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Ausgabe:

1897 Nr. 9

Spalte:

236-238

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die Juden im bosporanischen Reiche und die Genossenschaften der ‘sebóenoi theon ypsiston‘ ebendaselbst 1897

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1897. Nr. 9.

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wie alles Menfchliche, beweift die nicht ganz kleine Zahl
von Addenda et corrigenda, welche diefer Schlufs-Liefe-
rung beigegeben ift. Aber im Hinblick auf das Gebotene
mufs der Dank weit überwiegen. Nur durch den hingebenden
Fleifs aller Betheiligten war es möglich, ein
monumentales Werk wie diefes in verhältnifsmäfsig fo
kurzer Zeit zu Stande zu bringen.

VonTrommius' Concordanz unterfcheidet fich die
neue, was die Anordnung betrifft, dadurch, dafs bei
Trommius innerhalb der einzelnen Artikel die Stellen
nach den hebräifchen Aequivalenten geordnet find. Z. B.
bei nQoaüyiü folgen auf einander 1, die Stellen, an welchen
es für fcPO!"] fteht, 2, diejenigen, an welchen es für WIT
fteht, 3, diejenigen, wo es hebr. J^yTtPrl entfpricht. In der
neuen Concordanz ift hierauf keine Rückficht genommen;
die Belegltellen für das griechifche Wort folgen einfach
nach ihrem Vorkommen in den biblifchen Büchern. Es
ift nicht zu leugnen, dafs für manche Zwecke die Trom-
mius'fche Anordnung die bequemere ift. Für andere
aber ift wieder die von Hatch und Redpath vorzuziehen.
Und da auch die Letzteren durch ein fehr einfaches
Syftem der Bezifferung dafür geforgt haben, dafs der
Benutzer fich einen rafchen Ueberblick über die hebräifchen
Aequivalente und die Häufigkeit ihres Vorkommens
verfchaffen kann, fo ift wohl die von ihnen gewählte
Anordnung zu billigen.

Der Hauptvorzug vor Trommius befleht, wie fchon
wiederholt hervorgehoben worden ift, in der gröfseren
Vollftändigkeit. Sie betrifft namentlich zweierlei: I, die
Stellen aus Aquila, Symmachus und Theodotion, welche
Dank den neueren Hexaplaforfchungen jetzt viel voll-
ftändiger geboten werden konnten als früher; 2, die Partikeln
und andere befonders oft vorkommende Worte,
welche von Trommius nicht oder nur in knapper Auswahl
aufgenommen worden find. Von Beidem giebt auch
die vorliegende letzte Lieferung wieder zahlreiche Bei-
fpiele. Wir befchränken uns darauf, die Beifpiele der
zweiten Art hervorzuheben. Bei Trommius fehlen oder
find nur ganz fporadifch berückfichtigt die hier vollftän-
dig behandelten Partikeln: ngog, OtavfOv, 06g, ovv, atpo-
öga, re, ng (24 Spalten, bei Trommius nur eine), vntg,
vno, tu, tüds, cug, tuaavitog, wael, oiansg, tuare. Voll-
ftändiger als bei Trommius find z. B. auch die Artikel
atßsiv und itxvov. Für letzteres fehlen bei Trommius
die zahlreichen Stellen aus Sirach, für erfteres die Stellen
aus dem echten Septuaginta-Daniel, welchen Trommius
überhaupt noch nicht kannte, da er erft 1772 herausgegeben
worden ift. Dafs die Berückfichtigung der Partikeln für
fprachliche Unterfuchungen werthvoll ift, zeigen z. B.
die Artikel avv und iE. Die Häufigkeit oder Seltenheit
des Gebrauches diefer Worte ift für den griechifchen
Stil charakteriftifch. Für aiv erhellt dies fehr deutlich
aus dem Neuen Teftamente, wo die Häufigkeit feines
Gebrauches in den Schriften des Lucas auffallend abfticht
gegen die relative Seltenheit in den andern Schriften des
N. T.'s. Daher ift es bemerkenswert!!, dafs auch bei den
LXX afv verhältnifsmäfsig nicht häufig ift; bei Jefaia
kommt es nur 4mal vor, während in demfelben Buche
aiia etwa 40mal gebraucht wird. Bei iE verdient Beachtung
, dafs die Häufigkeit feines Gebrauches in den
verfchiedenen Büchern des A. T. eine fehr verfchiedene
ift. Im Ganzen ift auch diefe Partikel ziemlich feiten.

So wird die neue Concordanz gerade für feinere
fprachliche Unterfuchungen fich fortan als unentbehrliches
Hülfsmittel er weifen. Möchte fie auch in Deutfchland
bald allgemeinen Eingang finden und vor allem von den
Erklärern des Neuen Teftamentes fleifsig benützt werden.

Sehr erfreulich ift die auf einem lofen Zettel unferer
Schlufslieferung beigefügte Notiz, dafs Redpath auch
eine Concordanz aller in den LXX vorkommenden
Eigennamen vorbereitet.

Göttingen. E. Schürer.

Schürer, Prof. D. Emil, Die Juden im bosporanischen Reiche
und die Genossenschaften der oeßö/tsvoi &eöv vtpmzov
ebendaselbst. (Sitzungsberichte der königl. preufs.
Akademie der Wiffenfchaften zu Berlin.) Berlin,
[G. Reimer], 1897. (26 S. gr. 8.) M. 1.—

Das Material für diefen Auffatz haben mir die von
Latyfchev herausgegebenen griechifchen Infchriften
von der Nordküfte des fchwarzen Meeres dargeboten,
und zwar deren zweiter Band, welcher die Infchriften
des bofporanifchen Reiches umfafst (Latyfchev, In-
scriptiones antiquae orae septentrionalis Ponti Euxini grae-
cae et latinae vol. II.: Inscriptiones regni Bosporani, Pe-
tropoli 1890), Diefe Infchriften geben intereffante Belege
dafür, wie die Juden der Diafpora in der römifchen
Kaiferzeit einerfeits ftarke Einwirkungen von Seite ihrer
griechifchen Umgebung empfangen haben, andererfeits
aber auch wieder folche auf diefelbe ausgeübt haben.

Zwei Infchriften von Pantikapaeum, dem heutigen
Kertfch in der Krim (Latyfchev II n. 52 und 53, in
fchlechterer Copie auch fchon im Corp. Inscr. Graec. II
Addenda n. 2H4bb und 2ii4b) enthalten Urkunden über
Sklaven-Freilaffungen. Beide fchliefsen mit der Formel
ovvEniTQoriiovorjg de y.ai zrjc ovvayioyr.g itöv 'loiöuloav.
Sie find alfo ficher jüdifch. Die Rechtsformen, welche
bei der Freilaffung beobachtet werden, zeigen uns aber
den Einflufs griechifcher Sitten.

Zwei andere von Gorgippia, dem heutigen Anapa,
öftlich vom cimmerifchen Bosporus (Latyfchev II n. 400
! und 401) beginnen mit der Formel ftswi vipinimi navm-
y.QÜToQi ev'/.oyrgw. Sie fcheinen hiernach ebenfalls
jüdifch zu fein, denn die Bezeichnung Gottes als navio-
ygäitog und Evlnyrjiög ift fpecififch biblifch. Aber die
erfte diefer Infchriften (die allein ganz erhalten ift) fchliefst
mit der Bemerkung, dafs der Sklave frei fein foll vnt
Jia, rfjv, "Hliov. Wir haben hier alfo eine eigenthüm-
liche Mifchung von Jüdifchem und Heidnifchem.

Wieder von anderer Art ift eine dritte Gruppe von
etwa zwanzig, zum Theil freilich nur fehr fragmentarifchen
Infchriften, welche fich in der Gegend des alten Tanais,
in der nordöftlichften Ecke der Palus Maeotis gefunden
haben (Latyfchev II n. 437—457). Sie find etwas jünger
als die Infchriften von Pantikapaeum und Gorgippia
fdiefe aus dem 1. Jahrh. nach Chr., die Infchriften von
Tanais aus dem 2. und 3. Jahrh. nach Chr.), und rühren
alle von griechifchen Cultvereinen her, welche ausfchliefs-
lich den Cultus des dsog vipiaiog pflegten. Da vxptovog =
yS?2 im Alten Teftament eine fehr gewöhnliche Bezeichnung
Gottes ift, fo liegt die Frage nahe, ob wir auch
hier jüdifchen Einflufs anzunehmen haben. Diefe Frage
darf nicht ohne weiteres bejaht werden. Denn die Griechen
kennen einen Zävg. vxptaiog, und in der Kaiferzeit finden
fich da und dort zerftreut (am häufigften in Klein-Afien)
auch Weihe-Infchriften für den 9ehg mpiaiog, die nicht
alle auf jüdifchen Einflufs zurückgeführt werden können.
Ja auf den Infchriften von Tanais findet fich zuweilen
das Bild eines Adlers, ein Beweis, dafs hier Reminifcenzen
an den griechifchen Zeus nachwirken. Andererfeits aber

I hat die Ausfchliefslichkeit, mit welcher in Tanais der
Cultus des d-eog vifuaiog gepflegt wurde, etwas fehr auffallendes
. MitRecht ift dies von Ziebarth in feinem trefflichen
Werke ,Das griechifche Vereinswefen' (1896) S. 208

! hervorgehoben worden. Eine folche Kraft des monotheifti-
fchen Zuges ift fonft im Bereiche der heidnifchen Welt
nicht nachweisbar. Dazu kommt, dafs nach den Infchriften
von Pantikapaeum und Gorgippia die Exiftenz und der
Einflufs des Judenthums in jenen Gegenden ohnehin ficher
ift. Endlich aber erregt befonders unfere Aufmerkfam-
keit, dafs auf einigen der Infchriften von Tanais die betreffenden
Cultgenoffen fich bezeichnen' als udnoirjtni
üöshpoi asßnuevoi Irehv vipioiov (Latyfchev II n. 449.

! 450. 452. 456). Offenbar handelt es fich hier um Neu-