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Ausgabe:

1897

Spalte:

197-202

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sabatier, August

Titel/Untertitel:

Esquisse d‘une philosophie de la religion d‘apres la psychologie et l‘histoire 1897

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Wie fchön fich diefe Art von Hiftorikern in ihren
eigenen Netzen fangen, beweift der Roman, den fie mit
Frau Cotta erfunden, und der Kleis befonders Freude
macht. Er beachtet nicht, dafs fie Mathefius als .andächtige
' Matrone, ihr Grabnein als ,ehrbare und
tugendfame' Frau bezeichnet, und dafs fie ,um feines
Singens und herzlichen Gebetes willen' und zwar
,in der Kirche' eine fehnliche Zuneigung zu Luther
gefafst. Das find alfo die herrlichen Frauengeftalten,
welche die mittelalterliche Kirche an ihrem Ausgang
hervorgebracht, deren Andacht und Tugend einen
fchmutzigen Roman mit einem Knaben in der Kirche
beim Singen und Beten anzufpinnen im Stand ift.
Armer Janflen, du haft deinen erften Band mit feinen
goldenen Farben umsonft gefchrieben. Wir Proteftanten
haben doch noch eine beffere Meinung von den damaligen
Frauen, als diefe römifchen Priefter, die .Frauenliebe
' und .libido'S. 3S nur im allerniedrigften, gemeinften
Sinne verftehen wollen.

Ueberfieht man die ganze Leiftung, welche die Firma
Kirchheim dem deutfchen Volk zu bieten wagt, fo kann
man nur von tiefem Mitgefühl gegen die katholifche
Kirche erfafst werden. Nach feinem wiffenfchaftlichen
Werth ift das Buch auf die unterfte Stufe der Unwiffen-
heit zu fetzen, nach feinem fittlichen Gehalt gehört es
in die Klaffe der Zolaliteratur, welche auf die Lefer, befonders
auf die einfamen Coelibatäre, nur vergiftend
wirken kann. Unredlich ift es, Luthers Ausfprüche über
gefchlechtliche und ehliche Dinge, die er mit dem tiefften
Einft und im Jammer über die damaligen Zuftände that,
als Ausdrücke cynifcher Lüfternheit hinzuftellen. Zu elend
ift die Behauptung von Luthers Erkrankung am morbus
Franciae. S. 74. Man mufs die Stelle bei Kolde, Analecta
51 lefen, um die ganze Dreiftigkeit diefer Behauptung zu er-
meffen. Der Ulmer Arzt Rychard, der die Zuftände in den
Klöftern und unter den Prieftern feiner Heimat kannte,
Luther aber nie gefehen hat, wirft in herzlicher Theilnahme
den Gedanken hin, Luthers Schlaflofigkeit könnte mit jener
Seuche zufammenhängen, und möchte ihm davon helfen.
Alfo auf eine rafch hingeworfene, völlig unbefangene
Vermuthung hin gründen Evers und Kleis ihre Behauptung
, die nirgends einen Anhalt hat. Und wie
offen fprach man damals von diefer Seuche! — Wie hatte
doch Luther fo recht, als er in der Antwort auf König Heinrichs
VIII von England Buch fchrieb (Erl. A. 28, 348):
,0 ihr lieben Papillen, es thuts wahrlich nicht, mit Lügen
wider den Luther ftreiten. O der elenden Kirchen, die
durch Lügener vertheidinget wird.'

Nabern. G. Boffert.

Sabatier. Aug., Esquisse d'une philosophie de la religion
d'apres la psychologie et l'histoire. Paris, Fifchbacher,
1897. (XVI, 416 p. gr. 8.) M. 6.—

Die Begeifterung mit welcher das Buch Sabatier's
als ein theologifches Ereignis begrüfst worden ift, und der
Widerfpruch, den daffelbe in anderen Kreifen erfahren
hat, machen es uns zur Pflicht, diefes Werk genau zu
prüfen und Stellung zu demfelben zu nehmen. Ich beginne
mit einer kurzen Angabe des Inhaltes.

Die Religion entspringt aus einer praktifchen
Nöthigung; sie ift das Mittel, durch welches die geistige
Perfönlichkeit die ihrer Weltftellung anhaftenden Wider-
fprüche zu löfen unternimmt; fie ift die Verhöhnung des
Selbftbcwufstfeins und des Weltbewufstfeins durch das
Gottesbewufstfein ,Le cercle de via vie mentale, qui s'ouvrait
par le conflit de ces deux tcrmcs, la consciencc du vtoi et
Pcxperience du monde, s'ackeve et se clbt par un troisieme
tcrme ou s'harvwnisent les deux autres: le scntiment de
leur commune dcpendance de Dieu: (S. 21). Unter dem
Druck des natürlichen Elends und der sittlichen Noth
fucht der Menfch fich zu behaupten und zu retten, indem

I er in bewufste Beziehung zu der geheimnifsvollen Macht
i tritt, deren Gegenwart er empfindet und von welcher er
sich abhängig fühlt. Diefer innere Lebensverkehr vollzieht
fich im Gebet: eine Gefchichte des Gebets wäre
vielleicht die befte Gefchichte der religiöfen Entwicke-
j lung der Menfchheit (Vgl. S. 24—26, 126—131). So ge-
l fafst, ist die Religion im Wefen des Menfchen felbft
begründet; unter taufend verfchiedenen Namen ist fie
i lebendig und wirkfam, oft in den Seelen derer, die fie
fcheinbar verleugnen: es gibt nur einen Atheiften, es ist
der frivole Menfch, welchem seine Frivolität zugleich als
Waffe und Deckmantel feiner leichtfertigen und wilden
Selbstsucht dient. — In der Frömmigkeit selbst ift
immer eine pofitive Kundgebung Gottes enthalten;
Religion und Offenbarung find Correlatbegriffe. ,La
I religion, dest la revelation subjectivc de Dieu dans
| Pkomme; la revelation, c'est la religion objccth'c en
j Dieu.' (S. 34). Der richtige Offenbarungsbegriff ist weder
die notion mythologique (S. 36—41), noch die notion dog-
1 matique (S. 42—51), fondern die notion psyclwlogique
(S. 51—59). Diefe ihrem Wefen nach innerliche, evidente
und ftufenmäfsig fich entfaltende Offenbarung ift ftets
zugleich übernatürlich und natürlich, unmittelbar und
vermittelt; felbft auf ihrer höchften Stufe hebt fie aber
das religiöfe Myfterium nicht auf, das urfprüngliche
Myfterium der in unferem Bewufstfein lebendigen Beziehungen
zwifchen dem unendlichen und dem endlichen
Geifte, ,mais ce mystere ne saurait etre dissipe,
I car sans lui, la religion meme ne serait plus1" (S. 61). Von
1 hier aus beftimmt lieh auch der Wunder- und Weis-
fagungsbegriff. Uns kann weder der im Alterthum ver-
j breitete (66—74), noch der im Anfchlufs an Auguftin
durch das Mittelalter aufgeftellte und durch die pro-
teftantifche Scholaftik feftgehaltene Wunderbegriff (74
j —83) genügen. Das Wunder ift eine Ausfage der
j religiöfen Weltbetrachtung; es darf nicht wie eine
empirifche, d. h. auf caufalem Wege conftatirbare That-
l fache behandelt werden; es mufs, im Geifte Chrifti felbft,
I religiös verftanden werden, als ,Erhörung des Gebets','
j ohne dafs dadurch ein Urtheil über die Art des göttlichen
Wirkens ausgefprochen wäre. (Vgl. Mengoz
La notion biblique du miracle, 1894, Theol. Lit. Ztg. ^95'
Num. 14, 17). In ähnlicher Weife mufs der Begriff der
Prophetie und der Infpiration aus dem Bereich eines
J äufserlichen transcendenten Supraturalismus in die rein
religiöfe und ethifche Sphäre zurückgebildet werden.
Diefe vorwiegend pfychologifchen, aber durch die Gefchichte
ftets controllirten und illuftrirten Erörterungen des
j erften Buchs finden ihren Abfchlufs in den Ausführungen
des Verf. über die religiöfe Entwickelung der Menfchheit
(S. 103—135): hier ift ein Fortfehritt wahrnehmbar,
welcher fich fowohl in der Bewegung vom Particularis-
l mus zum Univerfalismus als auch in der Verinnerlichung
j und Vertiefung des religiöfen Verftändniffes kund gibt.
— Der zweite Theil des Werkes handelt ,von dem
Chriftenthum'. Comprendre le ckristianisme, ce serait
I apercevoir clairement et tout ensemblc le lien qui le
rattacke a ücvolution religieuse de Pkumanite, P originalite
vive par laquclle il s'cn distingue, la succession et le
caractere des formes qiiil a revetues (S. 139). Dem ent-
fprechend erörtert S. zunächft den Hebraismus oder die
Urfprünge des Evangeliums (139—173), er beftimmt fo-
dann das Wefen des Chriftenthums (174—215), er be-
fchreibt endlich die grofsen hiftorifchen Formen der
chriftlichen Religion (216—260). In feiner Schilderung der
Religion Israels bringt der Verf. die bedeutendften Ergeb-
niffe der durch Reufs-Wellhaufen und ihre Schule vertretenen
Gefchichtsforfchung zu wirkungsvoller Dar-
ftellung. Die Unterfuchung über das Wefen der chriftlichen
Religion bewegt fich um die durch das chriftliche
Bewufstfein mit gleicher Beftimmtheit behauptete Doppel-
ausfage: in dem Chriftenthum erfahren wir das vollkommene
religiöfe Verhältnifs zu Gott, diefes Verhält-