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Ausgabe:

1897

Spalte:

595-596

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vorberg, Max (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch. 19. Jahrg. 1898 1897

Rezensent:

Kühn, Bernhard

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitimg. 1897. Nr. 22.

596

über naturwiffenfchaftliche Pfychologie ift man erftaunt
methodologifche Gefichtspunkte vorzufinden, die man als
modernen Erwerb zu betrachten gewohnt ift. So verlangt
Michael Hifsmann (,Pfychologifche Verfuche1 1777)
vom Pfychologen, er Polle mehr Phyfiologie als Philo-
fophie treiben und vor allen Dingen Hirnanatomie
ftudiren, ,aber' heifst es dann refignirt ,der Philofoph
müfste Arzt und der Arzt müfste Philofoph fein und
folglich eine neue Art von Kreaturen entftehen' (212);
und F. G. Krüger begründet feinen ,Verfuch einer Ex-
perimentalfeelenlehre' (1756) — ganz wie die Wundt'fche
Schule — mit der Unzulänglichkeit der Selbftbeobach-
tung. Als Theologe mit entfchiedener Neigung zum
Materialismus verdient befondere Erwähnung J.Ch. Loflius |
(Magazin für die Philofophie 1778—83). Nachdem als Vertreter
der Popularpfychologie die Eklektiker (H. Feder,
Schiller's Lehrer Abel, Mofes Mendelsfohn, Bafedow u.a.)
und die pfychologifchen Magazine genannt find, behandelt
der letzte Abfchnitt zuerfl die .fubjektiviftifchen
Analytiker', denen es darauf ankommt, ,die Heimlich- j
keiten des Herzens zu entdecken und mitzutheilen' und
dann die ,objektivifbfchen', die von der Selbftbeobach-
tung in wiffenfchaftlichem Intereffe zu allgemeingiltigen
PIrkenntniffen fortfchreiten. Es werden drei Formen jener
fubjectiviflifchen Analyfe unterfchieden: Die Autobiographie
(z. B. der Frau de la Motlie Guyon ,ein Seelengemälde
, deffen Feinheit über jeglichem Lobe fleht'),
das Tagebuch (Lavaters ,Geheimes Tagebuch' 1771,
GoetheLBekenntnifse einer fchönen Seele) und der pfycho-
logifche Roman (Moritz ,Anton Reifer'), die objectivifti-
fche Analyfe ift blofs von zwei — doch um fo bedeutenderen
— Männern vertreten: J. H. Lambert, der in
feinem .Neuen Organon' die .Hauptbegriffe der heutigen
Pfychophyfik vorweg nimmt' und — dem neuerdings
immer mehr gewürdigten —J. N. Tetens, in deffen ,Philo-
fophifchen Verfuchen' (1777) nach dem Verf. die rein
wiffenfchaftliche Pfychologie des 18. Jahrhunderts that-
fächlich gipfelt (356).

In gewandter — manchmal etwas gefucht geiftreicher
— Sprache gefchrieben ift das Werk ein Zeugnifs ungewöhnlicher
Belefenheit im Gefammtgebiete der Literatur.
Vielleicht ift es doch zu fehr, was der Verf. felbfi andeutet
: ein ,Bilderbuch von einzelnen Leuten und Lehren',
Rohmaterial ltatt Verarbeitung, Bibliographie flatt Ge-
fchichte der Wiffenfchaft, was übrigens mit der Scheidung
in Einzelgefchichte und Gefchichte der Probleme
zufammenhängt. Aber auch durch eine blofs annähernde
Löfung feiner fchwierigen Aufgabe hat der Verf. nicht
blofs feiner Fachwiffenfchaft, fondern der Gefchichte der
Geifteswiffenfchaften überhaupt einen grofsen Dienft
geleiftet.

Riedlingen a. D. Th. Elfenhans

Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch, begründet von Rudolf
Kögel, Emil Frommel und Wilhelm Baur. Herausgegeben
von Max Vorberg. Bremen, C. Ed. Müller.
1898. (V, 451 S. 8.) M. 4.— ; geb. 5.—

Im vorigen Jahre mufste der zweite Herausgeber
diefes Buches dem erften einen Nachruf schreiben und
der dritte konnte fich noch in frifcher Kraft an dem geliebten
gemeinfamen Werk betheiligen. Diefes Jahr nun
hat ein neuer Herausgeber eine Hauptaufgabe feines
neuen Amtes darin erkennen müffen, Nekrologe für jene
beiden zu beschaffen. Noch ehe das Jahrhundert fein
Finde erreicht hat, ist mit den drei oft und oft zufammen
genannten theologifchen Practikern Kögel, Frommel und
Baur gewiffermafsen ein Theologengeschlecht zu Grabe
getragen worden, das zwar noch fehr viele Vertreter
unter uns hat, aber kaum folche, die fein kraftvolles Fort-
beftehen im neuen Jahrhundert fichern können. Ohne
feften Kirchenbegriff, unvermengt mit den Anfchauungen
der neueren Theologie, beinahe gleichgültig gegenüber I

vielen Fragen, die in weiten Kreifen für die wichtigften an-
gefehen wurden, haben fie alle Drei im Gehorfam gegen
die Obrigkeit die kirchlichen Verhältniffe genommen, wie
fie waren und wie fie wurden, und haben die Hauptaufgabe
ihres amtlichen Wirkens darin gefucht, das Evangelium
von Chriftus, dem Sünderheiland, in der Sprache
ihrer Zeit auf alle Weife mächtig zu predigen und die
Gläubigen als eine fleifsig lernende und fleifsig fich be-
thätigende Gemeinfcbaft um fich zu fammeln. Wie das
fo gekommen ift, davon zeugt Wilhelm Baur nach feinem
Tode noch felbft in dem hinterlaffenen Bruchftück einer
Selbftbiographie, das bis zu den Candidatenjahren reicht
und in dem uns neben viel Bemerkenswerthem aller Art
das Werden feiner kirchlichen Perfönlichkeit im Gegen-
fatz zu dem officiellen Kirchenthum jener Zeit als das
Wichtigfte erfchienen ift. Infofern könnte man hier von
einem Stück Kirchengefchichte reden. Den Nekrolog für
Baur hat G. Laffon gefchrieben mit gerechter Würdigung
der Leiftungen, die diefes reichgefegnete und fruchtbare
Arbeitsleben in fo viel verfchiedenen Stellungen hervorgebracht
hat. Der Nachruf für Emil Frommel flammt
von feinem nahen Verwandten Max Reichard, der mit
gewohnter Meifterfchaft aus dem Leben diefes unvergeff-
lichen Herzenstheologen gerade die Punkte hervorgehoben
hat, von denen der Gefeierte felbft am wenigften hatte
reden können und wollen in feinen erquickenden Mittheilungen
über feine Pilgerfahrt. Mit der Erwähnung
diefer Beiträge hätten wir jedoch beinahe fchon das er-
fchöpft, was aus dem neuen Buche an diefer Stelle zu
würdigen ift. Höchftens wäre aus der anregend und frifch
gefchriebenen Skizze des Madrider Fliedner ..Ein Be-
fuch im Eskorial" das wirklich wunderliche Beifpiel vom
Wechfel der Zeiten zu entnehmen und als gefchichtliche
Seltfamkeit feftzuftellen, dafs in dem Dörfchen Eskorial
am Fufse des Klofterpalaftes die evangelifche Gemeinde
Madrid ein Waifenhaus untergebracht hat und zwar in
den Räumen, die einft Philipp II., der grofse Ketzerverfolger
, bewohnt hat. Zwei kleine Auffätze von E. G.
Steude und Johannes Keffler, die fich mit biblifchen
Stoffen befchäftigen und von denen jeder in feiner Art
gerade wegen der kurzen Faffung bei den Lefern der
Chriftoterpe Freude und Nutzen fchaffen kann, laffen fich
doch kaum als Leiftungen von theologifchem Charakter
bezeichnen. Der eine ift als Leitartikel ,,Weihnachten"
überfchrieben und handelt auf wenig Seiten von der
Sündlofigkeit Jefu, der andere giebt zu vier bekannten
Sätzen aus paulinifchen Briefen in fehr anfprechender
Weife einen hiftorifchen Hintergrund, fchliefslich aber
doch nicht anders, als man das in guten Predigten oft
gelefen und gehört hat. Franklin Arnold (teilt über
Carlyle und Macaulay eine vergleichende Betrachtung an,
aus der ficher auch Theologen Manches lernen können.
Der übrige Inhalt des Buches befteht aus religiöfen Gedichten
, unter denen wir manches Hübfche, aber nichts
Bedeutendes gefunden haben, und aus rein belletriftifchen
Beiträgen; unter den letzteren zeichnen fich Arbeiten des
Herausgebers Vorberg und desbekannten Auguft Sperl
durch geiftvolle Verwendung gefchichtlicher Studien und
lebendige, feine Charakteriftik aus, während andere fich
der Grenze bedenklich nähern, bei welcher die Kalenderliteratur
beginnt. Auf diefem Gebiete mufs die Redac-
tion gröfsere Vorficht walten laffen auch bekannten und
gerühmten Schriftftellern gegenüber, wenn fie ihr Unternehmen
auf der feitherigen Höhe erhalten will.

Dresden. Dr. phil. B, Kühn.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape, Zehlendorf bei Berlin.
IDeutfohc fidtcratur.

Das Buch Hiob. Ueberf. v. B. Duhm. (Die poetifchen 11. prophetifchen
Bücher des Alten Teftaments. Ueberfetzungen in den Versmafsen
der Urfchrift. I.) Freiburg i. B. 1897, J. C. B. Mohr. (XX, 71 S.
gr. 8.) 1. 20; geb. 2. —