Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1897 Nr. 14

Spalte:

379-380

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bacher, Wilh.

Titel/Untertitel:

Die Bibelexegese Moses Maimûni’s 1897

Rezensent:

Siegfried, Carl

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

379

Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 14.

380

überrafchen, welchem diefe Dinge nicht ganz fremd find.
Das alphabetifche Verzeichnifs umfafst S. 35—269; auf
jeder Seite ftehen in der Regel mehr als ein Dutzend
Namen. Die Gefammtzahl beläuft fich alfo auf mehrere
Taufend! Aufser einer Menge unbekannter finden wir
hier auch die grofsen Namen S. 47 f., b&5i"Q3i

S. 91 f., S. 171, bXJDI S. 249, über deren verfchie-

denartige Stellung und Bedeutung in der fpäteren Literatur
hier mannigfacher Auffchlufs ertheilt wird. Die aufgezählten
Namen find allerdings nicht ausfchliefslich Engel-
und Dämonen-Namen. Der Verf. hat auch die Namen
von Sternen und Sternbildern aufgenommen, da diefe ja
auch als magifche Kräfte wirken (z. B. lü'H'HSit = Venus,
^NrOÜ = Saturn) und einzelne fonftige Ausdrücke, die
mit der Magie zufammenhängen (z. B. tfizju KaiK ein
Todtenbefchwörer; SbllTDOX = Aftrologus u. dgl.)

Auf das Verzeichnifs der hebräifchen und aramäi-
fchen Namen folgt, was nach dem Titel gar nicht zu
erwarten ift, S. 270—314 noch ein Verzeichnifs von
griechifchen und lateinifchen Namen. Hier find
die Hauptquellen einerfeits die Zauber-Papyri, anderer-
feits die Gemmen und Geräthe mit ihren magifchen In-
fchriften. Auch diefes Material überrafcht durch feine
Reichhaltigkeit. Aufser den eigentlichen Engel- und
Dämonen-Namen begegnen uns in dem Verzeichnifs auch
einzelne heidnifche Gottheiten, deren Vorkommen als
Dämonen nicht gerade nachweisbar ift (z.B. der idumäifche
Kott und der palmyrenifche Malachbelos). Aber ein Zuviel
ift ja beffer als ein Zuwenig.

Göttingen. E. Schür er.

Bacher, Prof. Dr. Wilh., Die Bibelexegese Moses MaimQni's.

[Aus: Jahresbericht der Landes-Rabbinerfchule zu
Budapeft 1895/96'.] Strafsburg i./E., Trübner's Verl.,
1897. (XV, 176 S. gr. 8.) M. 4 —

Wir verdanken dem Verfafier, dem unermüdlichen
Forfcher auf den verfchiedenften Gebieten der jüdifchen
Literaturgefchichte, bereits auch eine dankenswerthe Anzahl
von Studien zur Gefchichte der jüdifchen Bibelauslegung
. Er verfteht'es vortrefflich, hermeneutifche Charakterbilder
zu zeichnen und weifs infolge einer wunderbaren
Beherrfchung der exegetifchen Stoffmaffen die
einzelnen Züge folcher Figuren durch gefchickt gewählte
Beifpiele zu beleben und dem Verftändnifse des Lefers
nahe zu rücken. Während im Texte die Darfteilung angenehm
dahinfliefst, findet man in den Anmerkungen die
reichen Fundgruben des gelehrten Materials erfchloffen,
auf dem die Ausführungen des Textes beruhen. Für den
vorliegenden Gegenftand war der Verf. aufs befte vorbereitet
durch feine Gefchichte der Bibelexcgefe der
jüdifchen Religionsphilofophen des Mittelalters vor Maimuni
vorn Jahre 1892. Da wurden uns Saadja, ibn Ga-
birol, Abrah.b.Chija, Mofes ibn Esra, Jofcph ibn Zaddik,
Jehuda Hallevi und Abrah.ibn Daud als Exegeten vor
Augen geführt. Jetzt hat der Verf. dem gröfsten unter
allen jüdifchen Religionsphilofophen, dem Mofes Maimuni
einen befonderen Band gewidmet. Es wird uns darin die
Eigenthümlichkeit der Bibelexcgefe des grofsen Syftema-
tikers des Judenthums nach allen Seiten erfchloffen. So
grofs auch der Genufs ift, den die Einführung in die Gedankenwelt
diefes ,Wegweifers der Verirrten' bereitet, dem
Eindrucke haben wir uns doch nicht entziehen können,
dafs der Exegefe des Maimuni ein gewiffes Gepräge der
Künftlichkeit anhaftet. Die Philofophie und die Bibel
follen nun einmal um jeden Preis übereinftimmen und
Alles mufs fich der Einheit des Syftems irgendwie einordnen
. Für den poetifchen Reiz des A. T.'s hat er wenig
Sinn, auch nicht für die myftifche Tiefe und religiöfe
Innerlichkeit. Die ,Geheimnifse der Lehre' werden mit
einem im Grunde doch dürren Rationalismus auf die
Grundfätze der ariftotelifchen Phyfik und Metaphyfik

I reducirt. So kommt der Reichthum der Bibel nicht zu
| feinem Rechte. Um fie vernünftig zu machen, werden ihre
Ausfagen durch die Allegoriftik fo lange umgefchmolzcn
und befchnitten, bis fie in das Syftem paffen. Die Engel
werden zu den die Sphären leitenden Intelligenzen der
ariftotelifchen Philofophie. Ihren 10 Stufen entfprechen
die 10 biblifchen Benennungen der Engel. Die Prophetie
ift eine göttliche Emanation auf das Denkvermögen und
durch diefes auf das Einbildungsvermögen. Die verfchiede-
nen Formen derfelben werden nach der ariftotelifchen
Pfychologie zurechtgelegt u. dgl. m. Aber ein Vergnügen
I bereitet es doch, in den Reichthum diefes mächtigen und
: umfaffenden Geiftes eingeführt zu werden. B. weifs uns fo-
wohl das ganze hermeneutifche Syftem Maimüni's als die
wefentlichften einzelnen Exegefen desfelben vorzuführen.
Wir werden unterrichtet über die verfchiedenen Arten des
Sinnes, die nach M.'s Auffaffung in der Bibel verborgen
j liegen, über die verfchiedenen Gefetze der Bibelexegcfe,
I die M. aufftellt, über fein Verhältnifs zur traditionellen
j jüdifchen Exegefe, zu Midrafch und Targum, über die
ausgedehnte lexikographifche Grundlage, die M. feiner
Bibelexegefe zu geben wufste, über die von ihm aus der
hl. Schrift gewonnenen Lehren von Gott, Engeln, Prophetie
, Vifion, Wunder, Vorfehung u. Willensfreiheit,
über die biblifchen Gebote über den religiöfen Werth
! der biblifchen Erzählungen, über die Lehre von der
Schöpfung und vom Thronwagen (Ez. 1) und über viele
einzelne Stellen der heiligen Schrift. Auch find fehr
intereffant die Auseinanderfetzungen über M.'s Stellung
zu hebräifcher Sprache und zur Sprachwiffenfehaft überhaupt
. — Ein grofser Mangel in den bisherigen Werken
über Auslegungsgefchichte des A. T.'s war die Unkennt-
nifs der jüdifchen Auslegung. Dieftel (Gefch. des A. T.'s
1869 p. VI) konnte feiner Zeit fich noch mit dem Mangel an
ausreichenden Darftellungen der letzteren entfchuldigen.
Seit Bacher ift diefer Entfchuldigungsgrund im Verfchwin-
den begriffen.

Jena. C. Siegfried.

j Wuttig, Pfr. Lic. O., Das johanneische Evangelium und seine
Abfassungszeit. Andeutungen zu einer veränderten Datierung
des vierten Evangeliums. Leipzig, Deichert
Nach f., 1896. (IV, 134 S. gr. 8.) M. 2.—

Die Vorrede apellirt an ,kundige und wohlwollende
Lefer', welche die Befcheidenheit des Verf.'s (Pfarrer in
MielisdorfbeiSchleiz)zu würdigen, fein ,Wagnis' zu entfchuldigen
verliehen mögen. Er hat ja dafür feit Lampe's
Commentar 1724 einige Vorgänger, aus unferm Jahrhundert
freilich nur den Bifchof Haneberg, den Theo-
fophen Johann Tobias Beck und den Judenchriften
Paulus Caffel anzuführen (S. 3). Es handelt fich um
die Behauptung, das vierte Evangelium fei nicht
nach, fondern vor den fynoptifchen Evangelien von
dem Zebedäiden Johannes etwa in deffen 60. Lebensjahr
um 62 oder 63, und zwar noch vor feiner Ueber-

I fiedelung nach Ephefus, ,im Auftrag oder Einverftänd-

j nis eines gröfseren Apoftel- und Zeugenkreifes' (S. 106)
abgefafst; daher der Plural 1,14 und 1 Joh. 1, 1—3,
welche Stelle urfprünglich den Eingang zum Evangelium

| bilden follte, dann aber, gleichzeitig mit 21, I—23, kurz
nach dem Kreuzestode des Petrus (S. 82 f.), d. h. etwa um
64 und 65 (vielleicht fchon nach der Abfaffung der fynopt.

I Evangelien), zumerften Briefe, als einem ,Begleitfchreiben'
zum Evangelium (S. 116, 132), erweitert worden ift (S.

; 7 f. 89 f. 92 f. 103 f.). Nachträglich hinzugekommen ift
aufser den Einfchiebfeln 5,4 7, 53—8,11. 1. Joh. 5,7 nur
das Zeugnifs der Wahrhaftigkeit, welches eine fpätere
Zeugenzahl 21,24 dem Evangeliften ausftellt, und 21,25
mit dem, eine noch fpätere Hand andeutenden, oiftcti
(S 6. 106). Dies auch die Anfchauung der älteften Tradition
, die in dem um 170 gefchriebeneu Muratorianum