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Ausgabe:

1897 Nr. 10

Spalte:

270-272

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weber, Ferdinand

Titel/Untertitel:

Jüdische Theologie 1897

Rezensent:

Strack, Hermann L.

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 10.

270

tanismus bekannte Pepuza (S. 573—576) und Hieropolis,
die Heimath des Avercius (S. 679—683).

Wie erfchöpfend in den verfchiedenften Beziehungen
die von Ranifay gegebene Landesbefchrei-
bung ift, ift bei Befprechung des I. Bandes bereits hervorgehoben
worden. Es wird, mit Ausnahme Palaeftina's,
kaum eine Gegend des alten Orients geben, für welche
wir eine fo vollfländige Befchreibung ihrer culturge-
fchichtlichen Ueberrefte und ihrer Local-Gefchichte befitzen
, wie fie uns nun von Ramfay für Phrygien geboten
wird. Es wäre zu wünfchen, dafs fein Verfahren bei den
Forfchungsreifenden Nachahmung fände: nicht weite
Gebiete zu durchziehen, fondern eine beftimmte Provinz
als Domäne fich anzueignen und diefe fo fyftematifch
und nachhaltig zu durchforfchen, dafs eine gewiffe Wahr-
fcheinlichkeit dafür vorliegt, es fei kein Stein innerhalb
diefer Grenzen überfehen worden. Wenn nach diefer
Methode allfeitig verfahren würde, würde der Ertrag ein
reicherer fein, als wenn immer wieder neue Reifende nur
Einzelnes fammeln. Das Haupt-Augenmerk hat Ramfay
allerdings auf die Epigraphik gerichtet. Er weifs diefe
aber ftets culturgefchichtlich fruchtbar zu machen. Die
Infchriften dienen ihm im Zufammenhang mit den Ueber-
lieferungen der Schriftfleller dazu, möglichft für jede Stadt
ein Bild ihrer Gefchichte, ihrer communalen Verfaffung
und ihrer religiöfen Culte zu geben.

In dem vorliegenden Bande nehmen auch die Infchriften
der chriftlichen Zeit einen breiten Raum
ein. Zwei umfangreiche Abfchnitte find ihnen ganz gewidmet
, S. 484—568: Die chriftlichen Infchriften des
füdweftlichen Phrygien, S. 709—746: die chriftlichen Infchriften
von Central-Phrygien. Die meiften derfelben
find Grabfchriften. Sie intereffiren uns namentlich durch
die eigenthümlichen Strafandrohungen für den Fall unbefugter
Benützung des Grabes. Während auf den heid-
nifchen Grabfchriften einfach auf die an den Fiscus zu
zahlende Geldflrafe verwiefen wird, wird hier (wenigftens
in den meiften Fällen) auf die göttliche Strafe hinge-
wiefen: lazai avzgi 7igbg zbv &e6v ift die gewöhnlichfte
Formel, neben welcher noch andere ähnliche vereinzelt
vorkommen (f. die Zufammenftellung bei Ramfay S. 514 f.)
Bemerkenswerth ift auch, dafs in diefer Gegend die Bezeichnung
des Grabdenkmales als r)g<j>ov aus dem heid-
nifchen Sprachgebrauch trotz völlig veränderterAnfchauung
beibehalten ift. — Die berühmtefte chriltliche Grabfchrift
von Central-Phrygien ift die des Avercius, deren Entdeckung
wir bekanntlich Ramfay verdanken. Er giebt
hier eine kurze zufammenfaffende Erörterung der auf fie
bezüglichen Fragen (S. 709—716, 720—729).

Sehr fpärlich find die jüdifchen Infchriften, welche
fich in diefer einft von fo vielen Juden bewohnten Land-
fchaft erhalten haben. Ramfay widmet der Gefchichte
der Juden im Phrygien einen eigenen Abfchnitt (S. 667—
676) und theilt einzelne bisher unbekannte oder wenig
beachtete jüdifche Infchriften mit. Die intereffanteften
find folgende drei: 1) in Apamea (bisher unedirt) S. 538:
Avg. ' Povcpng 7oi liavov ß'. i7coi[rtaa zb rßguiov iiiavujt
Xi [zjj aviißip ti]nv Avg. Taziavip lg n i'zegngnvzellT;,
ei dt' zig inmjöevai, zbv vbiiov oldev [z]c5v Eiov-
ötiov. Unter dem ,Gefetz der Juden', auf welches hier wie
auf etwas Bekanntes verwiefen wird, ift wohl eine Special-
Verordnung der jüdifchen Gemeinde in Apamea zu verliehen
, die von der politifchen Behörde anerkannt war.
Man erkennt hieran die felbftändige und angefehene
Stellung der dortigen Judenfchaft. — 2) in Hierapolis
(mitgetheilt von Wagener, Revue de l'instruction publique en
BelgiqueXNl* annie nouv.Serie t.XI, 1869, p. 1 sqq; hiernach
im Philologus XXXII, 380 und bei Ramfay S. 545),
Grabfchrift eines gewiffen Publius Aelius Glykon, in
welcher es heifst, dafs der Verftorbene dem Vorftande
der Zunft der Purpurfärber {zrj oEiivoxbxq ngnedglg: züv
7iogtpvgaßä(fwv) eine Summe hinterlaffen habe, damit
aus deren Zinfen jährlich fein Grab gefchmückt werde,

und zwar sv rjj eoQzjj zwv dCviicov, ferner einer anderen
Gilde (nji avvedglq» zwv xaigndamozwv) eine Summe zur
Schmückung des Grabes sv zfj hngzfj 7zevxrxo[(>titg.
Hiernach war mindeftens der Verftorbene ein Jude. Aber
auch die Mitglieder diefer Zünfte müffen dem Judenthum
nahegeftanden haben. Denn dafs zd uripa auch Bezeichnung
des chriftlichen Ofterfeftes fein könne, was
Ramfay für möglich hält, fcheint mir ausgefchloffen. —
3) In Akmonia (nach einer Abfchrift Ramfay's bereits
mitgetheilt in: Revue archeol. trois. Serie t. XII, 1888
p. 225) Ramfay S. 649 f.: Ehren-Infchrift für mehrere
Perfonen, welche fich um den Bau der Synagoge verdient
gemacht haben. Die zufammenhängend lesbaren
Stücke lauten: zbv xazaoxevaalre[vz]a oixov i'z/[o] 'Jor'biag
Seovrjgag. F. Tvggwving KldÖog b dia ßiov dgyt-
[avv]ciyioyog xai Aovxtog Aovx[iXing] . . . am Schluffe;
STmirjoav zrv zibv Irvgidtov dofpdXeiav xai zbv linbv
ndvia xooitnv ovazivag x[ai] r] avvaywyr] ezeititjaei'
ottIw Iniygiacp ötd ze zrtv svdgezov avzwv [ßi]waiv xai
zrv zt[o]ög zi]v Gvvaycoyrjv evvoidv ze xai G7covÖTr]v. Die
hier am Anfang genannte Julia Severa war eine vornehme
Dame in Akmonia zur Zeit Nero's, die auch fonft durch
Münzen und Infchriften bekannt ift (Ramfay S. 637 fr.
673 ff.). Sie war dgyiegeia, Oberpriefterin des Kaifer-
cultus (Ramfay S. 647), alfo fchwerlich Jüdin', wie Ramfay
fie nennt. Aber ihre Begünftigung der Juden zeigt
allerdings, wie tolerant man hier gegenfeitig war, und
welchen Einflufs das Judenthum in Akmonia hatte.

Göttingen. E. Schürer.

Weber, Pfr. Dr. Ferd., Jüdische Theologie, auf Grund des
Talmud und verwandter Schriften gemeinfafslich
dargeftellt. Nach des Verfaffers Tode hrsg. von Frz.
Delitzfch und Georg Schnedermann. Bisher unter
dem Titel ,Syftem der altfynagogalen paläftinifchen
Theologie' oder ,Die Lehren des Talmud'. 2. verb.
Aufl. Leipzig, Dörffling & Franke, 1897. (XL, 427 S.
gr- 8.) M. 8.—

Das ,Syftem der altfynagogalen paläftinifchen Theologie
' des am 10. Juli 1879 verftorbenen bayrifchen
Pfarrers Ferdinand Weber, zuerft 1880 von Franz Delitzfch
und Georg Schnedermann herausgegeben, hat, zumal es
wirklich eine ,Lücke' in der Literatur ausfüllte, in der
Oeffentlichkeit fo allgemein Anerkennung erlangt und
behalten, dafs eine Befprechung der unlängft als Jüdifche
Theologie' erfchienenen zweiten Auflage unnöthig erfchei-
nen könnte. Leider aber ift die Zahl derer, welche den
Werth diefes Buches durch ernfthaftes Durcharbeiten
gewürdigt haben, noch lange nicht fo grofs, wie für
gerechte Beurtheilung der talmudifch-midrafchifchen Literatur
zu wünfchen wäre. Indem ich im allgemeinen auf
die ausführlichen Anzeigen in der Theol. Litztg. 1881,
Nr. 22 (von E. Schürer) und im Theol. Lit.-Blatt 1881,
Nr. 1. 2 (von mir) verweife, gebe ich daher gern dem
nützlichen Buche ein empfehlendes Geleitwort auch bei
feinem zweiten Gange in die Oeffentlichkeit. Seine auszeichnenden
Eigenfchaften find: Menge des gebotenen
Stoffes, gute Ordnung des Inhalts und Befonnenheit des
Urtheilens. Mit den Targumen, den Midrafchen und den
haggadifchen Beftandtheilen der Talmude ift der Verfaffer
durch fehr fleifsiges und felbftändiges Lefen gut bekannt
geworden; die weithin zerftreuten Baufteine und Steinchen
hat er ohne Künftelei zu einem grofsen einheitlichen
Bauwerke zufammenzufügen verftanden; die,
wenn fie vereinzelt flehen, uns oft verwunderlich oder
gar thöricht erfcheinenden Anflehten der Haggadiften
hat er aus der Gefchichte des Judenthums begreiflich gemacht
, vor allem aus der centralen Bedeutung des Ge-
fetzes, der Thora, für das nachexilifche Judenthum.

Die von Georg Schnedermann allein beforgte zweite
Auflage hat folgende Vorzüge. Erdens: Die typogra-

*