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Ausgabe:

1897 Nr. 16

Spalte:

443-445

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Donald, E.

Titel/Untertitel:

The expansion of religion 1897

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 16.

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innerh. d. Gr. d. Humanität), durch einen gewiffen Intellec-
tualismus felbft verfchloffen.

Diefe im Intereffe der Sache gemachten Einwürfe
follen jedoch die Anerkennung des Verdientes nicht
hindern, das fich der Verf. durch feine ,Grundlegung'
um die Verwerthung der Pfychologie für die Religions-
wiffenfchaft erworben hat.

Riedlingen a. D. Th. Elfenhans.

Denison, John H, Christ's idea of the supernatural. Bofton
and New-York, Houghton, Mifflin & Co., 1895. (III,
423 S. 8.)

Donald, Rect. E. Winchefter, The expansion of religion.

Six lectures delivered before the Lowell Institute.
Ebenda, 1896. (VII, 298 S. 8.)

Gordon, George A., The Christ of to-day. Ebenda, 1896. (X,
322 S. 8.)

Diefe drei amerikanifchen Werke gleichen einander
darin, dafs fie alle von der Ueberzeugung getragen find,
das Chriftenthum könne und muffe in lebendige, einflufs-
reiche Beziehung zu der grofsen culturellen Entwickelung
unferer Gegenv/art gefetzt worden; aber das überlieferte
dogmatifche, kirchliche Chriftenthum bedürfe einer Befreiung
von gewiffen engen Schranken, um der Aufgabe
der Gegenwart gewachfen zu fein; folche Befreiung und
Ausweitung gewinne es gerade bei rechter Concentrirung
auf feinen Wefenskern, nämlich auf das urfprüngliche
Evangelium Jefu felbft. Alle drei Werke find nicht fpe-
ciell für Theologen, fondern überhaupt für Gebildete
beftimmt und mit eleganter Beredtfamkeit gefchrieben.
In allen dreien ift höchft anziehend die Verbindung einer
warmen Begeifterung für das unvergängliche Chriftenthum :
mit einem offenen Verftändniffe für die modernen Be- I
wegungen und Beftrebungen der Menfchheit. Ich weifs I
nichts von dem Erfolge diefer Bücher in ihrer Heimath.
Aber ich kann mir denken, dafs fie dort fehr wirkfam find.

I. Denison giebt eine Auseinanderfetzung des Chriften-
thums mit den modernen naturwiffenfehaftlichen Ideen.
Im Gegenfatze zu einer verkehrten religiöfen Anfchauung,
welche das Uebernatürliche als etwas der Naturwelt
Fremdartiges, ganz anderen Gefetzen Folgendes, nur in
willkürlicher, wunderbarer Weife mit der Naturwelt in
Zufammenhang Tretendes auffafst, zeigt er, wie nach richtiger
, von Jefus felbft vertretener chriftlicher Anfchauung
das Uebernatürliche, Göttliche in innigem Zufammenhang >
und lebendiger Wechfelbeziehung mit der Naturwelt fteht. ;
Drummond's Grundfatz von der Herrfchaft des Naturge-
fetzes in der Geifteswelt hat fein gutes Recht, obwohl
es noch richtiger wäre, zu fagen, das Geiftesgefetz herrfche
in der Naturwelt (S. 17fr".) Der Grundgedanke des Chriften-
thums ift, dafs der Menfch ein ,übernatürlicher Embryo'
ift, d. h. Keime eines aus Gott geborenen geiftigen Lebens
in fich fchliefst. Diefer ,Embryo' foll fich in engem
organifchen Zufammenhange mit der Naturwelt nach be-
ftimmten Gefetzen entwickeln. Dem Zwecke diefer Entwickelung
foll das Körperleben und die Gefammtheit der
aus der äufseren Umgebung an den Menfchen herankommenden
Einflüffe dienen. D. fucht auszuführen, wie durch
diefen religiöfen Grundgedanken das ganze Evangelium
Jefu, auch feine meffianifche Selbftbeurtheilung und feine 1
Auffaffung der früheren gefchichtlichen Gottesoffenbarung,
beherrfcht ift. Freilich hätten die modernen Ausdrücke für
die naturgefetzliche organifche Entwicklung und Wechfelbeziehung
Jefu gefehlt. Aber die Sache fei ihm doch
vertraut gewefen. Er habe wohl gefehen, dafs fich das
in der Naturwelt geltende Entwickelungsgefetz auch auf
die moralifche Welt erftrecke (S. 48fr.). — Dafs der Vf.
in der Anwendung phyfikalifcher Ausdrücke auf das
geiftige und religiöfe Leben und in feiner Behauptung
der Analogie und Reciprocität zwifchen dem Natürlichen

und Uebernatürlichen fehr weit und jedenfalls über den
Sinn des gefchichtlichen Jefus hinaus geht, wird man
kaum leugnen können. Die fehr reichlichen phyfika-
lifchen Vergleiche find oft geiftvoll und treffend; aber
fie geben der Ausführung doch auch eine gewiffe Monotonie
und, wie mir fcheint, eine nicht unbedenkliche
Einfeitigkeit.

2. Donald fucht befonders den heilfamen Einflufs
aufzuweiten, den die chriftliche Religion, richtig aufge-
fafft, auf die glückliche äufsere Entwickelung der Menfchheit
bereits ausgeübt hat und in gefteigertem Mafse noch
ausüben kann. Seine 6 Vorlefungen tragen das Gepräge
rationaliftifcher Aufklärung. Als Vorlefungen vor dem
,Lowell Institute' follen fie ,die Uebereinfbmmung der natürlichen
Religion mit der unferes Heilands' zeigen (S. 12).
So geht D. von dem Gedanken aus, dafs das Chriftenthum
die höchfte Darfteilung der Religion ift, die allen
Menfchen eignet. Es hat die richtigfte Gottesidee, nämlich
die Idee von dem Vaterfein Gottes, und die richtigfte,
moralifchfte Erlöfungsidee, nämlich die Idee von der nach
Gottes Willen herbeizuführenden freien Entwickelung aller
menfehlichen Fähigkeiten und Befriedigung aller menfeh-
lichen Bedürfnifse. Weil nun die chriftliche Religion nicht
nur im Allgemeinen eine höchfte Werthfehätzung des
menfehlichen Individuums, fondern eine Werthfehätzung
auch des menfehlichen Körpers und der dem Menfchen
für fein leibliches Wohl geleifteten Dienfte einfchliefst, fo
enfpringen aus ihr vielfeitige Beftrebungen humanitärer
Fürforge für das äufsere Wohlfein der Menfchen. Weil
fie die höchften und kräftigften Motive zur fittlichen
Rechtfchaffenheit bietet, fo hat fie, da die Moral ein wichtiges
Förderungsmittel der äufseren Wohlfahrt der Menfchen
ift, auch einen hohen ökonomifchen Werth für die
Menfchheit. Weil fie Liebe, Gerechtigkeit und Bruder-
gefinnung fordert und pflegt, fo dient fie in hervorragender
Weife zur Löfung der Conflicte, in welche der moderne
Induftrialismus mit der Civilifation geräth. Sie unter-
ftützt weder einen einfeitigen Individualismus, noch einen
einfeitigen Socialismus, wohl aber fordert fie den Altruismus
, der die Grundlage alles focialen Fortfehritts ift.
Die organifirten chriftlichen Kirchen haben freilich diefe
grofsen und heilfamen Aufgaben der Religion nicht
immer richtig erkannt und gefördert. Gleichwohl haben
auch fie fortdauernd ihre grofse Bedeutung, weil fie ein
wichtiges Mittel zur Pflege und Entwickelung des natürlichen
religiöfen Zuges des Menfchen zu Gott hin find
und weil fie fich als eine ethifche Macht innerhalb der
menfehlichen Gefellfchaft bewähren.

3. Tief und gehaltreich ift das Werk Gordon's. Von
den drei hier angezeigten Büchern fcheint es mir das
bedeutendfte zu fein. Ausgangspunkt ift auch hier der Gedanke
, dafs die chriftliche Kirche es in der Gegenwart
mit einer viel gröfseren Welt zu thun hat und einen viel
weiteren Gefichtskreis haben mufs, als in der Vergangenheit
. Die Frage, ob das alte Chriftenthum auch diefer
neuen, modernen Welt entfprechend fein kann, geftaltet
fich dem Verf. zu der Frage, ob Chriftus auch noch
der Chriftus der Gegenwart fein kann. Er redet zuerft
davon, wie fich Chriftus dem Glauben der Gegenwart
darfteilt. Die fittlich vorbildliche Bedeutung Chrifti wird
in der Gegenwart fiärker betont als früher. Chriftus wird
als das Ideal der ethifchen Gotteskindfchaft aufgefafft,
welches in analoger Weife bei den anderen Menfchen
verwirklicht werden foll. Aber die Betonung diefes Gedankens
darf nicht zur Aufhebung des Urtheils führen,
dafs Chriftus doch auch einen einzigartigen individuellen
Vorrang vor uns anderen Menfchen einnimmt. Derfelbe
liegt in feiner einzigen moralifchen Vollkommenheit,
deren Grundlage wiederum feine einzig vollkommene Ge-
meinfehaft mit Gott ift. Der Chriftus, in dem wir diefe
Verwandtfchaft mit uns und zugleich Verfchiedenheit
von uns anerkennen, mufs nun gerade in unferer Gegenwart
das erneuernde Princip für die gefammte theologifche