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Ausgabe:

1897 Nr. 17

Spalte:

455-457

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harnack, Ad.

Titel/Untertitel:

Ueber die jüngst entdeckten Sprüche Jesu 1897

Rezensent:

Heinrici, Carl Friedrich Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 17.

456

auch nicht mit dem Hebräerevangelium, wenn ich den
2. Spruch richtig verftehe.

Leipzig. G. Heinrici.

Harnack, Ad. Ueber die jüngst entdeckten Sprüche Jesu.

[B. P. Grenfell and A. S. Hunt, Aoyca 'iwöov, sayings
of our Lord from an early Greek paryrus. — London
1897]. Freiburg i. B., J. C. B. Mohr, 1897. (36 S. 8.)

M. —.80

Der editio princeps läfst H. auf dem Fufse eine erneute
Veröffentlichung der Herrenfprüche folgen, zu der
ihn die Ueberzeugung veranlafst, dafs die zurückhaltende
Würdigung der erften Herausgeber durch eine beftimmtere
Einregiftrirung des neuen Fundes in die Urkunden des
Urchriftenthums erfetzt werden könne. Zugleich bringt
er aus dem Schatze feiner Kenntnifs der altchriftlichen
Literatur werthvolle Beiträge zur Erklärung der Sprüche
bei. Es hat mir zu befonderem Intereffe gereicht, die in
dem vorftehenden Referate ausgefprochenen Anflehten
an H.'s Ergebniffen zu prüfen; denn feiten bietet fich
eine folche Gelegenheit auch zur Selbftcontrole, wie fie
die Vergleichung der verfchiedenen Stellungnahme zu
einem neuen Funde ermöglicht.

H. kommt zu Ergebniffen, die den meinen contrair
entgegengefetzt find. Er beurtheilt die Sprüche als ein
Excerpt aus dem Aegypterevangelium. Die Sprüche bereichern
defshalb die Kenntnifs deffelben, indem fie zeigen,
wie es bei voller Aufrechterhaltung des fynoptifchen
Typus die pneumatifche Chriftologie in den Mund Jefu
gelegt habe. Ich beurtheile die Sprüche als den Reff
einer felbftftändig angelegten Sammlung, als einen eigenartigen
Sprofs der Evangelienliteratur. Auf dem Wege,
der zu diefen fo verfchiedenen Ergebniffen führt, begegnen
fich unfere Urtheile und Werthungen mehrfach weitgehend.
Ich verzeichne zunächft die wichtigften Anfätze PI.'s zu
den einzelnen Sprüchen, befonders wo fie von meinen
abweichen, und nehme fodann Stellung zu feinen Ergebniffen
.

Spruch 2. H. nimmt ihn in übertragenem Sinne, glaubt
aber dem bildlichen Gebrauch von v/jOxsvscv und octßßa-
xiCecv nicht den Werth einer primären Ueberlieferung zuerkennen
zu dürfen. Ich möchte diefe Möglichkeit mit Rückficht
auf atl. und Johann. Analogien behaupten. — Spruch 3.
Zu üiovtl /{ ipvpi'i fiov vergl. Jef. 53, 10. Mc. 3, 5. 01 vidi
xeov avQ-Qcojecov ift wohl nicht durch Mc. 3, 28, fondern
durch das A. T. veranlafst. Die Aorifte der erften Hälfte
erklärt H. als ,Rückblick des Exiftenten', nicht des Auf-
erftandenen. Dagegen fcheint mir hv [liocp xov xööciov
zu fprechen. Vergl. als Gegenftück Mt. 23, 37. Den
Schlufs ergänzt H. durch xal ov ßXtJiovOtv dg xrjv jcxco-
ys'cav. — Spruch 4. Den Anfang ergänzt H. durch ojtov
hav coöiv ovx eloiv a&soc xdi mOjtsQ eig hoztv (lovog,
ovxoo hyco elfte /sex' avzov. Das zweite Glied-der Ergänzung
wird durch die Parallelen (Mt. 12, 40. 13, 10 etc.)
nicht gedeckt, denn in diefen ift ftets der Inhalt der verglichenen
Momente concret ausgedrückt, jiövog aber ift
doch wohl im Sinne von Joh. 14, 18 zu nehmen; follte
es ,getrennt von der Welt' heifsen, fo erwartet man einen
beftimmteren Ausdruck. Die Ergänzung des erften Gliedes
ferner fordert mit Berufung auf Eph. 2, 12 für das als
Lefung vermuthete ä&eoc den Sinn von %C0Qlg XqlOxov
(=uvev xov xaxpög Mt. 10, 29). Der Zufammenhang jener
Stelle legt mir die Bedeutung ,gottvergeffen, gottlos'
näher, denn von den Heiden gilt Rom. 1, 18 f. Ift fie zutreffender
, fo fallen die fchwerwiegenden Folgerungen,
die H. auf feine Deutung S. 33 baut. Die Fortfetzung
des Spruches überfetzt H.: ,Richte (hebe) den Stein auf,
und dabei wirft du mich finden, fpalte das Holz, und ich
bin dabei'. Mit Entfchiedenheit tritt er hier für eine Deutung
ein, die ich ungern aufgegeben habe: Jefus fei in vollem
Sinne des Worts der Gefeile des Chriften bei der groben

und einfamen Arbeit des Tages. Seinen Hauptgrund
liefert ihm Pred. Salom. 10, 9: hga'comv Xc&ovg öicucovn-
I Q-rjOtxac hv avxolg xxX. Aber die Parallelifirung von
I Steinbrechen und Holzfpalten hebt nicht die Verfchieden-
heit diefer Ausfage und des Spruchs auf. Der Satz des
Predigers ift eines der zahlreichen Sprichwörter, die eine
beftimmte Arbeit mit ihren befchwerlichen Folgen vergegenwärtigen
. Für eine antithetifche Umbiegung in
dem Sinne des Herrenfpruchs giebt er keinen Anhalt.
Auch widerftrebt hxsl der Deutung H.'s. Die Ortspartikel
geht nach diefer auf eine Handlung; der Artikel
aber bei Stein und Holz fordert einen localen Bezug.
Daher bleibt es wohl finngemäfser, in der erften Hälfte
des Spruchs eine Verheifsung, in der zweiten einen Hinweis
auf den Weg zur Erfüllung zu finden. Das ganze
ift eine vergröberte Analogie für: ,Suchet, fo werdet ihr
finden' (Mt. 7, 7).

Ift nun das Stück ein Excerpt von Herrenfprüchen,
die ein mit der Evangelienliteratur vertrauter Lefer aus
dem Aegypterevangelium als werthvoll auswählte, weil
er fie in den kanonifchen nicht fand? Sieht man davon
ab, dafs der 1. 5. 6. Spruch fich ganz oder zum Theil
mit fynoptifchen Sprüchen decken, fo führt H. dafür, dafs
das Stück Excerpt fei, als Grund an die Zufammenhangs-
lofigkeit der Sprüche, die Einführungsformel Xtysc 'inoovg
und die Annahme, dafs Spruch 4 einen gröfseren Zufammenhang
vorausfetze. Aus der Zufammenhangslofig-
keit glaubte ich vielmehr auf eine unabhängige Spruch-
fammlung fchliefsen zu dürfen. In den Evangelien, die
wir befitzen, find die Redeftoffe, mit ganz geringen Ausnahmen
, nach ihrer inneren Verwandtfchaft geordnet.
Sollte dies bei einem Excerpt fo ganz fich verwifcht
haben? Die feierlich knappe gleichlautende Einführungsformel
der Sprüche lautet Xtysc ArjGovg, was, wie H. hervorhebt
, auf hohes Alter deutet; fie lautet nicht Xtysc
6 xvgeog, wie meiftens in den Fragmenten des Aegypter-
evangeliums. Erklärt fich diefelbe nicht am angemeffenften
unter der Annahme, dafs der Autor die von ihm geborgenen
Werthstücke würdig von einander abheben
will? Ein Blumenlefer würde zuerft xov 'inöov, danach
wohl xov avzov nach üblicher Weife gefagt, oder auch
die Formeln feiner Vorlage einfach beibehalten haben,
die fchwerlich alle gleich lauteten. Wenn aber Spruch 4,
wohl auch Spruch 3 einen gröfseren Zufammenhang vorausfetzt
, fo verdunkelt das doch bei ihnen ebenfowenig
wie bei den andern die Bedeutung und thut der felbft-
ftändigen Abrundung keinen Eintrag.

Auch zugegeben, das Stück fei ein Excerpt; mufs
dann das Aegypterevangelium feine Vorlage fein? Ich
kann die Frage nicht bejahen. In den bisher bekannten
Fragmenten deffelben fehlen die Johanneifchen Beziehungen
. Es hatte ferner ein durchaus fynoptifches Gepräge
. Daher fällt Spruch 3, 4 und wohl auch 2 aus
feinem Rahmen. Der Modalismus des Aegypterevangelium s
findet in den Sprüchen nur dann einen Anhalt, wenn H.
Spruch 4 richtig wiederhergeftellt hat, und wenn ovx slolv
afrtot im Sinne von ,mit Gott fein' als identifch mit der
Formel ,mit Chriftus fein' gilt. Liegt es aber nicht
näher, auch in H.'s Reconftruction den Gedanken von
Joh. 14, 11 zu finden?

So bin ich nicht in der Lage, meine Abfchätzung
der Herrenfprüche zu Gunften der von H. aufzugeben.
Und wenn es fonderbar bleibt, die Xoyia xvqiov des Mt.,
von denen Papias fpricht, als eine Schrift, welche Reden
und Thaten Jefu enthalten habe, zu nehmen, wenn es
ferner unwahrfcheinlich erfcheint, dafs Papias für feine
h£r]yr]6ecg Herrenworte aus den kanonifchen Evangelien
übernommen habe (Zahn, Harnack), die er dann durch
mündlich erkundeteNachrichten über Herrenworte deutete,
fo giebt der neue Fund einen ficheren Ausgangspunkt
zu Correcturen diefer Anflehten. Doch wie werden die
Verhandlungen über feinen Werth fortgehen? Zunächft
darf man wohl dem Verfuche entgegenfehen, die Sprüche