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Ausgabe:

1897 Nr. 1

Spalte:

8-9

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Diehl, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Erklärung von Psalm 47 1897

Rezensent:

Marti, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 1.

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haft ihre Entftehung dem Einflufs des Chriftenthums und
der Bibel verdanken. Der erfte Teil .Stammbaum des
Menschengefchlechts' (S. 19—258) handelt von der Einheit
des Menfchengefchlechts und von der Raffen-
einteilung, bietet ferner eine Ueberficht über die früheren
und die gegenwärtigen Bewohner der Erde, ihre Raffen-
und Stammeszufammengehörigkeit und die von ihnen
eingenommenen Wohnfitze und fchliefst ab mit einer
zufammenfaffenden Völkertafel. Im zweiten Teil ,Urfitze
des Menfchengefchlechts fowie der verfchiedenen Men-
fchenraffen und Völkerftämme' (S. 259—420) ift der erfte
Abfchnitt dem Nachweis gewidmet, dafs die Urheimath
des Menfchengefchlechts, das am Anfang nur eine
fchwarze auf Bäumen lebende Raffe war, im Süden der
Sahara und dafs der Grund zur allmählichen Verbreitung
des Menfchengefchlechts über Afrika, Afien und
Europa (das damals noch durch die Landenge von Gibraltar
mit Afrika zufammenhing) in der Austrocknung des Saharameeres
zu fuchen fei. Der zweite Abfchnitt ver-
fucht dann zu beftimmen, wo die einzelnen Raffen, die
fich nach diefer Ausbreitung des Menfchengefchlechts
aus den Urmenfchen bildeten, und die aus ihnen hervorgegangenen
Völkerftämme und -zweige urfprünglich gewohnt
und welche Wanderungen fie fpäter vollführt
haben, um an ihre gegenwärtigen Wohnfitze zu gelangen.
Dabei kommt der Verfaffer zu der Annahme, dafs die
zweite grofse Bewegung unter dem Menfchengefchlechte
von den rings im Kreife um die Mongolei angefeffenen
Völkern ausging, die fich nach allen Richtungen wandten,
die einen nach Europa oder Vorderafien, die andern
nach dem Süden und wieder andere nach Often und
Norden und felbft über die Behringsftrafse nach Amerika.
In Europa und im füdlichen Afien drängten die Einwanderer
die Ureinwohner auf die äufserften Ränder des
Erdtheils oder auch auf die davorliegenden Infein und
vermifchten fich mit den zurückbleibenden Reiten der
früheren Bevölkerung; in Amerika befetzten fie das noch
menfchenleere Land bis zum äufserften Süden, erft fpäter
erfolgte eine fecundäre Einwanderung durch Phönikier,
welche den Grund zu der centralamerikanifchen Cultur
legten, die fo merkwürdige Aehnlichkeiten mit der ägyp-
tifchen aufweift. Im dritten Teil .Veranlaffung, Verlauf
und Folgen der Sintfluth' (S. 421—552) confrontirt der
Verfaffer nun die Ergebniffe feiner Unterfuchungen über
die Völkerwanderungen mit feiner Entdeckung. Zunächft
wird conftatirt, dafs mit Ausnahme der Urbewohner
Griechenlands alle Völker, bei welchen fich Sintfiuth-
fagen erhalten haben, von Centralafien ausgegangen find,
und dafs alfo als Schauplatz der Sintfluth die Mongolei
und die Aralo-Kaspifche Niederung angenommen werden
müffen. Ferner wird feftgeftellt, dafs nach chinefifchen
Angaben, mit denen die babylonifchen und iffaelitifchen
Traditionen mehr oder weniger ftimmen follen, die Sintfluth
fich im Jahre 2297 v. Chr. ereignete. Das alles
Itimmt nun vortrefflich zu der vom Verfaffer in der
weltlichen Dfchungarei gemachten Entdeckung und dient
ihm zur Betätigung feiner Erklärung derfelben. Im
Kaptagaigebirge fand er nämlich merkwürdige Fels-
auswafchungen und hoch oben in dem gegenüberliegenden
Tjanfchangebirge konnte er eine fichere Waffer-
marke verfolgen; daraus fchlofs er auf die einfüge
Exiftenz eines grofsen mongolifchen Binnenmeeres, das
,die ganze Dfchungarei und die mit diefer in Verbindung
flehende Mongolei, die Wüfte Gobi und das Tarym-
becken' umfafste und .deffen Wafferfpiegel 6000 Fufs
über dem Spiegel des Oceans gelegen warf Die fonder-
baren Felsauswafchungen, fo fchlofs er, waren durch
den plötzlichen Abflufs diefes Meeres verurfacht. Ein
Erdbeben hatte das Randgebirge in der Nordweftecke
diefes Binnenmeeres erfchüttert, und die gewaltige Waffer-
maffe ftrömte zuerft mit rafender Schnelligkeit durch die
Alatan-Barlykbrefche nach Weiten in die Balchafchebene,
von da ergofs fie fich in die Aralo-Kafpifche Niederung j

und brach durch in das Schwarze Meer. Der Bofporus
und die Dardanellen wurden eröffnet, das Mittelmeer
überfluthet (wefshalb auch die Urbewohner Griechenlands
eine Sintfluthfage kennen), die Sahara wieder aufgefüllt
und endlich die Landenge von Gibraltar durchbrochen.
Für Europa hatte der Abflufs des mongolifchen Meeres
eine neue Eiszeit zur Folge, für Centralafien brachte er
Vertrocknung und eine zunehmende Unfruchtbarkeit des
Bodens auch der umliegenden Länder und zwang daher
die von der Sintfluth verfchonten früheren Anwohner
des Meeres zur Auswanderung. So war die Sintfluth
die Urfache der Völkerwanderungen, von denen der
zweite Theil gehandelt hatte.

Diefe kurze Skizze kann einigermafsen dem Lefer
eine Vorftellung von dem Buche geben. Es ftellt die
Gefchichte der Menfchen in engfte Verbindung mit der
Gefchichte der Erde und entrollt ein einheitliches Bild
von dem ganzen Gange der Entwicklung der Menfchheit.
Eine Fülle von Material und Detail, das da am inter-
effanteften und werthvollften ift, wo der Verfaffer feine
eigenen Beobachtungen wiedergibt, ift in dem Buche
aufgeftapelt. Aber fo gefchickt der Verfaffer aus Ethnologie
, Ethnographie, Archäologie, Mythologie, Philologie
, Anthropologie, Zoologie, Botanik, Mineralogie etc.
die Beweife zur Begründung feiner Entdeckung zu entnehmen
weifs, der Ref. kann den Eindruck nicht loswerden
, dafs alles auf die von vornherein dem Verfaffer
feftftehende Ueberzeugung von dem nun glücklich entdeckten
Schauplatz der Sintfluth zugefchnitten und defs-
halb die Betätigung der Entdeckung durch die angeflehte
Probe nur eine fcheinbare fei. Ref. kann natürlich
nicht beurtheilen, ob lieh der Verfaffer überall bei
Herbeiziehung feiner Argumente aus den verfchiedenflen
Wiffenfchaften an die beften Gewährsmänner gehalten hat;
aber die Annahme des Verfaffers, dafs die ifraelitifche Tradition
eine irgend glaubwürdige chronologifche Fixirung
geftatte, macht Ref. ftutzig, und er mufs der Sintfluth auch
fkeptifch der Hauptthefe von der Identität der Sintfluth mit
dem Abflufs des mongolifchen Meeres gegenüberftehen,
weil er, auch einmal alles andere zugegeben, fich nicht
recht zu denken weifs, wie fich bei allen Völkern im Süden,
Offen und Norden des mongolifchen Meeres die Erinnerung
an das plötzliche Sinken und Verfchwinden des
Meeres, das fie doch allein beobachten konnten, in die
Sage einer allgemeinen Sintfluth umfetzen konnte. Aber
alle Achtung vor dem raftlofen Fleifs und der hohen
Begeifterung des Verfaffers, der, von Haus aus Aftronom
und Meteorolog, fich in alle die weitfehichtigen, in Frage
kommenden Wiffensgebiete einen Einblick verfchafft und
ein fo correct gedrucktes und anregend gefchriebenes
Buch geliefert hat! Nur S. 298 fehlt ein kleines Sätzchen
in der deutfehen Ueberfetzung der Curtius-Stelle. Das
Buch kann die Sintfluth-Frage nicht endgültig löfen; aber
es regt an und bringt auf allerlei werthvolle Gedanken.

Bern. K. Marti.

Diehl, cand. theol. (jetzt Pfarraffift. Lic. Dr.) Wilh., Erklärung
von Psalm 47. Eine biblifch-theologifche Unter-
fuchung. Diff. Giefsen, Ricker, 1894. (43 S. gr. 8.) M. 1.—

Die auch jetzt noch eine Anzeige wohl verdienende
Differtation Diehl's legt in überzeugender Weife dar, dafs
Pfalm 47 nur aus der meffianifchen Hoffnung der jüdi-
fchen Gemeinde heraus verftanden werden kann d. h.
ein Pfalm ift, der uns in die meffianifche Zeit verfetzt,
da Jahwe foeben die Feinde überwunden, feinem Volke
fein herrliches Land gegeben, feine meffianifche Herrfchaft
angetreten hat und die Huldigung der Könige der
Heiden empfängt. Was Jahwe nach der Hoffnung der
jüdifchen Gläubigen werden wird — der König aller
Völker —, das fieht der Dichter bereits verwirklicht und
fordert daher die Heiden auf, Jahwe, dem König, zuzu-