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Ausgabe:

1897 Nr. 15

Spalte:

419-420

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Warneck, D. G.

Titel/Untertitel:

Evangelische Missionslehre 1897

Rezensent:

Wurm, Paul

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419

Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 15.

420

Credner's wiffenfchaftliche Leiftungen find von
den Gefchichtsfchreibern der neueren proteftantifchen
Theologie faft ignorirt worden, was Baldenfperger mit
Recht in fcharfer Weife rügt. Aber auch von Seite der
Fachgenoffen wird das Hauptwerk feines Lebens, feine
Einleitung ins Neue Teftament, nicht mehr fo fleifsig zu
Rathe gezogen, wie es im Intereffe der Sache zu wün-
fchen wäre. Referent, der in feinen Vorlefungen ftets
auf den bleibenden Werth diefes Werkes hingewiefen
hat und noch hinweift, benützt gerne auch diefe Gelegenheit
, dasfelbe der jüngeren Generation in empfehlende
Erinnerung zu bringen.

Einen wohlthuenden Eindruck macht die noble
äufsere Ausltattung diefer Feftfchrift. Der Befitzer der
Firma Veit u. Co., ein Sohn Credner's, hat dadurch
feinem Vater ein würdiges Denkmal gefetzt.

Göttingen. E. Schürer.

Warneck, D. G., Evangelische Missionslehre. Ein miffions-
theoretifcher Verfuch. 3. Abtig.: Der Betrieb der Sendung
. 1. Hälfte. Gotha, F. A. Perthes, 1897. (XII,
339 S. gr. 8.) M. 5.60

,Aus dem Miffionsleben und für das Miffionsleben'
will Warneck nach S. IV der Vorrede zu diefem Theil
fchreiben, und jeder Lefer wird bekennen, dafs er dies
auch in diefer erften Hälfte des dritten Bandes gehalten
hat. Es find praktifche Fragen welche diefer Theil behandelt
: das Sendungsgebiet und die Sendungsaufgabe
. Erfteres wird auf die nicht chriftliche Welt be-
fchränkt, alfo z. B. die Profelytirung der Methodiften in
andern Kirchengemeinfchaften nicht als Miffion anerkannt
. Nur die Stationen unter den orientalifchen Kirchen
können einigermafsen als Miffionsftationen gelten, weil
man dabei auch die Wirkung auf den Islam im Auge
hat (S. 8). Die Verfchiedenheit der Miffionsgebiete nach
Sprache, Klima, Nationalität, politifcher Stellung, Kultur
und Religion giebt Anlafs zu manchen Fragen, welche
zum Theil erft feit Deutfchland Colonieen hat, den deut-
fchen Miffionsfreunden näher gerückt worden find. Der
Abfchnitt über die Religionen ift zu einem religions-
wiffenfchaftlichen Excurs geworden, da die heutige Re-
ligionswiffenfchaft mit geringen Ausnahmen unter dem
Bann der Evolutionstheorie fteht, während der Verf., gegründet
nicht nur auf die Bibel, fondern auch auf die
Erfahrungen der Miffion, derfelben mit Entfchiedenheit
entgegentritt. ,Mag die Scheidung der Religionen in geoffenbarte
und nicht geoffenbarte als wiffenfchaftliche
Claffifikation beanftandet werden (M. Müller, Einleitung
S. 113): die chriftliche Miffion ruht auf ihr als auf einer
gefchichtlichen Realität, von der ihre Exiftenz abhängt.
Nur genügt es nicht für den Miffionsbetrieb, in den aufser-
chriftlichen Religionen blofs nicht geoffenbarte zu erblicken
und vor diefer allen gemeinfamen Qualität ihre
fonftigen Unterfchiede zu überfehen' (S. 118). Bei der
Wahl des Miffionsgebiets empfiehlt Warneck ein fchritt-
weifes Vorgehen, nicht eine rafche Inangriffnahme eines
fchwer zugänglichen Gebiets, ehe eine Etappenftrafse
hergeftellt ift. Er tadelt namentlich die Londoner Miffions-
gefellfchaft, dafs fie, ftatt Madagaskar ftärker zu befetzen,
fo lange es noch zugänglich war, die ifolirte, opferreiche
und koftfpielige Tanganjika-Miffion übernommen hat,
welche noch zu keiner gefunden Entwickelung gekommen
ift. Dafs die Uganda-Miffion der Englifch-kirchlichen MG.
jetzt nach fchweren Kataftrophen zur Blüte gekommen
ift, beweife nichts gegen die Regel, dafs Etappenftrafsen
hergeftellt werden follten (S. 147). Der zweite Abfchnitt
diefes Theils, die Sendungsaufgabe, betont zuerft den
religiöfen Grundcharakter der Miffion und ihr Verhältnifs
zur Culturaufgabe der Colonialpolitik. Dann folgen zwei
mehr wiffenfehaftlich-theologifche Capitel: Die Miffions-
aufgabe als Chriftianifirung und als Volkschriftianifirung.

1 Der Verf. hätte fich hier durch Verweifung auf den erften
! Band etwas kürzer faffen können. Das Schlufscapitel
| des vorliegenden Hefts enthält die Miffionsaufgabe hin-
j fichtlich der wichtigften focial-ethifchen Probleme:
Sclaverei, Vielweiberei, Kalte, Ahnendienft. Bei
! der von der Leipziger Miffion anders als von den meiften
andern Miffionsgefellfchaften beurtheilten Kalte fucht W.
etwas zu vermitteln, aber man bekommt den Eindruck,
dafs er dabei fich felbft widerfpreche, wenn es z. B. S.3iof.
heifst: ,I(t die Kalte fchon eine widernatürliche Inftitution,
weil fie allem gefunden Gemeinfchaftsleben Hohn fpricht
und jeder gefunden Fortentwicklung eine Feffel anlegt,
fo fteht fie vollends im Widerfpruch zu den Grundan-
fchauungen des Chriftenthums', und dann der Schlufsfatz
diefes Abfchnittes S. 329 lautet: ,Trotz der grofsen
Übel, die fie in ihrem Gefolge hat, und der grofsen
Hinderniffe, die fie bisher der Miffion in den Weg gelegt
, liegt in der indifchen Kalte doch auch eine Genoffen-
fchaftsmacht, die für die Bekehrung Indiens vielleicht
noch eine Verheifsung hat. Stirbt die Kalte einmal
als religiöfe Inftitution, fo kann fie als fociale Macht in
der Zukunft noch ein Hebel werden zur Chriftianifierung
ganzer Klaffen der indifchen Gefellfchaft'. — Doch wir
wollen uns durch folche Phantafien nicht ftören laffen
in der dankbaren Anerkennung der mannigfaltigen Anregung
und Belehrung, welche auch diefer Theil bietet,
und hoffen, dafs es dem Verf. bald vergönnt fein möge,
das fchöne Werk zu vollenden.

Echterdingen. P. Wurm.

| John G. Paton, Missionar auf den neuen Hebriden. EineSelbft-
biographie. Von feinem Bruder hrsg. Nach der 5. Aufl.
des Originals und mit Bewilligung des Verfaffers im
Auszuge übertragen von E. v. St. 3. Aufl. Leipzig,
Wallmann, 1895. (IV,323S. gr.8.) M. 2.50; geb. M. 3.20

Diefe Selbftbiographie eines fchottifchen Miffionars
unter den Kannibalen der Südfee wird jeden Lefer mit
Hochachtung vor dem Mann erfüllen, der mit folcher
Geduld, folcher Liebe, folchem Glaubensmuth und prac-
tifchem Gefchick unter einem für das Evangelium durchaus
unzugänglich erfcheinenden Volk ausgehalten hat.
Sein erftes Arbeitsfeld war die Neuhebrideninfel Tanna,
wo die Bevölkerung durch die Schandthaten der auftra-
lifchen Händler gegen alle Weifsen mit dem gröfsten
Mifstrauen erfüllt war, und der Miffionar in fteter Lebensgefahr
(fand, endlich die Infel verlaffen mufste, ohne eine
Frucht feiner Arbeit zu fehen. Dagegen durfte er auf dem
kleinen Aniwa einen herrlichen Sieg des Evangeliums
erleben. Auf diefer Infel gelang es ihm, einen Brunnen
mit füfsem Waffer zu graben, und dies machte auf die
Kannibalen fo fehr den Eindruck eines Wunders und
liefs ihn fo fehr als den Wohlthäter des Volkes erfchei-
nen, dafs ihm von da an die Liebe der Einwohner ge-
fichert war, und der Glaube an eine unfichtbare Welt
und an alles, was er ihnen predigte, feftftand. Die ganze
Darfteilung ift fo fchlicht und anfpruchslos, und doch fo
anfehaulich und im beften Sinn des Wortes erbaulich,
dafs diefes Buch ficherlich zu den beften neueren Miffions-
fchriften gehört. Die Ueberfetzung fcheint aber von einer
Perfon gefertigt zu fein, welche der deutfehen Sprache
nicht ganz mächtig war, denn es kommen namentlich
im erften Theil viele Sprachfehler vor. Man fieht leichter
darüber weg, weil der Inhalt von Anfang bis zu Ende
äufserft fpannend ift. Aber in einer neuen Auflage follte
doch die Ueberfetzung verbeffert werden.

Echterdingen. P. Wurm.