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Ausgabe:

1897

Spalte:

511-513

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Badham, F. P.

Titel/Untertitel:

S. Mark's indebtness to S. Matthew 1897

Rezensent:

Weiß, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 19.

512

rrjv Xvjenv rrjq Evaq x^Q^vri jrQoömjtm xaraQyrjCiaq 61a
xrjq ex jiaQ&evov prjrgng u. S. 26,23 ff o ZoyxV rVv xZevqciv
Oov vvyeig. (Eine einheitliche Unterfuchung diefer Gebete
in der apokryphen Literatur fteht noch aus, wäre aber
von Werth.)

Ueberzeugend ift der Nachweis, welchen gegen
Corssen's gegentheilige Behauptung James für dieBekannt-
fchaft der leucianifchen Johannesacten, aber auch des
Petrusevangeliums mit dem Johannesevangelium liefert;
dankenswerth wie die manigfache Orientirung, welche
James über die verfchiedenen Apoftelacten giebt, fo feine
Ueberficht S. 154 ff. über die fich fo leicht der Beachtung
entziehenden neueren Publicationen apokrypher Schriften,
nämlich Vaffiliev's Anecdota Graeco-Byzantina (Moskau
1893), das Buch Achikar (vgl. Tob. 11,18), die arme-
nifchen ,unkanonifchen Bücher des A T's' von den Mechi-
tariften herausgegeben des Apocryphes Ethiopiens traduits
en francais' von Rene' Baffet in der Bibliotiieque de la
Haut Science, Conybeare's Wiedergabe der beiden arme-
nifchen Verfionen der Acta Pilati in den oxforder Studia
biblica und Forbes Robinfon's Coptic Apocfyphal Gospels.
— Ein Vergleich der vorliegenden Edition James mit
feinen beiden frühern giebt den Eindruck wachfender
wiffenfchaftlicher Tüchtigkeit.

Göttingen. N. Bonwetfch.

Badham, F. P., M. A., S. Mark's indebtness to S. Matthew.

London, T. Fisher Unwin, 1897. (XXVIII, 131 S. 8.)

sh. 3. 6

Es ift mir eine Freude, dies Büchlein anzeigen zu
dürfen, nicht etwa weil ich mit feinem Ergebnifs einver-
ftanden wäre, fondern weil es in überrafchender Weife
die Sachlage auf dem Gebiet der fynoptifchen Kritik
beleuchtet. Da englifche Bücher bei unterem theologi-
fchen Leferkreife erfahrungsmäfsig wenig Beachtung
finden, fo fei mir geftattet, etwas ausführlicher auf den
Gegenftand einzugehen.

In weiten Kreifen herrfcht heute die Vorftellung, die
eine Hauptfrage fei durch die fiegreich erwiefsene Markus-
Hypothefe erledigt, fo dafs man fich nicht mehr um
dielen Punkt zu kümmern brauche. In der That giebt
es feit Holften's Tode in Deutfchland wohl nur noch
einen namhaften Gelehrten, der die Priorität des Matth,
vor Mk. vertritt. Diefem verehrungswürdigen Forfcher,
Adolf Hilgenfeld, ift unfer Buch gewidmet ,von einem
feiner Schüler'. Es fteht unter dem Augustinifchen
Motto: „Marcus pedissequus et breviator MatthaeiP
Um zunächft mein Gefammturtheil voranzufchicken, fo
finde ich, dafs Badham die Grundidee der Markus-
Hypothefe nicht im Geringften zu erfchüttern vermocht
hat. Sein Angriff ift bei aller Sorgfalt und Energie abgeprallt
, weil er ftatt einer Widerlegung des Hauptgedankens
fich an Einzelheiten — freilich fehr wichtiger
Natur — gehalten hat. Er hat eine minutiöfe Ver-
gleichung vieler Stellen vorgelegt, anftatt, worauf es
ankam, in erfter Linie die Compofition der zwei Evangelien
im Ganzen neben einander zu halten. Diefer Vergleich
aber hätte zweifellos die Priorität des Mk. aufs
Neue bewiefen. Der Verf. hat jedenfalls verfäumt, diejenigen
Punkte, an denen die Vertreter der Mk.-Hypo-
these den fecundären Charakter der Matthäus-Com-
pofition zu beweifen pflegen, in feinem Sinne zu erklären.
Wenn aber auch nur an einer Stelle die fecundäre
Geftaltung des Matth, erwiefen werden kann, fo braucht
zwar noch nicht die Mk.-Hypothese richtig, es mufs
aber die Matth.-Hypothefe falfch fein. Solch ein Punkt
ift die Erzählung von den Abendheilungen vor Petri
Haufe (Mtth. 8u—is). Es ift aus dem Zufammenhange
des Mtth. nicht erfichtlich, warum die Kranken erft des
Abends gebracht werden. Dies ift aber das Natürliche
bei Mk. 129—39, wo die Gefchichte am Abend eines

Sabbats fpielt. Mithin hat Mtth. die Perikope aus ihrem
natürlichen Zufammenhange geriffen, er ift alfo der
Bearbeiter. Das zeigt fich auch daran, dafs bei ihm
Jefus noch an demfelben Abend über den See fährt,
ein Zug, der zu der vorhergehenden Schilderung der
Thätigkeit Jefu nicht pafft. Die Erzählung von der Ermordung
des Täufers unterbricht Mtth. 141—12 die Be-
richterftattung ohne dafs der Zufammenhang erkennen
liefse, warum diefe Epifode gerade jetzt nachgeholt wird,
bei dem parallelen Mk. bildet fie die Ausfüllung der
Paufe während der Abwefenheit der Jünger, die Mtth.
an andrer Stelle hat. Auch an diefem Punkte hat Matth,
durch feine Aenderung der Reihenfolge die organifche
Anlage des Mk. zerftört. Ein dritter Punkt ift das Ver-
hältnifs des Parabel-Capitels Mtth. 13 zu Mk. 4. Hierüber
handelt der Verf. fehr merkwürdig. In Mk. 433
xai xoiavxaig naoaßnXmg TtnZXaig elaZei avxdig xbv
Z yov.. . xax löiav de xolg idioig iiatrrjxaig sneZvev
nüviu fieht er ein halbes Geftändnis des 2. Evangeliften,
dafs er eine Anzahl Parabeln, insbefondere die Deutung
des Unkrautgleichniffes weggelaffen habe. Die Worte
könnten allenfalls eine Abbreviatur fein. Aber was will
das befagen gegenüber den ftarken Indicien einer fecundären
Geftaltung von Mtth 13? Wenn man auf die
Reihenfolge der Stücke bei Matth, achtet, fo mufs man
fragen: wie kommt es, dafs fich 1) zwifchen die Deutung
des Unkrautgleichniffes und das Gleichnifs felbft,
2) zwifchen die vier erften und die drei letzten Parabeln
der mit Mk. 433 parallele Sehluss mit Rückblick auf die
Parabelrede eindrängt? Warum fteht nicht wenigftens die
Unkrautparabel möglichft nahe neben feiner Deutung,
fondern durch drei Nummern getrennt? Hier ift es doch
mit Händen zu greifen, dafs Mtth. fich eben an den
Erzählungsrahmen, der bei Mk. noch deutlich vorliegt,
gebunden fühlte. Aber der Stoff wuchs ihm über diefen
Rahmen hinaus und fo fügte er, was er an (Neuem' zu
bringen hatte, erft nach dem Schlufs der Parabelrede
bei Mk., an. Was der Verf. fonft noch über die Aus-
fcheidung der Matth.-Parabeln durch Mk. fagt, ift fo
haltlos (p. 95 ff), dafs ich darüber in feinem Intereffe
fchweige. Unverantwortlich leicht nimmt der Verf. die
bedeutfame Thatfache, dafs der Weifsfagungsbeweis, der
für Matth, fo charakteriftifch ift, auf Mk. garnicht abgefärbt
hat' auch nicht Mk. 21 (denn eig ol/.ov gehört
zu den Liebhabereien des 2. Evangeliften f. 310b, 717.24,
928, IO10); 433, II2, i2ff. Die ,Spuren' der Kindheitsge-
fchichte Matth. 1. 2 bei Mk. die der Verf. gefunden hat,
möge man fich an der Probe anfehaulich machen, dafs
ctvuy/üQtlv, welches 9 mal bei Mtth., 4 mal in Cap. 1. 2
vorkommt, in Mk. 317 aus Mtth. flamme, da Mk. es fonft
nicht habe! Was fchliefslich Mtth. 28 und Mk. 16 anlangt,
fo mufs ich geftehen: wenn heute noch ein ernfthafter
Zweifel darüber beftehen kann, dafs der Mtth.-Bericht
(im Ganzen genommen) eine fecundäre und ausgeschmückte
Fortbildung der primitiveren Mk.-Erzählung
ift, dann follen wir doch lieber die Kritik als eine gänzlich
unfruchtbare und brodlofe Kunft aufgeben. In der
That — es giebt kein geficherteres kritifches Refultat als
die wefentliche Priorität des Mk. in diefem Abfchnitt.
Was Badham dagegen vorbringt, bezieht fich auf den
Text im Einzelnen — und das ift eine andere Sache.

Die Einzel-Textvergleichung ift die Stärke unferes
Buches. Aber auch hier mufs gefagt werden, dafs der
Verf. zwar eine grofse Reihe von Beobachtungen ge-
fammelt hat, die für feine Thefe zu fprechen Rheinen,
dafs er aber verfäumt hat, fich mit den Stellen ernft-
haft auseinander zu fetzen, an denen die Vertreter der
Markus-Hypothefe die fecundäre Textgeftalt beim Matthäus
nachgewiefen haben. Denn auch hier gilt: Wenn
auch nur an einer Stelle nachgewiefen ift, dafs der
Mtth.-Text im Vergleich mit Mk. fecundär ift, fo braucht
zwar die Markus-Hypothefe nicht richtig, es mufs
aber die Mtth.-Hypothefe falfch fein. So hätte der