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Ausgabe:

1897

Spalte:

532-533

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nestle, Eberhard

Titel/Untertitel:

Einführung in das griechische Neue Testament 1897

Rezensent:

Gebhardt, Oscar

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 20.

532

Dilemma, das den Rahmen der obigen Eintheilung fprengt.
Entweder hält man fich wirklich nur an den Begriff
einer allgemeinen Religionswiffenfchaft; dann aber ift
es nicht genügend begründet, dafs man die chriftliche
Religion allen andern gegenüberflellt und unter den
religionswiffenfchaftlichen Zweigen eine befondere bib-
lifche, kirchengefchichtliche und partorale Theologie als
coordinirt mit der Unterfuchung der gefammten nicht
chriftlichen Religionsentwicklung aufnimmt. Oder man
legt das Glaubensurteil von der Abfolutheit der chriftlichen
Religion zu Grunde; damit gewinnt man allerdings das
Recht, eine chriftliche Theologie mit ihren verfchiedenen
Gliedern zu organifiren; aber mit diefem Glaubensurteil |
ift jener allgemein-wiffenfchaftliche Standpunkt über-
fchritten, und es darf dann nicht mehr die natürliche
und ethnifche Theologie als coordinirt neben die den
Körper der chriftlichen Theologie bildenden Glieder
treten.

Eben diefes Glaubensurteil, das in Wahrheit für
eine chriftliche Theologie conftituirend ift, fucht nun aber
der Verf. möglichft zu verhüllen. Es gefchieht einer-
feits dadurch, dafs er die Begründung der chriftlichen
Theologie auf Glauben als etwas, was ihr mit andern
Wiffenfchaften gemeinfam ift, hinzuftellen, alfo die andern
Wiffenfchaften der Theologie anzunähern fucht: alle
Wiffenfchaften, die, welche fich auf die outer World und
inner world richten, fo gut wie die theologifche, die es
mit der Upper {supernal, Spiritual) world zu thun hat,
haben ja faith zu ihrer Erkenntnisgrundlage, nämlich
das Vertrauen auf die Sinne, auf das Selbftbewufstfein,
auf den Geift. Aber damit ift verhüllt, dafs jene andern
Wiffenfchaften auf einer Nöthigung der (äufsern und I
innern) Wahrnehmung und des Denkens beruhen, der
fich auch der Skeptiker nicht entziehen kann, dafs dagegen
faith auf dem Boden der chriftlichen Religion ein
ethifcher Act der Perfönlichkeit ift. —• Es gefchieht
andrerfeits dadurch, dafs der Verf. umgekehrt die Theologie
in ihrer ganzen Methode den andern insbefondere
den Natur-Wiffenfchaften anzunähern bemüht ift. Sie
conftatirt ihre Data (facts), nämlich die gefchichtlichen
Erfcheinungen religiöfen Glaubens und Lebens, und ordnet
fie; fie macht nun von da aus in allen ihren Zweigen
ihre Rückfchlüffe (inferences, inductions) auf die fie erklärenden
Thatfachen einer überweltlichen Wirklichkeit,
und aus diefen Ergebniffen zieht dann wieder die com-
parative Theologie das Facit. Das ift diefelbe Methode;
die von jeher die Natural Tkeology befolgt hat; ihr
Fehler war nach dem Verf. nur, dafs fie die Data unvoll-
ftändig verwerthete. Sie wird alfo im Grund für das
Verfahren der ganzen Theologie beftimmend; und auch
ihre eigenen Refultate find nach dem Verf. recht ausgedehnte
. Gerade in diefer Erhebung der Natural Theo-
logy, wie in der der Ethnic Th., foll der progreffive
Charakter des Werkes zum Ausdruck kommen. Nach
einer Seite hin liegt in der That darin eine Anknüpfung
an moderne Philofophie und Wiffenfchaft, in anderer Beziehung
aber, in der Wiedereinführung jener Inductions-
methode, die aus den Data der Natur, der Religions-
gefchichte, des Chriftenthums ihre Refultate zufammen-
webt, kann ich nur einen Rückfehritt erkennen. In diefem
Punkt ftirame ich mit dem Urtheil des Recenfenten der
erften Auflage, Lemme (Jahrg. 1888, No. 7), zufammen;
hoffentlich hält diefer felbft noch fein Urtheil, obwohl
es etwas Ritfchlifch klingt, aufrecht.

Göttingen. Max Reifchle.

Berlinger, Dr. J., Die Peschitta zum I. (3.) Buch der Könige
und ihr Verhältniss zu ML, LXX u. Trg. Berlin 1897.
(Frankfurt a. M., J. Kauffmann.) (50 S. gr. 8.) M. 1.50

Diese Arbeit, ihres Zeichens eine Differtation, aber
ohne diesbezügliche Angaben, gehört in jene bereits

ziemlich grofse Klaffe von Einzelunterfuchungen über
das Verhältnifs des Pesittatextes zum Maforatext, LXX
etc., welche bis auf einige wenige fchon darum von sehr
problematifchem Werth find, weil fie eine zwar bequeme,
aber ganz unzuläffige Methode befolgen, und aufserdem
bei Weitem nicht fo genau gearbeitet find, dafs fie künftigen
Unterfuchungen ein Hülfsmittel fein, gefchweige
folche überflüffig machen könnten. Berlinger fcheint fich
den Auffatz von Pinkuss in ZAW 1894 zum Vorbilde
genommen zu haben, nur dafs er fich in der fofort zu
nennenden Weife kürzer fafst, und die nach unfern Begriffen
doch recht complicirten Fragen auf 50 Octav-
feiten erledigt. Er war nämlich, wie er selber fagt, ,be-
ftrebt', ,1) das Verhalten des Ueberfetzers feinem Texte
gegenüber, die Methode feiner Ueberfetzung feftzuftellen;
2) über den Texteszuftand der Verfion felbft ein Urtheil
zu gewinnen, und den hebr. Text, der dem Ueberfetzer
vorlag, zu beftimmen; 3) das Verhältnifs von Pfesitta] zu
dem M.T., der LXX und dem Trg. zu ergründen' (!).
Das find Phrafen; in Wirklichkeit hat er fich darauf be-
fchränkt, die augenfälligen Abweichungen der Pes. vom
Maforatext zu conftatiren, dann LXX und Trg. gelegentlich
zu vergleichen, und fich fchliefslich über den Werth
oder die Werthlofigkeit der fyr. Lesarten in Thenius'
oder Kloftermann's Commentaren Rath zu erholen. —
,Was die Frage der Abhängigkeit der P. zu unterem
Buche von LXX und Trg. betrifft, fo haben wir die
Ueberzeugung gewonnen, dafs eine Abhängigkeit im allgemeinen
nicht ftattgefunden hat' (S. 7). Hätte der Verf.
eine Vorftellung vom Zuftande der gegenwärtigen Pesitta,
fo hätte er fich nicht fo ausgedrückt; er hätte aber allerdings
dann auch gewufst, dafs eine folche Arbeit, wie
fie ihm vorfchwebte und wie fie nach feiner Abficht in
letzter Inftanz dem hebr. Text zu gute kommen foll,
nicht von der Unterfuchung der Pes. ausgehn darf, die
ein für alle Mal ein Zeuge zweiten Ranges ift, fondern
nur von LXX. Dafs diefe Differtation aber auch im Einzelnen
liederlich gearbeitet ift, kann hier nicht bewiefen
werden; Belege dafür stehen dem Verf. auszugsweife zur
Verfügung.

Auf S. 5, Anm. 10 ftellt er uns für die nächfte Zeit
von anderer Seite ,Abhandlungen über die Pfesitta] zu
1. u. 2. Sam. u. Jefaja' in Ausficht, wahrscheinlich wiederum
Differtationen. Ohne an der Befähigung diefer
unbekannten Herrn irgend zu zweifeln, möchte ich hier
doch die Frage aufwerfen, ob es für diefelbe nicht
etwa eine beffere Verwendung gäbe, und ob es nicht
beffer und richtiger wäre, vorerft einmal die Pes. irgend
eines einzelnen bibl. Buches für fich zu bearbeiten
, d. h. die ältefte erreichbare Recenfion der Pes.
für jenes Buch herzuftellen. Ein ziemliches Maass von
Urtheilskraft wäre freilich namentlich für den letzten und
vornehmften Theil einer derartigen Unterfuchung unentbehrlich
; aber durch ein folches Specimen würden die
dilettantenhaften Arbeiten über diefen Gegenftand am
beften gerichtet und die Pes. felber erft an die ihr zukommende
Stelle gerückt, höher oder tiefer, je nachdem.
Diefer Hinweis ift vielleicht zeitgemäfs, fchon deshalb,
weil eine der beliebteften Quellen für syrifche Differtationen
, Barhebraeus' Scholien, endlich am Verfiegen ift.

Göttingen. F. Schulthess.

Nestle, Eberhard, Einführung in das griechische Neue Testament
. Mit 8 Handfchriften-Tafeln. Göttingen, Van-
denhoeck & Ruprecht, 1897. (129 S. gr. 8.) M. 2.80

Das urfprünglich (1895) für die .Sammlung Göfchcn'
gefchriebene, in diefe aber als zu fpecififch-theologifch
nicht aufgenommene Buch wendet fich an Kreife wie diejenigen
, in denen Schaffs Companion to the Greek Testament
und Kenyon's Our Bible and the Ancient Manu-
scripts, um von anderen ähnlichen Werken zu fchweigen,