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Ausgabe:

1897

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250

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Zwingli-Bibliographie. Verzeichnis der gedruckten Schriften von und über Ulrich Zwingli. Zusammengestellt v. Georg Finsler 1897

Rezensent:

Staehelin, Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 9.

und amerikanifchen Kulturreligionen keinesfalls zu billigen
; der Buddhismufs hätte als eine der 3 grofsen uni-
versaliftifchen Religionen erft vor dem Chriftenthum behandelt
werden muffen; ebenfo ift es nach unferer Anficht
unzweckmäfsig, die griechifche Philofophie und ihre
asketifchen Ideale im Zufammenhang mit dem griech.-
röm. Heidenthum zu behandeln. — Die indifche Religion
ift von den aufserchriftlichen Religionen die wichtigfte
für die Gefchichte der Askefe, fie ift daher auch von Z.
mit Recht am ausführlichften dargeftellt worden. Z.'s
Refultat ift, dafs in den älteften Stadien der indifchen
Religion die Askefe überhaupt nicht vorhanden ift, im
fpäteren Brahmanismus fichAnfätze finden, und erft der
nachbuddhiftifcheBrahmanismufsinkontrareformatorifcher
Taktik der buddhiftifchen Milde, die auf Buddha felbft zurückgeht
, eine gefteigerte Strenge entgegenftellt. Die in-
terefianten Ausführungen Z.'s erfcheinen fehr einleuchtend,
wenn auch die Fachgelehrten auf diefem Gebiete als die
kompetenten Beurteiler das letzte Wort zu fprechen
haben werden. — Der 2. Abfchnitt, der die Vorgefchichte
des chriftl. Mönchthums und die Gefchichte des griechi-
fchen Mönchthums enthält, leidet an einem Mangel. Z.
hat fich hier zu einfeitig, und zwar abfichtlich, wie die
Vorrede beweifst, auf die Gefchichte der fpezififch asketifchen
Bethätigungen befchränkt. Dadurch erhalten wir
ein zu eintöniges und nicht ganz zutreffendes Bild. Ein fo
genaues Eingehen auf die Kafuiftik der asketifchen Lei-
ftungen der einzelnen Mönchsheroen erfcheint überflüffig.
Mindeftens hätten die kirchengefchichtlichen Verhältniffe,
unter denen fich Askefe und Mönchthum entwickelten,
angedeutet werden müffen. Selbft fo excentrifche und
und rohe Formen des Mönchthums, wie die Styliten
oder die Mönche, die in buchftäblicher Erfüllung des
Herrnwortes ein hölzernes Kreuz auf ihrem Rücken
fchleppten, lernt man relativ würdigen, wenn man fie
als Vertreter eines chriftlichen Lebensideals energifchfter
Wcltverleugnung betrachtet, die ein Korrelat und gleichzeitig
einen Proteft bilden gegen die Vertreter eines
Chriltenthums, die in kleinlichem Streit über dogmatifche
Differenzen im 5. und 6. Jahrh. das Chriftenthum in eine
Philofophie zu verflachen drohten. Die Befchränkung auf
eine Gefchichte der asketifchen Phänomene tritt auch
einer Würdigung der Bedeutung des Bafilius für die
Entwicklung des Mönchthums entgegen. Wir erfahren
bei Z. nichts davon, dafs in der Eremitage des Bafilius
am Fluffe Iris zuerft der Sinn für die Natur, für die
Berg- und Waldeinfamkeit gepflegt worden ift, der dem
Mönchthum auch in fpäteren Zeiten einen fo grofsen Reiz
verlieh. Sehr wichtig find die letzten Paragraphen des
Z.fchen Buches, in denen er die fpätere Gefchichte des ori-
entalifchen Mönchthums, des orthodoxen und fchisma-
tifchen Zweiges im Wettftreit miteinander, die ftaats-
kirchlichen Reglungsverfuche des byzanthinifchen Mönchthums
und das asketifche Verhalten des anatolifchen
Chriftenthums im Verhältnifs zum Islam behandelt. Diefe
Partien, deren Darftellung auf den in letzter Zeit er-
fchienenen Unterfuchungen und neuen Quellenwerken ruht,
werden von vielen mit befonderem Danke benutzt werden.

Wir heben noch einige Einzelheiten des Werkes
hervor. In der Auffaffung der Therapeuten fchliefst fich
Z. im wefentlichen und nach unferer Anficht mit Recht
an Wendland an, auch der Exkurs über die Aechtheit
der Vita Antonii verdient volle Zuflimmung, nur möchten
wir die Vita nicht nur indirekt, fondern direkt von Atha-
nafius gefchrieben fein laffen; R. freut fich ferner der
Zuflimmung Z.'s zu feiner Anfetzung des Lebens des
Pachomius, die von Achelis ohne durchfchlagende Gründe
in Zweifel gezogen wurde; auch betreff der Grundfchrift
des Rufin, Palladius und Sozomenos glaube ich Z. gegen
Preufchen's Ausftellungen völlig Recht geben zu müffen,
wonach die Tillemont-Fontaninifche Hypothefe, die
Petronius für den Verfaffer der Grundfchrift hält, noch
immer die wahrfcheinlichfte ift. —

Wir fchliefsen mit Dank gegen den gelehrten Verfaffer
, dem wir wünfchen, dafs feine Abficht fich erfüllen
möge, auch weiteren Kreifen religions-und kulturhiftorifcher
Forfcher und Vertreter der Socialwiffenfchaft mit feinem
inhaltsreichen Werke zu dienen.

Heidelberg. Grützmacher.

Zwingli-Bibliographie. Verzeichnis der gedruckten
Schriften von und über Ulrich Zwingli. Zufammen-
geftellt v. Georg Finsler. Hrsg. durch die Stiftg. von
Schnyder v. Wartenfee. Zürich, Art. Inftitut Orell
Füfsli, 1897. (X, 187 S. gr. 8.) M. 4.—

Mit befonderem Vergnügen bringe ich diefe Schrift
zur Anzeige, da durch fie die von mir in Angriff ge-
nommeneBiographieZwinglis eine für mich höchft dankens-
werthe Ergänzung gefunden hat. Der Verfaffer, der
übrigens mit dem gleichnamigen bekannten trefflichen
Zwinglibiographen Antiftes Dr. G. Finsler nicht verwech-
felt werden darf, giebt zuerft ein Verzeichnifs aller ihm

j zugänglich gewordenen Drucke von Zwinglifchriften, zu
deffen Anfertigung er laut Vorrede 38 öffentliche Bibliotheken
, von denjenigen der Schweiz bis München und
Breslau, befucht und fämmtliche dort aufbewahrte Exemplare
eingefehen hat, fodafs wohl nur wenige der noch
vorhandenen Zwinglifchriften dem Verfaffer entgangen
und jedenfalls keine irgend wichtige bei ihm fehlen
dürften. So bezeichnet das vorliegende Werk fchon dem
Umfang nach gegenüber den Vorarbeiten eines Haller,
Ufteri u. a. einen gewaltigen Fortfehritt, und noch mehr
gilt dies von dem dabei beobachteten bibliographifchen
Verfahren. Die Titel fowie die charakteriflifchen Merkmale
der aufgeführten Schriften find überall mit der
peinlichften Genauigkeit angegeben; der Editio prineeps
folgt bei jeder Schrift ein vollftändiges und gleich forg-
fältig gearbeitetes Verzeichnifs der fpäteren Drucke, wobei
jeder derfelben vom Verfaffer felbft eingefehen worden
ift und für alle der Fundort genau bezeichnet wird.

Im Anhang find noch die Schriften beigefügt, die auf
Zwingiis Veranlaffung gedruckt oder ihm fälfehlich zuge-

j fchrieben worden find. Unter den erfteren hätte, worauf
übrigens Referent durch den Verfaffer felbft aufmerkfam
gemacht worden ift, noch der Brief des Honius erwähnt
werden follen, deffen Kenntnifs uns überhaupt nur auf
Grund des von Zwingli beforgten Druckes ermöglicht ift.

Ebenfo werthvoll wie das Verzeichnifs der Zwinglidrucke
ift dem Hiftoriker die im zweiten Theil gegebene

1 Zufammenftellung der Schriften und Arbeiten über
Zwingli, die gleichfalls mit ihrer Vollftändigkeit und Genauigkeit
einenkeineMühe fcheuenden undauchdasKleinfte
nicht überfehenden Forfcherfleifs bekundet. Es dürfte
kaum eine felbftändig erfchienene Schrift oder Abhandlung
über Zwingli geben, die dem Verfaffer entgangen
und in den 1114 Nummern feines Kataloges nicht aufgenommen
worden wäre. Selbft die Predigten und
die vereinzelten Gedichte über Zwingli find aufgeführt
und ebenfo ift aus den Werken über allgemeine
Reformations- und Culturgefchichte Alles irgend Werthvolle
aufgenommen worden. Treffliche Sachregifter, in
denen die Nummern nach den biographifchen Gefichts-
punkten, fowie nach den verfchiedenen Seiten von
Zwingli's Wirkfamkeit geordnet find, erleichtern nach
allen Seiten hin den Gebrauch. Das Einzige, was Referent

J in dem reichhaltigen Verzeichnifs vermifst hat, ift die

| Erwähnung von C. Gefsner's Bibliotheca universalis von
1545, die um fo mehr Berückfichtigung verdient hätte,
als fie in dem über Zwingli handelnden Abfchnitt die

( erften Anfänge eben der bibliographifchen Arbeit enthält
, für deren vollendete Durchführung jeder, der fich
mit Zwingli befchäftigt, dem Verfaffer diefer Biblio-

! graphie Dank wiffen wird.

Bafel. B. Staehelin.