Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1897

Spalte:

218-220

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ruzitschitsch, Episkop Nikanor

Titel/Untertitel:

Das kirchlich-religiöse Leben bei den Serben 1897

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

217

Theologiche Literaturzeitung. 1897. Nr. 8.

218

Schwertern d. hl. Vincenz (II, 429 ff.) im Leben und in der
Propaganda des jetzigen Katholicismus die bedeutendfte
Rolle fpielen. Ein Regirter erleichtert die Benutzung des
umfangreichen Buches, durch eine Zahl von Stichproben
habe ich es im grofsen und ganzen vollftändig und richtig
gefunden, es wäre kleinlich einige Druckfehler und Ver- j
fehen (z. B. find die Zahlen bei Weingarten unrichtig) bei
einem 1140 S. umfaffenden Buch dem Verfaffer zum
Vorwurf zu machen.

Da es unmöglich ift bei dem Umfang des Werkes
auf alle Einzelheiten einzugehen, befchränken wir uns
auf eine allgemeine Charakteriftik. Zunächft ift hervorzuheben
, dafs H.'s Arbeit mehr eine gelehrte Materialien-
fammlung, ein nützliches Nachfchlagebuch, als ein nach
grofsen Gefichtspunkten gearbeitetes, die Motive und J
treibenden Kräfte in der Gefchichte des Mönchthums zur
Darrteilung bringendes Werk ift. Als Materialienfamm-
lung ift esabermitgrofsem Fleifseund ausgebreiteter Ge-
lehrfamkeit verfafst, befonders dankbar mufs man dem
belefenen Verfaffer fein für die Heranziehung der oft in
fchwer zugänglichen Zeitfchriften zerftreuten Arbeiten
der katholifchen Autoren, die vielfach protertantifchen
Forfchern unbekannt bleiben, zumal da auf dem Gebiete
der Mönchs- und Ordensgefchichte von katholifchen Gelehrten
nicht nur viele, fondern auch tüchtige Arbeiten
in den letzten Jahrzehnten erfchienen find. Wir er- j
wähnen nur die Arbeiten von Denifie über den Dominikanerorden
und der Mitarbeiter der Stud. u. Mit. aus
d.Bened. u. Ciftercienferorden über den Benediktinerorden
und feine Kongregationen. Es ift H. auch zu danken,
dafs er über die neuefte Gefchichte der Orden und Kongregationen
und vor allen über ihren jetzigen Zuftand
geficherte Angaben bringt, während man bisher nur aus
Zeitfchriften und Encyklopädien fich darüber unterrichten
konnte, und die fich dort findenden Nachrichten vielfach
unrichtig und veraltet waren, für den 8.Abfchnitt,derdie
Kongregationen behandelt, ift dies von der gröfsten Be- !
deutung. Ucberhaupt läfst fich im allgemeinen fagen, J
dafs die neueren Epochen der Mönchsgefchichte bei H. J
am beften und genaueften behandelt find, während die i
älteren Partien bisweilen etwas oberflächlich abgethan
werden, fo find die Ritterorden kaum berückfichtigt, der
Templerorden ift nur erwähnt. Es darf auch nicht !
ungerügt bleiben, dafs von H. die proteftantifche Literatur
vielfach überhaupt nicht einmal angeführt und, wo
fie angeführt ift, kaum benutzt wird. So fcheinen dem
Verfaffer die Arbeiten Zöcklers, Bornemanns, Eichhorns, j
Uhlhorns und Hausraths unbekannt geblieben zu fein.
Hätte H. fich mit Weingartens Forfchungen genauer j
befchäftigt, fo mufste wenigftens feines Verfuchs, das
ältefte chriftliche Mönchthum aus dem Serapismönchthum
abzuleiten gedacht werden, zumal da er Hilgenfelds
Hypothefe, die das Mönchthum aus dem Buddhismus herleitet
, erwähnt (I, 15), auch hätte er wohl die alte Legende
einer Begegnung des Dominicus und FVanciscus nicht
als gefchichtliche Thatfache dargeftellt, falls er Hafes
Monographie über Franz von Affifi gekannt hätte. Sehr
wenig können auch die Partien befriedigen, in denen
H. die Charaktere der grofsen Ordensftifter darzuftellen
verflicht. Es zeigt fich hier ein Mangel, der durch feinen
katholifchen Standpunkt bedingt ift. Da diefe Stifter
fämmtlich heilig oder feiig gefprochen find, fo wird von J
ihnen ein Gemälde auf Goldgrund gemalt, fie find
Menfchen ohne Fehler und Schwächen, das Individuelle
und Charakteriftifche ift nicht herausgearbeitet, einer
gleicht dem anderen, fie erfcheinen als eine langweilige I
Wiederholung des katholifchen Heili gentypus. Auch
eine Auffaffung der Orden als Individualifirungen des j
Katholicismus, die den protertantifchen Sekten in diefer
Beziehung entfprechen, verbietet ihm fein Standpunkt,
obwohl er viel Material für eine folche Beurtheilung beibringt
, indem er die in den einzelnen Orden feilgehaltenen
kultifchen Befonderheiten regiftrirt. So gebrauchen die

Karthäufer noch heute ein anderes als das römifche
Brevier (I, 258) und fo erhielt fich bis zum 15. Jahrh. in
den Ciftercienferkirchen die communio sitb utraque für die
Laien (I, 231). Endlich ift noch an dem Werk von H.,
das im ganzen vornehm und objektiv gefchrieben ift,
auszufetzen, dafs er bisweilen unfehöne Ausfälle auf
den Proteftantismus nicht vermieden hat. I, 21 fchreibt
er: ,Die Proteftanten find gleichfalls in der äufseren
Miffion thätig gewefen und noch thätig; aber welche Erfolge
haben fie im Verhältnifs zu der ihnen durch Geldmittel
, diplomatifche Hilfe etc. gewordenen Unterftützung
aufzuweiten? Welche vernehmliche Sprache redet nicht
gerade die neuefte Gefchichte des dunklen Erdtheiles?
Auch Döllingers Gefchichte der Moralftreitigkeiten als
Pamphlet zu bezeichnen (II, 41) ift durchaus ungerecht;
mehr komifch wirkt feine Vorliebe für den Jefuitenorden,
die ihn zu Urtheilen führt, dafs der Jefuit Strofsmaier
der gröfste Affyriologe der Gegenwart und Tilmann Pefch
,vielleicht der erfte Philofoph der ganzen Welt' fei. —

Zum Schlufs erlaube ich mir noch einige fchwerere
Irrthümer zur Correctur für eine 2. Auflage, die wir dem
tüchtigen Buche wünfehen, anzuführen. Für den Dominikanerorden
hat die fchwerften Verfehen bereits
Reichert (Rom. Quartalfchrift 1896 S. 299 ff.) angemerkt.
Der Geburtsort des Pachomius, Tabenna ift keine In fei
fondern ein am Nil gelegenes Dorf (I, 37); die Vita des
Abtes Schnoudi (Amelineau, Paris 1888) wäre für die
fpätere Gefchichte des oberägyptifchen Mönchthums
heranzuziehen gewefen, ebenfo wie die von Ufener edirte
Vita d. h. Theodorus für die Sabas Laura; die Bemerkung
des Hieronymus über die Verbreitung der Remoboth
(I, 56) bezieht fich nicht auf Syrien, fondern Italien, da der
Brief an die Eustochium 384 in Rom gefchrieben ift; die
Daten über das Leben Benedikts von Nurfia find
völlig unficher (I, 96); der Zweite im Klofter heilst in der
Benediktinerregel nicht prior, fondern Präpofitus, und das
Noviciat ift durch die Regel auf ein Jahr feftgefetzt.
(I, 102); die Entfendung des Placidus nach Sicilien hat
fchon Mabillon als Legende erwiefen. (I, 104); Caffiodor
hat die Regel Benedikts kaum gekannt (I, 104); Odo v.
Cluny hat noch keine Kongregation gegründet (I, 116);
der Stifter von Fönte Avellana ift d. hl. Dominicus v!
Foligno (I, 125); Romuald wurde in Claffe nicht in Monte
Caffino Mönch (I, 204); der Cardinalbifchof von Oftia,
der die Regel der Ciariffen verfafste, ift nicht der fpätere
Alexander IV, fondern Gregor IX. (I, 3571.

Heidelberg. Grützmacher.

Ruzitschitsch, Episkop Nikanor, Das kirchlich-religiöse
Leben bei den Serben. Göttingen, Akadem. Buchh.
v. G. Calvör, 1896. (57 S. 8.) M. 1.—

Diefe Schrift ift eine ,Zufammenfaffung der Gedanken'
eines Auffatzes, den Herr Ruzitfchitfch ,in der vortrefflichen
Zeitfchrift Revue internationale de Theologie in
Bern' veröffentlicht hat. Indem er den Auffatz jetzt als
Brofchüre herausgiebt, hofft Herr R. ,eine gute patriotifche
That' zu thun und widmet feine Arbeit .auf's tieffte gerührt
über das glückliche und hoffnungsvolle Zufammen-
kommen der beiden ferbifchen Herrfcher in Belgrad' im
Juni 1896 dem König Alexanderl. und dem Grofsfürsten
Nikolaus I., dem Herrfcher der fchwarzen Berge, deffen
erhoffte Rangerhöhung er antieipirt. Ich zeige das Schriftchen
gern an, weil es eine der wenigen Darftellungen
ferbifch-kirchlicher Verhältniffe ist, die von einem Serben
herrühren und Unsereinem, d. h. einem Nichtkenner der
ferbifchen^ Sprache, zugänglich find. R. beherrfcht die
deutfehe Sprache zur Genüge, um überall verftändlich zu
fein. Dafs er fich zuweilen im Ausdruck vergreift, wird
ihm billigerweife niemand zum Vorwurf machen. Seine
warme Liebe zu feinem Volke und feiner Kirche berührt
wohlthuend, da fie nicht grofsfprecherifch ist, fondern

**