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Ausgabe:

1897 Nr. 10

Spalte:

279-281

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haussleiter, Johannes

Titel/Untertitel:

Aus der Schule Melanchthons 1897

Rezensent:

Tschackert, Paul

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279

Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 10.

i; VII 6, 4 (wo das Aphel zu lefen!). Gelegentlich hat
Lamy das allein Richtige und die Berl. Hs. geradezu
Falfches. So ift II 22 ein (offenbar aus dem Rande in
den Text gekommener) überzähliger Vers zu ftreichen,
II 31, 4 das impf, zu lefen, und dgl. m. In III 19, 3 durfte
der Text nicht unbeanftandet bleiben. Mit der Grammatik
fleht der Herausgeber nicht auf beftem Fufs (nur ein Bei-
fpiel: ,Setz' mich nicht in Erftaunen!' III 16) und auch
fonft ift die Uebersetzung öfters ungenau oder falfch.
Dagegen ift der fyrifche Text in neftorianifcher Schrift,
von den angedeuteten Mängeln abgefehen, correct.
Hoffentlich macht uns Herr Feldmann bald auch mit den
verheifsenen Memre des Narfes bekannt.

Göttingen. F. Schulthefs.

Haussleiter, Joh., Aus der Schule Melanchthons, Theolo-
gifche Disputationen und Promotionen zu Wittenberg
in den Jahren 1546—1560. Feftfchrift der Königlichen
Univerfität Greifswald zu Melanchthons 40ojäh-
rigem Geburtstag. Greifswald, J. Abel, 1897. (VIII,
163 S. gr. 8). M. 2.80

Diefe academifche Gelegenheitsfchrift bietet eine
fehr dankenswerthe Bereicherung unferer Kenntnifs der
Lehrthätigkeit Melanchthons aus der Zeit nach Luthers
Tode, wo er bis an fein eigenes Lebensende die Verantwortung
für den theologifchen Unterricht an der
Wittenberger Universität fast allein trug; hier wird aber
zugleich damit für die Gefchichte der evangelifchen
Theologie und des Lebens Melanchthons eine neue
Quelle erfchloffen. Doch dies ift nur die eine Seite der
Bedeutung dieser Publication; die zweite liegt auf dem
biographischen Gebiete; denn auf den Bildungsgang
zahlreicher Theologen fällt von hier aus ein ganz neues
Licht. War es dort wohl eigentlich die .Schule' Melanchthons
, der anftaltliche Betrieb, fo find es hier die Schüler
felbft, die als theologifche Perfonen uns erheblich näher
treten. Zwar als Parallele zu Drews Edition der Lutherdisputationen
(Göttingen 1895) kann die vorliegende
Sammlung nicht aufgefafst werden; dafür find diese Disputationen
an fich zeitlich und fachlich nicht fo bedeutend
wie die unter Luther gehaltenen; aber fie werfen
auf Melanchthons tragifche Periode (1546—1560) ein
wohlthuendes freundliches Licht und hellen die zum
grofsen Theil dunklen Lebensgänge reformatorifcher
Theologen der zweiten Generation erfreulich auf.

Neunzehn Disputationen umfafst diefe Sammlung
aus den Jahren 1546—1560, deren Thefen und Reden
faft alle von Melanchthon verfafst und gebilligt sind. Sie
zeigen, mit welchem Ernft und welcher Treue er fich die
academifche Schulung der Theologen angelegen fein liefs.

Während feiner Lehrthätigkeit in Dorpat hat Haufs-
leiter zwei inhaltreiche Handfchriften der Rigaer Stadtbibliothek
(Nr. 242 und 243) aus der Reformationszeit,
auf welche bereits Waltz in Zeitfchr. f. Kgefch. II, 297 ff
aufmcrkfam gemacht hatte, benutzen können. Die dort
überlieferten vierzehn Thefenreihen Melanchthons find
zum gröfsten Theile fchon im Corp. Ref. tom. XII gedruckt
; drei Thefenreihen, die im Corp. Ref. fehlen,
werden hier mitgetheilt. Aufserdem aber enthalten die
Rigaer Handfchriften auch zu sämmtlichen vierzehn
Thefenreihen die Disputationen, zulammen gegen IOOO
Blätter. Daneben war eine parallele Gothaer Hand-
fchrift, Cod. chart. B. 493 der herzogl. Bibliothek, zu
benutzen, auf welche Drews zuerft hingewiefen hatte.
Haufsleiter hat fich nun nicht die Aufgabe geftellt, diefen
ganzen handfchriftlichen Beftand zum Abdruck zu bringen,
wie es Drews mit den Lutherdisputationen gethan hat;
diefe Aufgabe ftellt er der Zukunft anheim und über-
läfst fie anderen (S. 13). Er hat sich vorgenommen,
,den gefchichtlichen Rahmen, in welchen fie hineingehören
, und den Beitrag zu beftimmen, den fie zur Er-

kenntnifs der academifchen Thätigkeit Melanchthons und
des wiffenschaftlichen Lebens in Wittenberg liefern'.
Dafs Haufsleiter feine Aufgabe fich in diefem Umfange
geftellt hat, darüber hat niemand mit ihm zu rechten;
auch in diefer Begrenzung konnte die Arbeit des Herausgebers
eine fehr werthvolle werden und fie ift es geworden
. Mit grofser Zurückhaltung hat Haufsleiter als
Erfolg der Publication nur vorgefehen: ,Es wird fchon
hier an mancherlei Neuem nicht fehlen'. Ich habe den
Eindruck, dafs er überrafchend viel Neues gebracht
hat.

Die Hauptfache befteht ja darin, dafs es uns durch
diefe Propofitionen und Disputationen möglich wird, die
Wittenberger Theologenfchule in aller Form functioniren
zu fehen. Aber da gerade bei Gelegenheit des Melanch-
thon-Jubiläums über feine Theologie wichtige Betrachtungen
angefleht worden find, fo darf hier diesmal von
einer Ausführung der darauf bezüglichen Erweiterung
unferer Kenntnifs Abftand genommen werden. Dagegen
möchte ich hier auf die reiche biographifche Ausbeute
, welche Haufsleiter's Edition gewährt, nachdrück-
lichft und mit ganz befonderem Dank aufmerkfam machen.

Diefe Ausbeute ift eine um fo ficherere, weil in den
Rigaer Handschriften die Namen der jedesmal betheiligten
Perfonen angegeben find.

Da werden wir unterrichtet über die Doctorpromo-
tion des Koburger Hofpredigers M. Maximilian
Maurus (Mörlin), des Bruders Joachim Mörlin's, am
12. März 1546, die noch Luther vorbereitet hatte. (Haufsleiter
S. 15 ff.) — Die zweite Disputation ift die des
Königsberger Profeffors Melchior Ifinder am 8. Nov.
1548 ,de poemtentiet in der Gefchichte diefes unglücklichen
Mannes, auf welchen fich damals, vor dem Eintreffen
Ofsiander's in Königsberg, die Blicke der Kirche
des Herzogthums Preufsen richteten, ift diefe Promotion
von gröfster Bedeutung. — Es folgt als Disputator
M. Alexius Naboth; er disputirte damals zweimal,
9. Nov. und 21. Dec. 1549, ein Flacianer vor Flacius;
von ihm die III. und IV. Disputation, hier S. 19 fr und
26ff. — Die fünfte Disputation (20. Juni 1550) hielt der
nach Roftock berufene Johann Aurifaber (nicht zu
verwechfeln mit dem Weimarfchen Hofprediger), S. 33 ff.
Einen höchft erwünfchten neuen Beitrag bringt Nr. VI,
die Disputation Georgs von Venedien (Venediger's,
f 1574 als lutherifcher Bifchof von Pomefanien) S. 37.
Was über das Leben diefes liebenswürdigen, edlen Mannes
; bis 1550 zu erforfchen war, hatte ich in meinem Urkundenbuche
I und III (1890) gegeben; jetzt bringt Haufsleiter
einen weiteren Bericht, aus welchem man die theolo-
! gifche Stellung diefes hervorragenden altpreufsifchen
Theologen noch beffer kennen lernt. — Nr. VII, VIII
und IX (18. und 25. Ok. 1550 und 7. März 1551) disputirte
wieder der fleifsige Naboth. — Nr. X und XI sind
Disputationen des M. Matthias Lauterwald aus Elbing
(t I5S5) vom J4- März 1551 und vom 8. April 1553.
■ Diefe beiden Beiträge verdienen ganz befondere Beachtung
; denn fie rücken diefen mathematifchcu Streit-
I theologen aus der Schule Melanchthons, über welchen
man recht wenig Zuverläffiges wufste, in ein klareres
Licht. Wir find Lauterwald fchuldig, uns genauer um
ihn zu kümmern; denn im ofiandriftifchen Streite war
er es, der zu Königsberg am 6. April 1549 den Stier bei
den Hörnern fafste, indem er gegen Ofiander's erfte Disputation
vom 5. April fofort am folgenden Tage eine
Reihe Gegenthefen in der Univerfität anfchlagen liefs.
Damit war der Streit eröffnet, und Lauterwalds Name
wird mit dem Ofiander's für immer verbunden bleiben.
Es gehörte viel Muth dazu, den geifligen Kampf gegen
1 den mächtigen Mann, der Ofiander fchon damals dort
war, aufzunehmen; es war ein Kampf zugleich gegen
den Herzog Albrecht. (Näheres darüber in Möller's
Ofiander und in meinem Urkundenbuche u. s. w. I und
III.) Um fo wichtiger wird die vorliegende Publication'