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Ausgabe:

1897 Nr. 9

Spalte:

258-260

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schneider, Ewald

Titel/Untertitel:

Die Kernfragen des Christenthums behandelt in Form eines Zwiegesprächs 1897

Rezensent:

Ritschl, Otto

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 9.

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liehe Erfahrungen haben dabei zufammengewirkt.' Doch
habe er in feiner Schrift keine Selbftbekenntniffe abzulegen
. Immerhin fcheint die Wahl des Themas der vorliegenden
Schrift mit jener Rückkehr zu Kahler in Zu-
fammenhang zu flehen, und infofern ift fie jedenfalls auch
eine Art von perfönlichem Bekenntnifs. Aber nachdem
gerade Kahler in der zu einem ftattlichen Buche angewachsenen
zweiten Auflage feines Vortrags über den
hiftorifchen Jefus und den gefchichtlichen Chriftus zum
grofsen Theil diefelben Fragen fehr viel gründlicher und
tiefer eindringend behandelt hat, hätte der Verf. in feinem
eignen Intereffe vielleicht beffer gethan, die Vergleichung
feiner, wie es fcheint, recht fchnell verfafsten Schrift
mit der von Kahler dargebotenen Zufammenfaffung einer
langjährigen intenfiven Gedankenarbeit nicht herauszufordern
. Denn diefe Vergleichung fällt denn doch ent-
fchieden zu Ungunften der Schrift von Schulze aus.

Der Verf. polemifirt zuerft gegen Lietzmann, J. Weifs,
Bouffet, Baldenfperger als Vertreter der ,hiflorifchen
Methode' und meint in diefen Auseinanderfetzungen
nachgewiefen zu haben, ,dafs das Unternehmen, fich mit
der Meffianität Jefu als etwas Zeitgefchichtlichem durch
hiftorifch-pfychologifche Erklärungsverfuche abzufinden,
während man die eigentliche Gröfse Jefu in die Innerlichkeit
, Reinheit und Lebendigkeit feiner Religion oder
Religiofität fetzt, mifslungen ift und mifslingen mufs'. (S.32.)
Mit diefem Urtheil, das mindeftens als ein vorfchneller
Machtfpruch bezeichnet werden mufs, wird aber der
Verf. wohl kaum der ,hiftorifchen Methode' Einhalt thun,
deren Vertreter feit einigen Jahren fo angefpannt und
zum Theil mit einem ganz anderen Apparat arbeiten,
als wie er dem Verf. zur Verfügung fleht.

In der zweiten Hälfte feiner Schrift fetzt fich der
Verf. eingehend mit Herrmann und aufserdem auch mit
mir auseinander. Ich nehme die Gelegenheit wahr zu
erklären, dafs ich die Einwendungen des Verf. ebenfo
wenig wie diejenigen Kählers als eine Widerlegung
meiner Darlegungen (vgl. Zeitfchrift für Th. u. K. 1893.
S. 371 ff.) anerkennen kann. Wenn ich die religiöfen
Vorftellungen nicht für den wefentlichen Inhalt, fondern
für die wechfelnden und mehr oder weniger zufälligen
Formen des Glaubens halte, fo folge ich nur dem Vorgang
Schleiermachers, der einmal fagt1): ,Daher ift auch
fchon in der Religion jedes einzelnen Menfchen, wie fie
fich im Laufe feines Lebens bildet, nichts zufälliger, als
die ihm zum Bewufstfein gekommene Summe feines
religiöfen Stoffs'. Und wenn ich in der Confequenz diefer
Auffaffung auch einen unbewufsten chriftlichen Glauben
gelten laffe, fo meine ich damit nur den Thatfachen des
wirklichen Lebens gerecht zu werden. Uebrigens ift auch
bei voll bewufsten Chriften oft das Befte an ihrem
Glauben unbewufst oder wenigftens nicht deutlich be-
wufst. In jedem Falle trete ich allem Glaubenszwang
entgegen. Denn deffen Correlat ift es immer, dafs die
fides historica als ein religiöfer Werth an fich gefchätzt
wird. Und nach dem, was der Verf. felbft hierüber
S. 39 f. fagt, müfste er doch eigentlich etwas mehr
Verftändnifs auch für jene meine Ausführungen haben.
Ferner rügt der Verf., dafs ich den vollbewufsten Glauben
als ein befonderes Charisma bezeichnet habe. Das ift
aber nur eine Confequenz davon, dafs ich allen chriftlichen
Glauben, ob bewufst oder unbewufst, im letzten
Grunde lediglich als Gabe der göttlichen Gnade auffaffe.
Und nach meiner Anficht fleht Gott allein das Urtheil
über die Zulänglichkeit der verfchiedenen Vorftellungs-
formen zu, in denen fich unter feiner Leitung bei den
verfchiedenen Menfchen der in ihnen durch den heiligen
Geift gewirkte Glaube ausgeftaltet und ausfpricht. Durch
eine engherzige Normaldogmatik fchon den Begriff des
chriftlichen Glaubens einfehränken wollen, rfeifst dagegen
nur, der freien Wirkfamkeit des heiligen Geiftes Hinder-

1) Reden über die Religion. Werke. 1. Abth. Bd. 1, S. 398.

niffe in den Weg legen. Weshalb ich aber in meiner
Conftruction der Weltanfchauung Jefu, neben der ja
gewifs auch andere Conftructionen des Ertrags von
Chrifti Lebenswerk möglich und durchführbar find,
nicht von dem Selbftbewufstfein Jefu, wie der Verf. mir
vorwirft, ausgegangen bin, das habe ich S. 410 ausdrücklich
gefagt. Es find dies durchaus nur methodifche
Gründe, durch die es nicht ausgefchloffen ift, dafs auch

' mir, wie dem Verf., das Wort Mt. Ii, 27 als eins der
wichtigften und fundamentalften im ganzen N. T. gilt.
Wenn mir endlich der Verf., um meine Ausführungen
über Jefu Weltanfchauung herabzufetzen, mit Sokrates,
ebenfo wie Kähler mit dem Stoicismus kommt, fo kann
ich mich nur über die theologifche Farbenblindheit
wundern, dafs man lediglich die ethifche, nicht aber
auch die von mir wiederholt hervorgehobene religiöfe
Seite jenes Gedankencomplexes zu beachten und in ihre

i Confequenzen für die Würdigung der Perfon Chrifti zu
verfolgen weifs.

Bonn. O. Ritfchl.

Bettex, F., Natur und Gesetz. Bielefeld, Velhagen &Klafing,
1897. (461 S. 8.) Geb. M. 5.-

Die vorliegende Arbeit giebt fich als eine Fort-
fetzung des früheren Buches von demfelben Verfaffer
,Naturftudium und Chriftenthum', das ich im vorigen Jahrgang
diefer Zeitung (Sp. 193 f.) befprochen habe. In dem
ältern Werke hatte fich der Verf. mit dem Gedanken der
Evolution auseinandergefetzt. Jetzt wendet er fich gegen
das heutige Emancipationsftreben. In der neuen Arbeit

1 finden fich wieder ganz diefelben Vorzüge und Schwächen,
die an der früheren hervorgehoben werden mufsten. In
den beiden erften Capiteln fafst der Verfaffer feine reichen

j naturwiffenfehaftlichen Kenntniffe, die im Einzelnen
manchmal etwas prunkhaft vorgebracht werden, zu einer

( religiös begründeten grofsartigen Weltanfchauung zu-

j fammen. Dabei tritt fein theofophifcher Standpunkt deutlicher
, als in feinem früheren Buche hervor. Aber in

i diefem Standpunkt liegen zugleich auch die Grenzen und
Schranken des Verfaffers, die fich am meiften im 3. Cap.
(Der Menfch) und im 5. Cap. (Der Geift) bemerkbar

I machen. Insbefondere beweift die Polemik, die er gegen
Schlufs diefes (letzten) Capitels gegen die moderne
Theologie richtet, dafs er von diefer ganz verzerrte Vorftellungen
hat und fie wohl vorherrfchend aus den ent-

j (teilenden Berichten gewiffer Kirchenzeitungen kennt.

j Beifallswerth ift dagegen vieles, was im 4- Cap. (Mann
und Weib) gegen den .Feminismus' der Frauenemancipa-
tion vorgebracht wird. Der Verfaffer urtheilt: ,Die Frau
übt den wohlthätigften, gefegnetften Einflufs auf Wiffen-
fchaft, Politik undKirche, wenn fie fich nicht darein mifcht'
(S. 3l7 .Eine durchgeführte Frauenemancipation würde
zuerft die Frauen, und dann unfer Gefchlecht leiblich und
geiftig fchwächen' (S. 389). Andererfeits zeigt der Verfaffer,
wo die wahre Begabung und Kraft des Weibes und deffen
eigentlicher Beruf liegt. In der Art wie das gefchieht,
erinnern die Darlegungen des Verfaffers an eine der
beften Behandlungen diefes Themas, an das heute wohl
nicht mehr viel gelefene, aber immer noch fehr empfehlens-
werthe Buch von Heinrich Thierfch über chriftliches
Familienleben.

Bonn. o. Ritfchl.

Schneider, Ewald, Die Kernfragen des Christenthums behandelt
in Form eines Zwiegesprächs. Ein Wegweifer
zum Glauben. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht,
1896. (VI, 232 S. gr. 8.) M. 3.20

Die dialogifche Form der Auseinanderfetzung, die
der Verfaffer gewählt hat, ift in früherer Zeit, auch zur
Behandlung religiöfer Fragen, vielfach beliebt gewefen.