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Ausgabe:

1897 Nr. 23

Spalte:

603-605

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weiss, Bernhard

Titel/Untertitel:

Der Codex D in der Apostelgeschichte 1897

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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603 Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 23. 604

fammelt ift und in guter Ordnung vorgelegt wird. Es I nimmt: er betont, dafs fich eingreifende Aenderungen
gehört eine ungewöhnliche Arbeitskraft dazu, um diefen j faft nur in den Erzählungsftücken finden, während die
faft unüberfehbaren StofT in verhältnifsmäfsig fo kurzer , Reden faft ganz davon verfchont geblieben find: es ift
Zeit zu bewältigen. Für den chriftlichen Theologen ift die Luft am Ausmalen des Details und das Streben nach
diefes Werk die werthvollfte Ergänzung zu Web er's Verdeutlichung des übrigens vielfach von ihm mifsver-
Jüdifcher Theologie'. Während Weber eine fyftema- j ftandenen älteren Textes, welches den Redactor befeelt.
tifche Darftellung der rabbinifchen Theologie giebt und j Für eine grofse Zahl von Stellen hat Weifs unftreitig
dabei felbftverftändlich auf Vollftändigkeit verzichtet, ; recht, recht vor Allem gegenüber Blafs, der in den feilegt
Bacher den Stoff in hiftorifcher Anordnung vor, tenften Fällen erklärt hat, wie der Verf. oder ein Redac-
indem er die chronologifche Reihenfolge der jüdifchen 1 tor dazu kam, den von Blafs als fo fehr viel beffer be-
Gelehrten zum Eintheilungsprincip macht und bei Jedem j vorzugten Text von D in die andere Form umzuarbeiten,
die von ihm überlieferten ,haggadifchen' d. h. nicht- Dafs feine Erklärung in allen Fällen die einzig richtige
gefetzlichen Ausfprüche und Lehren zufammenftellt, und und mögliche fei, behauptet Weifs felber nicht (S. 107).
zwar fo, dafs Vollftändigkeit angeftrebt wird. Der vor- In einem letzten kurzen Abfchnitt (IV, S. 107—112) be-
liegendeBandbehandeltdie paläftinenfifchen Gelehrten vom fpricht Weifs endlich noch 7 Stellen, welche ,fachliche
Ende des dritten und Anfang des vierten Jahrhunderts Aenderungen und Zufätze' enthalten, und als folche am
nach Chrifto. Es ift eine Blüthezeit der Haggada, das meiften Anfpruch auf Urfprünglichkeit machen zu können
Material daher hier befonders reich. Nur zehn Rabbinen fcheinen: Nur 2015 xal ßehavteg ev TQmyvXXlm findet
werden in dem ganzen Bande behandelt. Unter ihnen i hiervon Gnade, xal (ivna 215 wird aus 275, Icava&ag 4a statt
ragen als Haggadiften hervor Jizchak und Levi, welche ! Icoavvrjg aus Jos. Antt. XVIII, 43 hergeleitet, 199 die Zeit
zufammen faft die Hälfte des Bandes in Anfpruch nehmen 1 der Lehrvorträge des Paulus von Ii—4 Uhr aus münd-
(S. 205—436). Der Stoff ift bei jedem Einzelnen in freier ! licher Ueberlieferung, 1210 die 7 Stufen am Gefängnifs aus
Weife nach gewiffen Rubriken geordnet. Bei Jizchak 1 Ortskunde eines Späteren. In diefen beiden Fällen liegt
z. B. find die Rubriken: 1. Sentenzen und Sprüche. 2. es nun aber doch ungleich näher, gerade für den Weifs-
Das Gebet. Die Gebote. Das Studium der Lehre. Schrift- j fchen Standpunkt, freie Ausmalung der Situation anzu-
liche und mündliche Lehre. 3. Israel. Die Völker. Jeru- | nehmen, ganz in der Art des Zufatzes zu Lc. 2353 ov
falem. 4. Exegetifches. 5. Zu den biblifchen Perfonen I ßoyig Eixodi exvXiov, eventuell auf Grund apokryphen
und Erzählungen. 6. Homiletifches. 7. Proömien. Gruppen- j Materiales: 7 Schritte macht Maria, als fie zum erften Male
fätze. 8. Gleichnifse.p.Gott und Welt. Meffianifches. Escha- 1 geht (Prot. Ev. Jac. 6, 1 Tifch. 2ia); für jene Zeitangabe
tologifches. Aehnlich auch bei den Anderen. Bei Levi ift könnte man an die jcgä^eig IJavXov denken. Zu 1520. äfl
die Rubrik ,Gleichnifse' befonders reichhaltig (S. 405 | hat Corfsen in den GGA 1896, S. 446 ff. wichtiges Ma-
—424). terial beigebracht, was man ungerne bei Weifs vermifst

Aeufserft dankenswerth ift es, dafs Bacher auch, i (doch cf. S. 82). Ebenfowenig geht Weifs auf die fonftigen
diefem Bande forgfältige Regifter beigegeben hat. Schon J Erklärungsverfuche für IIa« övvsOTQUfißtvcov de r/fimv ein
ein Blick auf das Sachregifter zeigt, wie mannigfaltig (/. B. A. Meyer, Jefu Mutterfprache 129). Sein eigener
und wie zahlreich vertreten auch in diefem Bande die Vorfchlag, eine Conformation nach 2110 anzunehmen,
Stoffe find, welche für den chriftlichen Theologen ein j ift aller Beachtung werth. Aber wahrfcheinlicher bleibt
directes Intereffe haben. es doch für diefe Stelle, wie auch vielleicht für lös (Iren.),

Göttinnen E. Schürer i da^s w'r ^'er nacn der von Weifs S. 18 fehr richtig

' formulirten Regel eine Correctur des erftmalig auftretenden
befremdenden tißeTg anzunehmen haben, das die Be

Weiss, Dr. Bernh., Der Codex D in der Apostelgeschichte. | arbeiter refp. Schreiber weiterhin unangetaftet liefsen.

Textkritifche Unterfuchung. (Texte u. Unterfuchun- j Mag man fich zu den Entfcheidungen, welche Weifs

gen zur Gefchichte der altchriftl. Literatur. Hrsg. von giebt, im einzelnen (teilen, wie man will, jedenfalls ift

0. v. Gebhardt u. A. Harnack. Neue Folge. II. Band, ! die„ Gefammtbehandlung von Codex D ein sehr werth-
TT ,. , „ ., VTTTT x • , n voller Beitrag zu feiner richtigen Würdigung: werthvoll

1. Heft, der ganzen Reihe XVII, I.) Leipzig, J. C. ejnmal fchorfdurch den Uer& extenso geführten Nach-

Hinnchs, 1897. (IV, 112 S. gr. 8.) M. 3.50 weis deffen> was Ref. immer behaupten mufste, dafs der

In feiner textkritifchen Ausgabe der Apoftelgefchichte I Blafs'fche Text auf völliger Willkür und Inconfequenz
vom Jahre 1893 (vgl. Jahrg. 1896 Sp. 618—623 d. Bl.) hatte beruht: bei 5 ganz gleichartigen Fällen entfcheidet Blafs
B. Weifs den Text des Codex Bezae fo gut wie nicht ; dreimal pro und zweimal contra (S. 8 A. 3). Ref. unter-
berückfichtigt. Inzwifchen war derfelbe von mehreren < fcheidet fich von Weifs nur darin, dafs Weifs gegen Bl.
Seiten, und fo auch von F. Blafs, in den Vordergrund des j den Vorwurf erhebt, zu viel willkürlich in den Text aufge-
Intereffes gerückt worden. Die Kritik vermifste daher etwas nommen zu haben, während man ihm ebenfogut den Voran
jener fonft fo werthvollen Arbeit von Weifs. Diefem De- wurf machen kann, dafs er nicht noch mehr aufgenom-
fiderium hat der verdiente Forfcher in dem vorliegenden men hat. Es liegt das aber daran, dafs Blafs nicht ob-
Hefte entfprochen: Er legt jetzt die ausführliche Recht- jectiv gefchichtlich den weftlichen Text darftellen, fon-
fertigung feiner ablehnenden Haltung dem Texte des , dem den in diefem erhaltenenurfprünglichen Text vorlegen
Codex D und seiner Trabanten gegenüber vor, indem j wollte. Auch er treibt mehr Textkritik als Textgefchichte
er alle Varianten des Codex D befpricht, und — mit — und das führt zum Subjectivismus. Gerade unter die-
einer einzigen Ausnahme — als minderwerthig zu er- | fem Gefichtspunkt erfcheint dem Ref. vielleicht als das
weifen fucht. Die Incorrektheiten der Abfchreiber (I, '[ Wichtigfte an diefer Arbeit von B. Weifs, dafs diefer
S. 5—18) und die gewöhnlichen Textverderbniffe (II, S. verehrte Forfcher, der bisher fo energifch wie keiner für
18—52) werden in der bekannten Weife nach den auch ! die Scheidung von Textkritik und Textgefchichte einge-
in den andern textkritifchen Unterfuchungen von Weifs j treten ift, über dem genaueren Studium des Codex D
angewandten Gefichtspunkten zufammengeftellt; es tritt j fich zu fehr beachtenswerthen Zugeftändniffen nach der
hier befonders klar zu Tage, wie werthvoll ein folches i anderen Seite hin veranlafst gefehen hat (vgl. Vorwort
fyftematifches Verarbeiten und Claffificiren der Varianten | und S. 17). Man kann noch beobachten, wie diefe beiden Geilt
. Dann werden die charakteriftifchen Umgeftaltungen j danken nebeneinander hergehen: Noch wird der Codex D
des Textes in D, der Reihenfolge des Textes nach, durch- eben als Handfchrift isolirt — weshalb auchbedauerlicher-
gefprochen(III, S. 52—107), wobei Weifs mit der ihm eige- j weife die völlig gleichartigen Varianten der andern Zeugen
nen exegetifchen Kunft die den Bearbeiter zu feinen 1 des /3-Textes, welche Blafs gefammelt hat, keine befondere
Aenderungen veranlaffenden Motive aufzudecken unter- Berückfichtigung finden —, die Möglichkeit wird erwogen,