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Ausgabe:

1897 Nr. 12

Spalte:

335-336

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wotschke, Theodor

Titel/Untertitel:

Fichte und Erigena 1897

Rezensent:

Siebeck, Hermann

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Seite 1

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335

Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 12.

336

mit der Anficht, dafs der vierte Evangelift fich des von
Leucius gefchaffenen Johannesbildes bemächtigte, um I
es gegen das Chriftusbild des Leucius zu verwerthen.
,So erklärt es fich, dafs unter dem Namen des Johannes j
eine Gefchichte des Herrn gefchrieben und zur Anerkennung
gebracht werden konnte, die fo weit von der
Ueberlieferung der Synoptiker abweichend doch ihren
wefentlichen Kern vor der gnoftifchen Speculation
fchützte' (S. 132).

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Wotschke, cand. min. Dr. Thdr., Fichte und Erigena. j

Darfteilung und Kritik zweier verwandter Typen eines
idealiftifchen Pantheismus. Halle, J. Kraufe, 1896.
(IV, 72 S. gr. 8.) M. 1.50

Johannes Scotus (Erigena) ift fchon wiederholt als
der mittelalterliche Vorläufer Hegel's bezeichnet worden.
Der Verfaffer der vorliegenden Unterfuchung ftellt feine i
Speculation im Sinne des durch den Titel bezeichneten [
Thema's mit der letzten Phafe der Fichte'fchen zu- I
fammen, wie diefe namentlich in der ,Anvveifung zum !
feiigen Leben' fich ausgeprägt hat. In klarer und ge- j
wandter Darftellung weifs er die entfprechenden Züge
zur Geltung zu bringen. Beide Denker legen von Haus j
aus auf die abftracte Faffung des Abfoluten als einer
durchaus unwandelbaren Einheit das gröfste Gewicht
(S. 52). In Folge derfelben fehen fie fich genöthigt, Gott j
im Sinn des Abfoluten Selbftbewufstfein und freien j
Willen, überhaupt Perfönlichkeit abzufprechen und ande-
rerfeits in der Exiftenz endlicher Subjekte etwas zu Tage
treten zu fehen, was dem Urgrund völlig fehlt (S. 55 f., 67 f.).
Beide laffen in der Welt fich ein Gefetz realifiren, wodurch
das Dafein beftimmt ift und feinen Werth erhält
(S. 59). Sie find weiterhin beftrebt, dafs Abfolute doch
nicht blofs als Subftanz etwa im Sinne Spinoza's aufzufallen
, fondern es in den Begriff des Subjekts hinüberzuführen
und damit den Uebergang und Fortfehritt vom
Sein zum Denken zu vollziehen; dabei wird aber das
Denken dem Sein ,rein äufserlich und unvermittelt gegenüber
geftellt, nicht aber genetifch aus diefem abgeleitet',

— ein Umftand, der auf beiden Seiten in analoge Wider-
fprüche bezüglich der Frage von der Erkennbarkeit
Gottes hineinführt (S.öif) und aufserdem die Gröfse des
Unterfchieds zwifchen Unendlichem und handlichem zum
verfchwindenden Moment macht, ,weil er keinen objektiven
im Wefen des Abfoluten felbft begründeten Grund |
hat' (S.64). Nach der fpecififch religiöfen Seite hin find
beide Denkweifen aufser Stande, die Nothwendigkeit
eines Erlöfers oder Mittlers anzuerkennen, da die Differenz
zwifchen Göttlichem und Menfchlichem als eine blofs
phänomonologifche erfcheint, und die ,Erlöfung' ganz in
die Sphäre des Intellects verlegt wird (S. 68). Aufserdem
fchliefslich vermag diefer Typus des idealiftifchen Pan- i
theismus die Exiftenz des Böfen nicht zu erklären, [was
freilich noch überhaupt kein irgendwie befchaffener

— dstnud" zu Wege gebracht hat], da er nicht zu zeigen in
der Lage ift, ,wie der Menfch überhaupt dazu kommt,
Werthurtheile wie gut und böfe zu bilden und das
Seelenleben fittlich zu beurtheilen' (S. 69). — Bei der Zeichnung
des Uebergangs vom erften zum letzten Standpunkt
Fichte's hätte der Verfaffer den Inhalt des zweiten
Buchs der ,Beftimmung des Menfchen' mehr ins Auge
faffen follen. Es wäre dann die Ausführung S. 6 über
die Schranke, die im Wefen des Wiffens als einer nur
Bilder producirenden Kraft liegt (,ein Bild ift ein Bild
nur, wenn es ein Original giebt' u. f. w.), zutreffender |
dahin beftimmt worden, dafs das Wiffen in feinen Bildern
nie dazu gelangt, fich der Identität des wiffenden Subjekts
bewufst zu werden. In der Darfteilung der Lehre
Erigena's, hat der leitende Gefichtspunkt des Ganzen zur 1
Folge gehabt, dafs hinfichtlich der Auffaffung des Logos |

ausfchliefslich die ,apophatifchen'Beftimmungen alsmaafs-
gebend betrachtet werden. Dies ift aber unberechtigt
(vgl. Buchwald, der Logosbegriff des Job. Sc. Er. S. 29),
denn nach diefer Methode müfste man fchliefslich bei
Erigena auch Gott felbft als lediglich fubjektives Denkgebilde
anfehen. Auch fonft wird gelegentlich der
Philofoph des 9. Jahrh. zu ausgiebig im Sinne des 19. inter-
pretirt. So ift die S. 39h aus de div. nat. II, 24 angezogene
Stelle nur foweit herausgehoben, als erforderlich
war, um den Anfchein zu erwecken, ,als hörten wir die
Worte eines Idealiften aus dem Anfange unferes Jahrhunderts
'. Der Schlufs derfelben betont aber gerade,
dafs der Gedanke alles, was er durch die Thätigkeit des
Erkennens fchafft . . . ,mit behutfamem Augenmerk auf
den Unterfchied feiner Erkenntnifs jedem Gegenftand
anpafst1. Der Gedanke fchafft hiernach nicht die Dinge
fondern nur die Art, wie er fie vermitteln ihrer ,Acci-
denzen' auffafst, wobei für Er. die Anficht, dafs die
neben dem Geift beltehende ovaia in ihren unterften
Arten fich den Schein der Körperlichkeit giebt, ftill-
fchweigend vorausgefetzt wird. Was hier vorliegt, ift alfo
nicht fowohl eine Vorausnahme der Fichte'fchen als
vielmehr die Wiedergabe einer bekannten neuplato-
nifchen Anficht.

Giefsen. H. Siebeck.

r. Kantstudien. Philofophifche Zeitfchrift, unter Mitwirkung
von E. Adickes, E. Boutroux, Edw. Caird
etc. hrsg. von Dr. Hans Vaihingen 1. Band 1. und
2. Heft. Hamburg, L. Vofs, 1896. (300 S. gr. 8.)

M. 8.—

2. Kronenberg, Dr. M., Kant. Sein Leben und feine Lehre.
München, C. H. Beck, 1897. (VII, 312 S. gr. 8.)

M. 4.50; geb. M. 5.50

3. Kügelgen, Cand. theol. C. W. v., Immanuel Kants Auffassung
von der Bibel und feine Auslegung derfelben.
Ein Kompendium Kantfcher Theologie. Leipzig,
Deichert Nachf., 1896. (IX, 96 S. gr. 8.) M. 1.6b.

1. Wieder eine neue Zeitfchrift für ein Sondergebiet
wiffenfchaftlicher Arbeit, ja fogar für die Erforfchung
einer einzelnen gefchichtlichen Erfcheinung, der KanP-
fchen Philofophie! Und doch, bei der heutigen Art und
Ausdehnung der literarifchen Production find fchliefslich
folche Sammelpunkte nothwendig: fie erleichtern den
Ueberblick über die immer neu emporquellende Maffe
von Schriften. Und darin, dafs für Kant eine eigene
Zeitfchrift wenigftens ebenfo berechtigt ift, wie für Goethe,
Shakefpeare und Comenius, wird man dem Herausgeber,
dem verdienten Kantforfcher Hans Vaihinger, ohne
Bedenken zuftimmen. Bedingung für das Gedeihen eines
folchen Unternehmens ift es, dafs die Aufgabe möglichft
weit gefafst wird. So öffnet denn die Zeitfchrift ihre
Spalten der hiftorifchen Erforfchung der Kant'fchen
Philofophie, ihren Vorausfetzungen und ihren Wirkungen
in Vergangenheit und Gegenwart, in den verfchiedenen
Kulturnationen und auf den einzelnen Wiffen fchaftsge-
bieten, ebenfo aber der fyftematifehen Auseinander-
fetzung mit Kant und den Verfuchen einer Fortbildung
feiner Gedanken; und insbefondere möchte fie die Vorarbeiten
für die neue Kantausgabe, die von der K. Akademie
der Wiffenfchaften in Berlin in Angriff genommen
ift, fördern helfen. Der Erfüllung diefer Aufgaben follen
gröfsere Originalauffätze, möglichft vollftändige Literaturberichte
, Recenfionen und Sclbftanzeigen, exegetifche
und textkritifche Miscellen, kleine Mittheilungen, Anfragen
etc. dienen. Dafür, dafs diefses Programm mit Umficht
und Sorgfalt durchgeführt werden wird, bürgt die Perfon
des Herausgebers, dafür, dafs Einfeitigkeit vermieden
bleibt, die Mannigfaltigkeit der Standpunkte, welche die