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Ausgabe:

1897 Nr. 20

Spalte:

541-542

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bartusch, Paul

Titel/Untertitel:

Die Annaberger Lateinschule zur Zeit der ersten Blüte der Stadt u. ihrer Schule im 16. Jahrhundert 1897

Rezensent:

Knoke, Karl

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54i Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 20. 542

fiegt); der Geiftliche, der den jungen Magier fürs Chriften- ! z. B. zu rechnen, wenn für die Lehrer in A. bereits vor

thum gewann, hiefs Jefurachme (Jefus erbarme fich
feiner). Schon diefe Namen zeigen, wie viel kirchenge-
fchichtlich intereffante Daten diefen fyrifchen Texten zu
entnehmen find. Hier foll nur auf eins noch hingewie-
fen werden. Mahanufch (nach S. 488 ,der grofse Un-
fterbliche,, wie er mit feinem perfifchen Namen hiefs,
ehe er bei der Taufe den neuen chriftlichen annahm, der
S. 513 Z. 10 in eigenthümlicher Weife gedeutet wird,
war fchon lange Chrift, kannte aber von den heiligen
Schriften nichts weiter als das ,Vater unfer in dem Himmel
', das er beftändig wiederholte. Als er fich weiter
bilden wollte, und fein junger Lehrer ihm erklärte, er
müffe zuerft die Buchftaben, dann ihre Zufammenfetzung
zu Silben, dann die Pfalmen lefen lernen, bat er, ihm zu-
nächft 10 Pfalmen vorzufagen, die er in kürzefter Zeit
auswendig lernte, da er von feinen Magierzeiten her an
folches gewöhnt war. ,Denn die mühfelige Lehre des
Zoroafter war noch nicht in vernünftigen Zeichen ge-
fchrieben'. Dabei bewegte er fortwährend nach Magierart
den Kopf hin und her, bis man ihn belehrte, dafs
er das nicht thun, fondern nur mit dem Munde lernen
dürfe. Dann bequemte er fich aber doch auch das Alphabet
zu lernen, konnte in kurzer Zeit die IO Pfalmen
und von den kleinen Refponforien ,drei vier'. Später,
während feiner 15 jährigen Gefangenfchaft in Arbela
fchlief er nach der Vesper nur eine halbe oder ganze
Stunde, ftand dann auf und recitirte dann den Pfalter
langfam, indem er jedem ,Wort' (K»5PiB) ein vollftän-
diges Hallelujah {Hullala abblp,) xa&iö/ia beifügte, von
Theil zu Theil weiterging («fiifc-itt ataöig), mit einem
langen Gebet nach jedem, das er auf dem Geficht liegend
fprach, und fo erft bis gegen Morgen mit feinem Dienft
fertig wurde. War dies früher der Fall, liefs er fich noch
von einem aus der Schrift vorlefen, bis zu den Morgen-
pfalmen, die fie dann gemeinfam beteten. Lieber diefe
Eintheilung des Pfalters f. Maclean, East. Syriern Daily
Offices p. 236, 259, 294, 296 und Bedjan's Uber Psalmo-
rum {Parisiis 1886) p. 117. (Bei den Neftorianern find
es 57 Oräoeig, nicht 15, wie Brockelmann Lex. Syr.
angiebt).

Von S. 487—500 giebt Chabot eine gedrängte In-
haltsüberficht über die 20 Capitel, in welche das Buch

der Reformation ,fefte Gehaltsfätze' eingeführt find (S. 74),
wenn altersfchwache Lehrer Emeritengehälter beziehen
und für die Reliefen der Pädagogen geforgt wird (S. 79),
wenn mit dem Schulhaufe auch eine ,Badeftube' verbunden
ift (S. 48). Es liefsen fich noch einige andere Züge
an dem hier gezeichneten Schulbilde anführen, welche
von allgemeiner hiftorifcher Bedeutung find, doch würden
wir damit, wie ich glaube, über den Rahmen der Aufgabe
hinausgehen, welche für diefe Zeitfchrift vorgezeichnet
ift. Von ihrer Aufzählung mufs hier deswegen ab-
gefehen werden. Zu bedauern ift das Fehlen eines Namen-
und Sachregifters; durch diefen Mangel wird es nur zu leicht
gefchehen, dafs manche werthvolle hiftorifche Notizen,
welche in den Text und die zahlreichen Anmerkungen
aufgenommen find, unbeachtet bleiben oder bald der Ver-
geffenheit anheimfallen. Im Intereffe der fchulgefchicht-
lichen Forfchung möchte dem Verf. anheimzugeben fein,
feiner verdienftvollen Arbeit noch ein folches Regifter
hinzuzufügen.

Göttingen. K. Knoke.

Maumus, Pere Vincent, Dom., L'eglise et la France moderne
. Paris, V. Lecoffre, 1897. (XII, 294 S. 8.) Fr. 4.

Der Redaction der Theologifchen Litteraturzeitung
bin ich zu Danke verpflichtet, dafs fie ihre Spalten der
Anzeige eines Buches öffnet, das keine ftreng wiffen-
fchaftliche Anlage und Bedeutung hat, fondern mehr dem
Gebiete der Tagesbrofchüre angehört. Wohl bewegt es
fich auf gefchichtlichem Boden, und es ift ein fehr ernfthaftes
Blatt der modernen franzöfifchen Kirchengefchichte, welches
es entrollt, aber der Verf. fchreibt nicht in der Abficht
ruhiger Schilderung, fondern mit einem ganz beftimmten
Zwecke, den politifche und religiöfe Gründe vorgezeichnet
haben. Die franzöfifche (katholifche) Kirche befindet fich
gegenwärtig in einer fchweren Krifis, die von allen religiös
Gefinnten — und ihre Zahl ift viel gröfser als man gewöhnlich
glaubt — tief empfunden wird; ihre Löfung
wird auf das Schickfal, auch auf das politifche, von Frankreich
Einflufs haben; wir Evangelifche find über die inneren
Verhältniffe jenfeits der Vogefen nicht immer fehr
gut unterrichtet, nicht zum Gewinn der Wiffenfchaft, auch
zerfällt; der fyrifche Text umfafst 82 Seiten. Voran geht [ nicht zum Vortheil des eigenen Urtheils über die Zeit,

S. 475—483 ein Bericht an den Minifter ,sur sa mission 1 während doch jede Veränderung im Nachbarlande die

en Italic1. Als Ergebnifs derfelben find fchon 2 Werke
im Druck erfchienen; ein drittes, das synodicum mag-
num der Neftorianer (über 13 Synoden von 410—694) foll
folgen.

Ulm. Eb. Neitle.

Bartusch, Sem.-Oberlehr. Paul, Die Annaberger Lateinschule

zur Zeit der erften Blüte der Stadt u. ihrer Schule
im 16. Jahrh. Ein fchulgefchichtliches Kulturbild.
Annaberg, [Grafer], 1897. (VIF, 192 S. gr. 8.) M. 2.50

Der Verf. bezeichnet feine Arbeit S. 189 felbft als
ein .kulturgefchichtliches Lokalbild'. Diefe Bezeichnung
ift zutreffend, denn in der Hauptfache wird hier nur die
Gefchichte einer einzelnen zuerft katholifchen, dann pro-
teftantifchen Lateinfchule einer einzelnen Stadt während
des erften Jahrhunderts ihres Beftehens dargeftellt. Was

hier geboten wird, kann darum vorwiegend auch nur lo- ; welche aber in den verfchiedenften Kreifen Bedenken

eigene Heimath ftets mitberührt. Darum ift diefe Schrift,
die einen überzeugungstreuen Dominicaner, der ein guter
Katholik und Patriot ift, zum Verfaffer hat und die in
Frankreich einiges Auffeilen erregt hat, wohl einiger Zeilen
in diefem Blatte werth.

Eine von den grofsen Fragen, die Frankreich gegenwärtig
bewegen, ift die: ob die Kirche (es giebt ja nur
eine in Frankreich) fich mit der Republik verbinden darf
und foll? ob der ächte gläubige Katholik mit dem liberalen
Republikaner Hand in Hand gehen darf oder nicht?
Leo XIII. hat bekanntlich hier ein entfeheidendes Wort
gefprochen in feiner Encyklica vom 16. Februar 1892, in
welcher er das Zufammengehen der Kirche mit der Republik
empfahl getreu dem Grundfatze, welchen er dem
Cardinal Rampolla gegenüber ausfprach: dafs die Kirche
den vernünftigen Bedürfniffen der Zeit fich möglichft anbequemen
folle. Es war nicht eine unfehlbare Vorfchrift
damit gegeben, fondern mehr eine oberhirtliche Weifung,

kales Intereffe beanfpruchen. Indeffen gewinnt das mit hervorrief; befonders die ftrengen Katholiken fahen eine
grofsem Fleifs und anzuerkennender Sorgfalt zufammen- ! Verleugnung ihrer Principien darin; eine rührige Partei
getragene Buch infofern eine allgemeinere Bedeutung, als ift nun eifrig befchäftigt, hier die verbindenden Brücken
die in ihm gefchilderten Verhältniffe einer einzelnen Schule 1 zu fchlagen und in den Kreis diefer Beftrebungen fällt
die Richtigkeit unferer bisherigen Anflehten über die päda- j auch das Buch von Pater Maumus.

gogifchen Ideen und Zuftände des 16. Jahrh. durchweg j Ausgehend von der gefchichtlichen Thatfache, dafs
beftätigen. Nur hier und da kommen Einzelzüge im ' die Lage der Katholiken jetzt in Frankreich eine ganz
Schulwefen zu Annaberg vor, welche als Abweichung ; ähnliche fei, wie nach der Julirevolution, wo die Religion
von dem fonft Ueblichen anzufeilen find. Dahin ift es j in fchmählicher Weife verfolgt und mifsachtet war, fuhrt