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Ausgabe:

1897 Nr. 21

Spalte:

565-566

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grandgeorge, L.

Titel/Untertitel:

Saint Augustin et le Néo-Platonisme 1897

Rezensent:

Grützmacher, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 21.

566

fein Buch in weite Kreifc einzuführen. Ich bedauere,
demfelben nur eine fehr bedingte Empfehlung an meinem
Theile mitgeben zu dürfen.

Giefsen. F> Kattenbufch.

Grandgeorge, L., Saint Augustin et le Neo-Platonisme.

[Bibliotheque de l'ecole des hautes etudes, sciences
religieuses, 8. vol.] Paris, Leroux, 1896. (159 S. gr. 8.).

In der Einleitung (S. 1—21) giebt der Verfaffer eine
Ueberficht über die Einwirkungen der antiken Philo-
fophie, vor allem des Neuplatonismus auf die vorau-
guftinifchen Kirchenväter. Diefe Einflüffe find nach ihm
im Orient weit ftärker als im Occident, wo fie faft ganz
zurücktreten. Im 1. Capitel (S. 23—56) ftellt er aus
den Schriften Auguftin's fämmtliche Citationen antiker
Philofophen zufammen. Es geht daraus hervor, dafs die
Kenntnifs der alten Philofophie dem Auguftin nur indi-
rect durch Cicero und lateinifche Ueberfetzungen der
griechifchen Philofophen vermittelt war, und diefe Kenntnifs
nur eine recht unvollftändige genannnt werden kann;
vor allem find ihm die philofophifchen Anfchauungen des
Ariftoteles völlig unbekannt. Noch am bellen kannte
Augultin Plato, deffen Timäus er in einer lateinifchen
Ueberfetzung gelesen hat. Gründlicher hat A. nur den
Neuplatonismus, der ihn zum Chriftenthum führte, ftudirt.
Das Syftem des Plotin und Porphyrius hat er durch
die lateinifchen Ueberfetzungen des Victorinus kennen
gelernt, während er den Jamblichus nur einmal citirt
und nicht näher berückfichtigte. — In den folgenden
Capiteln zeigt der Verfaffer die Berührungen auf, die
lieh zwifchen Auguftin und dem Neuplatonismus in
der Lehre von Gott (S. 57—84), von der Trinität
(S. 85—99), von ^er Schöpfung (S. IOI —112), von der
Vorfehung und vom Uebel in der Welt (S. 113—147)
finden. Sein Refultat ift, dafs die neuplatonifche Philofophie
Auguftin wefentlich in feiner Auffaffung des göttlichen
Wefens als eines e/ts shiißlicissimtwi, in der Lehre
von der Unaussprechlichkeit und Unerkennbarkeit Gottes,
fowie in der Definition des Uebels, als etwas nicht realen,
als des Mangels am Guten beftimmt habe. In der Tri-
nitäts- und Schöpfungslehre ift dagegen Auguftin völlig
unabhängig von Plotin. In dem Schlufsabfchnitt (S. 149
—158) weift der Verfaffer darauf hin, dafs der Einflufs
des Neuplatonismus auf Auguftin in den unmittelbar nach
der Taufe 387 gefchriebenen Werken am ftärkften ift.
Wefentlich mit neuplatonifchen Argumenten bekämpft
er den Dualismus der Manichäer; fpäter läfst der Einflufs
immer mehr nach. Dies erklärt fich einmal daraus,
dafs er fich die Argumente Plotin's fo zu eigen gemacht
hat, dafs er ihn kaum nennt und wenn er ihn nennt,
fchärfer die Differenzen zwifchen feiner Anfchauung und
der des Plotin hervorhebt als die Berührungen. Ander-
feits treten bei Auguftin die philosophifchen Intereffen
mehr im Laufe feiner Entwicklung hinter den religiöfen
zurück, er ordnet die Philofophie der Religion, die Vernunft
dem Glauben immer energifcher unter. — Die Arbeit
ift mit rühmlicher Objectivität und der den Franzofen
eignen Klarheit und Gewandtheit gefchrieben; der
Schüler Reville's und Picavet's zeigt, dafs die deutfehen
wiffenfehaftlichen Unterfuchungsmethoden auch in Frankreich
in einzelnen Kreifen auf religionswiffenfchaftlichem
Gebiete heimifch geworden find. Die Arbeit bietet eine
dankenswerthe, kritifch geficherte Darfteilung des Ver-
hältniffes Auguftin's zum Neuplatonismus, wenn man auch
in Einzelheiten eine etwas fchärfere Präzifirung des Standpunktes
Auguftin's gewünfeht hätte. Allerdings find ihre
Rcfultate für die deutfehe Wiffenfchaft nicht neu, die
ausführliche Abweifung der Anficht, dafs Auguftin nicht
von Plato direct, fondern vom Neuplatonismus beein-
flufst ift, enthalt längft Bekanntes und von keinem ernsthaften
Gelehrten mehr Bezweifeltes. Die Behauptung G.'s,

dafs Auguftin das Griechifche überhaupt nicht verltanden
habe, ift in diefer Allgemeinheit kaum richtig (f. Reuter,
Auguftinifche Studien S. 171 ff.). Viel wichtiger würde
mir eine eingehende Einzelunterfuchung über den Einflufs
, den das Chriftenthum auf den entftehenden Neuplatonismus
geübt hat, erfcheinen, die bis jetzt noch
fehlt. Merkwürdig ift übrigens die Art, dem griechifchen
Text des Plotin immer eine franzöfifche Ueberfetzung
beizugeben, was kaum nöthig gewefen wäre und nur den
Umfang des Buches erhöht.

Heidelberg. Grützmacher.

Rühl, Prof. Frz., Chronologie des Mittelalters und der Neuzeit
. Mit zahlreichen Tabellen. Berlin, Reuther &
Reichard, 1897. (VIII, 312 S. gr. 8.) M. 6.50.

Als 1891 der erfte Band von Grotefend's ,Zeit-
| rechnung des deutfehen Mittelalters und der Neuzeit'
erfchien, wurde er von allen Kundigen mit Freuden be-
1 grüfst. Durch Bereicherung und mehr noch durch Vertiefung
der Forfchung bot das Werk gegenüber der
j erften Bearbeitung, dem .Handbuch der hiftorifchen
Chronologie' (Hannover 1872), einen ganz gewaltigen
Fortfehritt; auch das Zufammenlegen des lateinifchen und
deutfehen Gloffars fand faft allgemeine Zuftimmung. Indem
Grotefend aber auch die ganze Syftematik in lexi-
kalifche Einzelartikel zerfplitterte, ging die Darftellung
in die Brüche, die in der erften Bearbeitung in die
Grundzüge hiftorifcher Chronologie eingeführt hatte.
J Grotefend's .Zeitrechnung' ift weitaus unfer beftes Nach-
j fchlagebuch, aber es fetzt bereits viel voraus; dem in
chronologifchen Fragen noch nicht Bewanderten fehlt
wiederholt der Schlüffel zu richtiger und ficherer Benutzung
. Diefe Lücke fucht Rühl auszufüllen, und es
ift ihm in der That geglückt, in klarer, zufammenhän-
I gender Darfteilung ein dem heutigen Stand der Forfchung
1 faft durchaus entfprechendes Handbuch der hiftorifchen
Chronologie zu fchaffen, wie wir feit Ideler keines be-
fafsen. Noch in anderer Hinficht tritt R. ergänzend zu
' Grotefend. Beherrfcht diefer befonders die Quellen für
das fpätere Mittelalter, fo find jenem die Grundlagen
vertraut, in denen fich mittelalterliche und antike Zeitrechnung
berühren. Er hat hier manche Angaben in den
uns bisher geläufigen Handbüchern berichtigt und ergänzt
, und man durfte R. noch mehr Dank wiffen, wenn
er der Darftellung frühmittelalterlicher Zeitrechnung breiteren
Raum gegönnt hätte.

Bei den Regierungsjahren (S. 187 f.) war eine kurze
Erörterung über Zählung nach Wahl- oder Krönungstagen
erwünfeht, ebenfo der Verweis auf vielfach willkürliche
Epochen (Anfchmiegen an naheliegende Epochentage anderer
Jahresbezeichnungen (Incarnationsjahre, Indiction),
mehr noch auf willkürliche Zählung überhaupt (ganz ab-
fonderliche Formen aus der späteren Regierungszeit
Ludwig's d. D.). Alle Einzelheiten gehören gewifs in die
Specialdiplomatik, ein Handbuch der Chronologie thäte
aber doch gut, darauf wenigftens im Allgemeinen zu
verweifen.

Bei der Neubearbeitung Grotefend's bedauere ich
am meiden den Wegfall der in der 1. Auflage enthaltenen
Tabelle über die Wahl- und Krönungstage der
deutfehen Könige und der Päpfle. Auch R. bringt fie
1 nicht. Und doch id fie von hervorragender practifcher
Wichtigkeit. Zahlreiche Briefe und Mandate Ludwigs d.
B. und Karls IV. find nur nach Regierungsjahren datirt;
befonders aber die vielen Taufende von Papflurkunden
aus dem 13., 14. und theilweife auch noch 15. Jahrh.,
die grofsentheils erd noch der Bearbeitung harren. Es
id mifslich, hierbei fein chronologifches Hilfsbuch ver-
fagen zu fehen und zu anderen oft minderwerthigen
Hilfsmitteln greifen zu müden. Garns z. B., der dem Ar-
; chivbenützer am eheden zur Hand id, bringt thörichter-