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Ausgabe:

1897 Nr. 17

Spalte:

463-469

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lea, Henry Charles

Titel/Untertitel:

A history of auricular confession and indulgences in the Latin church. 3 Vols 1897

Rezensent:

Mueller, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 17.

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Angabe darüber, dafs diefes Princip hier, und in welchem
Umfange es etwa fonft noch befolgt fei.

Es entfteht fomit eine völlige Unficherheit darüber,
mit welchem Texte man es eigentlich zu thun hat. Und
das avtov Lc. 24,12 mit der alternativen Lesart eavrov
fehlt an beiden Stellen, alfo überhaupt in der Concordanz.
Dies darf aber nicht etwa damit entfchuldigt werden,
dafs der ganze Vers wegen fraglicher Echtheit in Doppelklammern
eingefchloffen ift; denn folche Verfe follen
laut Vorwort gleich den anderen berückfichtigt werden,
und die übrigen Wörter von Lc. 24,12 haben denn auch
Aufnahme gefunden. Endlich ift unbeachtet geblieben,
dafs Weftcott und Hort laut Jahrgang 1882, Sp. 495
diefer Zeitung (vgl. auch Gregory's Prolegomena zu
Tifchendorf's Novum Testamentmn S. 306) fchon in ihrem
zweiten Druck von 1881 (wie auch in der kleinen Ausgabe
von 1885) Lc. 23,2 aviov, was im erften Druck
alternative Lesart zu dem Isxvtov des Textes war, in
den Text gefetzt haben. Man hätte doch wohl erwarten
dürfen, dafs bei fo hoher Schätzung ihrer Arbeit nicht
ein Text zu Grunde gelegt worden wäre, den fie felbft
noch in demfelben Jahre geändert haben.

Osnabrück. C. Lammers.

Lea, Henry Charles,LL.D., A history of auricular confession
and indulgences in the Latin church. 3 Vols. Philadelphia,
Lea Brothers & Co., 1896. (XII, 523, VIII, 514 u. VIII,
629 S. gr. 8.)

Als ich das vorliegende Werk anzuzeigen verfprach,
hatte mich nicht blofs der Name des um die KG. des
MA.'s hochverdienten Verfaffers, fondern wesentlich auch
der Titel des Buches gereizt. Ich hatte in den letzten
Jahren mehrfach in der Richtung des Buches gearbeitet
und freute mich darauf, hier die Arbeit über die Gefchichte
der Bufse und des Ablaffes zu finden, die wir trotz Mo-
rinus, Amort u. a. nothwendig brauchen. Ich bin zwar in
mancher Beziehung enttäufcht worden, aber in anderer
nicht und bedauere nur, dafs ich für grofse Partieen, in
denen der Vf. wohl fein Beftes gethan hat, kein wirkliches
Urtheil abgeben kann. Hier gerade wird sich aber unter
uns evangelifchen Theologen überhaupt kaum ein Sachverständiger
finden, und ich kann deshalb nur bedauern,
dafs der Gelehrte, den die Redaction zunächst in Ausficht
genommen hatte, F. H. Reufch, verhindert war.

Bei dem aufserordentlichen Umfang des Werkes
mufs ich mich darauf beschränken, über feinen Inhalt im
grofsen Ganzen zu berichten und mich über die Grundlagen
auszufprechen, auf denen es ruht.

Es sei mir geftattet, zunächst über die beiden erden
Bände einiges zu fagen. Da ich aber gegen fie im folgenden
fad nur Widerfpruch erhebe, aber auch fad nur
ihre Auffaffung der früheren Zeit befpreche, fo fchicke
ich zunächd voraus, dafs auch diefe beiden Bände, felbd
in den Partieen, die ich nicht für gelungen halte, und
noch mehr in den fpäteren Abfchnitten, eine gewaltige
Quellenkenntnifs verrathen und dafs jeder Forfcher daraus
wird lernen müden; Urkunden, Chroniken, theologifche
Abhandlungen aller Art, auch der entlegenden Herkunft
find ausgebeutet und damit ein Material zufammenge-
tragen, wie es bisher auch nicht von weitem der Fall war.
Dazu kehren auch hier die Vorzüge der früheren Arbeiten
des Vfs. wieder: gröfste Ruhe und Sachlichkeit, durchaus
vornehme Haltung in allen Dingen, überall das Beftreben,
die Gegenftände aus der Zeit und dem Ganzen heraus
zu verliehen und zu würdigen; die Darftellung ift manchmal
breit, aber immer durchfichtig.

Lea will die Gefchichte der Ohrenbeichte fchreiben
und fich aufserdem auf die lateinifche Kirche befchränken.
Ihm fchwebt offenbar von Anfang an das heutige Syltem
des Bufsfacraments als Gegenftand feiner Arbeit vor.
Darum ift fein Werk in der Regel da am reichhaltigften,

wo es fich in der neueren Zeit oder in den Zeiten bewegt,
die ihm als die Grundlagen des heutigen Zuftands gelten,
von der fpäteren karolingifchen Zeit und vor allem von
der Scholaftik an. Mit Vorliebe aber wendet fich feine
Gelehrfamkeit den Erörterungen zu, die in der katho-
lifchen Kirche feit dem Tridentinum bis zur Gegenwart
ftattgefunden haben: Abfchnitte, wie die über Casuiftik
und Probabilismus werden auch dem werthvoll bleiben,
der Döllinger und Reufch kennt.

Aber es hängt damit wohl auch ein grofser Nachtheil
im Aufbau des Werkes zufammen. Ihm liegt im
Allgemeinen das Schema des Bufsfacraments zu Grunde:
Reue (Cap. 1—7), Beichte (8—13), Genugthuung (i4ff.).
Das ift aber nicht das Schema der alten Kirche, und
darum ift es nicht möglich, in feinem Rahmen die Gefchichte
der Bufse zu fchreiben und die Entwickelung von
ihr zur modernen Inftitution deutlich zu machen. Die
Frage ift nicht: wie haben fich die einzelnen Momente
entwickelt? fondern: wie ift das ehemalige Ganze gewefen
und wie ift aus ihm ein neues Ganzes geworden? Lea
ift eben darum auf eine grofse Anzahl von Problemen
nicht aufmerkfam geworden, obwohl fie gerade in den
Rahmen feines Werkes gehört hätten.

Es wird jedem Lefer auffallen, dafs das bisherige
Hauptwerk über die Gefchichte der Bufse, Morinus, nur
citirt wird, wenn Quellen citirt werden, die darin enthalten
find, dafs dagegen gerade auch feine werthvollften Erörterungen
fo gut wie gar nicht berückfichtigt find. Wenn
ich recht fehe, hängt das mit einem Grundfatz zufammen,
den Lea im Vorwort ausfpricht, dafs er fich im Intereffe
der Objectivität nur an die Quellen und die katholifchen
Autoritäten halten wolle. Eine folche ift nun Morin
allerdings nicht; aber er hätte trotzdem Lea in vielem
den Weg weifen können, wo man ihn jetzt mit Bedauern
irre gehen fieht.

Ich halte vor allem die ganze Grundlage der Con-
ftruction für verfehlt: es hat fich fehr gerächt, dafs Lea
der älteften Entwickelung fo gut wie gar keine Aufmerk-
famkeit gewidmet und nach ganz dürftigen Brocken gearbeitet
hat. Er theilt im Ganzen die Auffaffung, die
Steitz unter uns verbreitet hat, wonach im Alterthume
Bufse nur das Mittel gewefen wäre, den Sünder mit der
Kirche auszuföhnen, und erft die Scholaftik des 12. Jhs.
definitiv die Anfchauung feftgeftellt hätte, dafs der Priefter
im Namen Gottes Sünden vergebe. Aber wie ich fchon
früher ausgeführt habe, ift es im Sinn der älteften Kirche
falfch, zu fragen, ob fich eine Handlung auf Gott oder
die Kirche beziehe; und ebenfo falfch ift es, für die hierar-
chifchen Elemente des Katholicismus, alfo auch für die
Schlüffelgewalt, jeden unmittelbaren Anknüpfungspunkt
in der älteften Kirche zu leugnen. Die eigentliche Triebkraft
der hierarchifchen Entwickelung ift gerade die ur-
chriftliche Anfchauung, dafs die Kirche das Haus, der
Tempel Gottes fei, in dem Gott felbft fich fortwährend
durch feinen Geift bezeuge, und der urchriftliche Enthu-
fiasmus, der fich in Stellen wie Mt. 16 und 18, Joh. 20
darftellt und zum ,sacerdotalismel entwickelt, indem die
Geiftesträger zu Beamten werden. Da ift eine ununterbrochene
Linie bis auf die Gegenwart. Die urchriftliche
Anfchauung ift daher ebenfowohl dafs Gott vergebe, wie
dafs die Gemeinde oder die Träger des Geiftes in ihr
vergeben. Eins fchliefst das andere nicht aus, fondern
beides ift dasfelbe. Man ift freilich fehr bald, mindeftens
am Anfang des 2. Jhs., dazu genöthigt worden, diefe
Identität einzufchränken und Cautelen aufzuftellen, weil
die Erfahrungen mit den Geiftesträgern (Märtyrern u. f. w.)
nicht durchweg glücklich waren, und weil vor allem die
Entwickelung des Amtes die Illufion unbedingt verbot,
dafs in allen Handlungen feiner Träger Gott felbft handle.
Und in diefem Licht erfcheint dann die Vergebung und
fomit auch die Bufse als etwas, was fich lediglich zwifchen
Gott und dem Sünder abfpielt, und die Rolle der Kirche
und des Priefters darauf befchränkt, für den Sünder zu