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Ausgabe:

1897 Nr. 18

Spalte:

483-484

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Anz, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Zur Frage nach dem Ursprung des Gnostizimus 1897

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Seite 1

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4«3

Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 18.

484

Anz, Lic. Willi., Zur Frage nach dem Ursprung des Gnosti-
zismus. Ein religionsgefchichtlicher Versuch. (Texte
und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen
Literatur XV. Band, 4. Heft.) Leipzig, Hinrichs, 1897.
(IV, 112 S. gr. 8.) M. 3.50

Ein Doppeltes foll in diefer Abhandlung nach-
gewiefen werden, erfllich, dafs die Lehre vom Aufftieg
der Seelen durch die Welten (Himmel) der grofsen
Archonten (Planetengeifter) zum höchsten Gott die alt-
gnoflifche Centrallehre gewefen ift, zweitens dass diefe
Lehre aus Babylonien flammt, bez. ein Product baby-
lonisch-perfifcher Religionsmifchung ist.

Was die zweite These betrifft, fo hat der Verfaffer
den Beweis fo umfaffend und trefflich geführt, dafs er
auch folche überzeugen wird, die, wie der Referent, über
eigene Kenntnifs jener semitischen Sprachen nicht verfügen
. Ob er im Einzelnen überall im Rechte ift, vermag
ich nicht zu beurtheilen; aber die Hauptfache bleibt
jedenfalls auch dann beliehen, wenn einige Correcturen
nöthig fein füllten. Befonders dankenswerth find die
Zufammenftellungen über die Fortdauer und die Gestalt
der babylonischen Religion um die Zeit Chrifiti.

Die erfte Thefe anlangend, fo ift es sehr dankenswerth
, dafs der Verf. in das Chaos der ,gnoftifchen' Elemente
im Gnofticismus Ordnung und Licht gebracht hat.
Indem er zeigt, dafs das, was er die Centrallehre nennt,
deutlich oder durch die Berichterftatter verdunkelt oder
durch eine fpätere Entwickelung überwuchert, in allen
gnoftifchen Religionslehren gefunden wird, hat er das
Verftändnifs jener complicirten Bildungen bedeutend gefördert
. Aber das Bedenken bleibt doch übrig, ob man
jene Lehre vom Aufftieg fo fchlechthin als die gnostische
Centrallehre bezeichnen darf. Sie ift die Centrallehre
innerhalb des mythifchen Elements, welches einen
wefentlichen Beftandtheil des chriftlichen Gnofticismus
bildet; aber dieses mythifche Element felbft ift in keinem
chriftlich - gnoftifchen Syftem das centrale, fondern
Chriftus ift das Centrum. Alfo ift es mifsverftändlich,
von dem , Aufftieg' als der gnoftifchen Centrallehre zu
fprechen. Man mufs noch mehr fagen: das regrei'five
Denken nach dem caufalen Schema und defshalb die
Kosmologie darf bei Beurtheilung des chriftlichen Gnofticismus
— auch des älteften, für uns erreichbaren —
nicht in die Peripherie gefchoben werden. Die Fragen
unde mimdus? unde tnalumi find centrale Fragen gewefen
.

Der Verfaffer räumt das ein. An mehr als einer
Stelle feiner Abhandlung zeigt er, dafs er weder das
chriftologifche noch das hellenifch-intellectualiftifche Element
unterfchätzt, und der forgfältig gefafste Titel der
Arbeit ,Zur Frage nach dem Urfprung des Gnofticismus
—■ ein religionsgefchichtlicher Verfuch', bezeugt diefe
Auffaffung. Allein, ganz in's Klare ift er m. E. mit
feiner Terminologie nicht gekommen, und die Vorftellung,
dafs das, was er die Centrallehre nennt, auf gewiffen
frühen Stufen des chriftlichen Gnosticismus das ganze
Intereffe der Eingeweihten abforbirt hat, ift nicht genügend
abgewehrt. Wo der .Aufftieg' wirklich die Centrallehre
war, da war noch kein chriftlicher Gnofticismus
vorhanden; wo diefer vorhanden ift, find neben
jener auch andere Centrailehren wirkfam. Gewifs — der
Gnofticismus ift allmählich hellenischer und chriftlicher
geworden; aber man darf auch nicht vergeffen, dafs
unfere Berichterftatter uns über die Chriftlichkeit des
älteften Gnofticismus am fchlechteften unterrichtet haben.

Die Lehre vom ,Aufftieg' der Seelen ift ihrem Ursprung
nach der Reflex einer Kosmologie, und zwar
einer primitiven; aber es war ein ungeheurer Moment
in der Religionsgefchichte als die Kosmologie nun um-
geftülpt und den creatürlichen Geiftern das Gefetz dictirt
wurde, auf dem Wege, auf dem fie gekommen find, zu j

ihrem Urfprung zurückzukehren. Noch bedeutender war
der dritte Act, als man fich überzeugte, dafs der Rückweg
nicht nur durch kosmologifch-aftrologifche Kennt-
niffe und durch Magie, fondern durch innere Befreiung
von den Weltmächten gefunden wird. Diefe Entwicke-
lungen liegen bereits vor der Zeit, in der es einen chriftlichen
Gnofticismus gegeben hat; aber nicht nur als
Eierschalen find die primitiven Formen diefer Weisheit
auf den griechifch-römifchen Boden mit herüber gekommen
, fondern Kosmologie, Magie und Moral in innig-
fter Verbindung und in ganz verfchiedenen Dofirungen
gemifcht. Die fpiritualiftifchen und abgeklärteren Spielarten
find auch in die Grofskirche eingezogen. Man
findet fie bei Hermas (Vis. IV), Ignatius, in der Asccnsio
Jesajae, bei Clemens Alex, und — in der gewaltigen
Erfcheinung der hellenifchen und chriftlichen
Myftik. Auch hier kann man von der ,Centrallehre' des
Aufftiegs fprechen, mit demfelben Rechte wie beim
Gnofticismus. Freilich — nachdem der .Aufftieg' fubli-
mirt war, conflagrirte er auch mit selbftftändigen Er-
rungenfchaften des hellenifchen Geiftes auf dem religions-
philofophifchen und moralifchen Gebiet, und es ift heute
in vielen einzelnen Fällen nicht mehr möglich, ficher zu
entfcheiden, ob etwas eine rein hellenifche oder eine
babylonisch-hellenische Bildung ift. Mir fcheint es, dafs
der Verf. an ein paar Stellen — aber es find nur wenige
— etwas auf babylonifche Wurzeln zurückgeführt hat,
was fich anders beffer erklären läfst.

Die „gnoftifche Centrallehre" ift einerfeits nicht die
Centrallehre der Gnoftiker — fie hatten auch andere —
und fie ift andrerfeits nicht das ausfchliefsliche Eigen-
1 thum der Gnoftiker; denn in Abwandlungen ift fie überall
hingekommen, und felbft ihre minder fublimirten Formen
find in die grofse Kirche gedrungen, wie umgekehrt die
j hervorragendften Gnoftiker fie fpiritualifirt haben. Wir
] wiffen auch nicht, aus der wievielten Hand das Chriften-
I thum die Lehre vom Aufftieg erhalten hat, ob nicht immer
fchon ein hellenifcb.es Element mitwirkend war. In-
deffen räume ich gern ein, dafs die ophitifchen Lehren,
foweit wir fie kennen, den Eindruck machen, als feien
| Plato und Genoffen urfprünglich an ihnen völlig un-
betheiligt. Wie dem auch fein mag, und welche
formale Correcturen auch an der Terminologie des
Verfaffers wünfchenswerth fein mögen — er hat
einen wichtigen Beitrag zur Aufhellung eines der dunkelften
und intereffanteften Gebiete der Religionsgefchichte
geliefert. Für die kirchengefchichtliche
Beurtheilung des Gnofticismus nach Urfprung und Werth
ift die Abhandlung eine Vorarbeit; denn in der Kirchen-
gefchichte handelt es fich um die Chriftlichkeit und um
die Art, wie aufserchriftliche Gedanken mit dem Evangelium
verfchmolzen find. Aber in den Vorarbeiten
fteckt die Arbeit. Doch darf ich mir vielleicht eine Warnung
erlauben, obgleich man frifche Triebe nicht zu früh
befchränken oder gar befchneiden foll. Wenn nicht Alles
trügt, gehen wir in Bezug auf die Erklärung und geiftige
Vermittelung des Urchriftenthums und der älteften Kir-
chengefchichte einer Epoche entgegen, die man als alter-
thümelnde bezeichnen darf. Im Gegenfatz zu jener Betrachtung
, die die geiftigen Höhepunkte einer gefchicht-
lichen Erfcheinung hervorhebt, werden wir angewiefen,
vielmehr ihre breite Bafis und fubftanzielle Natur zu ftu-
diren. Aus dem Wurzelgeflecht, aus Stamm und Rinde
follen wir Blüthe und Frucht beftimmen. Wir werden
gewifs viel dabei lernen; aber mögen die Zukünftigen
befonnene Lehrer bleiben, fonft giebt es einen vorzeitigen
Rückfchlag. Die teleologifche Betrachtung der
gefchichtlichen Erfcheinungen ift die entfcheidende. Nur
fofern fich etwas aus feinen Urfprüngen losgerungen hat,
ift es eine Macht geworden.

Berlin. A. Harnack.