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Ausgabe:

1897 Nr. 19

Spalte:

519-520

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Bibel und Naturwissenschaft. Apologetische Studien eines Naturforschers. 1. Theil 1897

Rezensent:

Reischle, Max

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Seite 1

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519 Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 19. 520

5 25. Als Triebkraft des neuen ethifchen Lebens der
Chriften bezeichnet P. den Geift auch Rom. 8 13 h 7 6 824h
vgl. 1 Kor. 619 421. Diefes Verhältnifs läfst lieh nicht
richtig befbmmen ohne Beachtung der Gleichung ro
m>ev[ia und 0 xvQiog 2 Kor. 317 b Christum aber haben
die Gläubigen angezogen auch als bestimmende Macht
ihres Wandels Gal. 327 vgl. 220 Rom. 13 14. Aehnlichwie mit
dem Geifte fteht es mit dem Glauben. Auch hier hat
gewifs W. darin Recht, dafs der Glaube von P. zunächft als
Anfang des Chriftenthums gedacht wird. Aber dabei
bleibt er nicht flehen, und die hochwichtige und eigen-
thümliche Stelle Rom. 1423 verdient nicht als ganz fingu-
läre in den Anhang verwiefen zu werden. Schon Gal.
56 gehört, wie Verf. auch zugiebt, in diefelbe Richtung.
Aufserdem aber fpielt der Glaube eine wichtige Rolle
im weiteren Chriftenleben. Es giebt ein verfchiedenes
Maafs des Glaubens Rom. 123. Der Glaube, je nachdem
er fchwach oder ftark in, beftimmt im Einzelnen das
practifche Verhalten des Chriften 1412 22. Darum kann
P. für feine Korinther ein Wachsthum im Glauben erhoffen
2 Kor. 1015. — Doch ich unterdrücke andere
Einwände, um nicht meine weitgehende Zuftimmung und
Anerkennung abzufchwächen. Trotz aller Einfeitigkeiten
und Uebertreibungen enthält des Verfaffers Arbeit mehr
Wahrheit und verräth ein viel feineres und tieferes Ver-
ftändnifs des P. als die vielen nach herkömmlichem, pro-
teftantifchem Urtheil nivellirten Darftellungen des Paulinismus
. Sie wird ficherlich vielfache Anregung zu fruchtbarer
Weiterforfchung geben.

Bonn. Gräfe.

Fachtmann,Reg.-R.a. D., Bausteine. Nachweis der Ueber-
einstimmung zwischen Natur- und Gotteserkenntnifs.
Hamburg, Agentur des Rauhen Hauses, 1896. (110 S. 8.)

M. 1.—

Bibel und Naturwissenschaft. Apologetifche Studien eines
Naturforfchers. 1. Thl.: Die biblischen Krankenheilungen
im Lichte der modernen Medizin. (Aus:
,Beweis des Glaubens'.) Gütersloh, Bertelsmann, 1896.
(45 S. gr. 8.) M. —.60

I. Baufteine, und zwar etwas bunte und wenig be-
hauene, trägt der Verf. der erften Schrift zufammen. Er
(teilt im Vorwort feft, dafs drei Triebkräfte in dem
Geiftesleben des zu Ende gehenden Jahrhunderts wirk-
fam gewesen find, der Humanismus, der Chriftenglaube,
die moderne Naturerkenntnifs. Demgemäfs fetzt er fich
zuerft mit dem Humanismus auseinander und übt, anknüpfend
an verfchiedene Aeufserungen in der Selbstbiographie
des Grafen Schack, Kritik an deffen Glaubens-
bekenntnifs, weiterhin aber an dem humaniftifchen, vom
Chriftenthum losgelösten Schulwefen, das an der religi-
öfen Indifferenz unferer Gebildeten wenigstens zum Theil
fchuldig fei. Im Kampf mit der materialiftifchen Natu r-
forfchung führt er fodann, unter Benutzung von Gedanken
H. C. Oertted's, H. Drummond's u. a., die Auf-
faffung durch, dafs die natürliche und die geistige Welt
von analogen Gesetzen beherrfcht, dafs die geistigen Gefetze
Naturgefetze höherer Stufe und die Naturgefetze
geistige Gedanken Gottes, dafs darum auch die Wunder
nicht als Verletzung des Naturgefetzes, fondern als unerklärbares
Hereingreifen einer höheren Natur- oder
Kulturordnung in eine niedere anzufehen find. Damit ift
der Weg bereitet für eine Ge fa mmtdarftellung des
Chriftenthums, die mit einer Harmonifirung von
Schöpfungsbericht und moderner Naturwiffenfchaft anhebt
und in die Lehre von Christus und dem Geift ausmündet
. Eine ernfte Ausfchau in die Zukunft und ein
hoffnungsfreudiger Blick auf den jetzt fchon eingetretenen
Umfchwung zu Gunsten des Christenthums und einer
idealiftifchen Naturauffaffung fchliefst das Büchlein ab.

— Der Ton der Schrift ift ein durchaus nobler und
wohlthuender; der Inhalt bietet neben vielen ungeklärten
Anfchauungen und vielem kritifch ungefichteten Stoff
(z. B. über Bibel und Infchriftenfunde) manche anregende
Gedanken, die freilich zum guten Theil den Gewährsmännern
des Verf. auf Rechnung zu fetzen find. Die
reichlichen Anführungszeichen dürften bisweilen noch genauer
und reichlicher angebracht fein; z. B. S. 13 findet
fich ein wörtliches Citat aus Uhlhorn's ,Kampf des Christenthums
mit dem Heidenthum' (3S. 57 f.) ohne jede Andeutung
einer fremden Quelle.

2. Die zweite Schrift, ein Separatabdruck aus der
Zeitfchrift ,Der Beweis des Glaubens', enthält in dem vorliegenden
Theil eine Polemik gegen das Werk von
Stoll, Hypnotismus und Suggestion in der Völkerpfycho-
logie (Lpzg. 1894), das alle religiöfen Vorstellungen wefent-
lich auf fuggeftive Grundlagen zurückzuführen und im
Zufammenhang damit auch von den Wunderthaten Christi
nachzuweifen fucht, dafs fie, foweit fie hiftorifch, foweit
alfo die Berichte darüber nicht durch Legende entstellt
oder dem Mythus entfprungen find, in Suggestivkuren
bestanden. Hier fetzt nun der anonyme christliche Natur-
forfcher ein und fucht* zuerst die Behauptung von der
hiftorifchen Unglaubwürdigkeit der biblifchen Berichte,
fodann die Deutung der berichteten Heilungen als
Suggeltivkuren zu widerlegen. Die erftere Behauptung
nimmt er freilich viel zu leicht: mit den paar wörtlichen
Anführungen deffen, was ,Eufebius in feinen histor'iae
ecclesiasticae1 (sie) und andere Väter betr. der Abfaffung
der Evangelien mittheilen, kann nur ein Nichtkenner der
Sache die verwickelten Fragen der Evangelienkritik erledigt
zu haben meinen. Dagegen in der Verfolgung
feines zweiten Ziels redet der Verf. als Fachmann und
mit mehr Beweiskraft. Er verfucht, eine möglichst genaue
Diagnofe der Krankheitsfälle zu geben, deren Heilung
im N. T. berichtet wird, wobei er unbefangen genug ist,
die Zustände der Dämonifchen und Mondfüchtigen als
,nervöfe Störungen von den ausgefprochenften Cerebral-
pfychofen bis zur gewöhnlichen Hysterie' aufzufallen. Auf
Grund davon kommt er zu dem Refultat: die Heilungs-
gefchichten der Evangelien und der Apoftelgefchichte
finden weder in Beziehung auf das Heilungsverfahren der
Heilenden noch in Beziehung auf die geheilten Krankheiten
, die zum weitaus gröfseren Theil in organifch bedingten
Affectionen, nicht in blofsen funktionellen
Störungen bestehen, eine genügende erklärende Parallele
in den doch nur befchränkten Erfolgen der modernen
Suggeftiv-Therapie. — Man wird diefem Hauptergebnifs
nur zustimmen können. Ob aber damit überhaupt jede
Vermittlung der Heilungen Jefu durch natürliche Kräfte
ausgefchloffen und ob überhaupt auf diefem Weg der
Erweis für Jefu göttliche Kraft zu gewinnen ift, das ift
eine andere Frage.

Halle a/S. Max R ei fehle.

Daab, Frdr., Die Zulässigkeit der Gelübde betrachtet vom
evangelifchen Standpunkt aus. Gütersloh, C. Bertelsmann
, 1896. (IV, 56 S. gr. 8.) M. —.80

Die Frage nach der Zuläffigkeit der Gelübde hat ihr
Intereffe als ein Controverspunkt zwifchen katholifcher
und evangelifcher Kirche, aber auch an fich als ethifches
Problem. Der Verf. hat beiden Seiten feine Aufmerk-
famkeit zugewendet. Durch eine (freilich zum Theil
zweifelhafte) etymologische Erklärung von cnp/, votum,
Gelübde und eine induetive Sacherklärung bahnt er fich
den Weg zu der Definition: ,Das Gelübde ift die Zufage
religiöfer Art, welche in feierlicher Förmlichkeit das Ge-
wiffen zu einer zukünftigen Leistung verbindet'. Nachdem
er dann auf die Stellung der Gelübde in heidnifchen
Religionen und befonders im A. T. einen Blick geworfen,
fetzt er fich im erften Theil der Hauptunterfuchung