Jahre die erfte Abtheilung
des vierten Bandes vom dritten Band getrennt ift; die
Länge der Zeit ift der Gediegenheit des Werkes zu Gute
gekommen. Die wenigen Ausheilungen, die wir in jener
Anzeige der dankbaren Anerkennung hinzufügen mufsten,
find bis auf ein Minimum in diefem Bande gegenftandlos
] geworden, was um fo mehr hervorzuheben ift, als fie zu
gutem Theil mit der Mehrzahl der Bearbeiter zufammen-
zuhangen Rheinen. Wir meinen vor allem die Ungleich-
mäfsigkeit der Beiträge und die Verfchiedenheit der
wiffenfehaftlichen Haltung. Auch am vierten Band hat
fich eine Mehrzahl von Gelehrten (es find ihrer fünf)
betheiligt; auch hier find natürlich Verfchiedenheiten des
Stils, der Erfaffung der Aufgabe, des Unheiles; hier be-
fchränkt fich die Darftellung auf den Hauptgefichtspunkt
des Werkes: das Biographifche mit der Analyfe der
hauptfächlichen Schriften zu verbinden; dort werden all-
! gemeinere Schilderungen der politifchen und pädagogi-
fehen Situation als ,Einleitung' oder ähnlichen Titels hinzugefügt
. Hier —fo namentlich in dem Abfchnitt: der,Pietis-
> mus, feine Pädagogik und feine Schulen' und in dem
Abfchnitt: John Locke' wird die Darftellung mit dem
| Urtheil des Verfaffers begleitet, dort wird das eingehende
| und beleuchtende Urtheil — wir fagen: ungern — ver-
I mifst; befonders auffallend berührt dies bei der im übrigen
m. E. vorzüglichen Darfteilung von J. J. Rouffeau. Aber
diefe Verfchiedenheiten ftören in der That die Einheitlichkeit
des Ganzen nicht.

Es ift die pädagogifch reiche Zeit des 17. und 18.
Jahrb.., die der Band uns vorführt. ,Bildungsbeftrebungen
in Deutfchland während des dreifsigjährigen Krieges'
lautet die Ueberfchrift des erften vonDr. J. Brügel, Seminarrektor
in Nagold (Württemberg), bearbeiteten Ab-
fchnittes (S. 1—186). Die Reform im Herzogthum Gotha
unter dem .Fürften unter den Pädagogen und dem Pädagogen
unter den Fürften', Herzog Ernft dem Frommen,
und feinem Helfer Sigismund Evenius — deffen Bedeutung
G. Schmid in helles Licht (teilt — und Andreas
Reyher wird uns eingehend und mit grofser Liebe gezeichnet
. Die Charakteriftiken des Lebens und der
Schriften der Veit Ludwig von Seckendorff, Johann Michael
Dilherr, Johann Michael Mofcherofch, Johann Balthafer
Schupp verrathen die kundige Hand, die fich namentlich
in der Zeichnung des erften und des letztgenannten diefer
vier Pädagogen beweift. Allerdings folgt der Verfaffer
wohl zu vertrauensvoll den Angaben von Schumann, dafs
Juftus Gefenius (1658) der Begründer des biblifchen Geschichtsunterrichtes
fei; Otho Brunfels in Strafsburg hat
ihn bereits 1529 in feiner CatccJiesis Puerorum eingeführt,
' auf römifcher Seite ift ihm der Renegat Georg Witzel
in feinem Katechismus 1535, dann auf evangelifcher Seite