Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1897 Nr. 10

Spalte:

283-284

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Church Missionary Atlas. 8. Aufl 1897

Rezensent:

Richter, E.

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

283

Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 10.

284

Board) als defto erfreulicheres Lichtbild ab. Endlich,
wer noch im Islam eine Brücke zum Chriftenthum fehen
kann (z. B. Falke, Buddha, Mohammed und Chriftus,
Gütersloh, Bertelsmann 1896), der wird durch Fr's. Schilderungen
des nordafrikanifchen Mohammedanismus und
feiner fanatifchen Bruderfchaften und vollends des ara-
bifchen Mohammedanismus gründlich eines anderen belehrt
werden.

Die Biographie ift jedoch nicht nur fehr lehrreich,
fondern auch äufserft intereffant. Die forgfältig geführten
Tagebücher und die reichhaltige Correfpondenz French's,
welche dem Herausgeber Rev. Birks zu feiner Darftellung
Material in Fülle gaben, prägen demWerke den Stempel des
Unmittelbaren und Lebensvollen auf. French felbft ift
eine in feltenem Maafse anziehende Perfönlichkeit. Grofse
natürliche Gaben, eiferne Beharrlichkeit, heiliger Eifer für
die Miffion, vielfeitige Gelehrfamkeit, weitblickender Geift
find feine hervorftechendften Charakterzüge. Um nur
feine Gelehrfamkeit zu charakterifieren, fei angeführt,
dafs er nicht nur die alten claffifchen und mehrere moderne
europäifche Sprachen beherrfchte, fondern auch
7 indifche und orientalifche, Hindi, Pandfchabi, Kafchmiri,
Pufchtu, Arabifch, Perfifch, Sanfkrit. Neben feiner Berufsarbeit
fand er Zeit, fich eingehend in die alte patri-
stifche Literatur — fein Lieblingsftudium — zu verfenken,
nebenher verfolgte er auch die wichtigften Erfcheinungen
der neuen theologifchen Literatur, nicht nur der eng-
lifchen, fondern auch der deutfchen und franzöfifchen.
Für Dorner hatte er eine befondere Verehrung und legte
den Vorlefungen an feiner theologifchen Schule deffen
Dogmatik zu Grunde. In den heiligen Schriften der
Hindus, in der islamitifchen und fufitifchen Litteratur
war er wohl beffer zu Haufe als mancher Brahmane und
Mullah. — Das Intereffe wird endlich erhöht durch feine
vielbewegte Miffionslaufbahn, die voll der fpannendften
Epifoden ift. Sein erfter Miffionsdienft führte ihn 1851
nach der alten Mogulnftadt Agra, wo er ein College,
eine höhere Schule, gründen follte, durch welche die
Miffion auch auf höhere Hindukaften Einflufs zu gewinnen
hoffte. Dort durchlebte er den furchtbaren
Sipahiaufftand von 1857. Eine zweite Epifode feines
Miffionslebens führte ihn an die Weftgrenze von Nordindien
, wo er unter den wilden afghanifchen Horden freilich
nur kurze Zeit ein mühevolles Wanderleben führte.
Denn fchon nach kaum einjähriger Thätigkeit fetzte ein
fchwerer Sonnenftich feinem dortigem Aufenthalt ein
jähes Ende. Nach einer Ruhezeit der Erholung in England
beginnt die dritte Periode feiner Miffionsarbeit, und
zwar im Pandfchab, wo er das wichtigfte Werk feines
Lebens, die theologifche Schule zu Lahore, gründete.
Eine Anerkennung feiner Leiftungen war es, dafs er 1877
zum Bifchof des neugegründeten Bisthums Lahore berufen
wurde. Nach iojähriger Amtsführung legte er jedoch
, weil er fich einem fo verantwortungsvollen Amte mit
feiner fchwindenden Kraft nicht mehr gewachfen glaubte,
diefe Würde wieder nieder, um feine letzten Lebenstage
der Miffion unter den Mohammedanern des Orients zu
widmen. Als einfamer Miffionspionier ftarb er am 14. Mai
1891 in dem entlegenen Mascat am Perfifchen Meerbufen.

Die Kirchengefchichte wird ihm ihrer Zeit einen
Ehrenplatz unter den Apofteln Indiens anweifen.

Werleshaufen. P. Richter.

Church Missionary Atlas. 8. Aufl. London, Church Mis-
sionary House, 1896. (32 färb. Karten u. Text XIV,
239 S. 4.) sh. 15.-7

Je mehr die Miffionswiffenfchaft, wie es in unfern
Tagen erfreulicherweife der Fall ift — cf. Prof. Mirbts
Vortrag: ,der deutfche Proteftantismus und die Heiden-
miffion', Giefsen 1896; die Ernennung D. Warnecks zum
Prof. der Theologie in Halle — als ein Zweig der theol.

Wiffenfchaft Anerkennung findet, defto mehr werden
auch Werke wie das vorliegende, welches die Arbeit
der gröfsten evangelifchen Miffionsgefellfchaft zur Darftellung
bringt, es verdienen, in diefer Zeitfchrift angezeigt
zu werden.

Die letzte Auflage diefes in feiner Art mufterhaften
Atlaffes erfchien 1887—91 in 3 Theilen; trotz diefes geringen
Alters waren die 1887 erfchienenen Karten über
die afrikanifchen Miffionsgebiete in Folge der neueften
Entdeckungen und Miflionsfortfchritte antiquirt und
liefsen eine neue Auflage wünfchenswerth erfcheinen, die
dann auch den übrigen Beftandtheilen des Atlafles zu
gute gekommen ift.

Von den 32 vorzüglich ausgeführten Karten zeigt
die erfte, eine Karte der 5 Erdtheile und der Vertheilung
der wichtigften Religionen in ihnen, was die Chriftenheit
bereits gethan hat, um Chrifti Befehl Matth. 28, 20 auszuführen
, und was ihr noch zu thun übrig bleibt. Die
folgenden Karten — mit Ausnahme je einer politifchen
und ethnographifchen Karte von Afrika und Indien —
weifen dann weiter nach, was die Church Missionary
Society zur Löfung diefer grofsen geftellten Aufgabe bis
jetzt gethan hat.

Einen befonders werthvollen Beftandtheil des Werkes
bilden 247 S. erläuternder Text. Nach einem allerdings
nur knappen Abrifs über die verfchiedenen evangelischen
Miffionsgefellfchaften folgt ein auf der Höhe der Wiffenfchaft
flehender Auffatz von Prof. Keane über Bevölkerung
, Raffen, Sprachen und Religionen der Erde. Derfelbe
Verfaffer hat auch zu den einzelnen Erdtheilen und
Ländern noch detaillirtere Ausführungen über diefe
Gegenftände wie auch über die Gefchichte der einzelnen
Völker und andere einfchlägige Materien — z. B. bei
Afrika über den Sklavenhandel und die neuere Ent-
deckungsgefchichte, bei China über den Opiumhandel —
gegeben. Diefe inftructiven Vorbemerkungen nehmen
beifpielsweife bei Indien den ftattlichen Raum von 20 S.
grofsen Formats ein. Dann folgt jedesmal die präcife
gefafste, alles Wichtige hervorhebende Gefchichte der
Church Mission auf dem betr. Arbeitsfelde. So ift der
Atlas ein treffliches Mittel, um fich über die Arbeit
diefer — wie gefagt — gröfsten evang. Miffionsgefellfchaft
zu unterrichten.

Die Church Missionary Society vertritt unter den eng-
lifchen Miffionsgefellfchaften die evangelifche Richtung.
Ihr Miffionsbetrieb ähnelt am meinen dem unferer
deutfchen Miffionen. Er hält fich verhältnifsmäfsig frei
von den Ueberfchwänglichkeiten und dem Treiberifchen
fo vieler englifcher und amerikanifcher Miffionen, es ift
meift gediegene Arbeit, die hier gethan wird. Diesen
Eindruck giebt einem auch das nüchtern und fachlich
gefchriebene Werk. Mögen noch einige orientierende
Bemerkungen über die Church Missionary Society geftattet
fein: die Gefellfchaft verfügt über eine Jahreseinnahme
von 5 V2 Millionen Mark. In ihrem Dienft flehen ungefähr
IOOO europäifche Miffionare und Miffionarinnen. Dazu
kommen nochgegen 5000eingebornePrediger, Lehreru.f.w.
Ihre Arbeitsfelder find faft über die ganze Erde zerftreut.
Die intereffanteften und bekannteren find die Sierra
Leone-, Yoruba- und Niger-Miffion in Weftafrika; die
jetzt im Vordergrund miffionarifchen Intereffes flehende
Uganda-Miffion; Indien, wo die Gefellfchaft allein 176
Stationen hat; die bekannte Maori-Miffion auf Neufeeland
und die Miffionen in Brit. Nordamerika und Brit.
Columbia. Die Zahl der Miffionsftationen beträgt 462.
In ihrer Pflege befinden fich 217,000 Heidenchriften.

Werleshaufen. P. Richter.